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Full text of "Metamorphosen des Seelenlebens - Pfade der Seelenerlebnisse. Zweiter Teil"

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE VORTRAGE 



RUDOLF STEINER 



Metamorphosen des Seelenlebens 
Pfade der Seelenerlebnisse 

Achtzehn offentlicbe Vortrdge 
Berlin 1909/1910 



ZWEITER TEIL 

Neun Vortrdge, gehalten zwischen dem 
20. Januar und 12. Mai 1910 
im Architektenhaus zu Berlin 



1984 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe dieser Auflage besorgte Caroline Wispier 



1 . Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1984 



Ein Nachweis der friiheren Auflagen und Herausgeber 
findet sich auf Seken 304/305 



Bibliographie-Nr. 59 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachla&verwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1984 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia GmbH, Buhl/Baden 

ISBN 3-7274-0595-3 



2.U den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Sterner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes- 
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861—1925) ge- 
schriebenen und verdffentlichten Werke. Daneben hielt er 
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, 
sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der TTieoso- 
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei gehaltenen 
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sit als 
«miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge- 
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige 
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu 
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von 
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, 
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Heraus- 
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner 
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif- 
ten selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vor- 
tragsveroffendichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer- 
den; «Es wird eben nur hingenommen werden rniissen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde 
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf 
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band 
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor- 
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen 
am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Zu dieser Ausgabe 8 

X. Die Geisteswissenschaft und die Sprache 

Berlin, 20. Januar 1910 9 

XL Lachen und Weinen 

Berlin, 3. Februar 1910 42 

XII. Was ist Mystik? 

Berlin, 10. Februar 1910 71 

XIII. Das Wesen des Gebetes 

Berlin, 17. Februar 1910 103 

XIV. Krankheit und Heilung 

Berlin, 3. Marz 1910 135 

XV. Der positive und der negative Mensch 

Berlin, 10. Marz 1910 171 

XVI. Irrtum und Irresein 

Berlin, 28. April 1910 203 

XVII. Das menschliche Gewissen 

Berlin, 5. Mai 1910 236 

XVIII. Die Mission der Kunst 

(Homer, Aschylos, Dante, Shakespeare, Goethe) 
Berlin, 12. Mai 1910 269 



Nachweis friiherer Veroffentlichungen und Herausgeber . 304 

Hinweise 306 

Personenregister 312 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 314 

Inhalt Erster Teil, Vortrage I. bis IX 318 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . 319 



ZU DIESER AUSGABE 



Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners 
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte. 
«Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortragstatig- 
keit gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen 
behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vor- 
tragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinan- 
der iibergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig 
fundierten methodischen Einfiihrung in die Geisteswissenschaft 
und konnten auf ein regelmafiig wiederkehrendes Publikum rech- 
nen, dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschliefien- 
den Wissensgebiete einzudringen, wahrend den neu Hinzukom- 
menden die Grundlagen fur das Verstandnis des Gebotenen immer 
wieder gegeben wurden.» (Marie Steiner) 

Seit 1903 hatten in jedem Winterhalbjahr solche offentlichen 
Vortragsreihen im Architektenhaus stattgefunden. Die vorliegen- 
den Vortrage bilden den zweiten Teil der siebenten dieser Reihen 
von 1909/1910. 

In diesen Vortragen fuhrt Rudolf Steiner den Horer und Leser in 
die verschiedensten Bereiche des Seelenlebens und Geistesstrebens. 
Er zeigt die Sprache als Wesensausdruck des Menschen und Er- 
scheinungen wie Lachen und Weinen als Ausdruck des menschli- 
chen Ich. Er schildert die Mystik als geistigen Weg und das Gebet 
als die Verbindung der Seele mit dem Gottlichen, endlich innere 
Festigkeit und Empfanglichkeit als Elemente der menschlichen Ent- 
wicklung. Die Krankheit erscheint als Grenzuberschreitung und 
seelische Erkrankung als Storung der menschlichen Wesensglieder. 
Das Gewissen wird dargestellt als gottliche Stimme in der menschli- 
chen Seele und das kiinstlerische Schaffen als Offenbarung der 
menschlichen Schopferkraft, die das Gleichnis des Verganglichen 
mit der Botschaft vom Unverganglichen verbindet. 



8 



DIE GEISTESWISSENSCHAFT UND DIE SPRACHE 



Berlin, 20. Januar 1910 

Es ist reizvoll, die verschiedenen Aufierungen der 
menschlichen Wesenheit vom geisteswissenschaftlichen 
Standpunkt, so wie hier Geisteswissenschaft gemeint ist, 
zu betrachten. Denn indem wir gieichsam um das 
menschliche Leben herumgehen, wie es im Verlaufe 
dieser Vortrage geschehen ist, und es von seinen ver- 
schiedenen Seiten betrachten, konnen wir uns einen 
Gesamteindruck von demseiben verschaffen. Heute soil 
von jener universellen Aufterung des menschlichen Gei- 
stes die Rede sein, die sich in der Sprache zu erkennen 
gibt, und das nachste Mai soil dann unter dem Titel 
«Lachen und Weinen» gieichsam eine Abart der mensch- 
lichen Ausdrucksfahigkeit betrachtet werden, die zwar 
mit der Sprache verbunden, aber doch wieder grundver- 
schieden von ihr ist. 

Wenn von der menschlichen Sprache die Rede ist, 
dann fiihlen wir wohl hinlanglich, wie sehr die ganze 
Bedeutung und Wiirde und das ganze Wesen des Men- 
schen mit dem zusammenhangt, was eben als Sprache 
bezeichnet wird. Unser innerstes Leben, alle unsere Ge- 
danken, Gefuhle und Willensimpulse fliefien gieichsam 
nach aufien zu unseren Mitmenschen hin und verbinden 
uns mit denselben durch die Sprache. So fiihlen wir eine 
unendliche Erweiterungsfahigkeit unseres Wesens, eine 
Moglichkeit des Ausstrahlens dieses Wesens in die Um- 
gebung durch die Sprache. Auf der anderen Seite aller- 
dings wird gerade derjenige, der das menschliche Innen- 



leben einer bedeutungsvollen Individuality zu durch- 
dringen vermag, empfinden konnen, wie die menschliche 
Sprache doch wiederum eine Art Tyrann ist, eine Macht, 
die auf unser Innenleben ausgeiibt wird. Fiihlen wir es 
doch, wenn wir nur wollen, dafi dasjenige, was wir uns 
selber zu sagen haben iiber unsere Gefiihle und Gedan- 
ken, iiber das, was durch die Seele zieht mit all seiner 
Intimitat und Besonderheit, nur sparlich und schwach in 
dem Wort, in der Sprache zum Ausdruck kommen kann. 
Und fiihlen wir doch auch, wie die Sprache, in die wir 
hineingestellt sind, uns sogar ein bestimmtes Denken 
aufzwingt. Wer sollte es denn nicht wissen, wie der 
Mensch in bezug auf sein Denken abhangig ist von der 
Sprache! Worte sind es vielfach, an die sich unsere 
Begriffe heften, und in einem unvollkommenen Entwik- 
kelungszustand wird der Mensch sogar leicht das Wort 
oder das, was ihm das Wort einimpft, mit dem Begriffe 
verwechseln konnen. Daher die Unmoglichkeit mancher 
Menschen, sich eine Begriffswelt aufzubauen, welche 
hinausreicht iiber das, was ihnen die Worte geben, die in 
ihrer Umgebung iiblich sind. Und wissen wir doch auch, 
wie der Charakter eines ganzen Volkes, das eine gemein- 
same Sprache spricht, in gewisser Weise von dieser 
Sprache abhangig ist. Wenigstens mull derjenige, der 
intimer die Volkscharaktere, die Sprachencharaktere in 
ihren Zusammenhangen betrachtet, einsehen, wie die Art 
und Weise, in welcher der Mensch das, was in seiner 
Seele liegt, in Laute umzupragen vermag, wiederum 
zuriickwirkt auf die Starke und Schwache seines Charak- 
ters, auf den Ausdruck seines Temperamentes, ja auf 
seine ganze Lebensauffassung. Und der Kenner wird 
imstande sein, aus der Konfiguration der Sprache eines 
Volkes mancherlei entnehmen zu konnen in bezug auf 



den Charakter eines Volkes. Da aber die Sprache einem 
Volke gemeinschaftlich ist, so ist der einzelne von einer 
Gemeinsamkeit abhangig, gleichsam von einem Durch- 
schnittsmafi, wie es in dem Volke herrscht. Er steht 
dadurch gewissermafien unter der Tyrannei, unter der 
Macht der Gemeinsamkeit. Wenn man aber fuhlt, dafi 
auf der einen Seite unser individuelles Geistesleben, auf 
der anderen Seite das Geistesleben von Gemeinsamkei- 
ten sozusagen in der Sprache niedergelegt ist, so er- 
scheint einem dasjenige, was man das Geheimnis der 
Sprache nennen konnte, als etwas ganz besonders Bedeu- 
tungsvolles. Man kann sagen, dafi man gewift einiges 
iiber das Seelenleben des Menschen erfahren kann, wenn 
man die Aufierungen betrachtet, wie dieses menschliche 
Wesen gerade in der Sprache sich gibt. 

Das Geheimnis der Sprache, ihre Entstehung, ihre 
Fortentwickelung in den verschiedenen Zeiten, war von 
jeher eine Ratselfrage fur gewisse fachwissenschaftliche 
Gebiete. Aber man kann nicht sagen, dafi diese fachwis- 
senschaftlichen Gebiete in unserem Zeitalter besonders 
gliicklich darin waren, hinter das Geheimnis der Sprache 
zu kommen. Deshalb soli heute sozusagen aphoristisch, 
skizzenhaft von dem Gesichtspunkt der Geisteswissen- 
schaft, wie wir ihn gewohnt sind auf den Menschen und 
seine Entwickelung anzuwenden, einiges Licht auf die 
Sprache, ihre Entwickelung und ihren Zusammenhang 
mit dem Menschen geworfen werden. 

Das ist es ja, was zunachst so geheimnisvoll erscheint, 
wenn wir irgendein Ding, eine Sache, einen Vorgang mit 
einem Worte bezeichnen. Wie hangt da jene eigentiim- 
liche Lautzusammensetzung, die das Wort oder den Satz 
bildet, mit dem zusammen, was aus uns kommt und als 
Wort das Ding bedeutet? Da hat man vom Standpunkte 



der aufieren Wissenschaft die mannigfaltigsten Erfah- 
rungen zu den verschiedensten Kombinationen zusam- 
menzufiigen versucht. Man hat aber auch das Unbefrie- 
digende einer solchen Betrachtungsweise empfunden. 
Die Frage ist ja so einfach und dennoch so schwierig zu 
beantworten: Wie kam der Mensch dazu, wenn ihm 
irgend etwas in der Auftenwelt entgegentrat, gerade aus 
sich heraus, wie ein Echo dieses oder jenes Gegenstandes 
oder Vorganges, nun diesen oder jenen besonderen Laut 
hervorzubringen? 

Von einem gewissen Gesichtspunkte aus stellte man 
sich die Sache recht einfach vor. Man dachte zum Bei- 
spiel daran, daft die Sprachbildung davon ausgegangen 
sei, dasjenige, was man aufierlich schon als Laut hort wie 
den Laut gewisser Tiere, oder wenn etwas an ein anderes 
anschlagt, durch die innere Fahigkeit unserer Sprach- 
organe nachzuahmen, etwa so wie das Kind, wenn es 
den Hund «wau-wau!» bellen hort und diesen Laut 
nachahmt, den Hund den «Wauwau» nennt. Eine solche 
Wortbildung konnte man eine onomatopoetische nen- 
nen, eine Nachahmung des Tones. Eine derartige Nach- 
ahmung sollte der urspriinglichen Laut- und Wortbil- 
dung - so ist es von gewissen Gesichtspunkten aus 
behauptet worden - zugrunde liegen. Natiirlich bleibt 
die Frage ganz unbeantwortet : Wie kommt der Mensch 
dann dazu, jene stummen Wesenheiten, die keinen Ton 
von sich geben, zu benennen? Wie steigt er auf von dem 
Lautausdruck eines Tieres oder eines Vorganges, den 
man horen kann, zu einem solchen, den man nicht horen 
kann? - Der grofie Sprachforscher Max Mutter hat diese 
Theorie, weil er das Unbefriedigende einer solchen Spe- 
kulation einsah, verspottet und sie die «Wauwau-Theo- 
rie» genannt. Dafiir hat er eine andere Theorie aufge- 



stellt, welche die Gegner nun ihrerseits - und hier ist das 
Wort in dem Sinne gebraucht, wie es nicht gebraucht 
werden sollte - «mystisch» genannt haben. Max Miiller 
meint namlich, dafi einem jeden Ding in sich selber 
sozusagen etwas zukomme, was wie Klang sei. Alles 
habe in gewisser Weise einen Klang, nicht nur ein Glas, 
das man fallen lafit, nicht nur die Glocke, die ange- 
schlagen wird, sondern jedes Ding. Und die Fahigkeit 
des Menschen, eine Beziehung herzustellen zwischen 
seiner Seele und diesem, gleichsam als inneres Wesen an 
dem Dinge befindlichen Klange, ruft in der Seele die 
Moglichkeit hervor, dieses innere Klangwesen des Din- 
ges auszudriicken, wie man etwa das Innere der Glocke 
ausdriicken kann, wenn man ihren Ton in «Bim-bam» 
nachfuhlt. Und die Gegner Max Mullers haben ihm 
seinen Spott zuriickgegeben, indem sie nun seine Theo- 
rie die «Bimbam-Theorie» nannten. Wenn wir fortfahren 
wollten, von den mit grofiem Fleift gemachten Zusam- 
menstellungen weiteres aufzuzahlen, so wiirden wir se- 
hen, dafi immer etwas Unbefriedigendes bleiben mufite, 
wenn man dasjenige, was der Mensch gleichsam wie ein 
Echo seiner Seele dem Wesen der Dinge entgegentonen 
lalk, in dieser Weise aufierlich charakterisieren wollte. 
Da mufi man schon tiefer hineindringen in das Innere 
des Menschen. 

Fur die Geisteswissenschaft ist der Mensch im Grunde 
genommen ein sehr kompliziertes Wesen. So wie er vor 
uns steht, hat er zunachst seinen physischen Leib, der in 
sich dieselben Gesetze und Substantialitaten hat, die wir 
auch in der mineralischen Welt finden. Dann hat der 
Mensch fur die Geisteswissenschaft als ein zweites, hohe- 
res Glied seiner Wesenheit den Atherleib oder Lebens- 
leib. Sodann dasjenige Glied, das wir den Trager von 



Lust und Leid, Freude und Schmerz, von Trieb, Begier- 
de und Leidenschaft nennen, den astralischen Leib, der 
fiir die Geisteswissenschaft ein ebenso reales, ja realeres 
Glied der Menschennatur ist als das, was man mit Augen 
sehen und mit Handen greifen kann. Und das vierte 
Glied der menschlichen Wesenheit haben wir den Trager 
des Ich genannt. Wir haben ferner gesehen, dafi die 
Entwickelung des Menschen auf der gegenwartigen Stufe 
darinnen besteht, dafi er von seinem Ich aus an der 
Umgestaltung der drei anderen Glieder seiner Wesenheit 
arbeitet. Wir haben auch darauf hingedeutet, daft in einer 
fernen Zukunft das menschliche Ich diese drei Glieder so 
umgestaltet haben wird, daft nichts mehr von dem zu- 
riickgeblieben sein wird, was die Natur oder die in der 
Natur liegenden geistigen Machte aus diesen drei 
menschlichen Gliedern gemacht haben. 

Der astralische Leib, der Trager von Lust und Leid, 
von Freude und Schmerz, von alien auf und ab wogen- 
den Vorstellungen, Empfindungen und Wahrnehmun- 
gen, ist zunachst ohne unser Zutun, das heiftt, ohne die 
Arbeit unseres Ich zustande gekommen. Nun aber arbei- 
tet das Ich an ihm, und es arbeitet so, dafi es lautert und 
reinigt und unter seine Herrschaft alles bringt, was 
Eigenschaften und Tatigkeiten des astralischen Leibes 
sind. Wenn das Ich nur wenig an dem astralischen Leibe 
gearbeitet hat, ist der Mensch ein Sklave seiner Trieb e 
und Begierden; wenn es aber Triebe und Begierden 
lautert zu Tugenden, wenn es das, was irrlichtelierendes 
Denken ist, an dem Faden der Logik geordnet hat, dann 
ist ein Teil des astralischen Leibes umgewandelt, er ist 
aus einem Produkte, an dem das Ich noch nichts gearbei- 
tet hat, zu einem Produkte des Ich geworden. Wenn das 
Ich diese Arbeit bewufk vollbringt, wozu heute in der 



menschlichen Entwickelung erst der Anfang gemacht ist, 
nennen wir diesen vom Ich aus bewulk umgearbeiteten 
Teil des astralischen Leibes Geistselbst oder mit einem 
Ausdruck der orientalischen Philosophic Manas. Wenn 
das Ich in einer anderen, intensiveren Weise nicht nur in 
den astralischen Leib, sondern auch in den Atherleib 
hineinarbeitet, nennen wir den vom Ich aus umgearbei- 
teten Teil des Atherleibes den Lebensgeist oder mit 
einem Ausdruck der orientalischen Philosophic die 
Buddhi. Und wenn das Ich endlich so stark geworden 
ist, was aber erst einer fernen Zukunft angehort, dafi es 
den physischen Leib umwandelt und seine Gesetze regu- 
liert, so dafi das Ich iiberall dabei ist und der Herrscher 
dessen ist, was im physischen Leibe lebt, dann nennen 
wir diesen so unter die Herrschaft des Ich gelangten Teil 
des physischen Leibes den Geistesmenschen oder auch, 
weil jene Arbeit mit einem Regulieren des Atmungs- 
prozesscs beginnt, mit einem Worte der orientalischen 
Philosophic Atman, was mit dem Atmen zusammen- 
hangt. 

So haben wir zunachst den Menschen als eine vierglie- 
drige Wesenheit: bestehend aus physischem Leib, Ather- 
leib, astralischem Leib und Ich. Und so wie wir drei aus 
der Vergangenheit herriihrende Glieder unserer Wesen- 
heit haben, so konnen wir - durch die Arbeit des Ich - 
auch sprechen von drei in die Zukunft hinein sich 
entwickelnden Gliedern des Menschen. Und wir spre- 
chen so von einer siebengliedrigen Natur der mensch- 
lichen Wesenheit, indem wir zu physischem Leib, Ather- 
leib, astralischem Leib und Ich noch hinzuzahlen Geist- 
selbst, Lebensgeist und Geistesmenschen. Wenn wir aber 
auf diese drei letzteren Glieder als auf etwas Femes, 
Zukunftiges der menschlichen Entwickelung hinschauen, 



so miissen wir sagen, dafi doch in einer gewissen Weise 
der Mensch heute fur diese Entwickelung schon vorbe- 
reitet ist. Bewufk wird der Mensch erst in einer fernen 
Zukunft von seinem Ich aus diese drei Glieder - physi- 
schen Leib, Atherleib und astralischen Leib - bearbeiten. 
Unterbewufit aber, das heifk ohne sein voiles Bewufit- 
sein, hat das Ich aus einer dumpfen Tatigkeit heraus 
diese drei Glieder seiner Wesenheit schon umgestaltet. 
Das ist schon als Resultat vorhanden. Was wir in den 
vergangenen Vortragen als innere Wesensglieder des 
Menschen erwahnten, konnte nur dadurch entstehen, 
dafi das Ich an den drei Gliedern gearbeitet hat. An dem, 
was wir den astralischen Leib nennen, hat es die Empfin- 
dungsseele herausgearbeitet, gleichsam als inneres Spie- 
gelbild des Empfindungsleibes. Wiihrend uns der Emp- 
findungsleib dasjenige vermittelt, was wir Genufi nennen 
- Empfindungsleib und astralischer Leib ist fiir den 
Menschen dasselbe, ohne Empfindungsleib wiirden wir 
keine Geniisse haben konnen - spiegelt sich der Genuft 
im Inneren, Seelenhaften als die Begierde, und Begierden 
schreiben wir dann der Seele zu. So gehoren die beiden 
Dinge, der Astralleib und der umgewandelte Astralleib 
oder die Empfindungsseele, zusammen, wie Genufi und 
Begierde zusammengehoren. Ebenso hat das Ich in der 
Vergangenheit bereits am Atherleibe gearbeitet. Was es 
da gearbeitet hat, fuhrt im Inneren, Seelenhaften des 
Menschen dazu, dafi er in sich die Verstandesseele oder 
Gemiitsseele tragt, so daft die Verstandesseele, die zu- 
gleich auch der Trager des Gedachtnisses ist, mit einer 
unterbewufken Umarbeitung des Atherleibes vom Ich 
aus zusammenhangt. Und endlich hat das Ich in Zeiten 
der Vergangenheit, um den Menschen in der gegenwar- 
tigen Gestalt moglich zu machen, auch schon an der 



Umgestaltung des physischen Leibes gearbeitet, und was 
dadurch entstanden ist, nennen wir die Bewufttseinssee- 
le, durch die der Mensch zu einem Wissen iiber die 
Dinge der Auftenwelt kommt. So konnen wir also auch 
in dieser Weise von einem siebengliedrigen Menschen 
sprechen, indem wir sagen: Durch eine vorbereitende, 
unterbewuike Tatigkeit des Ich sind die drei Seelen- 
glieder, Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewufit- 
seinsseele entstanden. Aber alles dies ist eine unbewuike 
oder unterbewulke Arbeit des Ich an seinen Umhiil- 
lungen. 

Nun fragen wir uns: Sind denn nicht die drei Glieder 
- der physische Leib, der Atherleib und der Astralleib - 
komplizierte Wesenheiten? - Oh, welcher Wunderbau 
ist dieser physische Menschenleib ! Und wenn wir ihn 
naher priifen, wiirden wir finden, dafi dieser physische 
Leib viel komplizierter ist als nur jener Teil, den sich das 
Ich zur Bewufitseinsseele herausgearbeitet hat und den 
wir den physischen Trager der Bewufkseinsseele nennen 
konnen. Ebenso ist der Atherleib viel komplizierter als 
dasjenige, was man den Trager der Verstandes- oder 
Gemiitsseele nennen konnte. Und auch der astralische 
Leib ist komplizierter als dasjenige, was wir den Trager 
der Empfindungsseele nennen konnen. Geradezu arm 
sind diese Teile gegeniiber dem, was schon da war, bevor 
der Mensch ein Ich hatte. Daher sprechen wir in der 
Geisteswissenschaft davon, dafi der Mensch sich so ent- 
wickelt hat, daft in einer urfernen Vergangenheit die 
erste Anlage des physischen Leibes, und zwar aus geisti- 
gen Wesenheiten heraus, entstanden ist. Dann ist hinzu- 
gekommen der Atherleib, noch spater der astralische 
Leib und zuletzt erst das Ich. Daher hat der physische 
Leib des Menschen vier Stufen der Entwickelung hinter 



sich. Erst war der physische Leib in unmittelbarer Korre- 
spondenz mit der geistigen Welt, dann wurde er heraus- 
gearbeitet und durchwoben und durchwirkt mit dem 
Atherleib; dadurch wurde er komplizierter. Dann wurde 
er durchsetzt mit dem astralischen Leib, wodurch er 
wieder komplizierter wurde. Dann kam das Ich hinzu. 
Und erst, was dieses an dem physischen Leibe getan hat, 
formte einen Teil des physischen Leibes heraus und 
machte ihn zum Trager dessen, was man menschliches 
Bewulksein nennt, die Fahigkeit, dafi wir uns ein Wissen 
von der Aufienwelt verschaffen. Aber dieser physische 
Leib hat weit mehr zu tun, als uns durch uns ere Sinne 
und unser Gehirn ein Wissen von der Aufienwelt zu 
verschaffen, er hat eine Anzahl von Tatigkeiten zu ver- 
richten, welche die Grundlage des Bewufttseins sind, die 
aber vollig aufierhalb des Bereiches des Gehirns ablau- 
fen. So ist es auch mit dem Atherleib und dem Astral- 
leib. 

Wenn wir uns nun klar dariiber sind, daft alles, was 
wir in der Aufienwelt um uns herum haben, Geist ist, 
dafi Geist, wie wir so oft betont haben, allem Materiel- 
len, allem Atherischen und Astralischen zugrunde liegt, 
dann miissen wir uns sagen: Gerade so, wie das Ich 
selber als ein Geistiges von innen heraus arbeitet, indem 
der Mensch sich entwickelt in seinen drei Wesensglie- 
dern, so miissen - nennen wir es nun geistige Wesen- 
heiten oder geistige Tatigkeiten, darauf kommt es nicht 
an - gearbeitet haben an unserem physischen Leib, 
Atherleib und Astralleib, bevor das Ich sich geltend 
machte und in dem schon Bearbeiteten ein Stuck weiter- 
arbeitete. Wir schauen damit zuriick in Zeiten, in denen 
sozusagen eine ebensolche Tatigkeit auf unseren Astral- 
leib, Atherleib und physischen Leib stattgefunden hat, 



wie heme eine Tatigkeit stattfindet vom Ich nach aufien 
in diese drei Glieder hinein. Das heifit, wir miissen 
davon sprechen, dafi geistiges Schaffen, geistige Tatigkeit 
an dem gearbeitet hat, worinnen wir eingehiillt sind, und 
Form, Bewegung, Gestalt und alles gegeben haben, be- 
vor das Ich in die Lage kam, sich darinnen festzusetzen. 
Wir miissen davon sprechen, dafi es geistige Betatigun- 
gen im Menschen gibt, die vor der Tatigkeit des Ich 
liegen, und dafi wir geistige Tatigkeiten in uns tragen, 
welche die Voraussetzung fur die Ich-Tatigkeit sind, und 
die vorhanden waren, bevor das Ich eingreifen konnte. 
Scheiden wir daher fur einen Augenblick alles aus, was 
unser Ich herausgearbeitet hat aus den drei Gliedern 
unserer Wesenheit als Empfindungsseele, Verstandes- 
oder Gemiitsseele und Bewulkseinsseele, und betrachten 
wir den Bau, die innere Bewegung und Tatigkeit dieser 
drei Hiillen der menschlichen Wesenheit, so miissen wir 
sagen, dafi vor der Tatigkeit des Ich eine geistige Tatig- 
keit auf uns ausgeiibt worden ist. 

Daher sprechen wir in der Geisteswissenschaft davon, 
dafi wir es beim Menschen, so wie er heute ist, mit einer 
individuellen Seele zu tun haben, mit einer von einem 
Ich durchwobenen Seele, wodurch jeder Mensch eine in 
sich selbst geschlossene Individualist ist. Und wir spre- 
chen davon, dafi, bevor der Mensch eine solche in sich 
geschlossene Ich-Wesenheit geworden ist, er das Ergeb- 
nis war einer Gruppenseele, einer Seelenhaftigkeit, so 
wie wir heute in der Tierwelt von Gruppenseelen noch 
sprechen. Da sagen wir: Was wir beim Menschen in 
jeder einzelnen Wesenheit als individuelle Seele suchen, 
das finden wir beim Tier in demjenigen, was einer 
ganzen Art oder Gattung im Tierreich zugrunde liegt. 
Eine ganze Tiergattung hat eine gemeinsame tierische 



Gruppenseele. Was beim Menschen die individuelle See- 
le ist, das ist beim Tier die Gattungsseele. 

So arbeitete beim Menschen in seinen drei WesensgHe- 
dern, bevor er eine individuelle Seele wurde, eine andere 
Seele - von der wir heute nur noch durch die Geisteswis- 
senschaft Kunde erhalten -, welche die Vorgangerin 
unseres eigenen Ich war. Und diese Vorgangerin unseres 
Ich, diese Gruppen- oder Gattungsseele des Menschen, 
welche dann dem Ich die von ihr bearbeiteten drei 
Wesensglieder iibergab, den physischen Leib, Atherleib 
und Astralleib, um sie vom Ich weiter bearbeiten zu 
lassen, hat in ganz ahnlicher Art von ihrem Inneren, 
Seelenhaften heraus den physischen Leib, Atherleib und 
astralischen Leib umgestaltet, bearbeitet, nach sich gere- 
gelt. Und die letzte Tatigkeit, die dem menschlichen 
Wesen zugrunde liegt, bevor es mit einem Ich begabt 
worden ist, die letzten Einflusse, die vor der Geburt des 
Ich liegen, sie sind heute in dem niedergelegt, was wir 
die menschliche Sprache nennen. Wenn wir daher von 
unserem Bewufitseinsleben, von unserem Verstandes- 
und Gemiitsleben, von unserem Empfindungsleben aus- 
gehen und auf das schauen, was seine Voraussetzungen 
sind, so kommen wir zu einer Seelenarbeit, die noch 
nicht von unserem Ich durchwirkt war, und deren Er- 
gebnis wir in dem niedergelegt finden, was heute in der 
Sprache zum Ausdruck kommt. 

Worin beruht denn aufierlich das, was wir als die vier 
Glieder der menschlichen Wesenheit bezeichnen? Wie 
driickt es sich im physischen Leibe rein aufierlich aus? 
Der physische Leib einer Pflanze sieht anders aus als der 
physische Leib eines Menschen. Warum? Weil in der 
Pflanze nur der physische Leib und der Atherleib vor- 
handen sind, wahrend im menschlichen physischen Lei- 



be noch der astralische Leib und das Ich wirken. Was da 
innerlich wirkt, das formt und gestaltet audi den physi- 
schen Leib entsprechend um. Was hat denn in unseren 
physischen Leib hineingewirkt, indem er von einem 
Atherleib oder Lebensleib durchsetzt worden ist? 

Was wir in uns das Gefafi- oder Driisensystem nen- 
nen, ist beim Menschen und auch beim Tier der aufiere 
physische Ausdruck des Ather- oder Lebensleibes, das 
heilk, der Atherleib ist der Architekt oder Bildner von 
dem, was wir das Driisen- oder Gefafisystem nennen. 
Der astralische Leib ist wiederum der Bildner von dem, 
was wir das Neryensys tern nennen. Daher haben wir nur 
dort ein Recht von einem Nervensystem zu sprechen, 
wo ein astralischer Leib in einem Wesen vorhanden ist. 
Was ist nun beim Menschen der Ausdruck seines Ich? 
Das ist das Blutsystem, und zwar beim Menschen spe- 
ziell das, was wir Blut unter dem Einflufi der inneren 
Lebenswarme nennen konnen. Alles, was das Ich am 
Menschen arbeitet, geht, wenn es in den physischen Leib 
hineingestaltet werden soil, auf dem Umwege durch das 
Blut. Deshalb ist das Blut ein so ganz «besonderer Saft». 
Wenn das Ich die Empfindungsseele, die Verstandesseele 
und die Bewufitseinsseele ausarbeitet, so dringt das, was 
das Ich vermag auszugestalten, zu konfigurieren, nur 
dadurch in den physischen Leib, dafi das Ich die Fahig- 
keit hat, auf dem Umwege durch das Blut in den physi- 
schen Leib arbeitend einzugreifen. Unser Blut ist der 
Vermittler fur astralischen Leib und Ich und alle ihre 
Tatigkeiten. 

Wer wird nun daran zweifeln, wenn er das mensch- 
liche Leben auch nur oberflachlich betrachtet, dafi der 
Mensch, so wie er von seinem Ich aus in der Bewufit- 
seinsseele, Verstandesseele und Empfindungsseele arbei- 



tet, auch seinen physischen Leib umformt und umge- 
staltet? Wer wiirde nicht in dem physiognomischen Aus- 
druck eine Ausgestaltung dessen sehen, was im Inneren 
wirkt und lebt? Und wer wiirde nicht zugeben, dafi 
selbst das, was innere Gedankenarbeit ist, wenn es die 
ganze Seele ergreift, auch noch im Verlaufe eines Men- 
schenlebens umgestaltend auf unser Gehirn wirkt? Un- 
ser Gehirn pafit sich unserem Denken an; es ist ein 
Werkzeug, das sich nach den Bediirfnissen unseres Den- 
kens formt. Aber wenn wir uns das anschauen, was der 
Mensch heute schon von seinem Ich aus an seiner eige- 
nen aufieren Wesenheit auszuarbeiten, gleichsam kiinstle- 
risch zu gestalten vermag, so ist es sehr wenig. Es ist 
wenig, was wir von unserem Blut aus dadurch zu tun 
vermogen, dafi wir das Blut von dem aus, was wir unsere 
innerliche Warme nennen, in Bewegung setzen. 

Mehr haben diejenigen geistigen Wesenheiten ver- 
mocht, welche der Arbeit unseres Ich vorangegangen 
sind. Denn sie haben sich sozusagen eines wirksameren 
Mittels bedienen konnen, und so bildete sich unter 
ihrem EinfluE die menschliche Form so aus, daft sie im 
ganzen ein Ausdruck dessen ist, was diese vor dem 
menschlichen Ich arbeitenden geistigen Wesenheiten aus 
dem Menschen gemacht haben. In welchem Mittel arbei- 
teten denn diese Wesenheiten? Sie arbeiteten in keinem 
anderen Mittel als in der Luft. Wie wir in der innerlichen 
Warme arbeiten und unser Blut pulsieren machen und 
dadurch das Blut in unserer eigenen Form zur Wirkung 
bringen, so brachten die vor unserem Ich an uns arbei- 
tenden Wesenheiten die Luft zur Wirkung. Und von der 
Arbeit dieser Wesenheiten durch die Luft an uns selber 
ging etwas aus, was uns als Menschen eigentlich unsere 
Gestalt gegeben hat. 



Es kann sonderbar erscheinen, wenn hier davon ge- 
sprochen wird, dafl geistige Tatigkeiten durch die Luft 
am Menschen in urferner Vergangenheit gearbeitet ha- 
ben. Ich habe schon einmal gesagt: Was in unserem 
Inneren auflebt als unser eigenes geistig-seelisches Le- 
ben, das wiirden wir verkennen, wenn wir es als blofie 
Vorstellungen aufnahmen und nicht wiilken, dafi es aus 
der ganzen Aufienwelt genommen ist. Wer da behaupten 
wollte, dafi in uns Begriffe und Ideen entstanden, wenn 
es auch draufien keine Ideen gabe, der sollte auch nur 
gleich behaupten, dafi er Wasser aus einem Glase schop- 
fen kann, in welchem kein Wasser ist. Unsere Begriffe 
waren Schaumgebilde, wenn sie etwas anderes waren als 
das, was auch in den Dingen draufien lebt, und was an 
den Dingen als ihre Gesetze vorhanden ist. Wir holen 
das, was wir in unserer Seele aufleben las sen, aus unserer 
Umgebung heraus. Deshalb konnen wir sagen: Alles, 
was uns materiell umgibt, ist durchwirkt und durchwo- 
ben von geistigen Wesenheiten. 

So sonderbar es klingen mag: Was uns als Luft um- 
gibt, ist nicht nur der Stoff, den uns die Chemie zeigt, 
sondern darinnen wirken geistige Wesenheiten und gei- 
stige Tatigkeiten. - Und so wie wir durch die Blutwar- 
me, die von unserem Ich ausgeht - denn das ist das 
Wesentliche dabei -, unseren physischen Leib ein klein 
wenig formen konnen, so formten in machtiger Weise 
diese Wesenheiten, die dem Ich vorangingen, an der 
aufieren Gestalt unseres physischen Menschen durch die 
Luft. Das ist fur uns das Wesentliche. Wu^sin^Men- 
jschen durch unsere Kehlkopfeinrichtung und durch al- 
les, was damit zusammenhangt. Was uns von aufien als 
dieses wunderbare kunstlerische Organ des Kehlkopfes 
im Zusammenhange mit den iibrigen Stimm- und 



Sprachwerkzeugen eingeformt ist, ist aus dem herausge- 
arbeitet, was die Luft geistig ist. Goethe hat so schon in 
bezug auf das Auge gesagt: Das Auge ist am Lichte fur 
das Licht gebildet! - Wenn man im Schopenhauerischen 
Sinne nur betont: Ohne ein lichtempfindendes Auge 
ware fur uns der Lichteindruck nicht da so sagt man 
damit nur eine halbe Wahrheit. Die andere Halfte ist die, 
dafi wir kein Auge haben wiirden, wenn nicht aus 
unbestimmten Organen in urferner Vergangenheit das 
Licht gleichsam plastisch aus uns das Auge herausge- 
bildet hatte. Wir haben daher im Lichte nicht blofi jene 
abstrakte Wesenheit zu sehen, die man heute physika- 
Hsch als Licht beschreibt, sondern im Lichte haben wir 
jene verborgene Wesenheit zu suchen, die imstande ist, 
sich ein Auge zu schaffen. 

Das ist auf einem anderen Gebiete dasselbe, als wenn 
wir davon sprechen, da£ die Luft von einer Wesenheit 
durchwirkt und durchlebt ist, die imstande war, in einer 
gewissen Zeit dem Menschen das kunstvolle Organ des 
Kehlkopfes und alles, was damit zusammenhangt, einzu- 
pragen. Und alle iibrige menschliche Gestalt - bis ins 
Kleinste hinein - ist so geformt und plastisch gestaltet 
worden, dafi der Mensch auf der gegenwartigen Stufe 
gleichsam eine weitere Ausfiihrung seiner Sprachwerk- 
zeuge ist. Die Sprachwerkzeuge sind etwas, was zu- 
nachst fur die Form des Menschen das eigentlich mafige- 
bende ist. Daher hebt gerade die Sprache den Menschen 
uberjiie Tierheit hinaus, weil jenes geistige Wesen, das 
wir den Geist der Luft nennen, zwar auch in der Tierheit 
geformt und gearbeitet hat, aber nicht so, dafi diese 
Wirksamkeit bis dahin gelangt ware, wo sich ein Sprach- 
organismus entwickeln konnte, wie ihn der Mensch hat. 
Alles, mit Ausnahme dessen, was das Ich unbewufit, 



zum Beispiel als Gehirn herausgearbeket hat, was es an 
den Sinnen vervollkommnet hat, alles, mit Ausnahme 
dessen, was Ich-Tatigkeit ist, ist eine vor dieser Ich-Ta- 
tigkeit des Menschen liegende Tatigkeit, die darauf be- 
dacht war, den Menschenleib so auszubilden, dafi er ein 
weiterer Ausdruck dieses Sprachorganes ist. Es ist jetzt 
kerne Zeit dazu, auszufuhren, warum zum Beispiel die 
Vogel trotz ihres vollkommenen Gesanges auf einer 
Stufe stehengeblieben sind, auf der sie in ihrer Form 
nicht ein Ausdruck desjenigen Organes sein konnen, das 
wir im weitesten Umfange das Stimmorgan nennen. 

So sehen wir, wie der Mensch innerlich schon in 
seinen Sprachorganen organisiert gewesen ist, bevor er 
zu seinem jetzigen Denken, zu seinem Gemiit und sei- 
nem Willen gekommen ist, das heifit zu allem, was mit 
dem Ich zusammenhangt. Nun werden wir es begreiflich 
finden, dafi diese geistigen Tatigkeiten nur so am physi- 
schen Leib formen konnten, dafi der Mensch zuletzt 
gleichsam ein Anhangorgan seiner Sprachwerkzeuge 
wurde, indem sie den astralischen Leib, den Atherleib, 
den physischen Leib durch die Einfliisse, durch die 
Konfiguration der Luft ausbauten. Nachdem der 
Mensch so fahig geworden war, in sich ein Organ zu 
haben, das dem entspricht, was wir die geistige Wesen- 
heit der Luft nennen, geradeso wie das Auge der geisti- 
gen Wesenheit des Lichtes entspricht, konnte er da 
hineinkonfigurieren, was sein Ich als Ver stand, als Be- 
wufitsein, Empfindung, Gemiit sich selber einpragte. So 
miissen wir eine dreifache Tatigkeit im Unterbewufiten 
suchen, eine gleichsam vor dem Ich liegende Tatigkeit 
fur den physischen Leib, den Atherleib und den astrali- 
schen Leib. Wir finden Anhaltspunkte dazu, indem wir 
wissen, dafi dies die Gruppenseele gewesen ist, und dafi 



die Gruppenseele in einer unvollkommenen Tatigkeit am 
Tier gearbeitet hat. 

Das miissen wir betrachten, wenn wir die Arbeit 
dieser vor dem Ich liegenden geistigen Tatigkeit im 
astralischen Leib ins Auge fassen. Da miissen wir alles 
Ich ausgeschaltet denken, aber dabei das ins Auge fassen, 
was das Gruppen-Ich wie aus einem dunklen Unter- 
grunde heraus gearbeitet hat. Da stehen sich im astrali- 
schen Leib auf einer unvollkommenen Stufe gegeniiber 
Begierde und Genuft. Und die Begierde konnte dadurch 
gleichsam verseelt werden, in eine innere Fahigkeit um- 
gearbeitet werden, dafi sie schon einen Vorlaufer in dem 
astralischen Leib des Menschen hatte. 

Wie Begierde und Genufi im astralischen Leib, so 
stehen sich gegeniiber im Atherleibe Bildhaftigkeit, Sym- 
bolik und aufterer Reiz. Das ist das Wesentliche, daft wir 
diese vor dem Ich liegende Tatigkeit unseres Atherleibes 
so auffassen, dafi sie sich von der Ich-Tatigkeit im 
Atherleib unterscheidet. Wenn unser Ich tatig ist als 
Verstandesseele oder Gemutsseele, so sucht es auf der 
heutigen Entwickelungsstufe des Menschen sozusagen 
eine Wahrheit, die moglichst ein getreues Abbild der 
aufieren Dinge ist. Was nicht genau den aufieren Dingen 
entspricht, nennt man nicht wahr. Diejenigen geistigen 
Tatigkeiten, die vor der Wirksamkeit unseres Ich liegen, 
arbeiteten nicht so; sie arbeiteten mehr symbolisch, 
mehr bildhaft, wie etwa der Traum arbeitet. Der Traum 
arbeitet zum Beispiel so, daft jemand traumt, es werde 
ein Schuft abgefeuert, und wenn er aufwacht, sieht er, 
daft der Stuhl neben seinem Bett umgefallen ist. Was 
aufterliches Geschehnis und aufterer Eindruck ist - der 
umgefallene Stuhl -, wird im Traum in ein Sinnbild 
umgewandelt, in den abgefeuerten Schuft. So arbeiteten 



die vor dem Ich liegenden geistigen Wesenheiten symbo- 
lisch, wie wir wiederum arbeiten, wenn wir uns zu einer 
hoheren geistigen Tatigkeit durch die Initiation oder 
Einweihung hinaufarbeiten, wo wir wiederum versuchen 
- jetzt aber mit vollem Bewufksein -, von der blofien 
abstrakten Aufienwelt uns in die Symbolik, in die Bild- 
haftigkeit hineinzuarbeiten. 

Dann arbeiteten diese geistigen Wesenheiten an dem 
menschlichen physischen Leib, indem sie den Menschen 
zu dern machten, was man nennen kann Entsprechung 
von aufieren Geschehnissen, aufieren Tatsachen und 
Nachahmung. Nachahmung ist etwas, was wir zum 
Beispiel beim Kind finden, wenn noch die anderen See- 
lenglieder wenig entwickelt sind. Nachahmung ist etwas, 
was zum unterbewuiken Wesen der Menschennatur ge- 
hort. Daher sollen wir die erste Erziehung auf Nach- 
ahmung begriinden, weil im Menschen, bevor das Ich 
beginnt, in semen inneren Tatigkeiten Ordnung zu 
schaffen, der Nachahmungstrieb wie ein natiirlicher 
Trieb vorhanden ist. 

Was jetzt auseinandergesetzt worden ist; der Nachah- 
mungstrieb im physischen Leibe gegeniiber den aufieren 
Tatigkeiten, das Symbolisieren im Atherleibe gegeniiber 
dem aufieren Reiz, und das, was wir nennen konnen das 
Entsprechen von Begierde und Genufi im astralischen 
Leib, das alles denken wir uns ausgearbeitet mit Hilfe 
des Werkzeuges der Luft und hineingearbeitet in uns so, 
dafi gleichsam ein plastischer, ein kiinstlerischer Ein- 
druck davon entstanden ist in unserem Kehlkopf und in 
unserem ganzen Stimmapparat. Dann werden wir uns 
sagen konnen: Diese vor dem Ich liegenden Wesenheiten 
arbeiteten am Menschen so, dafi sie durch die Luft an 
dem Menschen in der Weise formten und gliederten, dafi 



nach dieser dreifachen Richtung hin die Luft im Men- 
schen zum Ausdruck kommen konnte. 

Wenn wir namlich im wahren Sinne des Wortes das 
Sprachvermogen betrachten, so miissen wir fragen: 1st es 
der Ton, was wir hervorbringen? - Nein, der Ton ist es 
nicht. Was wir tun, das ist, dafi wir von unserem Ich aus 
dasjenige in Bewegung setzen und formen, was durch 
die Luft in uns hineingeformt und hineingegliedert ist. 
Gerade so, wie wir das Auge in Bewegung setzen, um 
das aufzunehmen, was aufierlich als Licht wirkt, wah- 
rend das Auge selbst zu dieser Aufnahme von Licht da 
ist, so sehen wir, wie in uns selber vom Ich aus jene 
Organe in Bewegung gesetzt werden, die aus dem Geisti- 
gen der Luft heraus gebildet worden sind. Wir setzen die 
Organe in Bewegung durch das Ich; wir greifen in die 
Organe ein, die dem Geist der Luft entsprechen, und wir 
miissen abwarten, bis der Geist der Luft, von dem die 
Organe gebildet sind, uns selber - als Echo unserer 
Lufttatigkeit - den Ton entgegentont. Den Ton erzeugen 
wir nicht, wie auch nicht die einzelnen Teile einer Pfeife 
den Ton erzeugen. Wir erzeugen von uns aus dasjenige, 
was unser Ich als Tatigkeit entfalten kann durch die 
Benutzung jener Organe, die aus dem Geiste der Luft 
heraus gebildet sind. Dann miissen wir es dem Geist der 
Luft iiberlassen, daft die Luft wieder in Bewegung 
kommt durch jene Tatigkeit, durch welche die Organe 
erzeugt worden sind, so daft das Wort erklingt. 

So sehen wir in der Tat, wie die menschliche Sprache 
auf diesem dreifachen Entsprechen, das wir angefiihrt 
haben, beruhen mufi. Aber, was soil sich entsprechen? 
Worauf soli gerade die Nachahmung im physischen 
Leibe beruhen? Die Nachahmung im physischen Leibe 
mufi darauf beruhen, daft wir dasjenige, was wir als 



aufierhche Tatigkeiten, als aufiere Dinge wahrnehmen, 
was einen Eindruck auf uns macht, in den Bewegungen 
unserer Stimmorgane nachahmen, da£ wir alles, was wir 
zunachst als Ton widerklingend horen, hervorbringen, 
indem wir durch das Prinzip des physischen Leibes 
Nachahmende dessen sind, was einen aufieren Eindruck 
auf uns macht, geradeso wie der Maler eine Szene nach- 
ahmt, die in ganz anderen Elementen als Farbe und 
Leinwand, Hell und Dunkel besteht. Wie der Maler mit 
Hell und Dunkel nachahmt, so ahmen wir nach, was 
au£erlich an uns herantritt, indem wir unsere Organe 
nachahmend in Bewegung setzen, jene Organe, die aus 
dem Element der Luft gebildet worden sind. Deshalb ist 
das, was wir im Laut hervorbringen, eine wirkliche 
Nachahmung des Wesens der Dinge, und unsere Konso- 
nanten und Vokale sind nichts anderes als Abbilder und 
Nachahmungen dessen, was von aufien einen Eindruck 
auf uns macht. 

Was wir dann im Atherleib haben, ist eine bildhafte 
Arbeit. Da wird in den Atherleib hineingearbeitet, was 
wir Symbolik nennen konnen. Daher miissen wir es 
begreiflich fin den, dafi allerdings zuerst durch Nachah- 
mung dasjenige entstanden ist, was die ersten Elemente 
unserer Sprache sind, da£ dies dann aber fortgebildet 
wurde, indem es sich gleichsam losrifi von den aufieren 
Eindriicken und dann weiterverarbeitet wurde. Da verar- 
beitet der Atherleib in der Symbolik, wie beim Traum, 
dasjenige, was den aufieren Eindriicken nicht mehr ahn- 
lich ist, und darinnen besteht das Fortwirkende des 
Lautes. Zunachst verarbeitet der Atherleib dasjenige, 
was eine blofie Nachahmung ist, dann arbeitet sich das, 
was blofie Nachahmung ist, im Atherleib selbstandig 
um, so dafi es dadurch ein Selbstandiges wird. So ist das, 



was wir innerlich verarbeitet haben, nur noch symbo- 
lisch, sinnbildlich den aufteren Eindriicken entspre- 
chend. Da sind wir nicht mehr blo£e Nachahmencle. 

Und endlich kommt ein Drittes. Begierde, Affekt, 
alles, was innerlich lebt, driickt sich im astralischen Leib 
aus, und das wirkt wieder so, dafi es den Ton weiter 
umformt. Das hei£t, die innerlichen Erlebnisse strahlen 
gleichsam von innen heraus in den Ton ein. Schmerz 
und Freude, Lust und Leid, Begierde, Wunsch, das alles 
strahlt in den Ton ein, und dadurch kommt das subjekti- 
ve Element in den Ton hinein. Was blofte Nachahmung 
ist, was weitergebildet ist als Sprachsymbolum in dem 
selbstandig gewordenen Tonbild oder Wortbild, das 
wird jetzt weiter umgebildet, indem es durchstrahlt wird 
von dem, was der Mensch innerlich erlebt als Schmerz 
und Freude, Lust und Leid, Entsetzen und Furcht und 
so weiter. Immer mufi es ein aufierliches Entsprechen 
sein, was sich im Ton von der Seele losringt. Aber wenn 
die Seele innerlich das, was sie erlebt, ausdriickt, es 
gleichsam im Ton ausklingen lalk, dann mufi sie das 
aufiere Erlebnis erst dazu suchen. Daher mussen wir 
sagen: Das dritte Element, wo sich innerlich, seelenhaft, 
Lust und Leid, Schmerz und Freude, Entsetzen und so 
weiter im Ton ausdriickt, das mufi erst suchen, was ihm 
entspricht. Bei der Nachahmung ist der aufiere Eindruck 
nachgeahmt, das innere Tonbild oder dasjenige, was als 
Symbol entstanden ist, ist eine Weiterbildung. Aber 
dasjenige, was der Mensch nur aus innerer Freude, 
Schmerz und so weiter ertonen liefie, das wiirde ja nur 
eine Ausstrahlung sein, dem nichts entsprechen konnte. 
Was hier die Entsprechung zwischen aulterem Wesen 
und innerem Erleben ist, das heifit, was hier geschieht, 
das konnen wir fortwahrend bei unseren Kindern beob- 



achten, wenn sie sprechen lernen. Da konnen wir sehen, 
wie das Kind beginnt, irgend etwas, was es fiihlt, in den 
Ton umzusetzen. Wenn das Kind zuerst Ma und Pa 
schreit, so ist das nichts anderes als ein innerliches 
Umgiefien des Affektes in den Laut. Es ist nur die 
Aufierung eines Inner en. Wenn aber dieses Kind sich so 
aufiert, dann kommt zum Beispiel die Mutter herbei, 
und das Kind merkt dann, dafi demjenigen, was sich 
innerlich als Freude aufiert, indem es sich umgiefk in den 
Laut Ma, ein aufteres Ereignis entspricht. Das Kind fragt 
naturlich nicht, wie das geschieht, daft es in diesem Falle 
dem Herbeieilen der Mutter entspricht. Da gesellt sich 
zusammen inneres Erlebnis von Freude oder Schmerz 
und aufterer Eindruck, und es verbindet sich das, was 
von innen hervorstrahlt mit dem aufieren Eindruck. Das 
ist eine dritte Art, wie die Sprache wirkt. Daher konnen 
wir sagen: Die Sprache ist ebensosehr von aufien nach 
innen durch Nachahmung entstanden, wie sie entstanden 
ist durch das, was man nennen kann das Hinzugesellen 
der au£eren Wirklichkeit zu dem, was unser Inneres 
auflert. Denn das, was dazu gefuhrt hat aus einer inneren 
Aufierung - Ma, Pa - die Worte Mama und Papa zu 
bilden, weil diese Aufierung sich im Herbeieilen von 
Mutter oder Vater befriedigt fuhlte, das geschieht in 
unzahligen Fallen. Uberall, wo der Mensch sieht, daft 
irgend etwas auf eine innere Aufierung folgt, da verbin- 
det sich fur ihn das, was der Ausdruck der inneren 
Wesenheit ist, mit einem Aufieren. 

Das alles geschieht ohne Zutun des Ich. Erst spater 
ubernimmt das Ich diese Tatigkeit. Auf diese Art sehen 
wir das, was vor dem Ich liegt, an jener Konfiguration 
arbeiten, welche der menschlichen Sprachausdrucksfa- 
higkeit zugrunde liegt. Und dadurch, dafi das Ich da 



hineintritt, nachdem die Grundlage zur Sprache bereits 
geschaffen ist, gliedert sich entsprechend dem Wesen des 
Ich wiederum die Sprache. Dadurch werden die Aufie- 
rungen, welche dem Empfindungsieib entsprechen, von 
der Empfindungsseele durchdrungen; die Bilder und 
Symbole, welche dem Atherleib entsprechen, werden 
von der Verstandesseele durchdrungen. Der Mensch 
gielk hinem in den Laut, was er in der Verstandesseele 
erlebt, und er giefit ebenso hinein, was er in der Bewufit- 
seinsseele erlebt, was zunachst blofte Nachahmung war. 
Auf diese Weise sind dann nach und nach jene Gebiete 
unserer Sprache entstanden, welche Wiedergaben dessen 
sind, was innere Erlebnisse der Seele darstellen. 

So miissen wir uns klar sein, um das Wesen der 
Sprache zu verstehen, daft sozusagen in uns etwas lebt, 
was vor dem Ich und vor aller Tatigkeit des Ich wirkte, 
und daft darin erst das Ich hineingegossen hat, was es 
ausbilden kann. Dann miissen wir aber auch keinen 
Anspruch darauf machen, daft die Sprache genau dem 
entspreche, was aus dem Ich stammt, und daft unserem 
Geistigen, allem Intimeren unserer individuellen Wesen- 
heit genau die Sprache entspricht, sondern wir miissen 
uns klar sein, daft wir in der Sprache niemals den 
unmittelbaren Ausdruck des Ich sehen konnen. Symbo- 
lisch zum Beispiel arbeitet der Sprachgeist in dem Ather- 
leib, nachahmend in dem physischen Leib, das alles 
zusammen mit dem, was der Sprachgeist aus der Emp- 
findungsseele herausarbeitet, indem er die innerlichen 
Erlebnisse aus ihr herauspreftt, so daft wir in dem Laut 
eine Ausstrahlung des Innenlebens haben. Das alles zu- 
sammengenommen soli uns rechtfertigen, wenn wir sa- 
gen: Nicht nach der Art des im heutigen Sinne bewuftten 
Ich ist die Sprache ausgearbeitet, sondern, wenn wir die 



Ausarbeitung der Sprache mit irgend etwas vergleichen 
wollen, konnen wir sie nur mit dem kiinstlerischen 
Arbeiten vergleichen. Ebensowenig wie wir von der 
Nachahmung, die der Kiinstler gibt, verlangen konnen, 
dafi sie der Wirklichkeit entspricht, ebensowenig konnen 
wir verlangen, daft die Sprache dasjenige nachbildet, was 
sie darstellen soli. - Wir haben in der Sprache etwas, was 
nur so wiedergibt, was draufien ist, wie das Bild, wie der 
Kiinstler iiberhaupt wiedergibt, was draufien ist. Und 
wir diirfen sagen: Ehe der Mensch ein selbstbewulker 
Geist im heutigen Sinne war, war in ihm ein Kiinstler 
tatig, der als Sprachgeist gewirkt hat. - Wir haben unser 
Ich hineingelegt in eine Statte, wo vorher ein Kiinstler 
seine Tatigkeit ausgeiibt hat. Das ist zwar selbst wieder 
etwas bildhaft gesprochen, aber es gibt die Wahrheit auf 
diesem Gebiete wieder. Wir sehen in eine unterbewulke 
Tatigkeit und fiihlen, daft wir da etwas haben, was aus 
uns selber den sprechenden Menschen als kiinstlerisches 
Werk gemacht hat. Und die Sprache miissen wir daher 
nach Analogie eines Kunstwerkes auffassen. Dazu miis- 
sen wir nicht vergessen, daft wir jedes Kunstwerk nur so 
auffassen konnen, wie es die Mittel der betreffenden 
Kunst gestatten. Daher wird uns auch die Sprache gewis- 
se Beschrankungen auferlegen miissen. Wenn man das 
beriicksichtigte, wiirde es von vornherein ausgeschlossen 
sein, daft ein aus einem pedantischen Wurf hervorgegan- 
genes Werk zustande kommen konnte wie die «Kritik 
der Sprache» von Fritz Mauthner. Da geht die Sprach- 
kritik von ganz falschen Voraussetzungen aus, namlich 
davon, daft, wenn man die Sprachen der Menschen 
iibersieht, sie einem in keiner Weise die objektive Wirk- 
lichkeit rich tig geben. Sollen sie diese denn geben? Ist 
denn eine Moglichkeit, daft sie diese geben? Geradeso- 



wenig ist eine Moglichkeit dafiir vorhanden, daft die 
Sprache die Wirklichkeit wiedergibt, als das Bild, wenn 
es auf der Leinwand mit Farben und Hell und Dunkel 
die aufiere Wirklichkeit darstellen soil. Mit kiinstleri- 
schem Sinn mufi aufgefafit werden, was als der Sprach- 
geist dem Menschenwirken zugrunde liegt. 

Das alles konnte nur skizzenhaft dargestellt werden. 
Wenn man aber weifi, daft ein Kiinstler in der Mensch- 
heit wirkt, der die Sprache formt, dann wird man verste- 
hen - so verschieden auch die einzelnen Sprachen sich 
ausnehmen mogen daft selbst in den einzelnen Spra- 
chen der Menschheit der kiinstlerische Sinn in der ver- 
schiedensten Weise gearbeitet hat. Da werden wir verste- 
hen, wie dieser Sprachgeist - nennen wir jetzt diese 
durch die Luft wirkende Wesenheit den Sprachgeist -, 
wenn er sich auf einer verhaltnismaftig niederen Stufe im 
Menschen manifestierte, so arbeitete wie der atomisti- 
sche Geist, der alles aus den einzelnen Teilen zusammen- 
setzen mochte. Da haben wir denn die Moglichkeit, dafi 
eine Sprache so gefugt ist, dafi aus einzelnen Lautbildern 
der ganze Satz sich zusammensetzt. 

Wenn wir zum Beispiel im Chinesischen den Laut schi 
und king haben, so haben wir darin zwei Atome der 
Sprachbildung. Die eine Silbe schi = Lied, Gesang; die 
andere wiirde bedeuten: Buch. Wenn wir die beiden 
Lautbilder zusammensetzten: schi-king, dann wiirde 
man es so gemacht haben, wie wenn wir im Deutschen 
zusammensetzen Lied-Buch, dann wiirde sich durch die- 
se Atomisierung etwas ergeben, was nun - als Ganzes 
erfafk - Lieder-Buch wird. Das wiirde ein kleines Bei- 
spiel dafiir geben, wie die chinesische Sprache ihre Be- 
griffe und Vorstellungen bildet. 

Wenn wir das, was wir heute betrachtet haben, in 



unserer Seele verarbeiten, konnen wir nun auch begrei- 
fen, wie erne so wunderbar gebildete Sprache wie die 
semitische zum Beispiel in ihrem Geiste zu betrachten 
ist. In der semitischen Sprache haben wir als Grundlage 
gewisse Tonbilder, weiche eigentlich nur aus Konso- 
nanten bestehen. Und nun setzt der Mensch in diese 
Tonbilder Vokale hinein. Wenn wir also, um das nur 
durch ein Beispiel zu erklaren, die Konsonanten nehmen 
q, t y I, und da hineinsetzen ein a und wiederum ein 
dann ware, wahrend das nur aus den Konsonanten gebil- 
dete Wort die blofte Nachahmung eines aufteren Laut- 
eindruckes ist, durch das Hineinfugen der Vokale ent- 
standen: qatal = toten. 

So haben wir hier ein merkwiirdiges Durchdringen, 
indem toten als Tonbild dadurch entstanden ist, dafi der 
aufiere Vorgang einfach durch die Sprachorgane nach- 
geahrnt worden ist; das ist zunachst das urspriingliche 
Tonbild. Dann wird das, was die Seele weiter zu bilden 
hat und was nur innerlich erlebt werden kann, weiterge- 
bildet, indem aus dem Inneren noch etwas hinzugefugt 
wird. Es wird das Tonbild weitergebildet, damit das 
Toten auf ein Subjekt zuriickgeht. In dieser Weise ist im 
Grunde genommen die ganze semitische Sprache zu- 
sammengesetzt, und es driickt sich in ihr aus, was wir als 
das Zusammenwirken der verschiedenen Elemente der 
Sprachbildung in dem ganzen Bau der Sprache aufge- 
zahlt haben. In der Symbolik, die vorzugsweise in der 
semitischen Sprache wirksam ist - also, was wir im 
Atherleib als Sprachgeist wirksam gefunden haben -, 
zeigt sich uns die ganze Eigentiimlichkeit der semiti- 
schen Sprache, die alle die nachgeahmten einzelnen Ton- 
bilder weiterbildet und durch die Einfugung von Voka- 
len zu Sinnbildern umbildet. 



Daher sind im Grunde genommen alle Worte der 
semitischen Sprache so gebildet, dafi sie sich wie Sinnbil- 
der auf das beziehen, was uns in der Aufienwelt umgibt. 
Dagegen ist alles, was in den indogermanischen Sprachen 
auftritt, mehr angeregt von dem, was wir innere Aufie- 
rung des astralischen Leibes genannt haben, der inneren 
Wesenheit. Der Astralleib ist schon etwas, was mit dem 
Bewufksein zusammenhangt. Wenn man sich der Au- 
fienweit entgegenstellt, unterscheidet man sich von der 
Aufienwelt. Wenn man sich nur vom Gesichtspunkte des 
Atherleibes der Aufienwelt gegeniiberstellt, verschmilzt 
man mit ihr, ist mit ihr eins. Erst wenn sich die Dinge 
im Bewufksein spiegeln, unterscheidet man sich von den 
Dingen. Dieses Arbeiten des astralischen Leibes mit 
seinen ganzen inneren Erlebnissen ist in den indogerma- 
nischen Sprachen im Unterschiede zu den semitischen 
Sprachen dadurch wunderbar ausgedriickt, dafi sie das 
Verbum sein haben, das Konstatieren dessen, was ohne 
unser Zutun vorhanden ist. Das ist dadurch moglich, 
dafi man sich mit seinem Bewulksein unterscheidet von 
dem, was einen aufieren Eindruck macht. Wenn daher 
im Semitischen zum Beispiel ausgedriickt werden sollte: 
Gott ist gut -, so wiirde man das nicht unmittelbar 
konnen, denn man kann das Wort ist, welches das Sein 
ausdruckt, nicht wiedergeben, weil es schon von der 
Entgegensetzung des astralischen Leibes und der Au- 
fienwelt herkommt. Der Atherleib stellt die Dinge ein- 
fach hin. Daher wiirde man in der semitischen Sprache 
zu sagen haben: Gott, der Gute. - Es wird nicht die 
Gegeniiberstellung des Subjektes und des Objektes cha- 
rakterisiert. Diese sich von der Auftenwelt unterschei- 
denden Sprachen, welche als ein Wesentliches enthalten, 
dafi ein Teppich von Wahrnehmungen iiber die Aufien- 



welt ausgegossen wird, sind vorzugsweise die indoger- 
manischen Sprachen. Diese wirken nun auch wieder so 
auf den Menschen zuriick, dafi sie die Innerlichkeit, das 
heifk alles, was man die Anlage nennen kann, um eine 
starke Individualist, ein starkes Ich auszubilden, unter- 
stiitzen. Das liegt hier schon in der Sprache ausgedriickt. 

Das alles, was ich Ihnen geben konnte, wird von 
manchen vielleicht nur wie unbefriedigende Andeu- 
tungen hingenommen werden, aus dem einfachen Gran- 
de, weil man ja vierzehn Tage reden miifite, wenn man 
auf diesem Gebiet alles ausfiihrlicher darstellen wollte. 
Allein, wer ofter hier diese Vortrage gehort hat und in 
den Geist der Sache eingedrungen ist, wird sehen, dafi 
eine solche Anregung, wie sie heute gegeben worden ist, 
nicht unberechtigt ist. Sie soil nur zeigen, wie eine 
geisteswissenschaftliche Sprachbetrachtung angeregt 
werden kann, welche im Grunde genommen zu dem 
Resultat fuhrt, dafi die Sprache gar nicht anders verstan- 
den werden kann, als dafi man sie mit einem kiinstleri- 
schen Sinn zu begreifen versucht, den man sich zu eigen 
gemacht haben mull. Daher wird alle Gelehrsamkeit 
scheitern, wenn sie nicht nachschaffen will, was der 
Sprachkiinstler im Menschen getan hat, bevor das Ich in 
uns wirken konnte. Kiinstlerischer Sinn allein kann die 
Geheimnisse der Sprache erfassen, wie auch kiinstleri- 
scher Sinn iiberhaupt nur nachschaffen kann. Nicht ge- 
lehrte Abstraktionen konnen jemals ein Kunstwerk be- 
greiflich machen. Erst jene Ideen leuchten hinein in die 
Kunstwerke, welche als Ideen in fruchtbarer Art dasjeni- 
ge nachzuschaffen imstande sind, was der Kiinstler mit 
anderen Mitteln, mit Farbe, Ton und so weiter zum 
Ausdruck gebracht hat. Kiinstlerischer Sinn begreift al- 
lein den Kiinstler, und Sprachkiinstler allein begreifen 



das Schopferisch-Geistige im Entstehen der Sprache. Das 
ist das eine, was die Geisteswissenschaft in bezug auf die 
Sprache zu leisten hat. 

Das andere ist etwas, was im Praktischen seine Bedeu- 
tung hat. Wenn wir verstehen, wie die Sprache aus einem 
inneren, vormenschlichen Kiinstler entstanden ist, wer- 
den wir uns auch dazu aufschwingen konnen, dafi wir 
da, wo wir etwas sprechen wollen oder etwas durch die 
Sprache darstellen wollen, was Anspruch darauf macht, 
Geltung zu erhalten, auch diesen kiinstlerischen Sinn 
miissen wirken lassen. Dafur ist aber in unserer heutigen 
Zeit, wo man in bezug auf das lebendige Fiihlen der 
Sprache nicht besonders weit ist, nur wenig Sinn vorhan- 
den. Heute glaubt ein jeder, wenn er nur iiberhaupt 
reden kann, alles ausdrucken zu diirfen. Aber wir miis- 
sen uns dariiber klar sein, dafi wir wieder in unserer 
Seele einen unmittelbaren Zusammenhang schaffen miis- 
sen zwischen dem, was wir durch die Sprache ausdriik- 
ken wollen, und dem, wie wir es ausdrucken. Wir 
miissen den Sprachkiinstler in uns auf alien Gebieten 
wiedererwecken. Heute sind die Menschen zufrieden, 
wenn in einer noch so beliebigen Form dasjenige ausge- 
driickt wird, was sie sagen wollen. Und wie viele Men- 
schen haben einen Begriff davon, was auf geisteswissen- 
schaftlichem Gebiet unbedingt notwendig ist, dafi 
sprachkiinstlerischer Sinn fur eine jegliche Darstellung 
notig ware! Versuchen Sie einmal, wirkliche Darstel- 
lungen der geisteswissenschaftlichen Materie zu priifen. 
Da werden Sie finden, dafi derjenige, der als wahrer, 
echter Geisteswissenschafter solche Dinge geschrieben 
hat, auch wirklich daran gearbeitet hat, um kunstlerisch 
einen jeden Satz auszugestalten, und da£ da nicht in 
beliebiger Weise ein Zeitwort am Ende oder am Anfang 



steht. Da werden Sie finden, daft ein jeder solcher Satz 
eine Geburt ist, well er innerlich, seelisch, nicht bloft als 
Gedanke, sondern als unmittelbare Form erlebt werden 
soli. Und wenn Sie den Zusammenhang des Dargestell- 
ten verfolgen, dann werden Sie sehen, daft bei drei 
aufeinanderfolgenden Satzen der mittlere nicht bloft an 
den ersten angehangt ist und der dritte wiederum an den 
vorhergehenden, sondern Sie werden finden, daft derjeni- 
ge, der Geisteswissenschaftliches darstellt, nicht bloft 
den ersten Satz, sondern auch den dritten Satz bereits 
fertig in seiner Anlage hat, bevor er den mittleren gestal- 
tet, weil die Wirkung des mittleren Satzes von dem 
abhangen soil, was als Wirkung des ersten Satzes zuriick- 
bleibt und wiederum auf den nachstfolgenden Satz iiber- 
gehen kann. 

In der Geisteswissenschaft ist nicht ohne kiinstlerisch 
wirkenden Sprachsinn zu schaffen. Alles andere ist vom 
Ubel. Da handelt es sich darum, daft wir loskommen 
von dem sklavischen Gekettetsein an die Worte. Das 
konnen wir aber nicht, wenn wir denken, daft irgendein 
Wort den Gedanken ausdriicken konnte, den wir haben, 
denn dann sind wir schon im Irrtum mit unserer Sprach- 
bildung. Aus den Worten, die ganz auf die Sinneswelt 
hin gepragt sind, konnen wir nimmermehr gewinnen, 
was Ausdruck fur iibersinnliche Tatsachen sein soli. Wer 
fragen kann: Wie soil man den Atherleib oder den 
astralischen Leib in Wirklichkeit ganz konkret durch ein 
Wort ausdriicken? - hat noch nichts davon verstanden. 
Erst der hat etwas verstanden, der so zu Werke geht, daft 
er sich sagt: Ich werde erfahren, was der Atherleib ist, 
wenn ich mir zuerst einmal von der einen Seite dariiber 
etwas erzahlen lasse, und mir bewuftt bin, daft es sich 
dabei um kiinstlerisch gebildete Reflexbilder handelt; 



und dann lasse ich mir dasselbe von drei anderen Seiten 
darstellen. - Da haben wir dieselbe Sache von vier 
verschiedenen Seiten her dargestellt, so daft wir in den 
Darstellungen, die wir durch die Sprache geben, indem 
wir gieichsam um die Sache herumgehen, kiinstlerische 
Reflexbilder der Sache darstellen. Wenn man sich dessen 
nicht bewuftt ist, wird man nichts anderes herausbe- 
kommen als Abstraktionen und eine verknocherte Wie- 
dergabe dessen, was man schon weift. Daher wird Ent- 
wickelung in der Geisteswissenschaft immer verbunden 
sein mit dem, was wir Fortbildung des inneren Sinnes 
und der inneren Gestaltungskraft unserer Sprache nen- 
nen konnen. 

In diesem Sinne wird Geisteswissenschaft befruchtend 
auf den heutigen Sprachstil wirken, wird umgestaltend 
auf unseren heutigen entsetzlichen Sprachstil wirken, der 
gar keine Ahnung davon hat, was sprachkunstlerisches 
Vermogen ist. Denn sonst wiirden nicht so viele Leute, 
die kaum sprechen und schreiben konnen, anfangen 
schriftstellerisch tatig zu sein. Das ist heute langst abge- 
kommen, daft man sich dessen bewuftt ist, daft zum 
Beispiel Prosa schreiben etwas viel Hoheres ist als Verse 
schreiben; nur ist die Prosa, die heute geschrieben wird, 
selbstverstandlich eine viel niedrigere Prosa. Aber die 
Geisteswissenschaft ist dazu da, auf jenen Gebieten die 
Anregungen zu geben, die mit den tiefsten Gebieten der 
Menschheit zusammenhangen. Denn Geisteswissen- 
schaft wird auf diesen Gebieten so wirken, daft sie 
erfiillt, was die groftten Personlichkeiten werden ge- 
traumt haben. Geisteswissenschaft wird durch den Ge- 
danken die iibersinnlichen Welten erobern konnen, wird 
vermogend werden, den Gedanken so in das Lautbild 
umzugieften, daft auch unsere Sprache wieder ein Mittei- 



lungsmittel dessen werden kann, was die Seele im Uber- 
sinnlichen erschaut. Dann wird Geisteswissenschaft das 
sein, was bewirken wird, dafi in einem grofien Umkreise 
zur Wahrheit werden wird, was fiir ein wichtigstes 
Gebiet des menschlichen Inneren der Spruch sagt: 

Unermefilich tief ist der Gedanke, 

Und sein gefliigelt Werkzeug ist das Wort! 



LACHEN UND WEINEN 



Berlin, 3. Februar 1910 



In einem Zyklus von Vortragen iiber geisteswissenschaft- 
liche Tatsachen konnte es manchem erscheinen, als ob 
der Gegenstand, der heute besprochen werden soli, un- 
bedeutend ware. Das aber ist gerade oftmals als ein 
Fehler solcher Betrachtungen zu bezeichnen, die ihren 
Weg hinaufnehmen in die hoheren Gebiete des Daseins, 
daft die Einzelheiten des Lebens, die unmittelbaren Wirk- 
lichkeiten des Tages von den Betrachtenden vernachlas- 
sigt werden. Im allgemeinen haben es die Menschen ja 
gern, wenn in Vortragen dieser Art von der Unendlich- 
keit oder Endlichkeit des Lebens gesprochen wird, von 
den hochsten Eigenschaften der Seele, von den groften 
Fragen der Welt- und Menschheitsentwickelung - und 
vielleicht von noch hoheren Dingen; und gern laftt man 
sich nicht auf sogenannte Alltaglichkeiten ein, wie dieje- 
nigen sind, wenigstens scheinbar, die uns heute beschaf- 
tigen sollen. Wer aber auf dem Wege, der in diesen 
Vortragen geschildert wird, einzudringen versucht in die 
Gebiete des geistigen Lebens, der wird sich immer mehr 
davon iiberzeugen, daft gerade das ruhige Vordringen 
Schritt fur Schritt - von dem Allerbekanntesten in die 
unbekannteren Gebiete - sehr vom Heile ist. Im iibrigen 
konnen Sie es schon aus der Erinnerung an so manche 
Erscheinung entnehmen, daft die bedeutendsten Geister 
der Menschheit, daft das Bewufttsein der Menschheit 
iiberhaupt in dem, was man gewohnlich als Lachen und 
Weinen bezeichnet, keineswegs etwas nur Alltagliches 



A.1 



sieht. Hat doch jenes Bewufttsein, welches in den Legen- 
den und in den groften Uberlieferungen der Menschheit 
arbeitet - und so oft viel weiser als das einzelne indivi- 
duelle menschliche Bewufttsein arbeitet - die grofte 
Personlichkeit, die fiir die morgenlandische Kultur von 
so grofier Bedeutung geworden ist, den Zarathustra, 
ausgestattet mit dem beriihmten « Zarathustra- Lacheln»; 
und das Legenden-Bewufttsein sieht etwas Besonderes 
darin, daft dieser grofte Geist lachelnd in die Welt getre- 
ten ist. Und aus einem welthistorischen Tiefsinn heraus 
kniipft es an diese Tatsache des Zarathustra-Lachelns die 
andere Bemerkung, dafi durch dieses Lacheln aufge- 
jauchzt hatten alle Geschopfe des Erdenrundes, und daft 
geflohen waren vor dem Zarathustra-Lacheln alle die 
bosen Geister und Widersacher des Erdenrundes. - 
Wenn wir nun von einem solchen, in Legenden-Uberlie- 
ferung wirkenden Bewufttsein zu den Schopfungen eines 
einzelnen groften Geistes iibergehen, diirfen wir uns 
auch erinnern an jene Gestalt, in welche Goethe am 
meisten von seinem eigenen Fiihlen und Vorstellen hin- 
eingelegt hat, an die «Faust»-Gestalt. Nachdem Faust in 
die tiefste Verzweiflung an allem Dasein gefallen ist und 
nahe war der Vernichtung des eigenen Daseins, da laftt 
Goethe diese Gestalt beim Anhoren der Osterglocken 
ausrufen: «Die Trane quillt, die Erde hat mich wieder!» 
Als das Symbolum der Seelenverfassung, die es Faust 
moglich macht, nach den Gedanken schlimmster, argster 
Verzweiflung sozusagen wieder zuriickzukehren in die 
Welt: als das Symbolum des Sich-Wiederfindens eines 
Menschen in irdische Verhaltnisse stellt uns hier Goethe, 
der Dichter, die Trane hin. 

So sehen wir, daft eigentlich, wenn man nur daran 
denken wollte, bedeutungsvoll angekniipft werden kann 



an das, was durch Lachen und Weinen bezeichnet wird. 
Aber es mag schon geglaubt werden, dafi es bequemer 
ist, gleich iiber das Wesen des Geistes zu spekulieren, als 
den Geist in soichen Offenbarungen aufzusuchen, in 
denen wir ihn finden, wenn wir die Welt, wie sie 
unmittelbar um uns herum ist, betrachten. Und wir 
konnen den Geist - und zunachst den Geist des Men- 
schen - in seiner Wesenheit gerade in jenem Ausdrucke 
der menschlichen Seele finden, der sich im Lachen und 
Weinen kundgibt. Verstehen kann man das, was uns in 
dieser eigenartigen Seelenoffenbarung vor das Auge tritt, 
nur wenn man wirklich diese beiden Aufierungen des 
Menschen als Ausdruck seines inneren geistigen Lebens 
betrachtet. Da muE man aber ein solches geistiges Wesen 
nicht nur anerkennen, sondern verstehen. Dem Ver- 
standnis dieses geistigen Wesens des Menschen waren ja 
alle die Vortrage gewidmet, die gerade in diesem Winter- 
zyklus hier gehalten worden sind. Nur fluchtig braucht 
daher heute darauf hingedeutet zu werden, wie wir 
geisteswissenschaftlich das Wesen des Menschen betrach- 
ten. Denn auch um Lachen und Weinen zu verstehen, 
miissen wir diese Wesenheit des Menschen im geisteswis- 
senschaftlichen Sinne zugrunde legen. 

Wir haben gesehen, wie sich der Mensch uns darstellt, 
wenn wir ihn in seiner vollstandigen Wesenheit betrach- 
ten, bestehend aus seinem physischen Leib, den er ge- 
meinschaftlich hat mit der ganzen mineralischen Natur; 
aus seinem Ather- oder Lebensleib, den er gemein- 
schaftlich hat mit der ganzen pflanzlichen Natur; weiter 
aus dem astralischen Leib, den er mit der tierischen 
Natur gemeinsam hat, und der der Trager ist von Lust 
und Leid, Freude und Schmerz, von Entsetzen und 
Verwunderung und auch von all den Ideen, welche 



taglich vom Aufwachen bis zum Einschlafen in unserem 
Seelenleben auf und ab fluten. So besteht fiir uns die 
Wesenheit des Menschen zunachst aus diesen drei au$e- 
ren Umhiillungen; und in dieser Umhullung lebt erst 
dasjenige, wodurch der Mensch die Krone der Erden- 
schopfung wird, das menschliche Ich. Dieses Ich arbeitet 
nun wieder in dem Seelenleben, das aus den drei Seelen- 
gliedern aufgebaut ist, aus der Empfindungsseele als dem 
untersten Glied, aus dem nachsten Glied, der Verstandes- 
oder Gemiitsseele, und aus dem dritten Glied, der Be- 
wulkseinsseele; und wir haben auch gesehen, wie das Ich 
an diesen Seelengliedern arbeitet, um den Menschen zu 
immer hoherer Vollkommenheit zu bringen. 

Was liegt denn diesem ganzen Arbeiten des Ich inner- 
halb der Seele des Menschen zugrunde? 

Betrachten wir einmal dieses Ich in verschiedenen 
seiner Aufierungen. Es tritt vor dieses Ich des Menschen, 
vor das tiefste Zentrum seines geistigen Lebens irgendei- 
ne Erscheinung, irgendein Gegenstand oder Wesen der 
Aufienwelt. Das Ich bleibt diesem Wesen oder Gegen- 
stand gegeniiber nicht gleichgiiltig, sondern es aufiert 
sich in einer gewissen Weise; es erlebt innerlich, in der 
Seele, dieses oder jenes. Ein Gegenstand gefallt oder 
mififallt dem Ich. Das Ich kann aufjauchzen bei irgendei- 
nem Ereignis, oder es kann in tiefste Betriibnis verf alien; 
es kann in Entsetzen und Furcht zuriickbeben, oder es 
kann das Ereignis oder das Wesen liebevoll anschauen 
oder umfassen. Es kann innerlich das Erlebnis haben: 
Ich verstehe einen Vor gang, der mir gegenubertritt, 
oder: Ich verstehe ihn nicht. 

Wenn wir das Ich in seiner Tatigkeit belauschen vom 
Aufwachen bis zum Einschlafen, dann sehen wir, wie es 
sich in Einklang zu bringen versucht mit der Aufienwelt. 



Wenn ihm irgendein Gegenstand gefallt, wenn jenes 
Gefuhl in uns aufsteigt: Das ist ein uns erwarmendes 
Wesen - dann ist ein Band geflochten zwischen uns und 
dem Gegenstand; dann schlingt sich etwas hinuber von 
uns zu dem Gegenstand. Das tun wir im Grunde ge- 
nommen mit der ganzen um uns herum liegenden Welt. 
Unser ganzes Tagesleben erscheint uns in bezug auf die 
inneren Seelenvorgange als die Schopfung eines Einklan- 
ges zwischen unserem Ich und der iibrigen Welt. Was 
wir erleben an den Gegenstanden und Wesenheiten der 
Aufienwelt, und was sich in den Vorgangen unseres 
Seelenlebens spiegelt, das wirkt nicht blofi auf unsere 
drei Seelenglieder, weil in ihnen gerade das Ich wohnt, 
sondern das wirkt auch auf den astralischen Leib, auf 
den Atherleib und den physischen Leib. Wir haben 
schon ofter beispielsweise angefuhrt, wie jenes Verhalt- 
nis, das das Ich herstellt zwischen sich und irgendeiner 
Wesenheit oder einem Gegenstand, nicht nur die Emo- 
tionen des astralischen Leibes aufriittelt, nicht nur die 
Stromungen und Bewegungen des Atherleibes in einen 
Umschwung bringt, sondern auch bis in den physischen 
Leib hineinwirkt. Oder sollte nicht der Mensch Gelegen- 
heit haben, zu beobachten, wie zum Beispiel eine 
menschliche Personlichkeit erbleichen kann, wenn ir- 
gend etwas Furchtbares in ihre Nahe tritt? Was ist da 
anderes geschehen, als dafi das Verhaltnis, welches das 
Ich hergestellt hat zwischen sich und dem Furchtbaren, 
das Band, das es geschlungen hat zwischen sich und dem 
Gegenstand, hineingewirkt hat bis in den physischen 
Leib und das Blut in andere Bewegung gebracht hat, als 
es sonst der Fall ist? Es hat sich gleichsam das Blut 
zuriickgezogen von der aufteren Leiblichkeit und hat 
dadurch das Erbleichen bewirkt. Auch das andere, be- 



sonders charakteristische Beispiei ist schon angefiihrt 
worden: die Schamrote. Wenn wir irgendein derartiges 
Verhaltnis glauben herstellen zu miissen zwischen uns 
und der betreffenden Wesenheit der Umgebung, dafi wir 
am liebsten uns fur einen Augenblick selbst ausloschen 
mochten, dafi man uns nicht sieht, da steigt das Blut ins 
Gesicht. Da wird in diesen beiden Fallen eine bestimmte 
Wirkung auf das Blut hervorgebracht durch dasjenige, 
was sich als das Verhaltnis des Ich zur Aufienwelt 
darstellt. - So konnten wir viele Beispiele anfiihren, wie 
dasjenige, was das Ich an der Aufienwelt erlebt, sich 
ausdriickt im astralischen Leib, im Atherleib und im 
physischen Leib. 

Indem nun das Ich den Einklang oder ein bestimmtes 
Verhaltnis sucht zwischen sich und der Umgebung, sind 
wieder ganz besondere Falle moglich in bezug auf solche 
Verhaltnisse. So konnten wir von gewissen Verhaltnissen 
zu unserer Umgebung sagen: Wir finden die richtige 
Stellung des Ich gegeniiber diesem oder jenem Gegen- 
stand oder Wesen. Selbst wenn wir Furcht vor einem 
Wesen haben, vor dem es begriindet ist, Furcht zu 
haben, konnen wir sagen: Unser Ich fuhlt, wenn es nur 
hinterher Gelegenheit hat, in der richtigen Weise dieses 
Verhaltnis zu beachten, daft es in einem Einklang gestan- 
den hat auch im Furchtgefuhl mit seiner Umgebung. 
Insbesondere aber fuhlt unser Ich seinen Einklang mit 
seiner Umgebung, wenn es zum Beispiei danach trachtet, 
diese oder jene Dinge der Auftenwelt zu verstehen, und 
imstande ist, durch seine Begriffe, Gefuhle, Empfin- 
dungen und so weiter iiber diejenigen Gegenstande, iiber 
die es Verstandnis sucht, wirklich sich aufzuklaren. Da 
fiihlt sich das Ich wie vereint mit den Gegenstanden, 
iiber die es sich aufklart. Da fiihlt es sich wie iiber sich 



hinausgehend, wie wenn es untergetaucht ist in die 
Gegenstande, und fiihlt, daft das Band ein richtiges ist. 
Oder aber das Ich lebt mit anderen Menschen zusam- 
men, zu denen es in ganz bestimmte Verhaltnisse tritt, 
die es lieb hat. Das Ich fiihlt sich jedem dieser anderen 
Menschen gegeniiber in dem Verhaltnis, das es ange- 
sponnen hat, befriedigt, beseligt; fiihlt, dafi ein harmoni- 
sches Verhaltnis zwischen sich und der Auftenwelt be- 
steht. Dieses Verhaltnis pragt sich zunachst in dem Ich 
darin aus, daft sich das Ich behaglich fiihlt und diese 
Behaglichkeit auf seine Hiillen, astralischen Leib oder 
Atherleib, iibertragt. 

Es kann aber auch eintreten, dafi das Ich einmal nicht 
imstande ist, diesen Einklang, das heiftt, das Verhaltnis, 
das man in einem gewissen Sinne ein normales nennen 
konnte, zu schaffen. Kann es dieses normale Verhaltnis 
nicht sogleich finden, dann kann das Ich dadurch in eine 
besondere Lage kommen. Nehmen wir an, das Ich findet 
etwas in der Aufienwelt, irgendeinen Gegenstand oder 
eine Wesenheit, dem gegeniiber es nicht in ein solches 
Verhaltnis treten kann, dafi es zum Beispiel die Sache 
versteht, daft es mit seinen Begriffen und Vorstellungen 
das Dasein dieser Wesenheit oder Tatsache als ein be- 
rechtigtes anerkennt. Nehmen wir an, das Ich ist auf der 
Suche, ein Verhaltnis zur Auftenwelt zu finden; aber es 
kommt nicht in die Lage, wirklich ein solches Verhalt- 
nis, das ein normales Band bildet zwischen Ich und 
Auftenwelt, zu finden. In einer solchen Lage wird unser 
Ich notig haben, dennoch in sich selber eine gewisse 
Stellung gegeniiber diesem Ding der Aufienwelt zu ge- 
winnen. Nehmen wir einen konkreten Fall an: Wir 
treten irgendeinem Wesen der Aufienwelt gegeniiber, 
welches wir aus dem Grunde nicht verstehen wollen, 



weil in sein Wesen einzudringen unserem Ich nicht der 
Miihe wert erscheint, weil wir sozusagen fuhlen, wir 
wiirden, wenn wir in sein Wesen eindringen wollten, zu 
viel hingeben von unserer eigenen Erkenntnis- und unse- 
rer eigenen Verstandniskraft. Wahrend wir einem ande- 
ren Wesen so gegeniibertreten, dafi wir sagen: Ich will 
meine Kraft aufwenden, um dich zu verstehen, will in 
dich untertauchen, was in mir ist, mit dir vereinigen - 
halten wir es bei dieser Wesenheit so, daft es uns nicht 
der Miihe wert ist, unterzutauchen. Wir wiirden die 
Krafte unseres Verstandnisses verschwenden, wenn wir 
darin untertauchen wollten. Dann haben wir notig, eine 
ganz besondere Stellung zu gewinnen, haben notig, eine 
Art Scheidewand aufzurichten. Einem solchen Wesen 
wie dem geschilderten gegeniiber wollen wir jene Hinga- 
be nicht iiben; wir wollen nicht in dasselbe untertau- 
chen; das heiftt, wir wollen uns von diesem vor uns 
stehenden Wesen befreien, uns frei halten; wir wollen 
uns in uns selber finden, nicht durch Untertauchen, 
sondern dadurch, daft wir unsere Kraft von diesem We- 
sen ablenken und, in unserem eigenen Selbstbewuftt- 
sein uns iiber das Wesen erhebend, sie gewahr werden. 
Wenn wir in einem solchen Verhaltnis zu einem Wesen 
stehen, dann ist das Gefiihl, das uns beschleichen mull, das- 
jenige einer Befreiung von einem Wesen. Bei einem We- 
sen, das wir verstehen, und in das wir untertauchen - 
entweder durch Erkenntniskraft oder durch Liebe oder 
Mitleid -, da fuhlen wir nicht das Zuriickziehen des 
Ich; im Gegenteil da fuhlen wir uns zu diesem We- 
sen hingezogen. Bei einem solchen Wesen aber, wie es 
eben geschildert worden ist, fuhlen wir: Unser Ich wiirde 
etwas verlieren, wenn es in das andere Wesen untertauch- 
te; da miissen wir unsere Krafte zusammenhalten. 



Bei einem solchen Bewulksein kann die hellseherische 
Beobachtung bemerken, wie das Ich gleichsam den astra- 
lischen Leib zuriickzieht vor den Eindriicken, die auf 
ihn gemacht werden konnten aus der Umgebung oder 
von diesem anderen Wesen. Dieses Wesen wird natiirlich 
einen Eindruck auf unseren physischen Leib machen, 
wenn wir nicht die Augen verschliefien oder die Ohren 
verstopfen. Aber weil wir unseren physischen Leib weni- 
ger in der Hand haben als unseren astralischen Leib, 
ziehen wir unseren astralischen Leib fur einen Augen- 
blick zuriick aus dem physischen Leib, ja auch aus dem 
Atherleib her aus und bewahren ihn dadurch davor, da$ 
er sich beriihren lafit von dem anderen Wesen. Dieses 
Zuriickziehen des astralischen Leibes, der sonst seine 
Kraft im physischen Leibe verbraucht, um dessen Krafte 
zusammenzuhalten, stellt sich fur das hellseherische Be- 
wufitsein so dar, dafi der astralische Leib sich ausdehnt; 
er geht gleichsam auseinander bei einer solchen Befrei- 
ung. Wo wir uns iiber ein Wesen erheben, lassen wir 
unseren astralischen Leib wie eine elastische Substanz 
sich erweitern, schlaff werden, wahrend wir ihn sonst 
angespannt haben. Indem sich der astralische Leib erwei- 
tert, befreien wir uns von irgendeinem Bande mit der 
betreffenden Wesenheit; wir ziehen uns gleichsam in uns 
selber zuriick, erheben uns iiber die ganze Situation. 
Und weil alles, was im astralischen Leibe geschieht, sich 
im physischen Leibe ausdriickt, so driickt sich auch 
dieses Zuriickziehen des astralischen Leibes im physi- 
schen Leibe aus; und der Ausdruck der Erweiterung des 
astralischen Leibes im physischen Leibe ist das Lachen 
oder das Lacheln; so dafi mit jedem Lachen oder La- 
cheln, das aus keiner anderen Stimmung als aus der 
geschilderten hervorgehen kann, verbunden ist ein elasti- 



sches Ausdehnen des astralischen Leibes. - Wir diirfen 
also sagen: Was durch das Ausdehnen des astralischen 
Leibes und seinen physiognomischen Ausdruck als La- 
chen oder Lacheln an der menschlichen Wesenheit auf- 
tritt, ist ein Sich-Erheben liber das, was in der Umge- 
bung geschieht, weil wir nicht Verstandnis aufwenden 
wollen, und nach der ganzen Art, wie wir zu der 
betreffenden Sache stehen, dafiir auch nicht Verstandnis 
aufwenden sollen. Im Extrem mufi daher alles, was uns 
kein Verstandnis abringen soli, eine solche Erweiterung 
des astralischen Leibes nach sich ziehen und damit das 
Lachen hervorrufen. - Witzblatter haben die Gewohn- 
heit gehabt, dafi sie gewisse Personen des offentlichen 
Lebens abbildeten mit riesigen Kopfen und sehr kleinen 
Korpern, wodurch grotesk ausgedriickt werden sollte, 
was der Betreffende fur seine Zeit bedeutet. Dies zu 
verstehen, wiirde ein Unding sein, denn es gibt kein 
Gesetz, was einen so grofien Kopf und einen so kleinen 
Korper verbinden wiirde. Wenn wir in diesen Gegen- 
stand mit unserer Erkenntniskraft untertauchten, so 
ware das eine verlorene Kraft, denn wir wiirden unsere 
Verstandniskraft dabei verschwenden. Die einzige Be- 
friedigung dabei soli eben die sein, sich zu erheben iiber 
das Objekt, beziehungsweise von dem Eindruck, der auf 
unseren physischen Leib gemacht wird, frei zu werden 
in dem Ich, und den astralischen Leib auszudehnen. 
Denn was das Ich erlebt, setzt es zunachst fort auf die 
intimste Hiille, auf den astralischen Leib; und der physio- 
gnomische Ausdruck dafiir ist das Lachen. 

Es kann aber auch der Fall eintreten, dafi wir ein 
Verhaltnis, das wir zu unserer Umgebung suchen und 
nach unserer ganzen Seelenverfassung berechtigt sind zu 
suchen, nicht finden konnen. Nehmen wir an, wir haben 



eine Zeitlang eine Personlichkeit geliebt; dieselbe steht 
nicht nur zu unseren Handlungen in Beziehung, sondern 
ganz bestimmte Seelenerlebnisse kniipfen sich an das 
Dasein dieser Personlichkeit an und an das Verbunden- 
sein unserer Personlichkeit mit ihr. Nehmen wir an, die 
Personlichkeit wird uns eine Zeitlang entrissen. Mit dem 
Entreifien dieser Personlichkeit fallt ein Teil unserer 
eigenen Seelenerlebnisse fort; etwas, was ein Band bedeu- 
tet zwischen uns und einer Wesenheit der Aufienwelt, 
fallt fort. Unsere Seele ist durch jene Seelenverfassung, 
die sich durch die Beziehung zu dieser Personlichkeit 
herangebildet hat, berechtigt, dieses Band zu suchen, 
weil sie sich erzogen hat, dieses Band zu haben. Jetzt 
kann sie es nicht mehr haben. Es ist etwas herausgerissen 
aus diesem Ich, und was da herausgerissen ist, bewirkt in 
dem letzteren etwas, was sich wiederum ubertragt auf 
den astralischen Leib. Und weil jetzt dem astralischen 
Leib etwas entzogen ist, weil er ein Verhaltnis zur 
Aufienwelt sucht, das er nicht finden kann, so zieht er 
sich jetzt in sich selber zusammen; oder besser gesagt, 
das Ich prefk diesen astralischen Leib zusammen. 

Das konnen wir mit dem hellseherischen Bewulksein 
immer beobachten, wenn im Menschen Trauer oder 
Schmerz eintritt iiber einen Verlust, wie das Ich, dem 
etwas entzogen ist, den astralischen Leib zusammen- 
prefit. Gerade so wie der auseinandergetriebene astrali- 
sche Leib schlaff wird und sich dadurch den physiogno- 
mischen Ausdruck im physischen Leibe verschafft, der 
eben als Lachen oder Lacheln bezeichnet werden mufi, 
so wird ein astralischer Leib, der sich zusammenprefit, 
gleichsam tiefer eindringen in alle Kraft e des physischen 
Leibes. Das ist auch der Fall. Wenn der astralische Leib 
sich zusammenprefk, so preftt er den physischen Leib 



mit zusammen. Und der physische Ausdruck des Zu- 
sammeapressens des Ich in sich selber, damit des astrali- 
schen Leibes in sich selber, und damit des physischen 
Leibes in sich selber, das ist das Hervorquellen der 
Tranen. Der astralische Leib, der gleichsam in sich Liik- 
ken erhalten hat, und diese Liicken durch sein Zusarn- 
menpressen ausfiillen will, indem er die Substanzen aus 
der Umgebung heranzieht, er prefit dadurch den physi- 
schen Leib mit zusammen und treibt die Substanzen des 
physischen Leibes in der Trane nach aufien. Was ist die 
Trane dadurch zugleich? - Das Ich hat etwas verloren in 
der Trauer, in dem Verlust. Es prefit sich zusammen, 
weil es armer geworden ist, weil es seine Selbstheit 
weniger stark fiihlen kann als friiher; denn es fiihlt seine 
Eigenheit um so starker, je reicher es ist an Erlebnissen 
mit der umgebenden Welt. Wir geben nicht nur etwas 
den Dingen, die wir lieben, sondern wir bereichern 
unsere Seele selber durch unsere Liebe. Und indem uns 
die Erlebnisse unserer Liebe entrissen werden, und der 
astralische Leib Liicken erhalt und sich zusammenprefk, 
sucht er durch diesen gleichsam in sich selber ausgeiibten 
Druck die Krafte wiederzugewinnen, die er verloren hat 
durch den Verlust. Er sucht sich durch ein Zusammen- 
nehmen in sich selber reicher zu machen, weil er armer 
geworden ist durch das, was er verloren hat. Was in der 
Trane zum Vorschein kommt, ist nicht nur ein Abflie- 
fienlassen der Tranen, nicht nur eine Offnung nach 
aufien, sondern etwas, was man einen Ersatz nennen 
konnte fur das armer gewordene Ich. Wahrend sich 
friiher das Ich bereichert fiihlte an der Aufienwelt, fiihlt 
es sich jetzt in der Produktion, die es selber hervor- 
bringt, starker, fiihlt sich als etwas, indem es die Tranen 
hervorprefit. Was die Personlichkeit an Selbstbewulksein 



geistig verloren hat, sucht sie sich zu ersetzen, indem sie 
sich zu einer innerlichen Schopfung, zu dem Hervor- 
bringen der Tranen anspornt. Daher ist die Trane in 
gewisser Beziehung ein Ausgleich, ein Ersatz fur das 
Armerwerden des Ich. Deshalb konnen wir sagen: Wenn 
das Ich, das einen Verlust erlebt hat, vordringen kann bis 
zur Trane, wenn es sein Bewufitsein hebt durch das 
Gewahrwerden seines Verlustes in der Trane, dann gibt 
diese Trane dem Ich ein gewisses unterbewufites Wohlge- 
fiihl. Man konnte sogar sagen: Die Trane ist in gewisser 
Beziehung ein Anlafi zu einer Art innerer Wollust. Ein 
Ausgleich wird durch die Trane geschaffen. Es wird 
Ihnen ja bekannt sein, wie der Mensch, wenn er sich so 
recht in der Trauer elend fuhlt, in der Trane eine Art 
von Trost hat, weil die Trane etwas ist, was ihm einen 
gewissen Ersatz bieten kann. Und Sie werden auch 
wissen, wie es fur gewisse Menschen, von denen man 
sagt, sie konnen nicht weinen, viel schwieriger ist, die 
Trauer und den Schmerz zu ertragen als fur diejenigen, 
welche sich das innere Wohlbehagen durch die Trane bei 
jeder Gelegenheit verschaffen konnen. 

So sehen wir, daft das Ich es ist, das ein gesuchtes 
Verhaltnis zur Aufienwelt nicht finden kann, und sich 
entweder erheben mufi zu einer inneren Freiheit, oder in 
sich untertauchen mufi, um sich zu starken iiber einen 
inneren Verlust. Wir sehen, wie das Ich es ist, das 
Mittelpunktswesen des Menschen, das sich ausdriickt in 
Lachen und Weinen. Daher konnen wir es auch begreif- 
lich finden, dafi das Ich, das den Menschen zum Men- 
schen macht, in gewisser Weise Voraussetzung ist des 
wahren Lachens und des wahren Weinens. 

Wenn wir das Kind beobachten, wie es geboren wird, 
so finden wir, dafi es in den ersten Tagen weder lachen 



noch weinen kann. Wahres Lachen und wahres Weinen 
tritt erst auf vom sechsunddreiEigsten oder vierzigsten 
Lebenstage an. Vorher kann das Kind nicht lachen und 
nicht weinen; und der Grund dafur ist der: Obwohl es 
entschieden ist, was fur ein Ich aus einer vorher gehenden 
Verkorperung gerade in dies em Kinde lebt, so wirkt 
dieses Ich doch nicht gleich in den ersten Lebenstagen in 
dem Menschen gestaltend; es wirkt nicht gleich so, dafi 
es Beziehungen zur Aufienwelt sucht. Der Mensch ist ja 
in das Leben so hineingestellt, daft dasjenige, was in ihm 
und an ihm ist, von zwei Seiten herstammt. Die eine 
Seite ist die, welche alle Eigenschaften und Betatigungen 
des Menschen enthalt, die er von Vater, Mutter, Grofiva- 
ter und so weiter erbt, kurz, die Eigenschaften und 
Betatigungen aus der Vererbungslinie. Aber darinnen 
arbeitet die Individualist, das Ich des Menschen, das 
von Leben zu Leben geht, von Verkorperung zu Verkor- 
perung, seine seelischen Eigenschaften hinein. Wenn wir 
einen Menschen mit der Geburt ins Dasein treten sehen, 
zeigt sich uns zunachst das Unbestimmte der Physiogno- 
mic des Menschen, und wie unbestimmt dasjenige ist, 
was der Mensch einmal als Talente, Anlagen und beson- 
dere Eigenschaften darleben wird. Aber wir sehen auch, 
wie das schaffende, wirkende Ich, das sich Entwicke- 
lungskrafte aus den vorhergehenden Leben hereinge- 
bracht hat, die unbestimmten Ziige immer bestimmter 
und bestimmter heraus arbeitet und dasjenige modifi- 
ziert, was durch die Vererbung gegeben worden ist. So 
sehen wir zusammenfliefiend die vererbten Eigenschaf- 
ten mit denen, die von Verkorperung zu Verkorperung 
gehen. - Ein Genaueres liber den Werdegang des Men- 
schen konnen Sie jetzt mit einer ge wis sen Deutlichkeit in 
meinem eben erschienenen Buche «Die Geheimwissen- 



schaft im Umrift>> finden, wo in den ersten Partien diese 
Dinge gerade so besprochen sind, wie es dem heutigen 
Verstandnisse der Menschen angemessen ist. 

So sehen wir, wie in dem Kind das Ich sich herausar- 
beitet. Aber es dauert eine Zeit, bis das Ich aus dem 
Kinde heraus umgestaltet an dem Korperlichen und an 
dem Seelischen. Daher tritt der Mensch so ins Dasein 
hinein, daft er in den ersten Tagen einzig und allein die 
vererbten Merkmale zeigt. Das Ich sitzt in den ersten 
Tagen noch tief verborgen darinnen und wartet, bis es in 
die unbestimmte Physiognomie dasjenige hineinarbeiten 
kann, was es aus den friiheren Leben heriibergetragen 
hat, was es von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr herausar- 
beiten kann. 

Bevor nun das Kind den individuellen, nur fur diesen 
Menschen geltenden Charakter annimmt, ist es nicht 
moglich, daft das Ich irgendeine Beziehung zur Auften- 
welt ausdriicken kann durch Lachen und Weinen. Denn 
auf das Ich kommt es an, auf das Individuellste, das ein 
Band sucht, das sich in Harmonie, in Einklang bringen 
will mit der Umgebung. Das Ich mufi es sein, was im 
Lachen oder Lacheln sich zu befreien sucht von den 
Gegenstanden; das Ich muft es sein, das bei einem 
gesuchten Verhaltnis, das es nicht finden kann, in dem 
Verlust zusammenpreftt das Innere der menschlichen 
Wesenheit. Das Ich nur kann sich ausdriicken im Lachen 
oder Weinen. Wir sehen daraus, daft wir es mit der 
tiefinnersten Geistigkeit des Menschen zu tun haben, 
wenn wir die Offenbarungen des Menschen im Lachen 
oder Weinen vor uns haben. 

Diejenigen, die gern alles mit allem zusammenwerfen 
und deshalb keine wirklichen realen Unterschiede zuge- 
ben wollen zwischen Mensch und Tier, werden natiirlich 



auch noch Analogien fiir Lachen und Weinen im Tier- 
reich finden. Wer aber die Dinge richtig versteht, wird 
dem deutschen Dichter recht geben, der sagt, daft es das 
Tier nicht bis zum Weinen bringt, sondern hochstens bis 
zum Heulen, und nicht bis zum Lachen, sondern nur bis 
zum Grinsen. Darinnen liegt eine tiefe Wahrheit, die 
sich, wenn sie in Worte gebracht wird, dadurch aus- 
driickt, daft das Tier sich nicht erhebt zu jener indivi- 
duellen Ichheit, die in dem Wesen selber sitzt, sondern 
daft das Tier von Gesetzen beherrscht wird, die zwar 
dem Ich-Menschen ahnlich sehen, die aber dem Tier so 
eingepflanzt sind, daft sie ihm zeitlebens als auftere 
verbleiben. Das Tier bringt es nicht zur Individuality. 
Es ist hier schon dieser bedeutsame Unterschied des 
Menschen von der tierischen Wesenheit erwahnt wor- 
den. Es ist gesagt worden, was uns am Tier interessiert, 
laftt sich zusammenfassen in dem Gattungs- oder Artcha- 
rakter. Versuchen Sie sich klar zu machen, ob das, was 
uns am Tier hauptsachlich interessiert, auch so grofte 
Unterschiede aufweist - zum Beispiel zwischen Lowen- 
sohnchen, Lowenvater, Lowengroftvater und so weiter -, 
wie wir es beim Menschen finden. Was sich uns beim 
Tier zeigt, das geht im Artcharakter auf. Im Menschen- 
reiche ist aber jeder Mensch fiir sich eine eigene Gat- 
tung, und was uns am Tier in der Art oder Gattung 
erscheint, das mull uns beim Menschen in jedem einzel- 
nen Menschen interessieren. Das heifit: Bei den Men- 
schen hat jeder Mensch seine einzeine Biographic Die 
interessiert uns so stark wie die Art- oder Gattungsbio- 
graphie beim Tier. Gewifi, es hat auch manchen Hunde- 
vater und manche Katzenmutter gegeben, die behaupte- 
ten, sie konnten auch eine Hunde- oder Katzenbiogra- 
phie schreiben. Aber ich habe auch einen Schullehrer 



gekannt, der seinen Schiilern regelmafiig die Aufgabe 
gegeben hat, die Biographie ihrer Stahlfeder zu schrei- 
ben. Nicht darauf kommt es an, dafi sich ein Gedanke 
auf alles anwenden lafit, sondern darauf, dafi sich unser 
Verstandnis dazu hindurchringt, was an einer Sache oder 
Wesenheit das Wesentliche ist. Bis zum Tier herauf ist 
das biographisch Individuelle das Unwesentliche; beim 
Menschen aber wird es das Wesentliche, weil beim Men- 
schen ja die Hauptsache dasjenige ist, was sich als Indivi- 
dualist von Leben zu Leben weiter entwickelt, was 
beim Tier nur von Gattung zu Gattung geht. Wenn eine 
solche Wichtigkeit des biographischen Elementes nicht 
zugegeben wird, so liegt es nicht daran, dafi diese Wich- 
tigkeit nicht eine ebenso bedeutungsvolle ist wie die, 
welche wir naturwissenschaftlichen Gesetzen der Au- 
fienwelt beilegen, sondern daran, da£ derjenige, der sie 
nicht zugibt, nicht das Gewicht von irgendwelchen Er- 
scheinungen empfinden kann. 

In der Geisteswissenschaft nennen wir das, was beim 
Tier von Art zu Art geht, was sich von Gattung zu 
Gattung fortlebt, des Tieres Gruppen-Seele oder Grup- 
pen-Ich, das wir aber als etwas Reales ansehen. Und wir 
sprechen davon, daft das Tier sein Ich nicht in sich hat, 
sondern aufter sich. Wir verneinen auf dem Gebiete der 
Geisteswissenschaft nicht etwa das tierische Ich, sondern 
wir sprechen von einem Gruppen-Ich, welches das Tier 
von auften her dirigiert. Beim Menschen dagegen spre- 
chen wir von einem individuellen Ich, das in das Innerste 
der menschlichen Wesenheit hineingeht und von innen 
heraus jede einzelne menschliche Wesenheit als die ihm 
zugrunde liegende Individualist so dirigiert, daft der 
Mensch in ein personliches Verhaltnis zu den Wesen 
seiner Umgebung tritt. Dasjenige allgemeine Verhaltnis, 



welches sich die Tierheit herstellen kann nach ihrer 
Lenkung durch das aufiere Gruppen-Ich, hat auch einen 
typischen, allgemeinen Charakter. Was dieses oder jenes 
Tier liebt oder hafit, wovor dieses oder jenes Tier sich 
fiirchtet, hat einen allgemeinen, einen typischen Charak- 
ter und modifiziert sich nur fur gewisse Kleinigkeiten, 
zum Beispiel bei unsern Haustieren oder bei den Tieren, 
die mit dem Menschen zusammenleben. Was aber beim 
Menschen Liebe und Hafi in bezug auf seine Umgebung, 
was Furcht und Schrecken fur die Seele bedeuten, was 
Sympathie und Antipathie ist, das erzieht sich der 
Mensch in seiner Individualitat, in der Ichheit, die von 
Verkorperung zu Verkorperung geht, auf individuelle 
Art. Daher ist das besondere Verhaltnis, durch das der 
Mensch sich von irgendeinem Wesen der Umgebung 
befreit, das dann physiognomisch im Lachen zum Aus- 
druck kommt, oder das andere Verhaltnis, wo wir etwas 
suchen und nicht mehr finden konnen, und was sich im 
Weinen seinen physiognomischen Ausdruck sucht, im- 
mer etwas, was das menschliche Ich allein entfalten 
kann. Daher konnen wir auch sagen: Je mehr das Kind 
sich herauswindet aus dem blofi Animalischen, aus dem 
blofi Tierischen, je mehr sich seine Individualitat zeigt, 
desto mehr zeigt sich seine Menschlichkeit im Lachen 
oder in den aus den Augen quillenden Tranen. Wenn wir 
das Leben in seiner Wahrheit betrachten, miissen wir 
nicht in den groben Tatsachen des Lebens, nicht in der 
Ahnlichkeit der Knochen und Muskeln zwischen 
Mensch und Tier, oder in der bis zu einem gewissen 
Grade vorhandenen Ahnlichkeit der anderen Organe das 
Wichtigste suchen, wenn wir die Entscheidung treffen 
wollen fur die hohere Stellung des Menschen iiber die 
Erdenwesen; sondern wir miissen da, wo wir die feine- 



ren Tatsachen erblicken, das Wesentliche zur Charakte- 
ristik der Menschennatur suchen. Wem solche Tat- 
sachen wie Lachen und Weinen zu unbedeutend erschei- 
nen, urn sie fur die eigentliche Charakteristik der Mensch- 
heit und der Tierheit anzuwenden, dem muft man sa- 
gen: Nicht zu helfen ist dem, der nicht vermag sich auf- 
zuschwingen zu den Tatsachen, auf die es ankommt, 
wenn wir den Menschen in seiner Geistigkeit verstehen 
wollen. 

Diese Tatsachen, die uns hier geisteswissenschaftlich 
entgegentreten, konnen uns nun allerdings auch hinein- 
leuchten in gewisse naturwissenschaftliche Errungen- 
schaften, aber nur dann, wenn diese Tatsachen wieder 
hineingestellt werden in ein groftes und geisteswissen- 
schaftliches Ganzes. Mit Lachen und Weinen ist beim 
Menschen noch etwas anderes verbunden. Wer Lachen 
und Weinen beim Menschen beobachtet, der wird fin- 
den, daft bei diesen Aufterungen der menschlichen We- 
senheit nicht nur der physiognomische Ausdruck des 
Lachens oder der Trauer vorhanden ist, sondern daft 
dabei auch eine Anderung, eine Modifikation des At- 
mungsprozesses auftritt. Wenn der Mensch traurig ist 
bis zum Vergieften von Tranen, und wenn seine Traurig- 
keit zu einem solchen Zusammenpressen des astralischen 
Leibes fiihrt, daft der physische Leib mit zusammenge- 
preftt wird, dann kann man beobachten, daft das Einat- 
men immer kiirzer und kiirzer wird, und daft das Ausat- 
men in langen Atemziigen geschieht. Und beim Lachen 
ist das Umgekehrte der Fall; da bemerken wir ein langes 
Einatmen und ein kurzes Ausatmen. In dieser Weise 
wird der Atmungsprozeft modifiziert. Und es ist nicht 
bloft ein Bild, sondern es entspricht einer tieferen Wirk- 
lichkeit, wenn wir sagen: Wenn beim lachenden Men- 



schen der astralische Leib schlaff wird, und wenn der 
physische Leib in seiner feineren Gliederung auch er- 
schlafft, dann tritt so etwas ahnliches ein, wie wenn wir 
einen leeren Raum erzeugen, indem wir die Luft aus ihm 
auspumpen und diesen leergemachten Raum dann der 
aufieren Luft aussetzen: dann pfeift die Luft da hinein. 
Eine Art Freimachen der au£eren Leiblichkeit tritt also 
im Lachen ein, und dann dringt in einem langen Atem- 
zuge die Luft nach innen. Beim Weinen ist das umge- 
kehrt der Fall: Wir pressen den astralischen Leib zusam- 
men - und auch den physischen Leib, und die Folge ist, 
dafi das lange Ausatmen durch das Zusammenpressen 
wie in einem Zuge bewirkt wird. 

So sehen wir, wie wiederum mit den physischen Le- 
bensaufSerungen und bis in das aulSere Physische hinein 
dasjenige zusammenhangt, was seelisch im Menschen 
erlebt wird durch die Anwesenheit des Ich. 

Wenn wir diese physiologischen Tatsachen nehmen, 
so wird uns in merkwiirdiger Weise eine geisteswissen- 
schaftliche Tatsache beleuchtet, welche bildlich ihren 
Ausdruck gefunden hat - wie in der Regel geisteswissen- 
schaftliche Tatsachen bildlich ihren Ausdruck finden - in 
den religiosen Urkunden der Menschheit. Erinnern wir 
uns an jene bedeutungsvolle Stelle des Alten Testamen- 
tes, wo dargestellt wird, dafi der Mensch zu seiner 
gegenwartigen Menschlichkeit heraufgehoben wird, in- 
dem ihm Jahve oder Jehova einstromen laftt den lebendi- 
gen Odem und ihn dadurch zu einer in sich lebendigen 
Seele macht. Das ist der Moment, wo auf das Werden 
der Ichheit im grofien hingedeutet wird. Es wird im 
Alten Testament die Art und Weise des Atmungspro- 
zesses hingestellt als der Ausdruck der eigentlichen Ich- 
heit des Menschen; das Atmen wird in Zusammenhang 



gebracht mit der inneren Seelenhaftigkeit des Menschen. 
Wenn wir nun sehen, wie das menschliche Ich sich im 
Lachen und Weinen einen besonderen Ausdruck ver- 
schafft, dann zeigt sich uns schon der intime Zusammen- 
hang zwischen dem menschlichen Atmungsprozefi und 
der inneren Beseelung des Menschen, und wir blicken 
dann von einer solchen Erkenntnis aus auf die religiosen 
Urkunden mit jener Demut, die uns ein solches tieferes, 
wahres Verstandnis gibt. 

In der Geisteswissenschaft gehen uns zunachst alle 
diese Urkunden nichts an. Denn selbst wenn auch durch 
eine groEe Katastrophe alle diese Urkunden zugrunde 
gehen wiirden, die Geistesforschung hat die Mittel, daft 
sie dasjenige, was ihnen zugrunde liegt, durch die Gei- 
stesforschung selbst finden kann. Nie ist die Geistesfor- 
schung auf Urkunden angewiesen. Wenn aber die Tatsa- 
chen gefunden sind, und man nachher in den Urkunden 
den unzweifelhaften bildlichen Ausdruck dessen wieder- 
erkennt, was man vorher mit der Geisteswissenschaft 
unabhangig von den Urkunden gefunden hat, dann 
wachst unser Verstandnis fur diese Urkunden. Dann sagt 
man sich: Es kann dasjenige, was da besprochen ist, 
nicht anders hineingekommen sein als durch Wesen- 
heiten, die das gewufk haben, was der Geistesforscher in 
ihnen wiederfinden kann; und es spricht durch die Jahr- 
tausende Geistesforscher zu Geistesforscher, Geistes- 
blick zu Geistesblick! Dadurch gewinnt man gerade aus 
der Erkenntnis heraus die richtige Stellung zu diesen 
Urkunden. Und wenn erzahlt wird, wie der Gott ein- 
pragte dem Menschen seinen lebendigen Odem, wo- 
durch der Mensch eine sich innerlich findende Ichheit 
wurde, so finden wir gerade aus einer solchen Betrach- 
tung, wie diese iiber « Lachen und Weinen», wie wahr 



eine solche bildlich dargestellte Tatsache in bezug auf die 
Menschennatur ist. 

Nur auf einzelnes soli jetzt noch hingewiesen werden, 
weil es uns sonst zu weit fiihren wiirde. Es konnte zum 
Beispiel jetzt jemand sagen: Du hast die ganze Be- 
trachtung an einem falschen Ende angefafit, denn du 
hattest dort anfangen miissen, wo die aufieren Tatsachen 
sprechen. Das geistige Element mufit du dort suchen, wo 
es nur als eine reine Naturwirkung auftritt, zum Beispiel 
wenn der Mensch gekitzelt wird. Da haben wir die 
elementarste Tatsache des Lachens. Wie kommst du da 
zurecht mit all deinen Phantastereien uber das Ausdeh- 
nen des astralischen Leibes - und so weiter? 

Oh, dann vollzieht sich gerade erst recht das Ausdeh- 
nen des astralischen Leibes. Denn alle die Dinge, die als 
Charakteristik angefuhrt sind, sind dann vorhanden, 
wenn auch auf untergeordneter Stufe. Wenn der Mensch 
gekitzelt wird an der Fufisohle, so ist das eine Tatsache, 
auf die er sich nicht einlassen kann mit seinem Verstan- 
de. Er will es nicht, lehnt es ab. Er wird sie nur dann mit 
seinem Verstandnis umfassen, wenn er sich selber kit- 
zelt. Aber dann lacht er nicht; denn dann kennt er den 
Urheber. Wenn ihn aber ein anderer kitzelt, hat es fur 
ihn etwas Unverstandliches. Dariiber erhebt sich das Ich, 
sucht davon frei zu werden und sucht den astralischen 
Leib davon loszubekommen. Und gerade das Loskom- 
men des astralischen Leibes von einer unpassenden Be- 
riihrung driickt sich aus durch das nicht motivierte 
Lachen. Das ist gerade eine Befreiung, eine Rettung des 
Ich auf elementarer Stufe von jener Attacke, die auf uns 
ausgeiibt wird, wenn wir an der Fufisohle gekitzelt 
werden, wo wir mit unserem Verstandnis der Sache doch 
nicht beikommen konnen. 



Jedes Lachen iiber einen Witz oder iiber etwas, was 
komisch ist, steht auf derselben Stufe. Wir lachen iiber 
den Witz, weil wir durch das Lachen in das richtige 
Verhaltnis zu ihm kommen. Im Witz werden Dinge 
zusammengebracht, die im ernsten Leben nicht zusam- 
mengebracht werden konnen; denn wenn sie logisch zu 
begreifen waren, wiirden sie nicht witzig sein. Im Witz 
werden Verhaltnisse zusammengebracht, die, wenn man 
nicht gerade auf den Kopf gefallen ist, nicht unser 
Verstandnis unbedingt herausfordern, sondern nur von 
uns gerade das herausfordern, daft wir mit einem gewis- 
sen Spiel des geistigen Lebens die Dinge zusammen- 
bringen, die da zusammengebracht sind. In dem Augen- 
blick, wo wir uns als im Besitz dieses Spieles fuhlen, 
machen wir uns frei und erheben uns iiber den Inhalt, 
der im Witz liegt. Die Tatsache des Sich-Freimachens, 
des Sich-Erhebens iiber irgendeine Erscheinung werden 
Sie iiberall finden, wo Lachen zutage tritt. Und ebenso 
werden Sie die Tatsache, daft der Mensch etwas sucht, 
was er nicht finden kann, und sich daher in sich selber 
zusammenprefk, beim Weinen zugrunde liegen sehen. 

Es kann aber diese Art des Verhaltnisses zur Aufien- 
welt, wie sie jetzt geschildert worden ist, berechtigt oder 
unberechtigt sein. Wir konnen uns aus einer gewissen 
Berechtigung frei machen wollen im Lachen; oder aber 
durch unsere Eigentiimlichkeit den betreffenden Vor- 
gang auch nicht verstehen wollen oder nicht verstehen 
konnen. Dann liegt das Lachen nicht in der Natur der 
Tatsachen, sondern in unserer Unvollkommenheit. Das 
tritt iiberall dort zutage, wo irgendein unentwickelter 
Mensch iiber einen andern lacht, weil er ihn nicht verste- 
hen kann. Wenn ein unentwickelter Mensch bei einem 
andern das Alltagliche und Philistrose, das er fur das 



richtige halt, nicht findet, dann denkt er, es sei nicht 
notig, da mit dem Verstandnis heranzukommen; er sucht 
sich davon frei zu machen - vielleicht gerade deshalb, 
weil er es nicht verstehen will. Daher iibertragt es sich 
leicht bei uns in die Gewohnheit, sich durch Lachen von 
allem frei zu machen. Das ist auch oft die Natur gewis- 
ser Menschen: sie lachen und meckern iiber alles; sie 
wollen gar nichts verstehen; sie plustern sich auf in 
ihrem Astralleib und kommen dadurch immerfort zum 
Lachen. Das ist durchaus dieselbe Grundtatsache. Nur 
kann es auf der einen Seite berechtigt erscheinen, nicht 
eindringen zu wollen in das Verstandnis einer Sache, und 
auf der andern Seite kann es unberechtigt sein. Es kann 
auch an den Unvollkommenheiten der Mode liegen, dafi 
etwas dem gewohnlichen Betragen nicht ganz geeignet 
erscheint, um dafiir Verstandnis zu haben. Da hat man 
dann ein Lacheln, indem man sich erhaben diinkt iiber 
das eine oder andere. Es braucht also das Lachen nicht 
ein berechtigtes Gefuhl des Sich-Zuriickziehens auszu- 
driicken, sondern es kann auch ein unberechtigtes Zu- 
riickziehen ausdriicken. Damit wird aber die Grundtat- 
sache nicht geandert, wodurch das Lachen charakteri- 
siert worden ist. 

Es kann aber auch vorkommen, dafi jemand auf dasje- 
nige, was menschliche Lebensaufierung ist, rechnet. 
Nehmen wir an, irgend jemand rechnet als Redner mit 
dem, was durch seine Rede aufgehen soli, als Zustim- 
mung oder dergleichen. Da rechnet er selbstverstandlich 
mit dem, was die menschliche Seele erleben kann. Nun 
wird es in einzelnen Fallen vielleicht berechtigt sein, auf 
Dinge hinzuweisen, die so minderwertig sind oder so 
unter dem Kreise des Verstandnisses von gewissen Zuho- 
rern, daft man sie charakterisieren darf, ohne daft ein 



besonders intimes Band von der Seele der Zuhorer zu 
diesen Gegenstanden geschlungen wird; sondern man 
wird gerade den Zuhorern helfen, sich zu befreien von 
dem, was unter dem Kreise dessen liegt, woriiber der 
Redner Verstandnis ausgieften soil. Da wird der Redner 
damit rechnen diirfen, dafi die Zuhorer seine Stellung 
der Ablehnung der betreffenden Gegenstande teilen. Es 
gibt aber auch Redner, die immer die Lacher auf ihrer 
Seite haben wollen. Ich habe schon gehort, dafi Redner 
sagten: Ich werde da, wo ich siegen will, die Lachmus- 
keln antreiben, so dafi ich die Lacher auf meiner Seite 
habe - und wer die Lacher auf seiner Seite hat, der hat 
eben gesiegtl Das kann aber auch aus einer inneren 
Unehrlichkeit kommen. Denn appelliert man an das 
Lachen, so appelliert man an etwas, wodurch sich der 
Mensch uber eine Sache erheben soil. Man rechnet aber 
auch mit der Eitelkeit der Menschen - wenn sie sich 
dessen auch nicht bewulk sind -, wenn man die Sache so 
darstellt, daft sie nicht angewiesen sind, in ihr unterzu- 
tauchen und blofi deswegen dariiber lachen diirfen, weil 
sie auf ein Niveau geriickt wird, wo sie zu minderwertig 
erscheint. Es kann also das Rechnen auf das Lachen 
einem Prinzip der Unehrlichkeit entspringen. Und man 
wird in einer gewissen Weise zuweilen auch dadurch den 
Menschen gewinnen konnen, dafi man in ihm jenes 
Wohlbehagen und Wohlgefiihl erregt, das in dem heuti- 
gen Vortrage geschildert worden ist als mit der Trane 
verbunden. Der Mensch fiihlt dann, wenn ihm sozusa- 
gen ein Verlust nur fur die Phantasie vorgefiihrt wird, 
da£ er sich sagen konnte: Du darfst jetzt etwas suchen, 
was du eigentlich nicht findest! Er fiihlt sich durch das 
Zusammenpressen des Ich in seiner Egoitat, in seiner 
Selbstsucht bestarkt; und manches Rechnen auf die Riih- 



rung ist oft im groften nichts anderes als ein Rechnen auf 
die Selbstsucht des Menschen. Alle diese Dinge konnen 
daher arg mifibraucht werden, weil Running und 
Schmerz, Trauer, Hohn und Spott, die von Lachen oder 
Weinen begleitet sind, mit dem zusammenhangen, was 
das Ich starkt und befreit, also mit der menschlichen 
Ichheit, der Egoitat. Es kann daher auch, wenn diese 
Dinge sich geltend machen, die Selbstsucht angespro- 
chen werden, an die Selbstsucht appelliert werden; und 
dann ist es die Selbstsucht, die ebenso zerstoren kann, 
was Mensch an Mensch bindet. 

Da sehen wir also, dafi das menschliche Ich im Lachen 
und dem, was dem Lachen zugrunde liegt, frei sich 
hinaufgehoben fuhlt, und dafi die Selbstheit sich zusam- 
mengedrangt fuhlt in der Trane und dem, was damit 
verbunden ist. Wir haben aber in anderen Vortragen 
auch gesehen, wie das Ich mcht nur an der Empfindungs- 
seele, Verstandesseele und Bewufitseinsseele arbeitet, 
sondern wie es durch diese Arbeit selbst immer voll- 
kommener und starker werden soil. Wir werden daher 
leicht begreifen, da£ Lachen und Weinen in gewisser 
Weise Erziehungsmittel sein konnen. Indem das Ich sich 
zum Lachen erhebt, wird es die Krafte aufrufen seiner 
Selbstbefreiung, seines Erhabenseins und Insichgeschlos- 
senseins in der Welt. In der Trane kann es sich dazu 
erziehen, sich zu verbinden mit dem, wozu es gehort; 
und indem es den Mangel fuhlt gegenuber dem, wozu es 
gehort, bereichert es sich doch in anderer Weise mit 
seiner eigenen Ichheit, indem es sich zusammenprefit. 
Oh, im Lachen und Weinen liegen damit zu gleicher Zeit 
Erziehungsmittel des Ich und der Krafte des Ich. Das 
Ich steigt sozusagen herauf in seiner Freiheit und Zu- 
sammengeschlossenheit mit der Welt, indem es sich au- 



ftert im Lachen und Weinen. Daher ist es kein Wunder, 
daft zu den groften Erziehungsmitteln der menschlichen 
Entwickelung diejenigen Produktionen und menschli- 
chen Schopfungen gehoren, die gerade auf die Erregung 
derjenigen Seelenkrafte hinarbeiten, die dem Lachen und 
Weinen zugrunde liegen. 

Wir sehen im Trauerspiel, in der Tragodie etwas hinge- 
stellt, was tatsachlich den astralischen Leib zusammen- 
preftt, um in unser Ich Festigkeit, innere Geschlossenheit 
hineinzubringen, wahrend im Lustspiei das hinges tellt 
wird, was den astralischen Leib weitet, indem sich der 
Mensch erhebt iiber das Torichte, iiber das in sich selbst 
Zusammenfallende und dadurch das Ich zur Befreiung 
bringen will. Wir sehen, wie es mit der Entwickelung 
des Menschen zusammenhangt, daft durch das Trauer- 
spiel, das Lustspiei kiinstliche Schopfungen vor seine 
Seele hingestellt werden. 

Wer die menschliche Natur und Wesenhek auch in 
den kleinsten Dingen beobachten kann, der wird sehen, 
daft ihn die alltaglichen Erlebnisse auch zum Verstandnis 
der groften Tatsachen fiihren konnen. Solche Dinge, die 
uns zum Beispiel in der Kunst vor Augen treten, zeigen 
uns, daft wir in der menschlichen Natur etwas haben, 
was wie ein Pendel hin und her zu schlagen hat zwischen 
dem, was in der Trane und was im Lachen sich auftert. 
Nur dadurch, daft das Ich in der Bewegung ist, entwik- 
kelt es sich weiter. In der ruhigen Pendellage wiirde es 
sich nicht vergroftern und weiter entwickeln, wiirde dem 
inneren Tode verfallen mussen. Recht ist es fur die 
menschliche Entwickelung, daft das Ich sich auf der 
einen Seite befreien kann durch das Lachen und auf der 
anderen Seite sich selber sucht noch in seinem Verlust, in 
der Trane. Allerdings, wenn zwischen zwei Polen der 



Ausgleich gesucht werden soil, so mufi er auch gefunden 
werden. Daher wird das Ich sich voll finden konnen nur 
im Ausgleich, niemals in dem Hinundherpendeln zwi- 
schen «himmelhoch jauchzend» und «zu Tode betriibt»; 
es wird sich nur finden konnen in der Ruhelage, die 
sowohl zu dem einen wie zu dem andern hingehen kann. 

Lenker und Leiter seines Daseins mufi der Mensch 
allmahlich im Laufe seiner Entwickelung werden. Wenn 
wir Lachen und Weinen verstehen, begreifen wir sie 
gerade als Geist-Offenbarungen und werden sagen: Der 
Mensch wird uns so recht durchsichtig, wenn wir sehen, 
wie er sich im Lachen einen aufieren Ausdruck fur ein 
inneres Befreiungsgefiihl sucht, und wie sich in der 
Trane ein inneres Befestigungsgefuhl ausdriickt, wenn 
das Ich in der Aufienwelt etwas verloren hat. - So haben 
wir im Lachen und Weinen zwei Pole, an denen sich uns 
die Geheimnisse der Welt zum Ausdruck bringen. 

Und fragen wir uns: Was ist im letzten Grunde das 
Lachen auf dem Menschenantlitz? - so wissen wir, es ist 
die geistige Offenbarung dafiir, dafi der Mensch heran- 
strebt zur Befreiung, dafi er sich nicht umschlingen lalk 
von den Dingen, die seiner nicht wiirdig sind, sondern 
sich mit Lacheln im Antlitz erhebt uber das, dessen 
Sklave er nie werden darf. Und die Trane auf dem 
Antlitz des Menschen ist uns der geistige Ausdruck fur 
die geistige Tatsache, dafi der Mensch selbst dann, wenn 
er den Faden zerrissen fuhlt zwischen sich und irgend- 
einem Wesen der Aufienwelt, diesen Faden noch sucht 
im Verlust; da£ er dann, wenn er sein Ich verfestigen 
will in der Trane, gerade darin zum Ausdruck bringen 
will: Ich gehore der Welt, und die Welt gehort zu mir, 
denn ich kann nicht ertragen das Losgerissensein von 
der Wek 



Nun verstehen wir, wie die Befreiung, die sich iiber 
alles Niedere und Bose erhebt, ausgedriickt werden durf- 
te durch das «Zarathustra- Lacheln », und wie man sagen 
konnte: bei diesem Lacheln jauchzten alle Geschopfe der 
Erde, und es flohen die Geister des Bosen! Denn dieses 
Lacheln ist das weltgeschichtliche Symbolum der geisti- 
gen Erhebung der freien Ich-Wesenheit iiber das, worin- 
nen sie nicht verstrickt werden soli. Und alles, was auf 
der Erde ist, darf aufjauchzen, wenn das, was seine 
Wesenheit ist, sich mit dem Lacheln der Zarathustra- 
Wesenheit erheben kann. Dann aber, wenn das Ich einen 
Augenblick hat, wo es sagt: Das Dasein ist nichts wert; 
ich will nichts mehr gemein haben mit der Welt! - Und 
wenn dann in seiner Seele aufzucken soil die Kraft, 
welche die Worte zum Bewulksein bringen soil: Die 
Welt gehort zu mir, ich gehore der Welt! - dann darf ein 
solcher Ausdruck gefunden werden in den Worten Goe- 
thes: «Die Trane quillt! Die Erde hat mich wieder!» 
Darin wird gefiihlt, dafi wir nicht ausgeschlossen sein 
diirfen von allem, was die Erde ist, dafi wir die Zusam- 
mengehorigkeit mit der Welt fiihlen diirfen, die sich in 
der Trane einen Ausdruck verschafft, wenn sie uns 
genommen wird. Das ist berechtigt in den tiefen Ge- 
heimnissen der Welt. 

Die Zusammengehorigkeit des Menschen mit der Welt 
kann uns die Trane auf seinem Antlitz verkiindigen, und 
des Menschen Befreiung von allem Niedrigen, das seiner 
habhaft werden will, kann uns das Lachen auf seinem 
Antlitz verkunden. 



WAS 1ST MYSTIK? 



Berlin, 10. Februar 1910 



Uber den Begriff, durch welchen die Betrachtung des 
heutigen Vortrags zusammengefalk wird, herrscht in den 
weitesten Kreisen vollstandige Verwirrung. Es ist noch 
nicht lange her, da konnte ich von jemand mit einer 
gewissen gelehrten Bildung horen: «Nun ja, man kann 
Goethe ja auch zu den Mystikern rechnen, denn Goethe 
hat doch zugegeben, dafi es etwas Dunkles und Uner- 
forschliches gebe.» Und man darf sagen, dafi das Urteil 
weiter Kreise im Grunde genommen mit einem solchen 
Ausdrucke getroffen ist. Was alles wird in der Welt nicht 
«Mystik», was alles insbesondere nicht «mystisch» ge- 
nannt! Wenn man von irgendeiner Sache nicht klar 
Bescheid weifi, wenn man so etwas hat von ihr, was da 
schwebt zwischen Nichtwissen und einer recht unklaren, 
dunklen Ahnung, sagt man: diese Sache sei mystisch 
oder mysterios; wenn man versucht ist, aus einer gewis- 
sen Bequemlichkeit des Denkens und der seelischen 
Forschung heraus festzustellen, dafi man uber irgendeine 
Sache nichts Rechtes weifi, und dann, wie es fur viele 
Menschen selbstverstandlich ist, auch aller Welt verbie- 
tet, dariiber etwas zu wissen, dann sagt man: das ist eben 
eine mystische Sache. Kurz, eigentlich wird dasjenige, 
woriiber man hochstens erlaubt, eine Gefiihlsahnung zu 
haben, sehr haufig als der Gegenstand der Mystik be- 
zeichnet. 

Allerdings wird man, wenn der Ausdruck «Mystik» 
auch nur in bezug auf seine historische Herkunft in 



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Betracht gezogen wird, eine ganz andere Anschauung 
gewinnen miissen iiber dasjenige, was bedeutsame Gei- 
ster der Menschheit unter Mystik verstanden haben, und 
was sie vor alien Dingen an der Mystik glauben besessen 
zu haben. Man wird dann insbesondere auch bemerken 
konnen, dafi es schon menschliche Persdnlichkeiten gibt, 
welche den Gegenstand der Mystik nicht etwas Uner- 
forschliches und Unklares nennen, sondern welche als 
Gegenstand der Mystik gerade dasjenige bezeichnen, 
was durch eine gewisse hohere Klarheit, durch ein gewis- 
ses helleres Licht unserer Seele zu erringen ist, und daft 
da gerade jene Klarheit aufhort, welche die anderen 
Wissenschaften geben konnen, wo die Klarheit der My- 
stik beginnt. Das ist die Uberzeugung derjenigen, welche 
vermeinen, wirklich Mystik besessen zu haben. Nun 
treffen wir Mystik in uralten Zeiten der Menschheitsent- 
wickelung. Jedoch dasjenige, was zum Beispiel innerhalb 
der hier auch schon ofter erwahnten Mysterien, sagen 
wir Mysterien der Agypter, Mysterien der asiatischen 
Volker und der Griechen, was da Mystik genannt wur- 
de, liegt dem heutigen Vorstellungsvermogen und der 
ganzen heutigen Vorstellungsart so fern, dafi es etwas 
schwierig ist, von vornherein einen Begriff der Mystik 
zu geben, wenn man auf diese alten Formen des mysti- 
schen Erlebens der Menschen hinweist. Am nachsten 
wird man dem gegenwartigen Vorstellen noch kommen, 
wenn man zunachst hinweist auf die der Gegenwart 
sozusagen noch nahe liegenden Formen der Mystik, wie 
sie bei den deutschen Mystikern auftritt, bei Meister 
Eckhart angefangen - etwa im 13., 14. Jahrhundert -, 
und dann einen gewissen Hohepunkt erreicht in dem 
unvergleichlichen Mystiker Angelus Silesius. Wenn wir 
die Mystik da aufsuchen, werden wir finden, dafi diese 



Mystik ein wirkliches Erkennen der tiefsten Welten- 
griinde sucht; und zwar ist das Suchen dieser Mystiker, 
die heute noch am besten verstanden werden konnen, 
auf eine besondere Art zu denken. Es ist ein Suchen 
nach den Gninden des Daseins durch ein rein inneres 
Seelenerleben, eine Erkenntnis, welche gesucht wird vor 
alien Dingen dadurch, dafi sich die Seele frei macht von 
alien Eindriicken der Aufienwelt und au£eren Wahrneh- 
mungen, da& sie sich sozusagen zuriickzieht von dem 
Leben der Auftenwelt und versucht, hinunterzusteigen 
in die tiefen Untergriinde des Seelenlebens. Wenn gleich- 
sam ein solcher Mystiker ailes dasjenige vergessen kann 
auf lange oder kurze Zeit, was ihm seine Sinne iiberlie- 
fern, was ihm der Verstand sagen kann iiber dasjenige, 
was ihm die Sinne iiberliefern, wenn er sozusagen ganz 
ablenkt die Aufmerksamkeit von aller Auftenwelt und 
ganz und gar in der eigenen Seele lebt und dann dasjeni- 
ge sucht, was da noch erhalten bleibt und sich noch 
erleben lafit, wenn die Seele mit sich ganz allein ist: dann 
fuhlt sich ein solcher Mystiker auf dem Wege zu der von 
ihm gesuchten Erkenntnis, und er vermeint, durch ein 
solches Innenleben dessen, was die Seele in sich selber 
erschafft und in sich selber in Tatigkeit zu setzen ver- 
mag, nicht nur auf das zu blicken, was man im gewohnli- 
chen Leben denken, fiihlen und wollen kann, sondern er 
glaubt hinter all dem, was das gewohnliche Denken, 
Fiihlen und Wollen ist, den Grund zu erschauen, aus 
dem die Seele heraus entsprossen ist: namlich den gott- 
lich-geistigen Urgrund der Dinge. Und weil ein solcher 
Mystiker in der Seele die wertvollste Form des Daseins 
sieht, weil er in der Seele dasjenige sieht, was zunachst 
im wahren Sinne des Wortes sich ein Kind der gottlichen 
Geistigkeit nennen darf, so glaubt er einen sicheren Weg 



zu haben, wenn er durch das gewdhnliche Seelenleben 
hindurchblickt auf den Quell, aus dem diese Seele ent- 
sprungen ist, und von dem er glaubt, dafi sie zu ihm 
auch zuriickkehren mufi. Mit anderen Worten: der My- 
stiker ist der Meinung, daft er durch das Versenken ins 
innere Seelenleben den gottlichen Weltengrund findet, 
den er nicht finden kann, wenn er die aufieren Erschei- 
nungen der Natur noch so sehr zergliedert und mit dem 
Verstande zu begreifen sucht. Ein solcher Mystiker ver- 
meint, dafi dasjenige, was sich den aufieren Sinnen dar- 
bietet, einen Schleier bildet, durch den das menschliche 
Erkennen nicht unmittelbar durchdringen kann bis zu 
den gottlichen Urgriinden; dafi aber dasjenige, was man 
in der Seele erlebt, ein viel diinneres Gewebe, ein viel 
diinneres Schleiergewebe darstellt, und dafi man auf dem 
Wege nach innen vordringen kann zu dem, was der 
gottliche Weltengrund ist, der ja auch den aufteren Er- 
scheinungen zugrunde liegen mufi. Das ist die Mystik, 
die in der Form des Erlebens zunachst sich uns charakte- 
risiert als der mystische Weg des Meisters Eckhart, der 
Weg des Johannes Tauler und der Weg des Suso; und 
dann welter durch die Mystik dieses Zeitalters, bis zu 
dem oben genannten Angelus Silesius. 

Man muft sich allerdings klar dariiber sein, daft diese 
Geister und Personlichkeiten auf solchem Wege des 
Erkenntnisstrebens nicht allein glaubten, nur dasjenige 
blofi zu finden, was man von vornherein unmittelbar 
betrachten konnte als das Ergebnis innerer Seelenfor- 
schung. Wir haben uns ja in den Vortragen dieses Win- 
ters in der mannigfaltigsten Art und von den verschie- 
densten Seiten her mit dieser inneren Seelenforschung 
beschaftigt; wir haben darauf hinweisen konnen, dafi, 
wenn man hineinblickt in das, was man berechtigt ist, 



das menschliche Innere zu nennen, man da zunachst 
findet die dunkelsten Untergriinde der Seek, da wo die 
Seele noch hingegeben ist den Affekten wie Schrecken, 
Furcht, Angst und Hoffnung, was wir die Skala von 
Lust und Leid, Freude und Schmerz nennen konnen. 
Wir haben gesagt, dafi wir diesen Teil des Seelenlebens 
zusammenfassen in dem, was man Empfindungsseele 
nennt. Wir haben weiter gesagt, wie nun ferner unter- 
schieden werden mufi in dem dunklen Grunde des 
menschlichen Seelenlebens das, was man Verstandes- 
oder Gemutsseele nennt, in das man gelangt, wenn das 
Ich, der Mittelpunkt des Seelenlebens, die aufteren Ein- 
driicke verarbeitet, wenn es in stiller Hingabe wirken 
und ausgleichen lafit, was in der Empfindungsseele aufle- 
ben kann. Wir haben gesagt, dafi das, was man innere 
Wahrheit nennt, in der Verstandesseele aufgeht. Wenn 
dann das Ich weiter arbeitet in innerer Tatigkeit an dem, 
was es gewonnen hat auf diesem Wege zur Verstandes- 
seele, dann arbeitet das Ich sich hinauf zur Bewufitseins- 
seele, wo erst eine klare Ich-Erkenntnis moglich ist, wo 
das moglich ist, was aus einem blofien Innenleben wie- 
derum hinauffuhrt zu einem Wissen, zu einem wirkli- 
chen Wissen iiber die Welt. So haben wir gleichsam, 
wenn wir diese drei Glieder des Seelenlebens uns vor 
Augen stellen, das Gewebe dessen, was wir finden, wenn 
wir uns zunachst unmittelbar in unser Inneres versen- 
ken. Wir finden, wie das Ich an diesen drei Seelenglie- 
dern arbeitet. 

Diejenigen, die als Mystiker Erkenntnis gesucht haben 
in der angegebenen Art, die glaubten allerdings noch 
etwas anderes zu finden durch das Untertauchen in die 
Tiefe des Seelenlebens. Fur sie war das, was eben ge- 
nannt wurde, nur eine Art Schleiergewebe, durch das 



man hindurch mu£, um zu dem Quell des Daseins zu 
gelangen. Und vor alien Dingen glaubten diejenigen, die 
genannt worden sind, wenn sie zu dem Quell des Seelen- 
daseins gelangen, dann wiirden sie als inneres Erlebnis 
dasjenige durchmachen, was in der aufieren Geschichte 
dargestellt wird als das Ereignis des Christus-Lebens 
und Christus-Sterbens. 

Nun liegt ja allerdings folgendes vor, wenn diese 
mystische Vertiefung auch nur im mittelalter lichen Sinne 
in der Seele stattfindet: Der Gang eines solchen Mysti- 
kers ist der, daft er zunachst der Auftenwelt gegeniiber- 
steht mit den mannigfaltigsten Eindriicken auf das Ge- 
sicht, Gehor und andere Sinne. Er sagt sich: Ich habe die 
Licht-, Farben-, Ton- und Warmewelt und alles das vor 
mir, was mir meine Sinne ixberliefern; und ich bearbeite 
zunachst dasjenige, was mir meine Sinne iiberliefern 
durch meinen Verstand. Da bin ich aber immer an die 
Auftenwelt hingegeben, da kann ich nicht durch das 
dichte Gewebe durchdringen bis zu dem Quell, aus dem 
das stammt, was sich mir als Tone, Farben und Empfin- 
dungen darlegt. Meine Seele aber behalt in ihren Vorstel- 
lungen dasjenige zuriick, was Bilder dieser Aufienwelt 
sind, meine Seele behalt vor alien Dingen auch dasjenige 
in sich, was sie wahrend der Eindriicke empfunden und 
gefiihlt hat. Die Eindriicke der Aufienwelt bleiben ja fur 
unsere Seelenwelt nicht das, was wir kalte, niichterne 
Vorstellungen nennen konnen. Denn das eine beriihrt 
uns so, dafi wir mit Lust, das andere so, dafi wir mit 
Schmerz erfullt werden; das eine beriihrt uns mit Sympa- 
thie und das andere mit Antipathic Mit unseren Interes- 
sen und mit unserem ganzen Innenleben weist uns sozu- 
sagen unser Ich auf die Welt, die auf uns Eindriicke 
macht, welche uns bald erheben und bald erdriicken, so 



dafi, wenn wir uns als Mystiker zunachst abwenden von 
dieser Aufienwelt, wir zuriickbehalten die Vorstellungen 
und Erinnerungen, die uns innere Bilder geben von der 
Aufienwelt, aber auch das, was wir in unseren Empfin- 
dungen und Gefiihlen als den subjektiven Eindruck von 
der Aufienwelt empfangen haben. Da stehen wir nun mit 
all dem, so wiirde der Mystiker sagen, was die Aufien- 
welt in uns hineingewirkt hat. So leben wir zunachst mit 
dem, was die Aufienwelt in der Seele vom Morgen bis 
zum Abend erzeugt, und dem, was als Lust und Leid in 
unserer Seele auflebt. So erscheint uns das innere Leben 
zunachst als eine Wiederholung und Abspiegelung des 
aufieren Lebens. 

Bleibt unsere Seele nun leer, wenn sie sich bemuht, 
alles das zu vergessen, was von der Aufienwelt in ihr 
gespiegelt wird, wenn sie alle Eindrucke und Vorstel- 
lungen der Aufienwelt tilgt? Das eben ist das Erleben des 
Mystikers, da£ es fur die Seele eine andere Moglichkeit 
gibt: daft diese Seele, wenn sie sozusagen vergifit nicht 
nur alle Erinnerungen, sondern auch alles, was sie als 
Sympathie und Antipathie fuhlt, dann noch eine Mog- 
lichkeit hat, dafi in ihr noch etwas da ist. So fuhlt der 
Mystiker, dafi die Eindrucke der Aufienwelt mit den 
bunten Bildern und ihren Wirkungen auf die Seele, dafi 
diese zunachst das Lebendige sind, was uns hinnimmt in 
unserem Innenleben; dafi die etwas erdruckt haben, was 
in den geheimen Untergriinden der Seele vorhanden ist. 
Das fuhlt der Mystiker. Er sagt sich: Wenn wir dem 
Auftenleben hingegeben sind, dann wirkt dieses Leben in 
der Aufienwelt wie ein starkes, machtiges Licht, das die 
feineren, inneren Seelenerlebnisse iiberleuchtet und aus- 
loscht, wie ein starkes Licht ein geringeres Licht aus- 
loscht. Und dann, wenn wir alle die Eindrucke der 



Aufienwelt tilgen, dann leuchtet auf das sonst iiberleuch- 
tete innere Fiinklein, wie Eckhart sich ausdriickt - dann 
erfahren wir in unserer Seele nicht ein Nichts, sondern 
wir erfahren dann in der Seele etwas, was vorher schein- 
bar nicht vorhanden war, was unwahrnehmbar gewesen 
ist durch das laute Getose der Auftenwelt. 

Aber das, was wir in unserem Inneren erleben, lafit 
sich das, so fragt sich der Mystiker, wenn er sich selber 
klarwerden will, vergleichen mit dem, was wir in der 
Aufienwelt erleben? Nein, das lafit sich damit nicht 
vergleichen. Das unterscheidet sich radikal von dem, was 
wir in der Aufienwelt erleben. Allen Dingen der Auften- 
welt stehen wir ja so gegemiber, dafi wir zunachst in ihr 
Inneres nicht hineindringen konnen, dafi sie uns wirklich 
nur ihre Aufienseite darbieten. So dafi wir denken kon- 
nen: wenn wir auch blo£ die Farben und Tone wahr- 
nehmen, hinter ihnen steckt etwas, was zunachst als das 
Verborgene der Dinge angesehen werden muft; bei dem 
aber, was wir in der Seele erleben, wenn wir die Ein- 
driicke und Vorstellungen der Aufienwelt tilgen, bei 
dem liegt es so, dafi wir selber darinnen stecken, dafi wir 
es selber sind, dafi wir nicht sagen konnen, es zeigt uns 
nur seine Aufienseite. Denn gerade das, was sonst macht, 
dafi wir ein verborgenes Inneres vermuten konnen, das 
fallt weg beim wirklichen inneren Erleben. Und wenn 
wir nun die Gabe haben, dafi wir uns dem hingeben, was 
da im Innern aufleuchtet, dann zeigt es sich in seiner 
wahren Wesenheit so, dafi es sich wiederum unter- 
scheidet gegeniiber all dem, was uns in der Aufienwelt 
entgegentritt. Das letztere zeigt sich uns so, dafi es 
entsteht und vergeht, dafi es aufbluht und verwelkt, dafi 
es geboren wird und stirbt. Wenn wir aber dieses beob- 
achten, was in der Seele sich zeigt, wenn jenes kleine 



Fiinklein anfangt zu leuchten, so merken wir in der 
Sache selber, dafi alle die Begriffe von Entstehen und 
Vergehen, Geburt und Tod darauf nicht anwendbar 
sind; dafi uns etwas Selbstandiges entgegentritt, dem 
gegeniiber alle Begriffe von Entstehen und Vergehen, 
von Bliihen und Welken, von Aufien und Innen, die uns 
in der Aufienwelt begegnen, keinen Sinn mehr haben. So 
ergreifen wir nicht eine Oberflache, eine Aufienseite der 
Offenbarung des Dinges in der Seele, sondern wir ergrei- 
fen das Ding selber in seiner wahren Wesenheit, und 
gerade dadurch konnen wir durch diese innere Erkennt- 
nis dazu kommen, Burgschaft zu erlangen von dem, was 
in uns selber unverganglich ist, was in uns selber gleich 
ist dem, was wir uns als den Begriff des Geistes bilden 
miissen, in dem alle Materie ihren Urgrund hat. Dieses 
Erlebnis empfindet nun der Mystiker so, dafi er sagt: 
Also mufi ich in mir ertoten, in mir iiberwinden alle die 
Erlebnisse, die ich sonst habe; sterben mull in mir das 
gewohnliche Seelenleben und Tod mufi sich ausbreiten; 
dann steigt herauf die wahre Seele, die Siegerin iiber 
Geburt und Tod. Und diese Erweckung des inneren 
Seelenkernes nach dem Tode des gewohnlichen Seelenle- 
bens, das empfindet der Mystiker wie eine innere Auf er- 
weckung, wie ein Nachleben dessen, was ihm vorgestellt 
wird in dem Bilde, das die Geschichte iiberliefert im 
Leben, Sterben und Auferstehen des Christus. So sieht 
der Mystiker in sich selber seelisch-geistig ablaufen das 
Christus-Ereignis als inneres mystisches Erlebnis. 

Nun miissen wir uns, wenn wir den Mystikern folgen 
auf dies em Pfade, klar sein dariiber, dafi Mystik, so 
betrieben, iiberall hinfiihren mufi zu dem, was man 
nennen kann eine gewisse Einheit in allem Erleben. Das 
liegt eben in der Natur unseres Seelenlebens, dafi wir aus 



der Mannigfaltigkeit der Sinnesimpulse, aus der Mannig- 
faltigkeit der auf und ab wogenden Wahrnehmungen 
und Gefuhle, aus der Mannigfaltigkeit und Fiille der 
Gedanken heraus zur Vereinfachung vorschreiten, und 
zwar aus dem einfachen Grunde, weil in der Seele das 
Ich lebt, das Zentrum des Lebens, das immer daran 
arbeitet, Einheit zu schaffen in unserem ganzen Seelen- 
leben. So dafi wir uns sagen mussen: Es ist uns ganz 
erklarlich, dafi, wenn der Mystiker die Pfade der Seelen- 
erlebnisse beschreitet, sich ihm diese so darstellen, dafi 
alles Mannigfaltige und alles Viele nach der Einheit 
hinstrebt, die einfach durch das in unserem Innern le- 
bendige Ich gegeben ist. Daher werden wir bei alien 
Mystikern eine Weltanschauung ausgepragt finden, wel- 
che man geistigen Monismus nennen konnte, ein Streben 
nach der Einheit. Und da der Mystiker sich bis zu der 
Erkenntnis erhebt, da£ das innere Seelenwesen Eigen- 
schaften hat, die radikal verschieden sind von den Eigen- 
schaften der aufierlich sich offenbarenden Welt, so erlebt 
er sozusagen auch in seinem Innern die Gleichartigkeit 
des sen, was in der Seele als ihr Kern ist, mit dem 
gottlich-geistigen Weltengrund, den er daher als einen 
einheitlichen darstellt. 

Was jetzt erzahlt worden ist, soli nur als eine Erzah- 
lung hingenommen werden. Es ist unmoglich, die Aussa- 
gen eines Mystikers anders im neuzeitlichen Sinne wie- 
derzugeben, als etwa von einem mystischen Erlebnis aus, 
von den mystischen Erlebnissen aus, die eben die eigene 
Seele als ureigenste Erfahrung durchmacht. Da kann 
man dann das Fremde, was der Mystiker uns erzahlt, 
vergleichen mit den eigenen Erlebnissen. Aber eine aufie- 
re Kritik ist unmoglich, weil man sich nur erzahlen 
lassen kann, was erlebt wird, wenn man es nicht selbst 



erlebt hat. Aber es stellt sich uns, wenn wir von dem 
Gesichtspunkte ausgehen, der immer unseren Vortragen 
zugrunde gelegen hat, ein klarer Weg hin, den der 
Mystiker beschreitet. Es stellt sich fur unsere Seele der 
Weg nach dem Innenleben dar; und das ist zunachst, 
wenn wir die Dinge auch nur geschichtlich betrachten, 
wie sie sich in der Menschheitsgeschichte ergeben haben, 
eben einer der Wege. Wenn man auch diesen oder jenen 
fur richtig halt, es ist einer der Wege, den der mensch- 
liche Geist zur Erforschung der Dinge ergriffen hat, und 
man wird sich iiber die eigentliche Antwort auf die 
Frage: Was ist Mystik? - nur Klarheit verschaffen kon- 
nen, wenn auch ein wenig hineingeleuchtet wird auf den 
anderen Weg, der eingeschlagen werden kann. Den My- 
stiker fuhrt sein Weg zur Einheit, zu einem gottlich- 
geistigen Wesen. Das hat sich ihm ergeben dadurch, daft 
er den Weg nach innen einschlug, wo das Ich die Einheit 
der Seelenerlebnisse ist. Der andere Weg, an dem sozusa- 
gen das mystische Erforschen des Daseins oder der 
Daseinsgriinde beleuchtet werden muft, das ist der Weg, 
den der Menschengeist doch immer versucht hat - durch 
den Schleier der Aufienwelt zu dringen nach den Griin- 
den des Daseins. Da ist es vor alien Dingen neben vielem 
anderen die menschliche Gedankenarbeit gewesen, wel- 
che versucht hat, durch das, was die Sinne sehen konnen, 
und durch das, was der Alltagsverstand begreifen kann, 
im tieferen Denken doch dasjenige zu begreifen, was so 
unter der Oberflache der Dinge Iiegt. Wohin kommt 
naturgemaft im Gegensatz zur Mystik zuletzt ein solcher 
Weg? Ein solcher Weg kann eigentlich, wenn man alle 
Verhaltnisse, die dabei in Betracht kommen, beriick- 
sichtigt, im Grunde genommen zu nichts anderem fiih- 
ren, als aus der Vielheit und der Mannigfaltigkeit der 



aufteren Erscheinungen zuriickzuschlieften auch auf eine 
Vielheit der geistigen Untergriinde des Daseins. Darum 
finden in den neueren Zeiten die Menschen, welche, wie 
etwa Leibniz oder spater Herbart, durch das Denken 
diesen Weg betreten haben, daft es nicht angeht, aus 
irgendeiner Einheit heraus die Fiille der aufteren Erschei- 
nungen zu erklaren. Sie fanden kurz dasjenige, was man 
als den wahren Gegensatz aller Mystik bezeichnen mufi : 
sie fanden die Monadologie, sie kamen dazu, die Welt 
anzusehen, oder sagen wir, das Reich der Urgriinde der 
Welt anzusehen als eine Vielheit von Monaden, von 
geistigen Wesenheiten. 

So sagt sich Leibniz, der grofte Denker des 17. und 18. 
Jahrhunderts: Wenn wir da hinblicken auf das, was uns 
im Raum und in der Zeit entgegentritt, so kommen wir 
nicht mehr zurecht, wenn wir glauben, daft das aus einer 
Einheit stammt; da miissen viele Einheiten zusammen- 
wirken. 

Und durch die gegenseitige Tatigkeit der Monaden, 
die er sich geistig vorstellt, durch die Tatigkeit einer 
Monadenwelt kommt das zustande, was dem Auge, dem 
Ohr und den aufteren Sinnen sich darbietet. Es kann 
heute nicht ausgefiihrt werden, aber einer tieferen Be- 
trachtung der Entwickelung des Geistes wiirde sich erge- 
ben, daft alle diejenigen, welche Einheit auf dem Wege 
nach auften suchten, zunachst im Grunde genommen 
sich einer Tauschung hingaben, der Tauschung, daft sie 
das, was nur im Innern mystisch erlebt wird, die Einheit, 
nach auften warfen wie eine Projektion oder eine Art 
Schattenbild und glaubten, die Einheit, die sie durch den 
Weg nach innen fanden, die liege auch durch das Den- 
ken erreichbar der Auftenwelt zugrunde und ware dort 
auch zu finden. Ein gesundes Denken findet aber keine 



Moglichkeit, in der Aufienwelt durch das Denken zur 
Einheit zu kommen, sondern findet, dafi das, was uns da 
in bunter Mannigfaltigkeit entgegentritt, durch das Zu- 
sammenwirken und Einflieften von verschiedenen We- 
senheiten, die sich gegenseitig beeinflussen, zustande 
kommen mufi durch Monaden. So fiihrt Mystik zur 
Einheit, weil das Ich in unserem Innern arbeitet als ein 
Einheitliches; weil es als Zentrum der Seele arbeitet. So 
fiihrt der Weg durch die Aufienwelt notwendigerweise 
zur Vielheit, zur Monadologie, sozusagen zur Anschau- 
ung, dafi viele Geistwesen zusammenwirken miissen, um 
unser Weltbild zustande zu bringen, weil wir von vorn- 
herein als menschliche Beobachter der Welt, wenn wir 
nach aufien blicken, durch eine Vielheit von Organen 
und eine Vielheit von einzelnen Beobachtungen uns die 
Erkenntnis der Aufienwelt verschaffen. 

Hier kommen wir an einen Punkt, der einmal ausge- 
sprochen werden darf , der von einer grenzenlosen Wich- 
tigkeit und Bedeutung ist, der aber sozusagen in der 
Geschichte des Geisteslebens nur allzuwenig beriick- 
sichtigt worden ist: Mystik fiihrt zur Einheit; aber die 
Tatsache, dafi sie das gottliche Grundwesen als Einheit 
erkennt, riihrt von der inneren Seelenverfassung, von 
dem Ich her. Das Ich driickt seinen Stempel der Einheit 
auf, wenn man den gottlichen Geist ansieht als Mystiker. 
Das Schauen nach der Aufienwelt fiihrt zur Vielheit der 
Monaden. Aber nur unser Anschauen und die Art und 
Weise, wie die Aufienwelt uns entgegentritt, fiihrt zur 
Vielheit, und daher schauen Leibniz und Herbart die 
Untergriinde der Welt in einer Vielheit. Das, was sich 
durch ein tieferes Forschen aus dieser Tatsache ergibt, 
ist, dafi Einheit und Vielheit Begriffe sind, die gar nicht 
angewendet werden diirfen da, wo man eigentlich den 



gottlich-geistigen Weltengrund vermutet; dafi Einheit 
und Vielheit etwas sind, was uns gar nicht dienen soil 
zur Charakteristik des gottlich-geistigen Weltengrundes; 
dafi dieser gottlich-geistige Weltengrund nicht dadurch 
charakterisiert werden kann, wenn er in seiner Wesen- 
heit charakterisiert werden soil, dafi wir sagen, er sei ein 
einheitlicher, oder dafi wir sagen, er sei ein monadologi- 
scher, ein vielheitlicher. Sondern wir miissen sagen, er ist 
erhaben iiber das, was Einheit und Vielheit zunachst 
sind; Vielheit und Einheit sind Begriffe, die gar nicht 
dahin reichen, wo das Gottlich-Geistige zu fassen ist. 

Damit wird allerdings ein Gesetz ausgesprochen, wel- 
ches Licht werfen kann auf vieles, was man Streit nennt 
in der Weltanschauung, den Streit zwischen Monismus 
und Monadologismus. Sie treten so oft als Gegensatz in 
den Weltanschauungen auf. Wiirden diejenigen, die da 
streiten und diskutieren, sich bewulk sein, dafi sie mit 
unzulangiichen Begriffen gegeniiber dem Weltengrund 
arbeiten, dann erst wiirden sie das richtige Licht werfen 
auf den Gegenstand ihrer Diskussion. 

Wir haben nun sozusagen gefunden, worin das Wesen 
der eigentlichen Mystik besteht. Wir konnen sagen: es 
ist ein inneres Erleben, aber ein so geartetes inneres 
Erleben, dafi es den Mystiker zu einer wirklichen Er- 
kenntnis fiihren soil. Darf er auch nicht sagen, daft es 
Wahrheit ist, wenn er den Gegenstand seines Erlebens 
als Einheit bezeichnet, weil die Form der Einheit nur aus 
dem eigenen Ich kommt, so darf er doch immerhin 
sagen, daft er als ein Darinnenstehender die geistige 
Substantiality in sich erlebt. 

Wenn wir nun von dieser allgemeinen Darstellung und 
Charakteristik der Mystik zu den einzelnen Mystikern 
iibergehen, dann finden wir gar haufig dasselbe, worauf 



sich ja die Gegner aller Mystik berufen. Da finden wir, 
da£ jenes innere Erleben in der einzelnen Individualist, 
in der einzelnen Personlichkeit eben auch individuelle 
Formen annimmc; das heifit, dafi die Erlebnisse, die 
inneren Seelenerfahrungen des einen Mystikers nicht 
vollig zusammenstimmen mit den Seelenerfahrungen des 
anderen Mystikers. Nun braucht man sich iiber diese 
Tatsache bei einem klaren Denken nicht sonderlich zu 
verwundern, denn dadurch, dafi zwei Menschen etwas 
Verschiedenes erleben, folgt noch gar nicht, dafi die 
Sache falsch sei, iiber die sie sprechen. Wenn einer einen 
Baum von rechts, ein anderer denselben Baum von links 
ansieht und sie beschreiben ihn, so wird es derselbe 
Baum sein, aber jeder wird ihn anders beschreiben, und 
doch kann jede Beschreibung wahr sein. Aus diesem 
einfachen Bilde kann man auch verstehen, warum die 
Seelenerfahrungen der einzelnen Mystiker verschieden 
sind: der Mystiker tritt ja nicht als eine sozusagen 
absolut leere Tafel vor sein Innenerleben. Wenn es auch 
sein Ideal ist, die aufieren Erlebnisse abzutoten und 
auszutilgen und die Aufmerksamkeit von ihnen vollig 
abzuziehen, so ist es doch so, dafi die aufieren Erlebnisse 
in ihm einen Seelenrest lassen, und daft es nicht gleich- 
gultig ist, ob einer, der Mystiker wird, dieses oder jenes 
erlebt hat. Es bleibt schon von Einflufi, ob der Mystiker 
aus diesem oder jenem Volkscharakter herausgewachsen 
ist, ob er dieses oder jenes im Leben erfahren hat. Wenn 
er jetzt auch alles das, was er erfahren hat, aus der Seele 
herauswirft, so wird dennoch, was er innerlich erlebt, 
einen Ausdruck erhalten von dem, was er vorher erlebt 
hat. Er mufi es auch beschreiben mit Begriffen und Ideen 
und Worten, die er hereinbringt aus seinem bisherigen 
Leben. Es kann bei verschiedenen Mystikern durchaus 



dasselbe sein, was sie erleben, auch wenn sie es mit 
verschiedenen Mitteln der vorherigen Erlebnisse be- 
schreiben. Und erst fiir den, der imstande ist, durch 
selbsteigenes inneres Erleben abzusehen von dem, was 
Individuelles an der Beschreibung und Darstellung 
ist, fiir den wird es moglich sein, doch zu erkennen, 
daft, wenn sich die verschiedenen Mystiker noch so 
verschieden ausdriicken, das was sie erleben, das Re- 
ale der Erfahrung, im Grunde genommen doch das glei- 
che ist; gerade so, wie wenn man einen Baum von ver- 
schiedenen Seiten photographiert, diese Photographien 
verschieden aussehen und doch derselbe Baum zugrun- 
de liegt. 

Ein anderes aber gibt es, was allerdings in einer gewis- 
sen Weise ein Einwand ist gegen mystisches Erleben; 
und da hier nicht aus einer Sympathie oder Antipathie 
geschildert werden soli, sondern in objektiver Darstel- 
lung, so darf nicht verschwiegen werden, daft dieser 
Einwand berechtigt ist gegen alle Mystik. Dadurch, daft 
das mystische Erleben ein intimes inneres Seelenerleben 
sein muft, und der Mystiker den Rest mit hineinnimmt, 
der von seinen individuellen Erlebnissen und Erfah- 
rungen, bevor er Mystiker geworden ist, herruhrt, so 
wird es in der Regel aufterordentlich schwierig sein, daft 
dasjenige, was ein Mystiker sagt, weil es so sehr an die 
eigene Seele gebunden ist, richtig verstanden und iiber- 
haupt von einer anderen Seele voll aufgenommen werden 
kann. Das Intimste wird immer bis zu einem Grade 
intim bleiben miissen in aller Mystik und wird sich 
aufterordentlich schwer mitteilen lassen; selbst dann, 
wenn man einen noch so hohen Grad des Verstandnisses 
und Entgegenkommens dem Mystiker entgegenbringt, 
wird es schwierig sein. Warum? Das wird aus dem 



Grunde der Fall sein, weil zwar das, was verschiedene 
Mystiker wahrend ihres mystischen Erlebens erfahren, 
dasselbe ist, wenn nur beide Mystiker weit genug vorge- 
schritten sind - und derjenige, der den guten Willen hat, 
sich eine Uberzeugung davon zu verschaffen, der wird 
schon erkennen, daft beide Mystiker auf dasselbe hinwei- 
sen daft es aber ein anderes ist, was der eine Mystiker 
und der andere vor seinem mystischen Erlebnis erlebt 
hat. Daher - weil das mystische Erlebnis gefarbt wird 
durch das vorhergehende Erleben -, daher werden die 
Ausdriicke, das Geprage der Darstellung, die gerade 
nicht aus dem mystischen Erleben, sondern aus dem 
vormystischen Leben des Mystikers stammen, uns im- 
mer etwas unverstandlich bleiben, wenn wir uns nicht 
auch bemiihen, den Mystiker so aufzufassen, daft wir 
eingehen auf sein vormystisches Erleben; daft wir uns 
eine Anschauung verschaffen, warum er seine mysti- 
schen Erlebnisse gerade so darstellt. Dadurch wird aber 
der Blick abgelenkt von dem allgemeinen Giiltigen zu 
einem personlichen Interesse an dem Mystiker. Das ist 
nun eine Tats ache, die wir auch in gewisser Beziehung in 
der Entwickelungsgeschichte der Mystik beobachten. 
Wir konnen sagen, daft wir gerade bei den intimsten 
Mystikern absehen miissen davon, daft sozusagen das, 
was sie hinstellen als ihre Erkenntnis, so wie es ist, auch 
auf einen anderen iibertragen und von ihm angenommen 
werden kann. Es kann schwer verallgemeinert werden, 
es kann sozusagen die mystische Erkenntnis nicht leicht 
allgemeine Welterkenntnis werden. 

Um so starker kann aber gerade das Interesse an der 
Individuality, an der Personlichkeit des Mystikers wer- 
den, und wir konnen unendlich reizvoll finden, die 
mystische Personlichkeit zu betrachten, insofern sich in 



ihr das allgemeine Weltbild spiegelt. So wird gewisser- 
mafien das, was der Mystiker darstellt, und was doch 
von ihm nur deshalb geschatzt wird, weil es ihn zu den 
Untergriinden und Quellen des Daseins fiihrt, uns von 
einem geringeren Interesse sein in bezug auf das Objekti- 
ve, was es uns iiber die Welt sagt; und es wird uns 
gerade interessant mit Bezug auf den einzelnen Men- 
schen, mit Bezug auf das Subjektive, das heifit auf die 
mystische Individuality. Fur den also, der den Mystiker 
mit seiner Mystik betracbtet, ist eigentlicb gerade das 
wertvoll, was der Mystiker selber iiberwinden will, das 
Personliche, das Unmittelbare, wie er der Welt gegen- 
iibersteht. So konnen wir allerdings unendlicb viel iiber 
die Tiefe der menschlichen Natur erfahren, wenn wir 
sozusagen die Menschheitsgeschichte betrachten, von 
Mystiker zu Mystiker schreitend; aber es wird uns 
schwerfallen - das kann nie genug betont werden - zu 
sagen: dieser oder jener Mystiker liefert uns dieses oder 
jenes, was fur uns, so wie er es sagt, unmittelbare 
Giiltigkeit haben kann. 

Da stellt sich vielleicht doch objektiv der Mystik 
gegeniiber die Monadologie, welche darauf ausgeht, die 
alien Menschen gemeinsame Aufienwelt denkend zu be- 
trachten. Daher hat man auch das Gefuhl gegeniiber 
diesen monadologischen Systemen, daft zwar in ihnen 
Irrtum iiber Irrtum vorkommen kann, daft man aber 
iiber sie diskutieren und nach seinem subjektiven Ent- 
wickelungsstandpunkt etwas daruber ausmachen kann. 
Ein Irrtum des Monadologen ware in diesem Sinne 
wenigstens nur nach seiner Entwickelungsstufe denkbar. 

So kann also die Mystik, die zunachst hier geschildert 
worden ist, unendlich reizvoll sein, aber wir werden 
doch ihre Grenze ganz objektiv ins Auge fassen, wenn 



wir das auf die Seele wirken lassen, was zu ihrer Charak- 
teristik eben jetzt gesagt worden ist. 

Eine andere Beleuchtung erfahrt dasjenige, was das 
Wesen der Mystik ist, dann, wenn wir es messen an 
dem, was wir sozusagen aus dem tieferen Geistesleben 
unserer Gegenwart heraus gewinnen als die eigentliche 
geisteswissenschaftliche Methode, zu den Urgriinden des 
Daseins vorzudringen. Man versteht ja in der Regel eine 
Sache, die gewisse Schwierigkeiten durch die Feinheit 
ihrer Begriffe macht, dann erst richtig, wenn man sie 
abmessen kann an etwas anderem, das ihr verwandt ist. 

Es ist hier oft in den Vortragen gesagt worden, daft es 
einen Aufstieg zu den hoheren Welten gibt. Wir haben 
hier in gewisser Beziehung einen dreifachen Weg. Wir 
haben hingedeutet auf den Weg nach auften und dann 
auf den Weg nach innen, den nicht die Mystiker der 
alten Mysterien, wohl aber die mittelalterlichen Mystiker 
eingeschlagen haben, und hierbei haben wir beim letzte- 
ren klarstellen konnen, wo seine Grenzen liegen. Wir 
wollen nun von den beiden den Blick abwenden zu dem, 
was hier als der eigentlich geisteswissenschaftliche oder 
geistig-forscherische Weg bezeichnet werden kann. 

Es ist schon gesagt worden, daft diese geisteswissen- 
schaftliche Erkenntnis darin besteht, daft der Mensch 
nun nicht einfach einen Weg einschlagt, entweder nach 
auften zu den Untergriinden dessen, was sich fur die 
Sinne offenbart, also zu den Monaden; oder nach innen 
zu dem, was sich als die Untergriinde des eigenen Seelen- 
lebens darlebt, zur mystischen Einheit der Welt; sondern 
es wurde betont, daft die geisteswissenschaftliche Metho- 
de darin besteht, daft gesagt wird, der Mensch kann 
nicht nur Wege gehen, welche ihm seine unmittelbar 
vorhandene Erkenntnis moglich macht, sondern er hat in 



sich verborgene, schlummernde Erkenntniskrafte; und er 
findet von diesen ausgehend dann andere Wege als die 
beiden angegebenen. Was tut derjenige, der einen der 
beiden gekennzeichneten Wege geht? Er sagt: Nun, ich 
bleibe als Mensch wie ich bin; so bin ich geworden. Ich 
kann hinausgehen und versuchen, den Schleier der Sin- 
neswelt zu durchdringen und vordringen bis zu den 
Untergriinden des Daseins; ich kann austilgen die AuEen- 
erlebnisse und dann auferstehen lassen das Fiinklein, das 
von der Auftenwelt nur ubertont und iiberleuchtet wird, 
das sich sonst der Aufmerksamkeit entzieht. Aber was 
der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis zugrunde liegt, 
ist das, dafi der Mensch nicht mit seinen Erkenntnis- 
kraften bleiben will, was er ist, sondern dafi er sagt: So 
wahr ich mich entwickelt habe zu dem, was ich heute 
bin, so wahr kann ich mich zunachst selber, wenn ich 
nur die entsprechende Methode anwende, in meiner 
Seele entwickeln, kann hohere Erkenntniskrafte entwik- 
keln, als ich sie schon habe. Wiirde man etwa das, was 
jetzt gesagt worden ist, mit der mystischen Art des 
Erkennens zusammenstellen, wiirde man sagen mussen: 
Gewifi, man kann, wenn man das aufiere Seelenleben 
austilgt, dazu kommen, dafi man das innere Fiinkchen 
finden kann und beobachtet, wie es dann leuchtet und 
wie es auflebt, wenn man das andere vertilgt hat; aber 
eben doch nur beobachtet, was schon da ist. Geisteswis- 
senschaftliche Forschung aber wiirde dem Mystiker sa- 
gen: Nein, nicht blofi das tun wir; wir kommen schon 
zu dem Fiinkchen, aber bleiben nicht dabei stehen, 
sondern suchen die Methoden herbeizuschaffen, die die- 
ses Fiinkchen zu einem viel starkeren Licht entfalten 
konnen. Wir nehmen den Weg nach aufien und nach 
innen; wir entwickeln neue Erkenntniskrafte, gehen also 



nicht sogleich den Weg nach aufien oder nach innen. Die 
neuere geisteswissenschaftliche Forschung charakterisiert 
sich im Gegensatz zu der Mystik des Mittelalters wie 
auch zur Monadologie und den alten Mysterienlehren 
dadurch, dafi sie so die inneren Erkenntniskrafte entwik- 
kelt, dafi die beiden Wege, der Weg nach aufien und der 
Weg nach innen zu dem Fiinkchen des Mystikers, mit- 
einander vereinigt werden, dafi ein Weg gegangen wird, 
auf welchem man zu dem einen und anderen Ziele auf 
gleiche Weise kommt. Wieso das? 

Das kommt dadurch zustande, dafi die Entwickelung 
der hoheren Erkenntniskrafte durch eine Methode der 
neueren Geisteswissenschaft den Menschen fuhrt iiber 
drei Erkenntnisstufen. Die erste Erkenntnisstufe, die 
iiber das gewohnliche Erkennen hinausgeht, nennt man 
imaginatives Erkennen. Die zweite Stufe ist das inspi- 
rierte Erkennen, und die dritte Stufe ist das, was man im 
wahren Sinne intuitives Erkennen nennt. Wie kommt 
nun die erste Erkenntnisstufe zustande? - Was macht 
man da in der Seele, um hohere Erkenntniskrafte zu 
entwickeln? An der Art, wie sie zustande kommt, kon- 
nen Sie ersehen, wie sich Monadologie und Mystik 
durch diesen Erkenntnisweg der neueren geisteswissen- 
schaftlichen Forschung iiberwindet. Das Beispiel, wel- 
ches besonders leicht hineinfuhrt in das Begreifen der 
imaginativen Erkenntnis, ist hier schon ofter erwahnt 
worden. Es ist eben ein Beispiel aus den Methoden, die 
der Geisteswissenschafter auf sich anwendet; es ist ein 
Beispiel unter vielen, das man am besten darstellt, wenn 
man das, was geschieht zwischen Lehrer und Schiller, in 
einen Dialog fafit. 

Der Lehrer, welcher in einem Schuler jene hoheren 
Erkenntniskrafte erziehen wollte, welche zur Imagina- 



tion fuhren, der wiirde so zu dem Schiiler sagen: Sieh dir 
die Pflanze an, sie wachst aus dem Boden heraus und 
entfaltet Blatt nach Blatt bis zur Bliite. Diese Pflanze 
vergleiche mit dem Menschen, wenn er vor dir steht. 
Dieser Mensch hat etwas voraus vor der Pflanze; er hat 
das voraus, dafi sich die Welt in ihm in seinen Vorstel- 
lungen, Gefiihlen und Empfindungen spiegelt; er hat das 
voraus, was man menschliches Bewufksein zu nennen 
hat. Aber er hat sich dieses menschliche BewuEtsein mit 
etwas erkaufen mussen; namlich damit, dafi er aufneh- 
men mufke auf seinem Wege zum Menschen herauf 
Leidenschaften, Triebe und Begierden, die ihn in Irrtum, 
Unrecht und in das Bose hineinfuhren konnen. Die 
Pflanze wachst sozusagen nach den ihr eingeborenen 
Gesetzen, sie entfaltet ihr Wesen nach diesen eingebo- 
renen Gesetzen, und sie steht vor uns in ihrer griinen 
Saftigkeit keusch, ohne daft wir ihr zuschreiben konnen, 
wenn wir nicht Phantasten sind, Leidenschaften, Triebe 
und Begierden, die sie ablenken konnen von dem richti- 
gen Wege. Betrachten wir nun aber das, was der aufiere 
Ausdruck ist des menschlichen Bewufitseinslebens, des 
menschlichen Ich - wenn wir das Blut betrachten, wie es 
den Menschen durchkreist wie der griine Chlorophyll- 
saft die Pflanze, dann mussen wir sagen: Das Blut 
durchpulst und durchkreist den Menschen, indem es ein 
Ausdruck ist ebenso fur seine Erhebung zu hoheren 
Bewulkseinsstufen wie auch seiner Leidenschaften und 
Begierden, die ihn herunterziehen. Und jetzt konnte der 
geisteswissenschaftliche Lehrer zu seinem Schiiler sagen: 
Stelle dir vor, daft der Mensch sich weiter entwickelt, 
daft der Mensch durch sein Ich Herr wird iiber Irrtum, 
Boses und Hafiliches, iiber alles das, was ihn herunter- 
ziehen will in das Bose, da£ er lautert und reinigt seine 



Affekte und Leidenschaften. Stelle dir ein reales Ideal 
vor, dem der Mensch zustrebt, und wo dann sein Blut 
nicht mehr der Ausdruck sein wird irgendwelcher Lei- 
denschaften, sondern dessen, was in ihm selber Herr ist 
iiber alles das, was ihn herunterziehen kann; dann lalk 
sich sein rotes Blut vergleichen mit dem, was aus dem 
griinen Pflanzensaft selbst bei der roten Rose geworden 
ist. Wie die rote Rose uns darstellt den Pflanzensaft in 
keuscher Reinheit, uns auf einer vollkommeneren Stufe 
vor Augen bringt, was die Pflanze auf einer unvollkom- 
meneren darstellt, so wiirde uns das rote Blut beim 
gelauterten und gereinigten Menschen dasjenige darstel- 
len, was es ist, wenn der Mensch Herr iiber alles Herab- 
ziehende geworden ist. 

Diese Empfindungen und Vorstellungen kann der Gei- 
steslehrer in dem Gemiit, in der Seele des Geistesschii- 
lers erwecken. Wenn nun der Geistesschiiler kein trocke- 
ner, niichterner Schiiler, kein Stock ist, wenn er empfin- 
den und fiihlen kann das ganze Geheimnis, das in einem 
solchen Vergleiche sich uns bildlich darstellt, dann wird 
es wirken auf seine Seele, dann wird fur ihn ein Erlebnis 
sein, was ihm als ein Symbolum fur das Erleben in 
geistiger Anschauung vor die Seele tritt. Dieses Symbo- 
lum kann sein das Rosenkreuz: das schwarze Kreuz, das 
ausdriicken soli, was in der niederen Natur des Men- 
schen ertotet ist; und die Rosen wie das rote Blut, das 
hinaufgelautert und gereinigt ist bis zu einem keuschen 
Ausdruck seiner hoheren Seele in ihm selber. Das 
schwarze Kreuz, von roten Rosen umrankt, wird damit 
eine symbolische Zusammenfassung dessen, was die See- 
le erlebt in jenem Zwiegesprach zwischen Geistesschiiler 
und Lehrer. Wenn der Geistesschiiler ein solches Symbo- 
lum sich mit dem Blut seiner Seele erkauft hat, indem er 



alle die Vorstellungen und Gefuhle und Empfindungen 
auf die Seele hat wirken lassen, die ihn innerlich berech- 
tigen, etwas zusammenzufassen in dem Rosenkreuz, 
wenn er nicht nur glaubt: ich stelle einfach ein Rosen- 
kreuz vor mich hin, sondern wenn er in ihm die Essenz 
hat eines ganz in blutender Seele errungenen inneren 
hoheren Stimmungsgehaltes, dann wird er sehen, dafi ein 
solches Bild - und andere ahnliche Bilder - in seiner 
Seele etwas heraufholt. Das ist etwas, was nicht mehr 
blo£ das geistige Fiinkchen ist, sondern eine neue Er- 
kenntniskraft, die ihn fahig macht, in neuer Art die Welt 
anzusehen. Da ist er nicht stehen geblieben bei dem, was 
er war in seinem bisherigen Leben, sondern er hat seine 
Seele hinaufentwickelt. Und wenn er das immer wieder 
tut, kommt er endlich zur imaginativen Erkenntnis, die 
ihm zeigt, dafi es draufien in der Welt noch etwas 
anderes gibt. Da entwickelt sich also eine neue Art von 
Erkenntnis gegeniiber dem Erkennen, das er schon hat, 
wenn er bei dem stehen bleibt, was er bisher war. 

Und jetzt fuhren wir uns vor die Seele, wie der Weg 
zustande gekommen ist. Hat da der Mensch gesagt: Ich 
gehe den Weg nach aufien und suche nach den Unter- 
griinden der Dinge? - Das hat er nur zum Teil gesagt. Er 
sagt sich so: Ich gehe nun in die Aufienwelt und suche 
nicht die Untergriinde der Dinge, suche nicht nach 
Molekiilen und Atomen, ich nehme nicht einmal das von 
der Au£enwelt, was sie mir darbietet, aber ich behalte 
etwas bei mir von dem, was diese Aufienwelt mir darbie- 
tet. Das schwarze Kreuz ist nicht etwas, was in der Seele 
entstehen wiirde, wenn man nicht das Holz draufien 
hatte; die rote Rose ist etwas, was sich die Seele nie 
konstruieren konnte, wenn sie nicht einen aufieren Ein- 
druck von der roten Rose hatte. So ist allerdings dasjeni- 



ge, was der Inhalt in der Seele ist, aus der Aufienwelt 
entnommen. 

Wir konnen nicht sagen wie der Mystiker, dafi wir 
alles Aufiere getilgt haben, dafi wir die Aufmerksamkeit 
ganz abgelenkt haben von der Aufienwelt; wir konnen 
sagen, wir haben von der Aufienwelt das hereinge- 
nommen, was sie uns selber geben kann - wir haben 
nicht das Tor vor der Aufienwelt zugeschlossen, haben 
uns ihr hingegeben -, aber wir haben es nicht so genom- 
men, wie sie es uns gibt; denn nirgends ist in der 
Wirklichkeit ein Rosenkreuz. Das, woraus wir das Ro- 
senkreuz als Sinnbild gebildet haben, ist in der Aufien- 
welt vorhanden; das Rosenkreuz selber ist nicht in der 
Aufienwelt. Wo ist denn die Veranlassung dazu, dafi wir 
diese beiden, daft wir Rose und Holz zu einem Sinnbild 
zusammengefafit haben? Diese Veranlassung ist in der 
Bearbeitung unserer eigenen Seele. Wir haben das, was 
wir in der eigenen Seele erleben konnen, wenn wir die 
Seele hingeben an die Aufienwelt, und das, was wir 
erleben konnen in der Aufienwelt, wenn wir sie nicht 
blo£ anstarren, wie sie ist, sondern wenn wir uns in die 
Aufienwelt vertiefen - so erleben wir mystisch innerlich 
das, was sich uns ergibt aus dem Vergleich der Pflanze 
mit dem sich entwickelnden Menschen. Wir haben dar- 
auf verzichtet, dieses Seelenerlebnis unmittelbar wie der 
Mystiker aufzunehmen, sondern hingeopfert die Seelen- 
erlebnisse dem, was die Aufienwelt zu geben hat, und 
mit Hilfe dessen, was die Seele innerlich geben kann, ein 
Sinnbild uns geformt. In dem Sinnbild ist zusammenge- 
flossen mystisches Innenleben und Aufienleben. Wir 
durfen niemals sagen, das Rosenkreuz sei eine Wahrheit 
gegenuber der sinnlichen Welt und auch nicht gegeniiber 
der Innenwelt; denn niemand konnte in der Innenwelt, 



wenn er nicht die Eindriicke der Aufienwelt empfinge, 
ein Rosenkreuz konstruieren. Es ist zusammengeflossen 
in dem Sinnbild dasjenige, was die Seele von sich aus in 
ihrem Inneren erleben und erfahren kann mit dem, was 
sie von auften empfangen kann. Dafiir stent dieses Sinn- 
bild jetzt auch wieder so vor uns, daft es zunachst 
unmittelbar nicht in die Aufienwelt und nicht unmit- 
telbar in die Innenwelt fiihrt, sondern daft es wirkt wie 
eine Kraft. Stellen wir es in der Meditation vor unsere 
Seele hin, dann bringt diese Kraft ein neues geistiges 
Auge hervor, und wir sehen jetzt hinein in die geistige 
Welt, die wir fruher weder im Inneren noch im Aufieren 
finden konnten; und wir bekommen zunachst eine Ah- 
nung davon, daft das, was der Auftenwelt zugrunde liegt, 
und was wir jetzt durch imaginative Erkenntnis erfahren 
konnen, daft das dasselbe ist, identisch mit dem, was wir 
auch im Innern haben. 

Wenn wir nun aufriicken zur inspirierten Erkenntnis, 
dann miissen wir etwas abstreifen von unserem Bilde. 
Wir miissen etwas machen, was unmittelbar ahnlich ist 
dem ganzen Verfahren des Mystikers, der nach innen 
geht. Da miissen wir die Rose und das Kreuzesholz 
vergessen. Es ist das eine schwierige Prozedur, aber sie 
kann ausgefiihrt werden. Wir miissen das ganze Sinnbild 
dem Inhalte nach aus unserer Vorstellung entfernen. 
Aber was schwer gelingen wird, das mufi gelingen. 

Es war seelische Tatigkeit, die notig war, um den oben 
gegebenen Vergleich in einem Sinnbild vor die Seele zu 
riicken. Wir miissen die Seele selber beobachten, das, 
was sie getan hat, um das schwarze Kreuz als den zu 
iiberwindenden Menschen vor die Seele zu riicken; ihre 
inneren Erlebnisse an der Bildung von Symbolen muft 
man sich vor Augen stellen. Wenn also der Mensch sich 



in seine Seelenerlebnisse mystisch vertieft, dann kommt 
er zur inspirierten Erkenntnis. Und dann erlebt er in 
einer neuen Fahigkeit, in der Fahigkeit der Inspiration, 
daft ihm nicht nur das Fiinkchen im Inneren erscheint, 
sondern daft es sich ihm erhellt zu einer machtig flam- 
menden Erkenntniskraft, durch die er etwas erlebt, was 
sich zeigt als vollig verwandt und doch vollig unabhan- 
gig von seinem Inneren. Denn er hat ja seine Tatigkeit 
nicht so belauscht, wie sie nur als eine innerliche ist, 
sondern als eine solche, die er an einem Aufieren geiibt 
hat. So ist selbst hier in diesem mystischen Rest dasjeni- 
ge vorhanden, was bloft eine Erkenntnis des Inneren ist 
und doch eine Erkenntnis von dem, was mit der Auften- 
welt zusammenhangt. 

Jetzt kommt eine Arbeit, die entgegengesetzt ist der 
Arbeit des Mystikers. Da miissen wir etwas tun, was der 
gewohnlichen Naturwissenschaft ahnlich ist, wir miissen 
hinausgehen in die Auftenwelt. Das letztere ist das 
Schwierige dabei, ist aber erforderlich, wenn die intuitive 
Erkenntnis zustande kommen soli. Hier mufi der 
Mensch die Aufmerksamkeit von seiner eigenen Tatig- 
keit abwenden, er muft vergessen, was er getan hat, um 
das Rosenkreuz zustande zu bringen. Wenn er aber 
Geduld hat, wenn er seine Ubungen lange genug und 
richtig ausfuhrt, so wird er sehen, daft ihm etwas zu- 
riickbleibt, von dem er ganz gewift weift, daft es von 
seinem eigenen inneren Erlebnis absolut unabhangig ist, 
nicht subjektiv gefarbt ist, sondern ihn hinauffuhrt zu 
etwas, was von seiner subjektiven Personlichkeit unab- 
hangig ist, was aber durch seine objektive Wesenheit 
zeigt, dafi es gleich ist dem, was das Zentrum des 
menschlichen Wesens, des menschlichen Ich ist. In der 
intuitiven Erkenntnis gehen wir, um sie zu erreichen, aus 



uns heraus und kommen doch zu etwas, was unserem 
eigenen inneren Wesen gleich ist. So steigen wir auf von 
dem, was wir im Innern erleben, zu dem Geistigen, das 
wir jetzt nicht im Inneren, sondern in der Aufienwelt 
erleben. 

Im ersten, in der imaginativen Erkenntnis, macht der 
Mensch etwas, was sowohl Mystik ist wie Monadologie, 
was ihn erhebt iiber die Mystik wie iiber die Monado- 
logie. In der inspirierten Erkenntnis tut er einen Schritt 
auf einer hoheren Stufe, den der Mystiker, der sich als 
Mensch lafit, so wie er ist, unten macht. In der intuitiven 
Erkenntnis tut der Geistesschiiler einen Schritt, der ihn 
auf einer richtigen Stufe, nicht unmittelbar so wie er ist, 
in die Aufienwelt hinausfuhrt. So werden wir gerade 
dasjenige, was die Schattenseiten sowohl der Monado- 
logie wie der gewohnlichen Mystik sind, bei der geistes- 
wissenschaftlichen Forschung, beim Aufsteigen in Imagi- 
nation, Inspiration und Intuition iiberwinden. 

Und jetzt konnen wir uns auf die Frage: Was ist 
Mystik? - eine Antwort geben. Es ist ein Unternehmen 
der menschlichen Seele, durch Vertiefung in das eigene 
Innere den gottlich-geistigen Quell des Daseins zu fin- 
den. Im Grunde genommen mull auch geisteswissen- 
schaftliche Erkenntnis diesen mystischen Weg machen. 
Klar ist sie sich aber, dafi sie ihn nicht zu friih machen 
darf, dafi sie erst die Vorbereitungen treffen mufi, um 
ihn in der Seele machen zu dlirfen. So konnen wir sagen: 
Mystik ist ein solches Unternehmen, das einem berech- 
tigten Impuls und Drang der menschlichen Seele ent- 
springt, etwas formal durchaus Richtiges; das nur dann 
von der menschlichen Seele zu friih unternommen wird, 
wenn diese menschliche Seele nicht zuerst Fortschritte 
zu machen versucht hat in der imaginativen Erkenntnis. 



Wenn man das gewohnliche menschliche Leben vertiefen 
will in der Mystik, so liegt die Gefahr vor, daft man sich 
nicht tief genug von sich frei und unabhangig gemacht 
hat, um etwas anderes als ein individuell gefarbtes Bild 
der Welt zu liefern. Wenn man aber zur imaginativen 
Erkenntnis aufgestiegen ist, dann hat man sein Inneres 
ausgegossen in etwas, was man der Aufienwelt entnom- 
men hat; da hat man sich das Recht erworben, auch ein 
Mystiker sein zu durfen. Alle Mystik sollte daher auf der 
richtigen Entwickelungsstufe des Menschen unter- 
nommen werden. Die Schaden der Mystik treten dann 
hervor, wenn der Mensch zu friih dasjenige tun will, was 
der mystischen Erkenntnis zugrunde liegt. 

So durfen wir sagen: In dem, was als berechtigte 
Mystik vorliegt, haben wir fur die Geisteswissenschaft 
eine Etappe, um gerade dasjenige genau verstehen zu 
lernen, was das wirkliche Ziel und die Intention der 
geisteswissenschaftlichen Forschung ist. Kaum durch ir- 
gend etwas kann man so viel lernen iiber das Ziel und 
die Intentionen der geistigen Forschung als durch die 
hingebende Betrachtung der Mystiker. Man kann sich 
hinaufringen an den Mystikern zu den Erkenntnissen 
der geistigen Forschung. Man darf nur nicht glauben, 
dafi der wahre Geistesforscher, wenn er etwas als berech- 
tigt mit Mystik bezeichnet zu werden anerkennt, dann 
alle Entwickelung leugnet. Gerade so erscheint Mystik 
dem Geistesforscher als etwas Berechtigtes; es mufi je- 
doch hinaufgestiegen werden bis zu einem gewissen 
Grade der Entwickelung, wenn ihre Methoden nicht zu 
subjektiven Ergebnissen, sondern zu solchen fiihren sol- 
len, die nun als wirkliche Wahrheit iiber die geistige 
Welt gelten konnen. So kann man schliefilich sagen, daft 
die Frage: Was ist Mystik? - damit beantwortet werden 



kann, daft Mystik ein Unternehmen der menschlichen 
Seele ist, das innerhalb der Entwickelung der mensch- 
lichen Seele oftmals zu frtih vollfuhrt wird. Dann 
braucht nicht viel gesagt zu werden iiber Gefahren, die 
eine verfriihte mystische Vertiefung im Menschen her- 
vorrufen kann. Die verfriihte mystische Vertiefung ist 
ein Gang in die Tiefe der menschlichen Seele, bevor der 
Mensch Anstalt dazu gemacht hat, daft sein Inneres 
verwachst mit der Auftenwelt. Damit schlieftt er sich oft 
unberechtigterweise von der Auftenwelt ab. Das kann 
aber im Grunde genommen nur ein raffinierter und 
verfeinerter Egoismus sein. Das ist auch bei vielen My- 
stikern so, wenn sie die Aufmerksamkeit abwenden von 
der Auftenwelt und sich ergehen in inneren Entziik- 
kungen und Beseligungen, Erhebungen und Befreiungen, 
die sie in ihrem Innenleben haben in jener goldenen 
Stimmung, welche sich iiber die Seele ausgieften kann, 
wenn sie so recht in ihrem Inneren schwelgt. Dieser 
Egoismus aber kann iiberwunden werden, wenn das Ich 
gezwungen ist, zunachst aus sich herauszugehen, und 
seine Tatigkeit an der Bildung der Symbole in die Au- 
ftenwelt flieften la£t. Daher wird eine Symbolik der 
imaginativen Erkenntnis zu einer Wahrheit fiihren, wel- 
che den egoistischen Charakter von sich abstreift. Daft 
der Mensch ein Sonderling oder ein verfeinerter Egoist 
auf einer hoheren Stufe werden kann, das ist die Gefahr, 
die zuletzt den Mystiker treffen kann, die vorhanden 
sein kann, wenn auf einer zu wenig entwickelten Stufe 
ein mystisches Erkenntnisstreben unternommen wird. 
Mystik ist berechtigt, und wahr ist es, was Angelus 
Silesius gesagt hat: 

Wann du dich iiber dich erhebst und Gott laftt wal- 
ten, / Dann wird in deinem Geist die Himmelfahrt ge- 



halten. - Wahr ist es, durch die Entwickelung der Seek 
gelangt der Mensch nicht nur in sein Inneres, sondern 
auch in die geistigen Reiche, die der Auftenwelt zugrun- 
de liegen. In vollkommenem Ernste aber mufi er das 
Erheben iiber sich selbst nehmen, und er darf das Hin- 
ausgehen iiber sich selbst nicht verwechseln mit einem 
blofien Hineinbriiten in das Selbst, wie es schon im 
Menschen ist. Wir miissen vol! ernst nehmen den ersten 
Teil des Satzes: «Wann du dich iiber dich erhebst», und 
auch vollen Ernst machen mit dem zweiten Teil des 
Satzes: «und Gott lafit walten». Den lassen wir aber 
nicht waken, wenn wir uns zuriickziehen von irgend- 
einer Seite der gottlichen Offenbarung, sondern wenn 
wir vereinigen Inneres und Au&eres als zwei Seiten der 
go ttlich- geistigen Offenbarungen. Wir lassen nicht den 
Gott wahrhaft walten, wenn wir uns nur zuriickziehen 
von der Auftenwelt, sondern wir lassen ihn walten, wenn 
wir unser Inneres opfern konnen dem, was uns als 
Offenbarung der Aufienwelt entgegenflieften kann. 
Wenn wir diese Gesinnung hegen in bezug auf unsere 
geisteswissenschaftliche Erkenntnis, dann nehmen wir 
auch in der richtigen Weise den zweiten Satz des Ange- 
lus Silesius: Wir lassen den geistig-gottlichen Grund der 
Auften- und Innenwelt in uns walten; und dann erst 
konnen wir hoffen, daft auch der dritte Teil uns sich 
erfiillt, dafi wir erhoben werden durch eine Himmel- 
fahrt, das heifk, zu einem geistigen Reiche kommen, das 
weder von unserer Innen-, noch von der Aufienwelt 
gefarbt ist, sondern das gleichen Grundes ist mit all dem, 
was uns die unendliche Sternenwelt leuchtend von aufien 
entgegenstrahlt, was Luftkreis unsere Erde umgibt, 
was als Pflanze grunt, was als Wesen die Flusse durch- 
lebt und die Meere ausfiillt; was aber zu gleicher Zeit als 



Gottlich-Geistiges lebt, wenn wir denken und sinnen, 
fiihlen und wollen iiber die Welt, was im Aufieren und 
im Inneren Gottlich-Geistiges ist. So sehen wir insbe- 
sondere an einem solchen Beispiele, dafi es nicht gemi- 
gend ist, dafi wir einen Satz wie den des Angelus Silesius 
hinnehmen, sondern dafi wir diesen Satz auf der richti- 
gen Stufe, wo er einzig und allein allseitig und wahr von 
uns verstanden wird, in uns aufnehmen. Dann werden 
wir sehen, dafi Mystik uns, weil sie den richtigen Kern 
enthalt, wirklich dahin fuhrt, wo wir reif sind, die 
geistigen Reiche allmahlich zu schauen, und dafi Mystik 
im hochsten und wahrsten Sinne dasjenige in uns ver- 
wirklichen kann, was in diesem schonen Satze des Ange- 
lus Silesius gesucht und entdeckt werden kann: 

Wenn du dich iiber dich selbst erhebst und wahrhaftig 
den gottlich-geistigen Weltengrund in dir lafit waken: 
dann wird in dir die Himmelfahrt zu den gottlich-gei- 
stigen Urgriinden des Daseins gehalten. 



DAS WESEN DES GEBETES 



Berlin, 17. Februar 1910 



In dem Vortrage «Was ist Mystik?» wurde hier vor acht 
Tagen von jener besonderen Art mystischer Versenkung 
gesprochen, die im Mittelalter in der Zeit von Meister 
Eckhart angefangen bis zu Angelus Silesius hervorge- 
treten ist. Diese besondere Art mystischer Versenkung 
wurde dadurch charakterisiert, dafi der Mystiker ver- 
sucht, frei und unabhangig zu werden von all jenen 
Erlebnissen, die durch die aufiere Welt in unserer Seele 
angeregt werden, und daft er versucht vorzudringen zu 
jener Erfahrung, zu jenem Erlebnis, das ihm zeigt: wenn 
auch alles aus unserer Seele, was den gewohnlichen 
Ereignissen des Tages entstammt, ausgeloscht wird, und 
sozusagen die Seele sich in sich selbst zuriickzieht, so 
bleibt innerhalb dieser menschhchen Seele eine Welt fur 
sich, eine Welt, die ja immer da ist, die nur iiberleuchtet 
wird von den sonst so machtig und gewaltig auf den 
Menschen wirkenden aufieren Erlebnissen, und die des- 
halb zunachst nur als ein schwaches Licht erscheint; als 
ein so schwaches Licht, dafi sie wohl von vielen Men- 
schen gar nicht beachtet wird. Darum nennt der Mysti- 
ker diese innere Seelenwelt zunachst das «Fiinklein». 
Aber er ist sich klar, dafi dieses unscheinbare Fiinklein 
seiner Seelenerlebnisse angefacht werden kann zu einer 
machtigen Flamme, die dann erleuchtet die Quellen und 
Untergriinde des Daseins; mit anderen Worten: die den 
Menschen auf dem Wege in die eigene Seele hinfiihrt zu 
der Erkenntnis seines eigenen Ursprunges, was man ja 
wohl «Gott-Erkenntnis» nennen kann. 



Weiter ist in jenem Vortrag darauf hingewiesen wor- 
den, wie die Mystiker des Mittelalters zunachst davon 
ausgingen, dafi dieses Funklein sozusagen durch sich 
selbst, so wie es ist, wachsen miisse. Im Gegensatz dazu 
wurde hervorgehoben, wie dasjenige, was man heute 
«Geistesforschung» nennt, auf Entwickelung, auf bewufi- 
te und in den menschlichen Willen gestellte Entwicke- 
lung dieser inneren Seelenkrafte ausgeht und zu hoheren 
Arten der Erkenntnis hinaufsteigt, wie wir sie bezeichnet 
haben als imaginative, als inspirierte und als intuitive 
Erkenntnis. So erschien uns jene mittelalterliche mysti- 
sche Versenkung wie der Ausgangspunkt der wahren 
hoheren Geistesforschung, welche den Geist zwar zu- 
nachst durch Entwickelung des Innern sucht, welche 
aber gerade durch die Art und Weise, wie sie ihre 
eigenen Wege einschlagt, iiber dieses Innere hinausge- 
fiihrt wird; und hinausgefuhrt wird zu dem, was als 
Quellen und Untergriinde des Daseins alien Erschei- 
nungen und Tatsachen zugrunde liegt, und zu denen wir 
ja mit unserer Seele selbst gehoren. So erschien uns jene 
Mystik des Mittelalters wie eine Art Vorstufe zur wah- 
ren Geistesforschung. Und wer den Sinn hat, sich in die 
Innigkeit eines Meisters Eckhart zu vertiefen, wer den 
Sinn hat, zu erkennen, welche unermefiliche Kraft der 
spirituellen Erkenntnis jene mystische Versenkung dem 
Johannes Tauler gebracht hat; wer einen Sinn hat zu 
sehen, wie tief in die Geheimnisse des Daseins spater 
Valentin Weigel oder Jakob Bohme hineingefiihrt wur- 
den durch alles, was sie aus solcher mystischen Versen- 
kung gewinnen konnten - indem sie allerdings dariiber 
hinausgehen — ; wer einen Sinn hat zu verstehen, was ein 
Angelus Silesius geworden ist gerade durch solche mysti- 
sche Versenkung, wie er imstande war, nicht nur in 



leuchtender Einsicht in die grofien Gesetze der geisti- 
gen Weltordnung hinein zu schauen, sondern was dieser 
Angelus Silesius auch an hinreifiender, erwarmender 
Schonheit geleistet hat in bezug auf die Ausspriiche, die 
er tun durfte iiber die Weltengeheimnisse: wer das alles 
erkennt, wird ermessen, welche Kraft der Innerlichkeit 
der Menschennatur in dieser mitteialterlichen Mystik 
liegt, und welche unendliche Hilfe aus dieser Mystik 
demjenigen werden kann, der die Wege der Geistesfor- 
schung selber gehen will. So erscheint uns - gerade mit 
Riicksicht auf jenen Vortrag vor acht Tagen - die mittel- 
alterliche Mystik wie die grofte, wunderbare Vorschule 
der Geistesforschung. Und wie sollte das auch anders 
sein? Will denn der Geistesforscher etwas anderes, als 
jenes Funklein, von dem die Mystiker gesprochen, durch 
seine eigenen inneren Krafte zur Entfaltung bringen? Er 
unterscheidet sich ja von den Mystikern nur dadurch, 
dafi sie glaubten, in ruhiger Seele sich hingeben zu 
diirfen jenem kleinen ieuchtenden Funklein, damit es 
von selber anfange, immer herrlicher zu brennen und zu 
leuchten; wahrend der Geistesforscher sich klar ist, dafi 
der Mensch seine Fahigkeiten und Krafte, die von der 
Weisheit der Welt in seinen Willen gestellt sind, anwen- 
den mu£ auf die Vergro&erung jenes Fiinkchens* 

Wenn so die mystische Stimmung eine gute Vorbe- 
reitung ist und iiberall hinweist auf Geistesforschung, so 
diirfen wir andererseits wiederum sagen: Eine Vorbe- 
reitung, eine Vorstufe zu jener mystischen Versenkung, 
wie sie in der Zeit des Mittelalters hervorgetreten ist, ist 
diejenige Seelentatigkeit, welche uns heute etwas genauer 
beschaftigen soil, und die man im wahren Sinne das 
Gebet nennen kann. Und man konnte sagen: Wie der 
Mystiker fahig wird zu seiner Versenkung dadurch, daft 



er schon in einer gewissen Weise - vielleicht unbewuftt, 
aber doch - gearbeitet hat an seiner Seele, daft er schon 
eine Stimmung mitbringt zur mystischen Versenkung, so 
wird derjenige, der hinarbeiten will zu dieser mystischen 
Versenkung, welcher Wege gehen will, die zuletzt in 
diese mystische Versenkung einmunden konnen, eine 
Vorstufe finden konnen in dem wahren Gebet. 

Allerdings durch die Entwickelung der letzten Jahr- 
hunderte in geistiger Beziehung ist das Wesen des Gebe- 
tes in der mannigfaltigsten Weise von dieser oder jener 
Geistesstromung verkannt worden. Daher wird es heute 
nicht leicht sein, zu dem wahren Wesen des Gebetes 
vorzudringen. Wenn wir bedenken, daft mit aller geisti- 
gen Entwickelung der letzten Jahrhunderte ja verkniipft 
war etwas, was man nennen konnte ein Hervortreten 
namentlich egoistischer Geistesstromungen, von denen 
weite Kreise ergriffen worden sind, so wird es nicht 
verwunderlich sein, daft gerade das Gebet mit hineinge- 
zogen worden ist in die egoistischen Wiinsche, in die 
egoistischen Begierden der Menschen. Und man darf 
wohl sagen: Kaum ist durch etwas anderes das Gebet 
mehr miftzuverstehen als durch das Durchtranktsein mit 
irgendeiner Form des Egoismus. In diesem Vortrage soli 
versucht werden, das Gebet ganz unabhangig von ir- 
gendeiner Partei- oder sonstigen Richtung, rein aus den 
geisteswissenschaftlichen Voraussetzungen heraus zu un- 
tersuchen. 

Wenn man das Gebet kennenlernen will - das sei nur 
zu einer vorlaufigen Verstandigung gesagt -, so konnte 
man sagen: Wahrend der Mystiker voraussetzt, daft er in 
seiner Seele irgendein kleines Funkchen finden werde, 
das dann weiter leuchten und weiter brennen kann durch 
seine mystische Versenkung, so will der Betende gerade 



jenes Funkchen, jenes selbsteigene Seelenleben erst er- 
zeugen. Und das Gebet, aus welchen Voraussetzungen 
heraus es auch auftrete, erweist sich dadurch gerade in 
seiner Wirksamkeit, dafi es die Seele anregt, jenes Fiink- 
chen des Mystikers allmahlich entweder aufzufinden, 
wenn es da ist und, verborgen zwar, in der Seele leuch- 
tet, oder aber es selbst zum Aufleuchten zu bringen. 
Wenn wir das Bediirfnis nach Gebet, das Wesen des 
Gebetes untersuchen wollen, miissen wir aber eingehen 
auf eine Charakteristik der menschlichen Seele in ihren 
Tiefen, von denen wir ja in einem der vorhergehenden 
Vortrage sagten, dafi auf sie so recht anwendbar ist der 
Spruch des alten griechischen Weisen Heraklit: Der 
Seele Grenzen wirst du niemals finden, und wenn du 
auch alle Strafien durchliefest; so weit ist das, was sie mit 
ihren Geheimnissen umschliefit. Und wenn auch der 
Betende zunachst nur auf der Suche ist nach den Ge- 
heimnissen der Seele, so darf man doch sagen: Aus jenen 
Stimmungen intimster Art heraus, welche durch das 
Gebet angeregt werden konnen, erahnt selbst der naivste 
Mensch etwas von den unendlichen Weiten des Seelenle- 
bens. Wir miissen diese Seele, wie sie in uns lebt und uns 
lebendig vorwarts bringt, in ihrer Entwickelung einmal 
in folgender Weise erfassen: 

Wir miissen uns klar werden, daft so etwas, was wie 
die Seele in lebendiger Entwickelung lebt, nicht nur von 
der Vergangenheit kommt und in die Zukunft weiter- 
schreitet, sondern dafi sie in jedem Augenblick ihres 
gegenwartigen Lebens etwas in sich tragt von der Ver- 
gangenheit - und sogar in gewisser Weise etwas von der 
Zukunft. In den Augenblick, den wir die Gegenwart 
nennen, erstrecken sich hinein, insbesondere fur das 
Seelenleben, die Wirkungen von der Vergangenheit und 



die Wirkungen, die wie aus der Zukunft uns entgegen- 
eilen. Demjenigen, der tiefer hineinblickt in das Seelen- 
leben, wird es schon so vorkommen konnen, als ob in 
der Menschenseele zwei Stromungen sich fortwahrend 
begegneten: eine Stromung, die aus der Vergangenheit 
sich herauflebt, aber auch eine Stromung, die aus der 
Zukunft uns entgegenkommt. Es mag sein, daft man es 
fur andere Gebiete des Lebens als eine Traumerei und 
Phantasterei zunachst findet, wenn man von einem Her- 
aneilen der Ereignisse aus der Zukunft spricht. Denn es 
ist ja leicht, wenn auch trivial, zu sagen: Was zukiinftig 
geschieht, ist eben noch nicht da; daher konnen wir 
nicht sagen, daft das, was morgen geschehen werde, uns 
«entgegeneilt», wahrend wir sehr wohl sagen konnen: 
was in der Vergangenheit geschehen ist, erstreckt seine 
Wirkungen in die Gegenwart herein. - Fur das letztere 
ist es natiirlich sehr leicht, Begriindung uber Begriin- 
dung zu finden. Wer wollte denn hinwegleugnen, daft 
unser Leben von heute das Ergebnis unseres Lebens von 
gestern ist? Wer mochte leugnen, daft wir heute unter 
der Wirkung unseres Fleiftes oder unserer Lassigkeit von 
gestern oder vorgestern stehen? Das Hereinragen der 
Vergangenheit in unser Seelenleben wird niemand leug- 
nen. Aber ebensowenig sollte die Realitat des Zukiinf- 
tigen geleugnet werden, wenn wir in der Seele selber die 
Wirklichkeit eines solchen Hereintretens der Zukunftser- 
eignisse, bevor sie da sind, sehen. Oder gibt es denn 
nicht so etwas wie Angst vor irgend etwas, was wir 
morgen erwarten, oder Furcht vor irgend etwas, was 
morgen geschehen kann? Ist denn das nicht etwas wie 
ein Fiihlen, ein Empfinden, das wir einer, wenn auch fur 
uns unbekannten Zukunft entgegensenden? In jedem 
Moment, wo sich die Seele fiirchtet und angstet, beweist 



sie durch die Realitat ihrer Gefiihle und Empfindungen, 
dafi sie nicht nur mit den Wirkungen der Vergangenheit 
rechnet, sondern dafi sie in sich selber lebensvoll rechnet 
mit dem, was aus der Zukunft in sie hineineilt. Das seien 
nur einzelne Andeutungen. Wer das Seelenleben ausmes- 
sen will, wird Zahlreiches finden, das vielleicht wider- 
spricht den Abstraktionen des Verstandes, die da sagen: 
das Zukiinftige ist noch nicht da; es kann deshalb noch 
nicht wirken, das sich aber in seiner lebendigen Realitat 
zeigt, wenn wir auf das unmittelbare Seelenleben eben 
hinblicken. 

In unserer Seele flie£en zwei Strome gleichsam zu- 
sammen von der Vergangenheit und von der Zukunft 
und bilden dort - wer wollte das leugnen, wenn er sich 
selber beobachtet? - etwas wie einen «Wirbel», ganz 
ahnlich wie beim Zusammenflufi von zwei Stromen 
draufien. Wenn wir nun dasjenige genauer betrachten, 
was aus der Vergangenheit hereinlebt in unsere Seele, da 
miissen wir sagen: Unter dem Eindrucke des in der 
Vergangenheit Erlebten ist unsere Seele geworden. Wie 
wir die Erlebnisse der Vergangenheit angewendet haben, 
so sind wir heute, und wir tragen das Vermachtnis 
unserer Taten, unseres Fiihlens und Denkens aus der 
Vergangenheit in unserer Seele. Wir sind so, wie wir 
geworden sind. Wenn wir nun zuruckblicken wollen 
von unserem heutigen Standpunkt auf unsere friiheren 
Erlebnisse, namentlich auf jene Erlebnisse, an deren 
Zustandekommen und Verwertung fur unsere Seele wir 
selber beteiligt waren, wenn wir also die Erinnerung 
schweifen lassen in die Vergangenheit, werden wir gar 
oft, wenn wir Einkehr halten in uns, auch zu einem 
Urteil iiber uns selber kommen und uns sagen: Jetzt sind 
wir so; und so, wie wir sind, sind wir imstande, zu 



manchem, was in unserer Vergangenheit sich abgespielt 
hat, durch uns selbst nicht «Ja» zu sagen; wir sind fahig 
geworden, jetzt mit manchem nicht einverstanden zu 
sein, vielleicht mancher Tat der Vergangenheit uns sogar 
zu schamen. Wenn wir so unsere Gegenwart an unsere 
Vergangenheit anreihen, dann wird uns ein Gefuhl von 
dem iiberschleichen, was wir so nennen konnen: Oh, es 
ist etwas in uns, was unendlich viel reicher, unendlich 
viel bedeutsamer ist als das, was wir durch unsern 
Willen, durch unser Bewulksein, durch unsere indivi- 
duellen Krafte aus uns gemacht haben! Denn gabe es 
nicht in uns etwas, was hinausragt iiber das, was wir aus 
uns gemacht haben, so konnten wir uns auch nicht 
selber tadeln, auch uns nicht selber erkennen. Wir miis- 
sen sagen: In uns lebt etwas, was grofier ist als das, was 
wir bisher an uns selber ausgeniitzt haben! Wenn wir ein 
solches Urteil in ein Gefuhl verwandeln, dann werden 
wir hinschauen auf das uns Bekannte, das wir in unsern 
vergangenen Taten und Erlebnissen beobachten konnen; 
und das klar vor uns liegen kann - so klar als eben die 
Erinnerung moglich ist und wir werden dieses Klare, 
Offenliegende vergleichen konnen mit etwas in uns, was 
grofier ist als das Offenliegende, mit etwas in der Seele, 
was sich herausarbeiten will, was uns anleitet, uns iiber 
uns selbst zu stellen und uns zu beurteilen auf dem 
Standpunkte der Gegenwart. Kurz, wir werden etwas in 
uns ahnen, was iiber uns selber hinausragt, wenn wir 
jenen Strom ansehen, der aus der Vergangenheit in die 
Seele fliefit. Und diese Ahnung eines Grofieren in uns 
selber ist im Grunde das erste Aufleuchten des inneren 
Gottesgefiihles in der Seele; ein Gefuhl davon, daft in 
uns selber etwas lebt, was grofier ist als alles, was 
zunachst in unsere Willkiir gestellt ist, und das bewirkt, 



dafi das Gottesgefiihl in uns erwacht, dafi wir hinschau- 
en auf etwas, was uns iiber unser engbegrenztes Ich 
hinausfiihrt zu einem geistig-gottlichen Ich. So spricht 
eine in das Gefiihl, in die Empfindung verwandelte 
Betrachtung der Vergangenheit. 

Wie spricht nun das, was wir das Hineinfliefien des 
Zukunftsstromes in die Seele nennen konnen, wenn wir 
es in ein Gefiihl, in eine Empfindung verwandeln? 

Das spricht noch deutlicher und noch wesentlicher zu 
uns. Wahrend beim Zuriickblicken in die Ereignisse der 
Vergangenheit sich unsere Empfindung und unser Ge- 
fiihl wie ein abweisendes Urteil, wie Reue, wie Scham 
vielleicht geltend macht, so stehen der Zukunft gegen- 
iiber von vornherein die Empfindungen und Gefiihle da 
von Angst und Furcht, von Hoffnung, von Freude. Aber 
diesen Gefiihlen gegeniiber steht zunachst fur den Men- 
schen der Strom der Ereignisse noch nicht selber da; er 
durchschaut ihn noch nicht. Er kann hier leichter sogar 
den Begriff, die Idee in ein Gefiihl verwandeln, als im 
ersten Falle. Denn das tut die Seele selber. Weil sie uns 
der Zukunft gegeniiber nur die Gefiihle der Wirklichkeit 
gibt, so stehen unsere Gefiihle und Empfindungen der 
Zukunft da wie etwas, was sich herausgebiert aus einem 
unbekannten Strom, von dem wir wissen: er kann so 
oder so auf uns wirken, er kann uns das oder jenes 
gewahren. Wenn wir nun dies in die richtige Empfin- 
dung verwandeln, was aus dem dunklen Schofi der Zu- 
kunft mit Sicherheit uns entgegenkommt, und wenn wir 
fiihlen, wie es hereinstromt in unsere Seele, und wie sich 
ihm entgegenstellen unsere Empfindungswelten, dann 
fiihlen wir, wie unsere Seele immer von neuem sich 
entziindet an den Erlebnissen, die uns aus der Zukunft 
entgegenkommen. Wir fiihlen hier erst recht, wie unsere 



Seek reicher, umfassender werden kann als sie ist; wir 
fiihlen unsere Seele schon in der Gegenwart so, dafi sie 
sicher in der Zukunft einen unendlich reicheren und 
machtigeren Inhalt umfassen wird. Wir fiihlen uns schon 
verwandt mit dem, was uns aus der Zukunft entgegen- 
kommt, miissen uns damit verwandt fiihlen. Wir miissen 
unsere Seele gewachsen fiihlen dem ganzen Inhalt, den 
ihr die Zukunft noch geben kann. 

Betrachten wir so Vergangenheit und Zukunft in dem 
Hereinstromen in die Gegenwart, dann zeigt sich uns, 
wie das Seelenleben iiber sich selber ahnend hinaus- 
wachst. Wir werden es daher begreiflich finden, wenn 
die Seele, zuriickblickend auf die Vergangenheit, gewahr 
wird jenes Bedeutungsvolle, das in sie hineinspielt, und 
dem sie nicht gewachsen ist; daft sie entfalten kann eine 
Stimmung, eine Grundempfindung gegeniiber dem, was 
sich so als Ergebnis der Vergangenheit zeigt. Wenn so 
die Seele - sei es im Urteil oder in Reue und Scham iiber 
sich selber - das Machtige im Strom aus der Vergan- 
genheit in sich hineinfliefien fiihlt, dann erzeugt sich das, 
was man nennen konnte die Andacht gegeniiber dem 
Gottlichen, das uns aus der Vergangenheit anschaut. 
Und diese Andacht gegeniiber dem Gottlichen, das uns 
aus der Vergangenheit anschaut, das wir ahnen konnen 
als etwas, was auf uns wirkt, dem wir aber mit unserm 
Bewufttsein nicht gewachsen sind, erzeugt die eine Ge- 
betsstimmung - denn es gibt zwei Gebetsstimmungen -; 
jene Gebetsstimmung, die wir bezeichnen konnen als 
diejenige, welche zur Gottinnigkeit fiihrt. Denn was 
wird die Seele wollen konnen, wenn sie still und intim 
sich diesen Empfindungen und Gefiihlen gegeniiber sol- 
cher Vergangenheit hingibt? Sie wird wollen konnen, 
da£ das Machtigere, das sie unbenutzt gelassen hat, das 



sie mit ihrem Ich nicht durchdrungen hat, in ihr gegen- 
wartig werde. Die Seek wird sich sagen konnen: Ware 
dieses Machtigere in mir, dann ware ich heute eine 
andere; es hat in mir nicht gelebt, es war in mir nicht 
gegenwartig. Das Gottliche, was ich ahne, war nicht 
etwas, was zu meinem Innenleben gehorte; deshalb habe 
ich mich nicht so gemacht, dafi ich zu mir selber heute 
ganz «Ja» sagen kann. - Wenn die Seele so empfindet, 
\iberkommt sie jene Stimmung, durch die sie sich sagt: 
Wie kann ich in diese Seele hereinbekommen, was in 
alien meinen Taten und Erlebnissen zwar gelebt hat, was 
aber mir unbekannt war? Wie kann ich -hereinziehen 
dieses Unbekannte, von meinem Ich nicht Erfafite? 
Wenn diese Stimmung in der Seele sich auslebt, sei es 
durch ein Gefiihl, durch ein Wort oder eine Idee, dann 
haben wir das Gebet gegeniiber der Vergangenheit. 
Dann suchen wir uns auf einem Wege dem Gottlichen 
andachtig zu nahern. 

Demjenigen, was wir charakterisieren konnten als aus 
dem Strome der unbekannten Zukunft uns das Gott- 
liche leuchten lassend, dem gegeniiber gibt es nun eine 
andere Stimmung. Und wenn wir sie vergleichen wollen 
mit der eben charakterisierten, dann fragen wir uns noch 
einmal: Was fiihrt uns zur Gebetsstimmung gegeniiber 
der Vergangenheit? Dafi wir unvollkommen geblie- 
ben sind, trotzdem wir ahnen konnen, dafi ein Gott- 
liches in uns hineinleuchtet; dafi wir nicht alle Fahigkei- 
ten, nicht alle Krafte entwickelt haben, die aus diesem 
Gottlichen fliefien konnen; unsere Mangel, was uns ge- 
ringer macht, als das Gottliche ist, das in uns hineinleuch- 
tet: das fiihrt uns zur Gebetsstimmung gegeniiber der 
Vergangenheit, Was macht uns aus der Zukunft herein 
in einer ahnlichen Weise mangelhaft? Was hemmt aus 



der Zukunft unsere Entwickelung, unseren Aufstieg 
zum Geistigen? 

Da brauchen wir nur daran zu denken, dafi gerade 
jene Gefiihle und Empfindungen, die wir schon nennen 
konnten, fressen an unserem Seelenleben: Angst und 
Furcht vor dem Unbekannten der Zukunft. Gibt es aber 
etwas, was in die Seele sich ergiefien kann als Kraft der 
Sicherheit gegeniiber dem Zukiinftigen? - Ja, das gibt es. 
Richtig wird es aber in der Seele nur wirken, wenn es als 
Gebetsstimmung auftritt. Und das ist das, was man 
nennen kann das Ergebenheitsgefuhl gegeniiber dem, 
was aus dem dunklen Schofi der Zukunft in unsere Seele 
eintritt. Mifiverstehen wir uns auf diesem Gebiete nicht. 
Es wird hier nicht etwa dem ein Loblied gesprochen, 
was man von da und dorther als Ergebenheit bezeichnen 
kann, sondern es wird eine ganz bestimmte Art von 
Ergebenheit charakterisiert: Ergebenheit gegeniiber dem, 
was uns die Zukunft bringen kann. Wer angstlich und 
furchtsam hinblickt auf das, was ihm die Zukunft brin- 
gen kann, der hindert seine Entwickelung, hemmt die 
freie Entfaltung seiner Seelenkrafte. Nichts ist eigentlich 
dieser freien Entfaltung der Seelenkrafte so hinderlich als 
die Furcht und Angst vor dem Unbekannten, das aus 
dem Strome der Zukunft in die Seele hereintritt. Was die 
Ergebenheit gegeniiber der Zukunft bringen kann, dar- 
iiber kann eigentlich nur die Erfahrung urteilen. Was ist 
Ergebenheit gegeniiber den Zukunftsereignissen? 

In ihrer idealen Gestalt ware diese Ergebenheit jene 
Seelenstimmung, die sich immer sagen konnte: Was auch 
kommt, was mir auch die nachste Stunde, der nachste 
Morgen bringen mag, ich kann es zunachst, wenn es mir 
ganz unbekannt ist, durch keine Furcht und Angst an- 
dern. Ich erwarte es mit vollkommenster innerer Seelen- 



ruhe, mit vollkommener Meeresstille des Gemiites! Jene 
Erfahrung, die sich aus einem solchen Ergebenheitsge- 
fiihl gegeniiber den Zukunftsereignissen ergibt, geht da- 
hin, daft derjenige, der so gelassen, mit vollstandiger 
Meeresstille des Gemiites der Zukunft entgegenleben 
kann und dennoch seine Energie, seine Tatkraft in keiner 
Weise darunter leiden lafit, die Krafte seiner Seele in der 
intensivsten Weise, in der freiesten Art zu entfalten 
vermag. Es ist, wie wenn gleichsam Hemmnis nach 
Hemmnis von der Seele fiele, wenn sie immer mehr und 
mehr jene Stimmung iiberkommt, die jetzt als «Ergeben- 
heit» charakterisiert worden ist gegeniiber den aus der 
Zukunft uns zustromenden Ereignissen. 

Dieses Ergebenheitsgefuhl kann sich die Seele nicht 
auf einen Machtspruch geben, nicht durch eine aus dem 
Nichts hervorgeholte Willkiir. Dieses Ergebenheitsge- 
fuhl ist das Resultat dessen, was man die andere Gebets- 
stimmung nennen kann, jene Gebetsstimmung, welche 
sich richtet an die Zukunft und ihren von Weisheit 
durchdrungenen Lauf der Ereignisse. Hingabe an das, 
was man gottliche Weisheit in den Ereignissen nennt; 
hervorrufen in sich selber immer wieder den Gedanken, 
die Empfindung, den Impuls des Gemutslebens, daft das, 
was da kommen werde, sein mufi, und dafi es nach 
irgendeiner Richtung seine guten Wirkungen haben miis- 
se: das Hervorrufen dieser Stimmung in der Seele und 
das Ausleben dieser Stimmung in Worten, in Empfin- 
dungen, in Ideen, das ist die zweite Art der Gebetsstim- 
mung, die Stimmung des Ergebenheitsgebetes. 

Aus diesen Stimmungen der Seele mussen hervorge- 
holt werden die Impulse zu dem, was man Gebet nennt. 
Denn in der Seele selber sind die Antriebe gegeben, und 
im Grunde kommt Gebetsstimmung in eine jede Seele, 



die sich nur ein wenig erhebt iiber die unmittelbare 
Gegenwart. Gebetsstimmung, konnte man sagen, ist das 
Hinaufblicken der Seele aus dem zeitlich voriiberge- 
henden Gegenwartigen in das Ewige, das Vergangenheit, 
Gegenwart und Zukunft umschliefit. Aus dem Grande, 
weil fiir den Menschen dieses Hinausblicken und Hinaus- 
leben aus dem Augenblick der Gegenwart so notwendig 
ist, lafk Goethe seinen Faust das gro£e, bedeutsame 
Wort zu Mephistopheles sprechen: 

Werd' ich zum Augenblicke sagen: 
Verweile doch! du bist so schon! 

das heilk: konnte ich mich je mit einem Leben im 
bIo£en Augenblicke begniigen - 

Dann magst du mich in Fesseln schlagen, 
Dann will ich gern zu Grande gehn! 

Man konnte also auch sagen: Es ist Gebetsstimmung, die 
sich Faust erfleht, um aus den Fesseln des Gesellen, des 
Mephistopheles, herauszukommen. 

Gebetsstimmung fuhrt uns also auf der einen Seite zur 
Betrachtung unseres engbegrenzten Ich, das aus der 
Vergangenheit herauf in die Gegenwart gearbeitet hat, 
und das, wenn wir es ansehen, uns klar zeigt, wie 
unendlich mehr in uns ist, als wir benutzt haben; und 
auf der andern Seite fuhrt uns diese Betrachtung in die 
Zukunft und zeigt uns, wie aus dem unbekannten Schofi 
der Zukunft unendlich viel mehr in das Ich hineinfliefien 
kann, als dieses Ich bereits in der Gegenwart erfafit hat. 
In eine dieser zwei Stimmungen hinein ist jede Gebets- 
stimmung zu bringen. Wenn wir so die Stimmung des 
Gebets erfassen und das Gebet als einen Ausdruck dieser 
Stimmung, dann werden wir in dem Gebete selber jene 



Kraft finden, die uns iiber uns selbst hinausfiihrt. Denn 
was ist denn das Gebet anders, wenn es so in uns 
auftritt, als das Aufleuchten jener Kraft in uns, die 
hinaus will iiber das, was unser Ich in einem Augen- 
blicke war! Und wenn das Ich nur erfaik wird von 
diesem seinem Hinausstreben, dann lebt schon in ihm 
jene Kraft, die Entwickelungskraft ist. Wenn wir aus der 
Vergangenheit lernen: Wir haben mehr in uns, als wir 
benutzt haben! — da ist unser Gebet ein Aufschreien zu 
dem Gottlichen: es moge da sein, es moge uns erfullen 
mit seiner Gegenwart! Wenn wir zu dieser Erkenntnis 
gefiihls- und empfindungsmafiig gekommen sind, dann 
ist das Gebet Ursache der Weiterentwickelung in uns. 
Und wir konnen das Gebet dann zahlen zu den Entwik- 
kelungskraften unseres eigenen Ich. 

Ebenso konnen wir es halten mit der Gebetsstimmung 
gegeniiber der Zukunft, wenn wir in Furcht und Angst 
dem gegeniiber leben, was die Zukunft uns bringen 
kann. Denn da fehlt uns jene Ergebenheit, die aus dem 
Gebete stromt, das wir entgegensenden unseren Geschik- 
ken, die uns aus der Zukunft entgegeneilen, und von 
denen wir sagten: Sie sind aus der Weisheit der Welt 
iiber uns verhangt. Die Hingabe an diese Ergebenheits- 
stimmung wirkt anders, als wenn wir Furcht und Angst 
dem entgegensenden, was uns entgegenkommen soil. 
Durch Angst und Furcht wird unsere Entwickelung 
gehemmt; wir weisen durch die Wellen der Furcht und 
der Angst das zuriick, was in unsere Seele aus der 
Zukunft herein will. Aber wir nahern uns ihm in be- 
fruchtender Hoffnung, so dafi es in uns hineinkommen 
kann, wenn wir ihm in Ergebenheit entgegenleben. So ist 
diese Ergebenheit, die uns scheinbar klein macht, eine 
starke Kraft, die uns der Zukunft entgegentragt, so dafi 



die Zukunft den Inhalt der Seele bereichert und unsere 
Entwickelung auf eine immer neue Stufe bringt. 

Da haben wir das Gebet erfafit, wie es eine wirkende 
Kraft in uns selber ist. Daher sehen wir in dem Gebet 
eine Ursache in uns, die unmittelbare Wirkungen nach 
sich zieht, namlich die Vergrofterung und Entwickelung 
unseres Ich. Wir brauchen dann gar nicht besondere 
aufiere Wirkungen abzuwarten; sondern wir sind uns 
klar: Wir haben mit dem Gebete selber etwas in unsere 
Seele gesenkt, das wir erleuchtende und erwarmende 
Kraft nennen konnen. Erleuchtende Kraft, weil wir die 
Seele frei machen gegeniiber dem, was uns aus der 
Zukunft entgegeneilt, und sie geeignet machen, das auf- 
zunehmen, was uns aus dem dunklen Schofi der Zukunft 
werden kann; erwarmend wirken wir auf die Seele, weil 
wir sagen konnen: Zwar haben wir in der Vergangenheit 
versaumt, vollig das Gottliche in unserem Ich zur Entfal- 
tung zu bringen; jetzt aber haben wir uns in unseren 
Empfindungen und Gefuhlen mit ihm durchdrungen, 
und es kann wirken in uns. Die Gebetsstimmung, die 
uns aus dem Gefiihl fur die Vergangenheit kommt, 
erzeugt jene innere Seelenwarme, von der alle diejenigen 
zu erzahlen wissen, welche das Gebet in seiner Wahrheit 
zu empfinden vermogen. Und die erleuchtende Wirkung 
zeigt sich bei denen, die das Ergebenheitsgefiihl des 
Gebetes kennen. 

Wenn wir so das Wesen des Gebetes betrachten, 
werden wir uns nicht wundern, dafi gerade die groEen 
Mystiker in der Hingabe an das Gebet die beste Vorschu- 
le fanden fur das, was sie in der mystischen Versenkung 
dann suchten. Sie leiteten sozusagen die Stimmung ihrer 
Seele durch das Gebet vorher hin zu jenem Punkt, wo 
sie dann fahig wurden, das charakterisierte «Fiinklein» 



aufleuchten zu las sen. Gerade durch die Vergangenheits- 
betrachtung kann uns erklarlich erscheinen jene tiefe 
Innigkeit, jene wunderbare Intimitat des Seelenlebens, 
die den Menschen beim wahren Gebet uberkommen 
kann. Es ist doch das Erleben, das Erfahren in der 
Aufienwelt, was uns uns selber entfremdet, auch ganz 
genau das gleiche, das in der Vergangenheit das in uns 
Machtigere - unser bewufites Ich - nicht hat aufkommen 
lassen. Wir waren hingegeben den aufieren Eindriicken, 
wir gingen auf in dem Mannigfaltigen des aufieren Le- 
bens, was uns zerstreut und uns nicht zur Sammlung 
kommen lafit. Das ist aber dasselbe, was die machtigere, 
starkere Gotteskraft in uns nicht zur Entfaltung kom- 
men liefi. Jetzt aber, wo wir dies in einer solchen 
Stimmung der Gottinnigkeit in uns entfalten, fiihlen wir 
uns in uns selber nicht hingegeben an die zerstreuenden 
Wirkungen der Aufienwelt. Das ist es, was uns mit jener 
unsaglichen, wunderbaren Warme des In-sich-Seins er- 
fiillt wie mit einer inneren Seligkeit, was wirkliche innere 
Gottdurchwarmung genannt werden kann. Und wie die 
Warme im Kosmos es ist, welche bei den hoheren Wesen 
als Innenwarme physisch auftritt, und dadurch aus den 
niederen Wesen, welche die gleiche Warme haben wie 
die Umgebung, die hoheren Wesen erst gestaltet; wie 
diese physische Warme das Wesen materiell in sich 
verinnerlicht, so ist es die durch das Gebet erzeugte 
Seelenwarme, die aus einem Seelenwesen, das sich in der 
Aufienwelt verliert, ein solches macht, das sich in sich 
selber zusammenschliefit. Wir erwarmen in dem Gott- 
gefiihl in uns im Gebet; wir erwarmen nicht nur, wir 
finden uns intim in uns selber. 

Wenn wir dann auf der anderen Seite an die Dinge der 
Aufienwelt herantreten, so erscheinen sie uns im Grunde 



genommen immer mit dem durchmischt, was man nen- 
nen kann «dunkier Schoft des Zukiinftigen>>. Denn wer 
genauer die Dinge betrachtet, mufi sich sagen: In allem, 
dem er entgegengeht in der Auftenwelt, ist immer ein 
Zukiinftiges. Uberall sozusagen stofk uns etwas zuriick, 
wenn wir Furcht und Angst vor dem haben konnen, was 
uns treffen kann. Wie ein dichter Schleier steht die 
Aufienwelt vor uns. Wenn wir aber das Ergebenheits- 
gefiihl, die Gebetsstimmung entwickeln gegeniiber dem, 
was aus dem dunklen Schofi der Zukunft uns entgegen- 
tritt, dann konnen wir erfahren, wie wir alien Wesen der 
Aufienwelt gegeniibertreten konnen mit dem Gefiihl 
derselben Sicherheit und Hoffnung, das uns aus dem 
Ergebenheitsgefuhl stromt. Wir konnen uns dann alien 
Dingen gegeniiber sagen: Weisheit der Welt ist es, die 
uns entgegenleuchten wird! Wahrend uns sonst aus al- 
lem, dem wir gegeniibertreten, Finsternis anstarrt, und 
die Finsternis in die Empfindung hinein tritt, werden wir 
jetzt sehen, wie durch das Ergebenheitsgefuhl in uns die 
Empfindung ersteht, dafi im Grunde genommen nur 
durch das, was wir in der Seele als das Hochste ersehnen 
und begehren konnen, weisheitsvoller Gehalt der Welt 
uns aus allem entgegenleuchten wird. - So konnen wir 
sagen: Es ist die Hoffnung auf Erleuchtung aus der 
ganzen Umwelt, die uns wird aus der Ergebenheitsstim- 
mung des Gebetes. Und wie die Finsternis uns in uns 
selber zusammenschlieftt, wie die Finsternis uns Verlas- 
senheit und Enge schon im Physischen zeigt, wenn wir 
in Nachtesdunkel irgendwo stehen und Schwarzes um 
uns herum sich ausbreitet, so fiihlen wir, wenn der 
Morgen kommt und das Licht uns entgegentritt, uns aus 
uns selber herausversetzt; aber nicht so, dafi wir uns 
verlieren wiirden, sondern so, wie wenn wir unserer 



Seele bestes Wollen, unserer Seele bestes Sehnen jetzt in 
die Aufienwelt hineintragen konnten. So fiihlen wir jenes 
Hingegebensein an die Welt, das uns uns selber entfrem- 
det, iiberwunden durch die Gebetswarme, die uns mit 
uns selber zusammenschliefk. Und wenn wir die Gebets- 
warme in sich zur Entfaltung bringen bis zum Ergeben- 
heitsgefiihl, welches das Gebet durchstromen kann, dann 
entziindet sich die Gebetswarme zum Gebetslicht. Wir 
treten jetzt neuerdings aus uns heraus und wissen: Wenn 
wir jetzt mit der Aufienwelt uns vereinigen und die 
Blicke richten auf alles, was in der Umwelt ist, dann 
fiihlen wir uns nicht zerstreut und uns selber entfremdet 
in ihr; sondern dann fiihlen wir, wie das, was unserer 
Seele Bestes ist, aus der Seele herausfliefk, und fiihlen 
uns vereint mit dem, was uns aus der Umwelt heraus 
entgegenleuchtet. 

Diese beiden Gebetsstromungen lassen sich bildlich 
noch besser zum Ausdruck bringen als in Begriffen, so 
zum Beispiel wenn wir uns daran erinnern, was im Alten 
Testament von Jakob erzahlt wird als jener machtige, die 
Seele durchwiihlende Kampf des Jakob in der Nacht. Er 
erscheint uns so, wie wenn wir selber hingegeben sind 
der Mannigfaltigkeit der Welt, an die unsere Seele sich 
zunachst verhert, und die sie nicht zu sich selber kom- 
men lafit. Wenn das Streben sich in sich zu finden dann 
doch erwacht, dann kommt der Kampf unseres hoheren 
Ich gegeniiber dem niederen Ich; dann wogen die Stim- 
mungen auf und ab; dann aber arbeiten wir uns durch 
gerade durch jene Gebetsstimmung, und es kommt zu- 
letzt jener Augenblick, der uns gezeigt wird in der Er- 
zahlung bei Jakob dadurch, dafi sich der innere nachtliche 
Kampf seiner Seele ausgleicht, erhellt und harmonisch 
wird, als ihm die Morgensonne entgegenleuchtet. So wirkt 



in der Tat das wahre Gebet in der menschlichen Seele. 

Wenn wir so das Gebet betrachten, ist es frei von 
jeglichem Aberglauben. Denn dann ist es das, was unse- 
rer Seele allerbestes Teil zur Entfaltung, was unmittelbar 
in unsere Seele eine Kraft bringt. So angesehen ist das 
Gebet die Vorstufe der mystischen Versenkung, wie die 
mystische Versenkung selber die Vorstufe ist alles des- 
sen, was wir Geistesforschung nennen konnen. Und es 
wird uns auch schon aus der Charakteristik des Gebetes 
erklarlich erscheinen, was ofter hier erwahnt worden ist: 
daft wir im Gmnde genommen eigentlich Irrtum uber 
Irrtum auf unsere Seele laden, wenn wir glauben, wir 
konnten das Gottliche, sozusagen den Gott, mystisch 
nur in uns selber finden. Diesen Fehler haben allerdings 
Mystiker und auch sonst christlich gesinnte Leute des 
Mittelalters vielfach gemacht. Sie haben ihn gemacht, 
weil die Gebetsstimmung gerade wahrend der Zeiten des 
Mittelalters anfing sich zu durchtranken mit Egoismus; 
mit jenem Egoismus, durch den die Seele sich sagt: Ich 
will vollkommener und immer vollkommener werden 
und an nichts anderes denken als an dieses immer voll- 
kommener Werden. Im Grunde genommen ist es nur ein 
Nachklang jener egoistischen Sehnsucht nach blofier in- 
nerer Vollkommenheit, wenn eine verkehrte theoso- 
phische Stromung heute davon spricht, daft der Mensch, 
wenn er nur absehe von allem Aufteren, den Gott in der 
eigenen Seele finden konne. 

Wir haben ja gesehen, daft es zwei Gebetsstromungen 
gibt: die eine fiihrt zur Erwarmung unseres Inneren, die 
andere fiihrt im Ergebenheitsgefiihl wiederum hinaus in 
die Welt und fiihrt gerade zur Erleuchtung und zur 
wahren Erkenntnis. Wer so die Gebetsstimmung betrach- 
tet, wird bald sehen, daft diejenige Erkenntnis, die wir 



uns mit den gewohnlichen Mitteln des Verstandes erar- 
beiten, unfruchtbar ist in gewisser Beziehung gegeniiber 
einer anderen Erkenntnis. Wer Gebetsstimmung kennt, 
der kennt jene Zuriickgezogenheit der Seele in sich 
selber, wo sie sich aus der Mannigfaltigkeit der Welt, die 
sie zerstreut, herauslost, wo sie sich in sich selber sam- 
melt und in sich selber das erlebt, was man nennen kann: 
volliges In-sich-geschlossen-Sein und Bei-sich-Sein, sich 
erinnernd an das, was erhaben ist iiber den Augenblick, 
was aus Vergangenheit und Zukunft hereinragt in die 
Seele. Wer diese Stimmung kennt, wo windstill, sinnen- 
still unsere ganze Umgebung wird, wo nur die schonsten 
Gedanken und Empfindungen, deren wir fahig sind, die 
Seele im Innern zusammenhalten, wo vielleicht auch 
diese zuletzt schwinden und nur eine Grundempfindung 
in der Seele lebt, die nach zwei Seiten hinweist: nach 
dem Gotte, der sich aus der Vergangenheit, nach dem 
Gotte, der sich aus der Zukunft ankiindigt — wer diese 
Stimmungen kennt und mit ihnen zu leben weifi, der 
weift auch, dafi es fur die Seele solche grofien Momente 
gibt, wo sie sich sagt: Ich habe jetzt einmal abgesehen 
von dem, was ich bewufit durch mein Denken zustande 
bringen kann an Gescheitheit, habe abgesehen von dem, 
was ich zustande bringen kann durch meine Empfin- 
dungen, habe abgesehen von jenen Idealen, welche ich 
fassen kann durch mein Wollen, zu dem ich bisher 
erzogen worden bin; ich habe alles aus meiner Seele 
herausgefegt. Ich war hingegeben meinen hochsten Ge- 
danken und Empfindungen; ich habe auch diese aus 
meiner Seele gefegt und nur die eben charakterisierte 
Grundempfindung leben lassen. Wer solche Empfin- 
dungen kennt, der weifi : Wie uns die Wunder der Natur 
entgegentreten, wenn wir das reine Auge auf die Natur 



richten, so leuchten hinein in unsere Seele neue Empfin- 
dungen, die wir bisher nicht gewahr werden konnten. 
Willensimpulse und Ideale sprieften auf in der Seele, 
welche uns bisher fremd waren, so daft die fruchtbarsten 
Momente in dieser Grundstimmung erwachen. 

So kann uns das Gebet im besten Sinne des Wortes 
eine Weisheit geben, zu der wir im gegebenen Augen- 
blick noch nicht fahig sind; es kann uns die Moglichkeit 
geben zu einem Fiihlen und Empfinden, das wir uns 
bisher noch nicht anerziehen konnten. Und wenn das 
Gebet unsere Selbsterziehung weiter fiihrt, kann es uns 
eine Starke des Wollens geben, zu der wir uns bisher 
nicht haben aufschwingen konnen. Wenn wir allerdings 
eine solche Gebetsstimmung haben wollen, dann miissen 
es die groftten Gedanken sein, die herrlichsten Empfin- 
dungen und Impulse, deren wir fahig sein konnen, die in 
der Seele aufleben, damit sie eine solche Stimmung aus 
ihr herausholen. Und da kann ja immer wieder nur 
hingewiesen werden auf diejenigen Gebete, die seit ural- 
ten Zeiten oder in den feierlichsten Momenten der 
Menschheit gegeben worden sind. 

In meiner kleinen Schrift «Das Vaterunser» finden Sie 
eine Darstellung des Inhaltes, aus dem sich zeigt, daft 
allerdings in die «sieben Bitten» eingeschlossen ist alle 
Weisheit der Welt. Mogen Sie immerhin denken: In 
diesem Biichlein wird von dem Vaterunser gesagt, daft 
nur derjenige die «sieben Bitten» dieses Gebetes verste- 
hen kann, der die tieferen Quellen des Weltalls kennt; 
der naive Mensch aber, der das Vaterunser betet, kann 
doch nicht diese Tiefen ergriinden! Das ist aber auch 
nicht notwendig. Damit das Vaterunser hat zustande 
kommen konnen, war notwendig, daft aus einer umfas- 
senden Weisheit der Welt in Worte gepragt worden ist, 



was man «tiefste Welten- und Menschheitsgeheimnisse» 
nennen kann. Weil dies aber nun im Vaterunser enthal- 
ten ist, deshalb wirkt es in den Worten des Vaterunsers, 
auch wenn man noch lange nicht die Tiefen dieses 
Gebetes versteht. Das ist aber gerade das Geheimnis 
eines wahren Gebetes, dafi es hervorgeholt sein mufi aus 
der Weltenweisheit. Und weil es daraus hervorgeholt ist, 
deshalb wirkt es, trotzdem wir es noch nicht verstehen. 
Wir konnen es verstehen, wenn wir zu den hoheren 
Stufen hinaufsteigen, zu denen Gebet und Mystik vorbe- 
reiten. Das Gebet bereitet uns fur die Mystik, die Mystik 
fur die Meditation, Konzentration vor, und von da 
werden wir hingewiesen zu dem eigentlichen Arbeiten 
fur die Geistesforschung. 

Es ist kein Einwand, wenn man sagt, man miisse doch 
dasjenige verstehen, was man betet, wenn das Gebet die 
richtige Wirkung haben soil. Das ist einfach nicht rich- 
tig. Wer versteht die Weisheit einer Blume, wenn er sich 
doch an einer Blume erfreuen kann? Man braucht die 
Weisheit der Blume nicht zu durchdringen, und dennoch 
kann sich Freude in die Seele ergiefien, wenn man die 
Blume anschaut. Dafi die Blume da ist, dazu war die 
Weisheit notwendig; dafi wir uns an der Blume erfreuen, 
dazu ist zunachst die Weisheit nicht notwendig. Daft ein 
Gebet zustande kommen kann, dazu ist die Weisheit der 
Welt notwendig; daft aber das Gebet, wenn es da ist, die 
charakterisierte Warme und das charakterisierte Licht in 
die Seele gieik, dazu ist ebensowenig die Weisheit not- 
wendig, wie sie notwendig ist, daft uns die Blume erfreu- 
en kann. Aber etwas, was nicht durch die Weisheit der 
Welt zustande gekommen ist, konnte auch nicht jene 
Kraft haben. Schon an der Art, wie das Gebet wirkt, 
zeigt sich uns, welche Tiefe das Gebet hat. 



Wenn die Seele wirklich sich entwickeln soli unter 
dem Einflufi eines solchen in ihr Lebenden, so kann 
immer wieder darauf hingewiesen werden, wie an einem 
wahren Gebet ein jeder Mensch, auf welcher Stufe der 
Entwickelung und der Erziehung er auch stent, etwas 
haben kann. Der Naivste, der vielleicht nichts weiter 
weifi als das Gebet selber, kann das Gebet auf die Seele 
wirken lassen. Das Gebet selber wird es sein, das Wir- 
kungskrafte hervorrufen kann, welche ihn immer hoher 
und hoher bringen. Aber man ist nie fertig mit einem 
Gebet, wie hoch man auch steht; denn es kann immer 
noch die Seele um eine Stufe hoher bringen, als sie schon 
ist. Und das Vaterunser ist ein Gebet, das nicht nur 
gebetet werden kann, sondern das auch mystische Stim- 
mung hervorrufen kann, und das auch der Gegenstand 
sein kann der hoheren Meditation und Konzentration. 
Das konnte noch von manchen Gebeten gesagt werden. 
Aber allerdings ist aus dem Mittelalter etwas heraufge- 
zogen, was das Gebet und die Gebetsstimmung heute 
etwas unrein machen kann, und was man nur mit dem 
Worte «Egoismus» bezeichnen kann. 

Wenn man durch das Gebet nur in sich selber hinein- 
kommen will, sich nur in seinem Innern vervoll- 
kommnen will - wie das auch mancher mittelalterliche 
Christ nur wollte, vielleicht auch heute noch will -, 
wenn man nicht auch durch die Erleuchtung den Blick 
wieder in die Welt, nach aufien, senden will, dann stellt 
sich das Gebet dar als etwas, was zu gleicher Zeit den 
Menschen dazu bringt, sich von der Welt abzusondern, 
weltenfremd und weltenfern zu sein. Das war bei vielen 
Menschen der Fall, die das Gebet im Sinne von falscher 
Askese und Einsiedelei benutzten. Solche Menschen 
wollten nicht nur vollkommen sein im Sinne der Rose, 



die sich schmiickt, um den Garten schon zu machen, 
sondern sie wollten noch vollkommen sein wegen ihres 
eigenen Selbstes, um in der Seele die eigene Seligkeit zu 
finden. Wer in der Seele den Gott sucht und nicht 
wieder mit diesen gefundenen Kraften hinausgehen will 
in die Welt, der wird dann schon finden, dafi sich 
solches Beginnen in gewisser Weise racht. Und Sie kon- 
nen finden in mancherlei Schriften, deren Verfasser nur 
die eine Gebetsstimmung kennen, die zur innerlichen 
Erwarmung fiihrt - selbst bis zu jener Schrift des Mi- 
chael de Molinos hin -, ganz sonderbare Beschreibungen 
von allerlei Leidenschaften und Trieben, Versuchungen, 
Anfechtungen und wilden Gelusten, welche die Seele 
gerade dann erlebt, wenn sie durch innerliches Gebet, 
durch volliges Hingegebensein an das, was sie fur ihren 
Gott halt, die Vollkommenheit sucht. Das ist nichts 
anderem zuzuschreiben als dem Umstande, dafi der 
Mensch erfahren mufi, wenn er einseitig den Gott sucht, 
einseitig sich der geistigen Welt nahern will, nur die 
Gebetsstimmung entfalten will, die zur innerlichen 
Durchwarmung fiihrt, und nicht auch die andere, die zur 
Durchleuchtung fiihrt, dafi dann die andere Seite sich 
racht. Wenn ich nur mit Reue und Schamgefiihl in die 
Vergangenheit blicke und sage: Es ist etwas Machtiges in 
mir, das ich in meinen bisherigen Erlebnissen nicht 
ausgepragt habe, von dem ich mich aber jetzt erfiillen 
lassen will, damit ich vollkommen werde, dann tritt 
allerdings diese Stimmung nach dem Vollkommenen hin 
in gewisser Weise auf. Aber das andere, das Unvollkom- 
mene, das in der Seele sitzt, das macht sich als eine 
Gegenkraft geltend, sturmt um so wuchtiger hervor und 
zeigt sich als Versuchung und Leidenschaft. In dem 
Augenblicke, wo sich die Seele ernstlich gefunden hat in 



innerlicher Durchwarmung und Gottinnigkeit, und den 
Gott wiederum in alien Werken, wo er sich offenbart, 
sucht, wo sie nach Erleuchtung strebt: da wird sie 
finden, daft sie schon herauskommt aus sich selber und 
sich entfernt von dem engen, egoistischen Ich, und daft 
Heilung, Sanftigung der inneren Leidenschaften und 
Stiirme eintritt. Deshalb ist es so schlimm, wenn in der 
Gebetsstimmung, in der mystischen Versenkung oder 
Meditation sich ein Egoistisches beimischt. Wenn wir 
den Gott finden wollen und ihn dann nur in unserer 
Seek halten wollen, dann zeigt sich, daft unser Egois- 
mus ungesund ist, daft er sich hinauf erhalten hat bis in 
die hochsten Bestrebungen unserer Seele; und dann 
racht sich diese egoistische Stimmung. Nur dann kon- 
nen wir geheilt werden, wenn wir, nachdem wir den 
Gott in uns gefunden haben, dasjenige, was wir nun in 
uns haben, selbstlos iiber die Welt ausgieften in unseren 
Gedanken, Empfindungen, in unserem Willen und in 
unseren Taten. 

Man hort heute so oft - und es kann nicht genug 
davor gewarnt werden -, insbesondere auf dem Gebiete 
einer falsch verstandenen Theosophie: Du kannst das 
Gottliche nicht in der Auftenwelt finden; der Gott lebt 
in dir selber! Gehe nur recht in dich selber hinein, dann 
wirst du den Gott in dir finden. - Ich habe sogar einmal 
jemanden sagen horen, der es liebte, seinen Zuhorern in 
der Art zu schmeicheln, daft er sie aufmerksam machte 
auf den Gott in der eigenen Seele: Ihr braucht gar nichts 
zu lernen und zu erfahren iiber die groften Geheimnisse 
des Weltalls; ihr braucht nur in euch hineinzuschauen, 
da findet ihr den Gott in euch selber! 

Dagegen muE gehalten werden etwas anderes, was erst 
zur Wahrheit fiihren kann. Ein mittelalterlicher Denker 



hat gegeniiber dieser Stimmung, die richtig ist, wenn sie 
in ihren Grenzen gehalten wird, das richtige Wort gefun- 
den. Wollen wir uns doch einmal dariiber klar sein: 
Nicht jene Dinge sind die schadlichsten, die unwahr 
sind, denn das Unwahre wird sich der menschlichen 
Seele sehr bald als unwahr zeigen. Das Schlimmste sind 
die Dinge, die unter gewissen Voraussetzungen wahr 
sind, und die, wenn sie unter falschen Voraussetzungen 
angewendet werden, etwas durchaus Falsches darstellen. 
Es ist in gewisser Weise wahr, dafi man den Gott in sich 
selber suchen mufi; und weil es wahr ist, wirkt es um so 
schlimmer, wenn es nicht in gewissen Grenzen gehalten 
wird, in denen man es halten mufi. 

Ein mittelalterlicher Denker hat gesagt: Wer wiirde 
denn ein Werkzeug, das er benutzen will, iiberall drau- 
ften in der Welt suchen, wenn er ganz genau weift, dafi 
es in seinem Hause liegt? Er ware ein Tor, wenn er das 
tate. Ein ebensolcher Tor aber ist der, der ein Werkzeug 
zur Gotterkenntnis iiberall in der Welt draufien suchte, 
wenn es doch im Hause, in der eigenen Seele ist. Aber 
wohl gemerkt, es ist gesagt: das Werkzeug! Nicht den 
Gott selber suche man in der eigenen Seele. Der Gott 
wird mittels des Werkzeuges gesucht, und das Werkzeug 
wird man nirgends draufien finden. Das mufi man in der 
Seele suchen - durch wahres Gebet, durch echte mysti- 
sche Versenkung, durch Meditation und Konzentration 
auf den verschiedenen Stufen - und mit diesem Werk- 
zeug herantreten an die Reiche der Welt: Man wird den 
Gott iiberall finden; denn er offenbart sich, wenn man 
das Werkzeug hat, um ihn zu finden, in alien Reichen 
der Welt und auf alien Daseinsstufen. So miissen wir das 
Gotteswerkzeug in uns selber suchen, dann werden wir 
iiberall den Gott finden. 



Solche Betrachtungen wie diese iiber «das Wesen des 
Gebetes» sind heute nicht beliebt. Heute hort man etwa: 
Nun, was sollte denn das Gebet an dem Lauf der Welt 
andern konnen, wenn wir um dieses oder jenes bitten? 
Der Gang der Welt geht doch nach notwendigen Geset- 
zen, die wir nicht andern konnen! - Wer wirklich eine 
Kraft erkennen will, muE sie da suchen, wo sie ist. Wir 
haben heute die Kraft des Gebetes in der menschlichen 
Seele gesucht und haben gefunden, da£ sie etwas ist, was 
die Seele vorwarts bringt. Und wer da weifi, dafi in der 
Welt der Geist es ist, der wirkt - nicht der phantastische, 
abstrakte, sondern der konkrete Geist - und da£ die 
menschliche Seele dem Reich des Geistes angehort, der 
wird auch wissen, dafi nicht nur materielle Krafte in der 
Welt nach aufierlich notwendigen Gesetzen wirken, son- 
dern daft alles, was geistige Wesenheiten sind, in der 
Welt auch dann wirkt, wenn die Wirkungen dieser Kraf- 
te und Wesenheiten fixr das auftere Auge und fur die 
aufiere Wissenschaft nicht sichtbar sind. Starken wir also 
das geistige Leben durch das Gebet, dann brauchen wir 
die Wirkungen nur abzuwarten. Sie werden sich einstel- 
len. Aber es wird erst der die Wirkungen des Gebetes in 
der aufieren Welt suchen, der zunachst selber die Kraft 
des Gebetes als Realitat erkannt hat. 

Wer das erkannt hat, der moge einmal folgendes Expe- 
riment machen. Er moge, nachdem er zehn Jahre seines 
Lebens die Kraft des Gebetes verachtet hat, auf dieses 
zehnjahrige, ohne Gebet verlaufene Leben zuriickblik- 
ken; und moge zuriickblicken auf einen zweiten Ab- 
schnitt, der auch schon vergangen ist, der wieder zehn 
Jahre dauerte, in welchem er die Kraft des Gebetes 
erkannt hat, und er moge beide Jahrzehnte vergleichen: 
er wird sehen, wie sich der Verlauf seines Lebens gean- 



dert hat unter dem Einfluft jener Kraft, die er mit dem 
Gebet in die Seele ergossen hat. Krafte zeigen sich in 
ihren Wirkungen. Es ist leicht, Krafte zu leugnen, wenn 
man ihre Wirkungen gar nicht hervorruft. Wie sollte der 
ein Recht haben, die Kraft des Gebetes zu leugnen, der 
gar nicht versucht hat, das Gebet in sich wirksam wer- 
den zu lassen! Oder glaubt man, daft derjenige die 
Lichtkraft kennt, der sie niemals entwickelte oder sich 
niemals ihr genaht hat? Eine Kraft, die in der Seele und 
durch die Seele wirken soil, lernt man nur erkennen in 
ihrem Gebrauch. 

Auf weitere Wirkungen des Gebetes einzugehen - das 
lassen Sie mich nur durchaus gestehen -, dazu ist die 
Gegenwart, wenn man sich auch noch so vorurteilslos in 
sie hineinstellt, noch gar nicht die rechte Zeit. Denn zum 
Begreifen dessen, daft ein Gemeindegebet, das heifit, das 
Zusammenflieften jener Krafte, die aus einer betenden 
Gemeinde sich ergeben, erhohte Geisteskraft und damit 
erhohte Kraft der Wirklichkeit hat, um das zu begreifen, 
sind die Elemente in unserem Zeitverstandnis noch nicht 
herbeigetragen. Daher begniigen wir uns mit dem, was 
heute als das innere Wesen des Gebetes vor unsere Seele 
getreten ist. Es geniigt auch. Denn wer einiges Ver- 
standnis dafiir hat, wird allerdings hinauskommen iiber 
manches, was heute als Einwand gegen das Gebet so 
leicht erhoben wird. 

Wie sind doch diese Einwande? Sie gehen auf mancher- 
lei. So wird man zum Beispiel sagen: Man vergleiche 
einmal einen tatigen Menschen der Gegenwart, der seine 
Kraft dazu verwendet, seinen Mitmenschen in jedem 
Augenblick zu niitzen, mit einem Menschen, der sich 
still in sich zuriickzieht und die Krafte seiner Seele im 
Gebet verarbeitet: muftig wird man ihn vielleicht nennen 



gegeniiber dem Tatigen! - Verzeihen Sie, wenn ich aus 
einem gewissen Gefiihl fiir geisteswissenschaftliche Er- 
kenntnis sage, dafi es auch noch einen anderen Stand- 
punkt gibt. Ich mochte ihn grotesk aussprechen, aber er 
ist nicht unbegriindet. Allerdings wird der, der heute die 
Zusammenhange im Leben kennt, behaupten, dafi man- 
cher, der heute einen Leitartikel in dieser oder jener 
Zeitung schreibt, seinen Mitmenschen besser diente, 
wenn er betete und an der Vervollkommnung seiner 
Seele arbeitete, so grotesk das auch klingt. Man mochte 
herbeisehnen die Menschen, die sich heute davon ttber- 
zeugen konnten, dafi es gescheiter ware, wenn sie bete- 
ten, statt dafi sie Artikel schreiben. Es liefie sich das 
noch auf manche gerade moderne Beschaftigung des 
geistigen Lebens anwenden. 

Aber auch zum Verstandnis des ganzen Menschen- 
lebens ist das Verstandnis jener Kraft notwendig, die 
sich im Gebet auslebt, die sich uns insbesondere dann 
auch zeigen kann, wenn wir einzelne Gebiete des hohe- 
ren geistigen Lebens in Betracht ziehen. Wer konnte 
denn verkennen, wenn er nicht nur in egoistisch einsei- 
tiger Weise das Gebet auffafit, sondern in der weiten 
Art, wie wir es heute getan haben, dafi das Gebet in 
dieser Art zum Beispiel ein Bestandteil der Kunst ist? 
Gewifi, es gibt in der Kunst auch eine andere Stimmung, 
die in der Komik, in der humoristischen Stimmung sich 
erhebt iiber das, was geschildert werden soli. Aber es 
gibt in der Kunst auch dasjenige, was sich gebetartig 
auslebt: die Ode, den Hymnus. Selbst in der Malerei 
gibt es so etwas, was man nennen kann ein «gemaltes 
Gebet». Und wer wiirde denn leugnen konnen, dafi uns 
in einem gigantischen, herrlichen Dom etwas wie ein 
erstarrtes Gebet, das zum Himmel aufstrebt, entgegen- 



tritt? - Man raufi diese Dinge nur im Zusammenhange 
mit dem Leben begreifen konnen; dann wird man auch 
im ganzen Gebet, wenn wir es seinem Wesen nach 
betrachten, dasjenige sehen, was zu jenen Dingen gehort, 
die den Menschen aus der Endlichkeit und Vergang- 
lichkeit seines Lebens hinausfiihren in das Ewige. Das 
haben insbesondere solche Leute gefiihlt, die den Weg 
gefunden haben vom Gebet zur Mystik, wie der heute 
und bereits das vorige Mai erwahnte Angelus Silesius. 
AIs er Mystiker geworden war, verdankte er die innige 
Wahrheit und die herrliche Schonheit, die warme Innig- 
keit und die leuchtende Klarheit seiner mystischen Ge- 
danken - wie zum Beispiel die im «Cherubinischen 
Wandersmann» - der Vorschule des Gebetes, die auf 
seine Seele so machtig gewirkt hatte. Und was ist es 
denn im Grunde genommen, was alle solche Mystik wie 
die des Angelus Silesius durchstromt und durchleuchtet? 
Was ist das anders als Ewigkeitsstimmung, zu der das 
Gebet vorbereitet? Und etwas von jener Stimmung kann 
jeder Betende ahnen, wenn er durch das Gebet zur 
wahrhaften inneren Ruhe, zur Innerlichkeit, und dann 
wieder zur Befreiung von sich selbst gekommen ist; 
etwas von jener Stimmung, die den Menschen aufblicken 
lafk aus dem voriibergehenden Augenblick zu der Ewig- 
keit, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gerade 
in unserer Seele verbindet. Ob der Mensch es wei£ oder 
nicht weifi als Beter: wenn er das Gebet schickt zu 
denjenigen Seiten des Lebens, in denen er seinen Gott 
sucht, wird er die Empfindungen, die Gefiihle, die Ge- 
danken, die Worte, in welchen seine Gebetsstimmung 
sich auslebt, von dem durchstromt haben, was an Ewig- 
keitsstimmung lebt in dem schonen Spruch des Angelus 
Silesius, der unsere heutige Betrachtung beschlieften 



mag, und der im Grunde genommen wie ein gottliches 
Aroma, wie eine gottliche Sufiigkeit jedes wahre Gebet 
durchleben kann, wenn auch oft unbewuEt: 

Ich selbst bin Ewigkeit, wann ich die Zeit verlasse, 
Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse. 



KRANKHEIT UND HEILUNG 



Berlin, 3. Marz 1910 

Aus den Vortragen, welche ich in diesem Winter hier 
habe halten diirfen, ging wohl denjenigen, welche mehr 
oder weniger standige Zuhorer waren, mit Deutlichkeit 
hervor, dafi es sich in diesem Vortragszyklus urn eine 
Reihe von einschneidenden Seelenfragen handelte. Von 
dem Gesichtspunkte einer Seelenfrage soil auch die heu- 
tige Darstellung gegeben sein, die Darstellung uber das 
Wesen von Krankheit und das Wesen von Heilung. 

Was vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft 
liber die entsprechenden Tatsachen des Lebens zu sagen 
ist, insofern sie blofi physische Ausdriicke geistiger Ursa- 
chen sind, das wurde in fruheren Vortragen - zum 
Beispiel in dem Vortrage «Wie begreift man Krankheit 
und Tod?», iiber den «Krankheitswahn» und das «Ge- 
sundheitsfieber» - hier auseinandergesetzt. Heute soli es 
sich urn wesentlich tiefere Fragen in der Erkenntnis von 
Krankheit und Heilung handeln. 

Krankheit, Heilung oder wohl auch der todliche Aus- 
gang dieser oder jener Krankheit greifen ja tief in das 
Menschenleben ein. Und wenn wir uns nach den ganzen 
Vorbedingungen, nach den geistigen Untergriinden der 
Dinge, die unseren Betrachtungen hier zugrunde liegen, 
immer wieder gefragt haben, so diirfen wir wohl auch 
gegeniiber diesen einschneidenden Tatsachen und Erleb- 
nissen des menschlichen Daseins nach den geistigen Ur- 
sachen fragen. Mit andern Worten, wir diirfen die Frage 



135 



aufwerfen: Was hat die Geisteswissenschaft zu diesen 
Erlebnissen zu sagen? 

Da werden wir allerdings wieder einmal tief hinein- 
schauen miissen in den ganzen Sinn der Entwickelung 
dieses menschlichen Lebens, um uns klar zu werden, wie 
in den normalen Gang der Entwickelung des Menschen 
sich hineinstellen konnen Krankheit, Gesundheit, Tod, 
Heilung. Denn im Grunde genommen sehen wir die 
genannten Erscheinungen sich gleichsam hineinstellen in 
die normale Entwickelung des Menschen. Tragen sie 
vielleicht etwas bei zu unserer Entwickelung? Mit an- 
dern Worten, treiben sie uns in der Entwickelung nach 
vorwarts oder nach ruckwarts? Wir kommen zu einem 
klaren Begriff von diesen Erscheinungen nur, wenn wir 
auch hier die Gesamtnatur des Menschen ins Auge fas- 
sen. 

Diese Gesamtnatur haben wir schon ofter hier so 
dargestellt, daft sie sich zusammensetzt aus den realen 
vier Gliedern des menschlichen Wesens: erstens aus dem 
physischen Leib, den der Mensch gemeinschaftlich hat 
mit alien mineralischen Wesen seiner Umgebung, welche 
ihre Formen von den ihnen innewohnenden physischen 
und chemischen Kraften und Gesetzen haben. Das zwei- 
te Glied der menschlichen Wesenheit nannten wir immer 
den Ather- oder Lebensleib und konnten sagen, daft ihn 
der Mensch in der Art, wie wir von ihm sprechen, 
gemeinschaftlich hat mit allem Lebendigen, also mit den 
pflanzlichen und tierischen Wesenheiten seiner Umge- 
bung. Dann haben wir hingewiesen auf den astralischen 
Leib, den der Mensch als drittes Glied seiner Wesenheit 
hat; er ist der Trager von Lust und Leid, Freude und 
Schmerz, von alien vom Morgen bis zum Abend in uns 
auf und ab wogenden Empfindungen, Vorstellungen, 



Gedanken und so weker. Diesen astralischen Leib hat 
der Mensch nur noch gemeinschaftlich mit der tierischen 
Weit seiner Umgebung. Und dann haben wir immer 
betrachtet das hdchste Glied der menschlichen Wesen- 
heit, das ihn zur Krone der Erdenschopfung macht, den 
Trager seines Ich, seines Selbstbewufitseins. Wenn wir 
diese vier Glieder ins Auge fassen, so konnen wir uns 
zunachst sagen: Es erscheint uns - auch bei einer ober- 
flachlichen Betrachtung - eine gewisse Verschiedenheit 
zwischen diesen vier Gliedern. Den physischen mensch- 
lichen Leib haben wir vor uns, wenn wir den Menschen, 
wenn wir uns selber von auften betrachten. Die aufteren 
physischen Sinnesorgane konnen wahrnehmen, was wir 
als physischen Menschenleib bezeichnen. Mit dem an 
diese physischen Organe gebundenen Denken, das heifit 
mit jenem Denken, das an das Instrument des Gehirns 
gebunden ist, konnen wir diesen physischen Leib des 
Menschen begreifen. Er zeigt sich uns daher, wenn wir 
ihn von aufien betrachten. 

Ganz anders ist das Verhaltnis zu dem menschlichen 
Astralleib. Wir haben aus den vorhergehenden Darstel- 
lungen schon erkannt, daft nur fur das wahre hellsichtige 
Bewufitsein der astralische Leib sozusagen eine auftere 
Tatsache ist; daft nur dieses, durch die schon ofter 
charakterisierte Schulung des Bewufttseins, den astrali- 
schen Leib in gewisser Art so sehen kann wie den 
physischen Leib. Fur das normale Leben ist der astrali- 
sche Leib des Menschen nicht von auften wahrnehmbar; 
von den in ihm auf und ab wogenden Trieben, Begier- 
den, Leidenschaften, Gedanken, Gefuhlen und so weiter 
kann das Auge nur die Aufierungen sehen. Dagegen 
nimmt der Mensch selber in seinem Innern diese Erleb- 
nisse seines astralischen Leibes wahr. Er nimmt wahr, 



was wir Triebe, Begierden, Leidenschaften, Freude und 
Schmerz, Lust und Leid nennen. Daher konnen wir 
sagen, daft sich der astralische Leib zum physischen Leib 
verhalt so, daft wir den ersteren im normalen Menschen- 
leben von innen anschauen, den physischen Leib aber 
von auften. 

In einer gewissen Beziehung stehen nun die andern 
beiden Glieder der menschlichen Natur, der Atherleib 
und der Trager des Ich, zwischen diesen auftersten Ex- 
tremen. Der physische Leib ist rein aufterlich wahrzu- 
nehmen, der astralische Leib rein innerlich. Aber das 
Mittelglied zwischen dem physischen Leib und dem 
Astralleib ist der Atherleib. Er ist von auften nicht 
wahrzunehmen, wirkt aber nach auften. Er wirkt im 
gewohnlichen Leben des Menschen so nach auften, daft 
wir sagen konnen: Was der astralische Leib an Kraften, 
an inneren Erlebnissen entwickelt, das mufi zunachst auf 
den Atherleib ubertragen werden; dann kann es erst 
eingreifen in die physischen Werkzeuge, in den physi- 
schen Leib. So wirkt zwischen dem astralischen Leib 
und dem physischen Leib der Atherleib als Mittelglied. 
Es fiihrt also von auften nach innen dieser Ather- oder 
Lebensleib. Wir konnen ihn nicht mehr mit physischen 
Augen sehen. Aber was wir mit physischen Augen sehen 
konnen, ist nur dadurch ein Werkzeug des astralischen 
Leibes, daft der Atherleib nach auften in den physischen 
Leib hineinwirkt. 

In gewisser Beziehung geht nun dasjenige, was wir das 
menschliche Ich nennen, wieder von innen nach auften - 
wahrend der Atherleib von auften nach innen zum Astral- 
leib geht. Denn durch das Ich, und was es aus dem 
astralischen Leib macht, wird der Mensch ein Erkenner 
der aufteren Welt, der physischen Umwelt, aus der der 



physische Leib selbst entnommen ist. Das tierische Le- 
ben geht ohne individuelle, ohne personliche Erkenntnis 
vor sich, weil das Tier dieses personliche Ich nicht hat; 
weil das Tier alle seine Erlebnisse des astralischen Leibes 
innerlich durchlebt, aber nicht seine Lust und sein Leid, 
Sympathie oder Antipathie dazu benutzt, urn sich Er- 
kenntnis der aufieren Welt zu verschaffen. Was wir Lust 
und Leid nennen, Freude und Schmerz, Sympathie oder 
Antipathie, das sind allerdings Erlebnisse des astrali- 
schen Leibes im Tier; aber das Tier benutzt seine Lust 
nicht dazu, urn zu jauchzen iiber die Schonheit der Welt, 
sondern es bleibt innerhalb desjenigen Elementes, das 
ihm Wohlbehagen gibt. Das Tier lebt in seinem Schmerz 
unmittelbar; den Menschen fiihrt sein Schmerz hinaus 
iiber sich selbst zur Aufklarung iiber die Welt, weil das 
Ich ihn wieder hinausleitet und zusammenbringt mit der 
aufteren Welt. So sehen wir, wie auf der einen Seite der 
Atherleib nach dem Innern des Menschen weist zum 
Astralleib hin, wie das Ich des Menschen aber nach der 
Aufienwelt hinfuhrt, zu der uns umgebenden physischen 
Welt. 

Nun haben wir auch schon ofter betont, da$ der 
Mensch ein Wechselleben fiihrt. Dieses Wechselleben 
konnen wir jeden Tag betrachten. Wir sehen in der Seele 
des Menschen von dem Augenblick, wo er morgens 
aufwacht, alle die auf und ab flutenden Erlebnisse des 
astralischen Leibes, Freude und Schmerz, Lust und Leid, 
Empfindungen, Vorstellungen und so weiter. Wir sehen, 
wie des Abends diese Erlebnisse in ein unbestimmtes 
Dunkel hinuntersinken, wie der astralische Leib und das 
Ich in den Zustand der Unbewufitheit oder, vielleicht 
besser gesagt, der Unterbewufttheit iibergehen. Wir ha- 
ben auch schon betont, worauf das beruht, daft der 



Mensch diese Wechselzustande tagtaglich durchmacht. 
Wenn wir den wachenden Menschen ins Auge fassen, 
wie er sich vom Morgen bis zum Abend darstellt, so 
sind ineinander verschlungen, in ihren Wirkungen inein- 
andergegliedert physischer Leib, Atherleib, astralischer 
Leib und Ich. Wenn der Mensch des Abends einschlaft, 
zeigt sich dem okkulten Bewufitsein, dafi im Bette liegen 
bleiben physischer Leib und Atherleib, und wie in ihre 
eigentliche Heimat, in die geistige Welt, einkehren astra- 
lischer Leib und Ich, die sich aus physischem Leib und 
Atherleib herausziehen. Nun konnen wir uns in gewisser 
Weise noch eine andere Bezeichnungsweise zurecht- 
riicken, die es moglich machen wird, uns iiber unsere 
heutigen Auseinandersetzungen in entsprechender Weise 
zu verstandigen. 

Wir konnen sagen, was wir den physischen Leib 
genannt haben, und was wir bezeichnen mufiten als 
dasjenige, was uns nur seine Auftenseite darbietet, geht 
als der aufiere Mensch im Schlafe nach aufien in die 
physische Welt und nimmt den Atherleib mit, den Ver- 
mittler zwischen dem AuEeren und dem Innern. Daher 
kann im schlafenden Menschen keine Vermittlung sein 
zwischen dem Aufieren und dem Innern, weil der Ather- 
leib, der Vermittler, in die auftere Welt gegangen ist. Wir 
konnen daher in gewisser Beziehung sagen, beim schla- 
fenden Menschen sind physischer Leib und Atherleib 
eben nur der dufiere Mensch; wir konnen gewisserma- 
fien physischen Leib und Atherleib iiberhaupt als den 
«aufieren Menschen» bezeichnen, wenn auch der Ather- 
leib von dem Aufieren nach dem Innern der Vermittler 
ist. Dagegen konnen wir den astralischen Leib und das 
Ich beim schlafenden Menschen als den «inneren Men- 
schen » bezeichnen. Und wir konnen das auch beim 



wachenden Menschen tun> aus dem Grunde, weil alle 
Erlebnisse des astralischen Leibes im normalen Zustande 
innerlich erlebt werden, und weil ja auch dasjenige, was 
das Ich im wachen Leben von der aufieren Welt erken- 
nen kann, von dem menschlichen Innern aufgenommen 
wird, urn da als Erkenntnis verarbeitet zu werden. Das 
Aufiere wird ein Inneres durch das Ich. Das alles zeigt, 
dafi wir von einem «aufieren» und einem «inneren» 
Menschen sprechen konnen; der aufiere Mensch aus dem 
physischen Leib und dem Atherleib bestehend, der inne- 
re Mensch aus Ich und astralischem Leib. 

Nun wollen wir einmal das sogenannte normale Men- 
schenleben seinem Sinn nach in seiner Entwickelung 
betrachten. Wir wollen uns einmal fragen: Warum eigent- 
lich kehrt denn jede Nacht der Mensch mit seinem 
astralischen Leib und seinem Ich in eine geistige Welt 
zuriick? Hat das einen gewissen Sinn? Hat die Einkehr 
in den Schlafzustand fur den Menschen einen Sinn? - 
Solche Dinge sind ja hier schon angedeutet worden, aber 
wir brauchen sie ganz notwendig fur unsere heutigen 
Auseinandersetzungen. Wir miissen die normale Entwik- 
kelung kennen lernen, um die scheinbar abnormen Na- 
turgesetze, die sich in Krankheit und Heilung darleben, 
durchschauen zu konnen. Warum kehrt jede Nacht der 
Mensch in einen Schlafzustand ein? 

Das konnen wir nur verstehen, wenn wir das ganze 
Verhaltnis des astralischen Leibes und des Ich zu dem, 
was wir den «aufieren Menschen » genannt haben, uns 
einmal vor Augen riicken. - Wir haben den astralischen 
Leib den Trager von Lust und Leid, Freude und 
Schmerz, von Trieb, Begierde, Leidenschaft genannt, 
von all den auf und ab wogenden Vorstellungen, Wahr- 
nehmungen, Ideen und Empfindungen. Wenn aber der 



astralische Leib von all dem der Trager ist, wie kommt 
es denn, dafi in der Nacht der Mensch diese Erlebnisse 
gar nicht hat, wo doch der eigentliche innere Mensch mit 
seinem astralischen Leib so zusammen ist, dafi physi- 
scher Leib und Atherleib nicht dabei sind? Wie kommt 
es, dafi dann diese Erlebnisse heruntersinken in ein 
unbestimmtes Dunkel? Was ist der Grund? - Der Grund 
ist der, dafi astralischer Leib und Ich, obwohl sie Trager 
sind von Freude und Schmerz, Urteil, Vorstellung und 
so weiter, nicht alles das direkt erleben konnen, wovon 
sie der Trager sind. In unserem Menschenleben sind 
astralischer Leib und Ich, um ihre eigenen Erlebnisse zu 
haben, im normalen Zustand darauf angewiesen, in den 
physischen Leib und Atherleib unterzutauchen. Was wir 
als unser Seelenleben vor uns haben, ist nicht etwas, was 
der astralische Leib unmittelbar erlebt. Ware es das, so 
miilSten wir es auch in der Nacht erleben, wo wir mit 
dem astralischen Leib zusammen sind. Es ist gleichsam 
ein Echo oder Spiegelbild, was wir im Seelenleben des 
Tages vor uns haben. Physischer Leib und Atherleib 
werfen uns wie durch einen Spiegel oder durch ein Echo 
dasjenige zuriick, was wir im astralischen Leibe erleben. 
Alles was uns unsere Seele vom Augenblicke des Aufwa- 
chens bis zum Einschlafen vorzaubert, kann sie uns nur 
vorzaubern, indem sie ihre eigenen Erlebnisse in jenem 
Spiegel erblickt, der geformt ist aus dem physischen Leib 
und dem Ather- oder Lebensleib. In dem Augenblick, 
wo wir den physischen Leib und Atherleib in der Nacht 
verlassen, haben wir zwar in uns alle Erlebnisse des 
astralischen Leibes, wir sind uns aber ihrer nicht be- 
wufit, weil zum Bewufitwerden die Spiegelung oder 
Echowirkung von physischem Leib und Atherleib ge- 
hort. 



So sehen wir in unserem ganzen Leben, wie es vom 
Morgen, wo wir aufwachen, bis zum Abend, wo wir 
einschlafen, ablauft, eine Wechselwirkung zwischen dem 
inneren und dem aufieren Menschen, zwischen Ich und 
astralischem Leib auf der einen Seite und dem physi- 
schen Leib und Atherleib auf der andern Seite. Die 
Krafte nun, welche dabei wirken, sind die Krafte des 
astralischen Leibes und des Ich. Denn nimmermehr 
konnte der physische Leib, als eine Summe von physi- 
schen Einrichtungen, unser Seelenleben aus sich hervor- 
bringen, und ebensowenig konnte es der Atherleib. Die 
Krafte zum Herauslocken dieses Spiegelbildes kommen 
aus dem astralischen Leib und dem Ich, geradeso wie 
das, was wir im Spiegel sehen, nicht aus dem Spiegel 
kommt, sondern von dem, was sich im Spiegel beschaut. 
So liegen alle die Krafte, welche unser Seelenleben be- 
wirken, im astralischen Leib und im Ich, im innern 
Menschen; und sie betatigen sich in der Wechselwirkung 
von Aufien- und Innenwelt. Diese Krafte sehen wir 
wahrend des Tages arbeiten an unserem Seelenleben, in 
Wechselwirkung treten, gleichsam ausstrahlen nach dem 
physischen Leib und Atherleib. Wir sehen sie aber auch 
gegen den Abend in den Zustand eintreten, den wir die 
«Ermiidung» nennen. Wir sehen sie abgenutzt gegen den 
Abend, verbraucht. Und wir wiirden unser Leben nicht 
fortfiihren konnen, wenn wir nicht in der Lage waren, 
jeden Abend in eine andere Welt einzukehren als die, in 
der wir vom Morgen bis zum Abend leben. In dieser 
Welt, in der wir vom Morgen bis zum Abend leben, 
konnen wir das Seelenleben sozusagen aufbauen, vor 
unsere Seele hinzaubern. Das vermogen wir mit den 
Kraften des astralischen Leibes. Aber wir verbrauchen 
auch diese Krafte und konnen sie nicht aus dem Tagesle- 



ben heraus ersetzen. Ersetzen konnen wir sie nur aus der 
geistigen Welt heraus; aus der Welt heraus, in die wir 
einkehren an jedem Abend. Das ist der Sinn des Schlafes. 
Wir konnten nicht ieben, ohne in die nachtliche Welt 
einzukehren und von dort her die Krafte zu holen, die 
wir tagsiiber verbrauchen. So konnen wir sagen, wir 
holen uns jede Nacht aus der geistigen Welt diejenigen 
Krafte, die wir vom Morgen bis zum Abend verbrau- 
chen. Damit beantworten wir die Frage: Was bringen 
wir in die physische Welt hinein, wenn wir in unsern 
Atherleib und physischen Leib einkehren? - Das also 
wissen wir jetzt. 

Tragen wir nun nichts aus der physischen Welt umge- 
kehrt in die nachtliche Welt hinein? - Das ist die andere 
Frage, und sie ist ebenso wichtig wie die erste. 

Um uns diese Frage zu beantworten, miissen wir 
allerdings auf einiges eingehen, das uns aber schon das 
gewohnliche Menschenleben zeigt. Im gewohnlichen Le- 
ben haben wir sogenannte Erlebnisse. Diese Erlebnisse 
nehmen einen merkwiirdigen Gang in unserem Leben 
zwischen der Geburt und dem Tode an. Wie stellt sich 
uns dieser Gang dar? Das konnen wir an einem Beispiel 
betrachten, das ofter hier erwahnt worden ist: an dem 
Beispiel des Schreibenlernens. - Wenn wir die Feder 
ansetzen, um unsere Gedanken auszudriicken, iiben wir 
die Kunst des Schreibens. Wir konnen schreiben. Was 
setzt das aber voraus? Es setzt voraus, daft wir in einer 
gewissen Zeit des Daseins zwischen Geburt und Tod 
eine ganze Reihe von Erlebnissen gehabt haben. Denken 
wir daran, was wir erleben mulken, um imstande zu 
sein, unsere Gedanken auszudriicken, indem wir die 
Feder ansetzen und eben «schreiben». Stellen Sie sich 
vor, was Sie alles als Kind durchgemacht haben, von 



dem ersten ungeschickten Versuch an, die Feder zu 
halten und auf dem Papier anzusetzen und so weiter. Da 
werden Sie vielleicht sagen: Gott sei Dank, dafi wir das 
nicht wieder alles in die Erinnerung zuriickrufen miis- 
senl Denn es ware schlimm, wenn wir uns jedes Mai 
beim Schreiben an alles erinnern mufken, an alle die 
verungliickten Versuche, Striche zu machen, vielleicht 
auch an die Strafen, die damit verbunden waren, und so 
weiter, um das zu entwickeln, was wir die Kunst des 
Schreibens nennen. Was ist denn da geschehen? Dasjeni- 
ge, was wir im eminenten Sinne im Menschenleben eine 
Entwickelung nennen zwischen Geburt und Tod. Wir 
haben eine ganze Summe von Erlebnissen durchgemacht. 
Diese Erlebnisse haben eine lange Zeit in Anspruch 
genommen; dann sind sie gleichsam zusammengeronnen, 
haben einen Extrakt gebildet, und dieser Extrakt ist das, 
was wir als das «K6nnen» des Schreibens bezeichnen. 
Alles andere ist in ein unbestimmtes Dunkel der Verges- 
senheit heruntergesunken. Aber wir brauchen uns nicht 
daran erinnern, weil sich eine Entwickelungsstufe unse- 
rer Seele da heraus entwickelt hat. So rinnen unsere 
Erlebnisse zusammen in Extrakte, in Essenzen, die als 
unser Konnen, als unsere Tuchtigkeit und unsere Fahig- 
keiten im Leben auftreten. Das ist unsere Entwickelung 
im Dasein zwischen Geburt und Tod. Erlebnisse werden 
umgewandelt in seelische Fahigkeiten zunachst, die sich 
allerdings durch auftere korperliche Werkzeuge ausleben 
konnen. Alles personliche Erleben zwischen Geburt und 
Tod geht so vor sich, dafi sich Erlebnisse umwandeln in 
Fahigkeiten oder auch in das, was wir Weisheit nennen. 

Wie die Umwandlung vor sich geht, konnen wir uns 
vor die Seele stellen, wenn wir auf den Zeitraum vom 
Jahre 1770 bis 1815 hinblicken. In ihn fiel ein grofies, 



gewaltiges Ereignis der Weltgeschichte. Eine grofie An- 
zahl von Menschen waren Zeitgenossen dieses Ereig- 
nisses. Fragen wir uns einmal, wie diese Zeitgenossen 
sich dazu gestellt haben? - An dem einen sind die 
Erlebnisse voriibergegangen, ohne dafi er sie bemerkt hat 
- stumpf. Er hat die Erlebnisse nicht umgewandelt in 
Welterkenntnis, in Weltweisheit. Andere haben tiefe Le- 
bensweisheit, also einen Extrakt sich daraus gebildet. 

Wodurch werden aus Erlebnissen Fahigkeiten und 
Weisheit in der Seele gebildet? Dadurch, dafi wir die 
Erlebnisse, wie sie zunachst an uns herantreten, Abend 
fur Abend mitnehmen in unsern Schlafzustand; in jene 
Spharen, in denen die Seele oder der innere Mensch weilt 
zwischen Abend und Morgen. Da wandelt er in Extrak- 
te, in Essenzen urn, was Erlebnis iiber eine gewisse Zeit 
ist. Wer das Leben beobachten kann, der weifi, wenn er 
eine Reihe von Erlebnissen beherrschen und zusammen- 
reihen soli in einer einzelnen Kunst, dann ist es notwen- 
dig diese Erlebnisse in entsprechenden Schlafzeiten um- 
zuwandeln. Er kann zum Beispiel am besten dadurch 
etwas auswendig lernen, dafi er etwas lernt, es iiber- 
schlaft, es wieder lernt, es wieder uberschlaft. Wenn er 
nicht die Erlebnisse eintauchen kann in den Schlafzu- 
stand, um sie herauskommen zu lassen als Fahigkeiten 
oder in der Form von Weisheit oder Kunst, dann ist er 
nicht imstande, eine Entwickelung in diesen Erlebnissen 
durchzumachen. 

Da tritt uns auf einer hoheren Stufe entgegen, was 
notwendig ist auf einer niederen Stufe: die Pflanze dieses 
Jahres kann nicht zu der Pflanze des nachsten Jahres 
werden, wenn sie nicht in das Unbestimmte des Erden- 
schofies zuriickkehrt und das nachste Jahr wieder 
wachst. Hier bleibt die Entwickelung eine Wiederho- 



lung. Da wo wir es beim Menschen beleuchtet haben, ist 
es eine wirkliche «Entwickelung»; da werden die Erleb- 
nisse versenkt in den nachtlichen Schofl des Unbewuft- 
ten, und sie werden wieder herausgeholt - allerdings in 
einer Wiederholung, aber urn endlich so weit umge- 
wandelt zu sein, daft sie als Weisheit, als Fahigkeiten, als 
Lebenserfahrungen zutage treten konnen. 

So hat man das Leben zu Zeiten verstanden, in denen 
man tiefer in die geistigen Welten hineinschauen konnte, 
als das heute eine aufiere Betrachtung kann. Daher fin- 
den wir da, wo uns Kulturfuhrer der alten Zeiten beson- 
dere Dinge im Bilde mitteilen wollen, gerade auf solche 
merkwiirdigen Grundsatze des menschlichen Lebens 
hingedeutet. Fragen wir uns: Was miilke denn jemand 
tun, der verhindern wollte, dafi eine Reihe von Erleb- 
nissen des Tages nicht in seiner Seele Feuer fangen und 
sich umwandeln in irgendeine Fahigkeit? Fragen wir das 
zum Beispiel einem sehr bedeutsamen Erlebnis der Seele 
gegeniiber, jenem Erlebnis, das sich herausbildet, wenn 
jemand langere Zeit hindurch eine gewisse Beziehung zu 
einer andern Personlichkeit erlebt. Diese Erlebnisse mit 
einer andern Personlichkeit senken sich in das nachtliche 
Bewufitsein ein und werden wieder herausgeboren aus 
dem nachtlichen Bewufitsein als das, was wir die Liebe 
zu der andern Personlichkeit nennen, die, wenn sie 
gesund ist, gleichsam ein Extrakt ist, der aufeinanderfol- 
genden Erlebnisse. Das Gefuhl der Liebe zu der andern 
Personlichkeit ist dadurch entstanden, dafi sich die Sum- 
me der Erlebnisse in einen Extrakt zusammengezogen 
hat, wie wenn wir die Erlebnisse zu einem Gewebe 
zusammenformen. - Was mulke nun jemand tun, wenn 
er verhindern wollte, dafi eine Reihe von Erlebnissen zur 
Liebe werden? - Er mufite eine besondere Kunst anwen- 



den: Er miiftte verhindern den naturgemaften Vorgang in 
der Nacht, daft sich unsere Erlebnisse umgestalten zu 
der Essenz, zu dem Liebesgefiihl; er miiftte das, was das 
Gewebe der Tageserlebnisse ist, wieder auflosen in der 
Nacht. Wenn er dazu imstande ist, dann erreicht er das, 
daft an seiner Seele spurlos vonibergeht, was dazu ange- 
tan ist, das Erlebnis zu der andern Personlichkeit in 
seiner Seele in Liebesgefiihl zu verwandeln. 

In diese Tiefen des menschlichen Seelenlebens wollte 
Homer hineinweisen, indem er das Bild der Penelope 
hinstellte, die das Erlebnis mit der Freierschar hat: Sie 
verspricht einem jeden die Heirat, wenn sie ein bestimm- 
tes Gewebe fertig habe; sie entgeht der Einhaltung des 
Versprechens nur dadurch, da£ sie stets in der Nacht 
wieder auflost, was sie bei Tage gewebt hat. - Ungeheu- 
re Tiefen der Erlebnisse erblicken wir da, wo Seher 
zugleich Kunstler sind. Man hat heute dafur wenig 
Gefiihl und wird derartige Interpretationen solcher Dich- 
ter, die zugleich Seher waren, als willkurlich erklaren 
oder sie wohl auch als Phantastereien auslegen. Das tut 
den alten Dichtern nichts und auch der Wahrheit nichts, 
sondern hochstens unserer Zeit, die dadurch verhindert 
wird, in die Tiefen des menschlichen Lebens hineinzu- 
gehen. 

Wir nehmen also des Abends etwas mit hinein in die 
Seele, was wir auch wieder mit heraus bringen. Wir 
nehmen mit hinein, was die Seele entwickelt zwischen 
Geburt und Tod und sie zu immer hoheren Stufen von 
Fahigkeiten erhebt. Nun fragen wir uns aber: Wo liegt 
die Grenze dieser Entwickelung des Menschen? - Diese 
Grenze konnen wir kennenlernen, wenn wir uns vor 
Augen fiihren, wie der Mensch, wenn er des Morgens 
aufwacht, jedesmal denselben physischen Leib und den- 



selben Atherleib vorfindet mit jenen Fahigkeiten und 
Anlagen, mit jener Konfiguration im Innern, mit denen 
sie ausgestattet waren von der Geburt des Menschen an. 
An dieser Konfiguration, an diesen Gestaltungen und 
inneren Formen des physischen Leibes und des Ather- 
leibes kann der Mensch nichts andern. Konnte er in den 
schlafenden Zustand hinein den physischen Leib, oder 
wenigstens den Atherleib mitnehmen, dann konnte er 
andern an ihnen. Er trifft sie des Morgens an, wie er sie 
des Abends verlassen hat. Da haben wir eine deutliche 
Grenze dessen, was die Entwickelung vermag in dem 
Leben zwischen Geburt und Tod. Es ist diese Entwicke- 
lung zwischen Geburt und Tod im wesentlichen auf das 
seelische Erleben beschrankt; sie kann nicht iibergreifen 
auf das korperliche Erleben. 

Wir brauchen uns nur klar zu sein, wenn jemand noch 
so viel Gelegenheit hatte, aufiere Erlebnisse durchzu- 
machen, die ihn musikalisch vertiefen konnten, die ge- 
eignet waren in seiner Seele ein tiefes musikalisches 
Leben zu entwickeln, er konnte es nicht entwickeln, 
wenn er kein musikalisches Ohr mitbekommen hatte, 
wenn die physisch-atherische Formung seines Ohres es 
ihm nicht moglich machte, den Einklang herzustellen 
zwischen dem aufieren und dem inneren Menschen. Wir 
mussen uns aber dariiber klar sein: Damit der Mensch 
ein Ganzes ist, mussen alle einzelnen Glieder seiner 
Natur eine Einheit, eine Harmonie bilden. Daher wer- 
den wir uns sagen konnen: Alles was ein Mensch mit 
einem unmusikalischen Ohr an Gelegenheit hat, Erleb- 
nisse in sich zu empfangen, die ihn hinaufheben konnen 
auf eine hohere Stufe des musikalischen Erlebens, das 
mufi in der Seele drinnen bleiben, mufi resignieren; es 
kann nicht heraus, weil die Grenze jeden Morgen gezo- 



gen ist in dem, was die mitgebrachte Gestalt und Form 
der inneren Organe ist. Verstehen werden wir eine sol- 
che Sache dann, wenn wir uns klar sind, dafi es nicht 
blofi auf die grobere Gestaltung des Atherleibes und des 
physischen Leibes ankommt, sondern auf ganz feine 
Konfigurationen dabei. Man mufi sich klar sein, dafi eine 
jede Seelenfahigkeit des Menschen in unserem jetzigen 
normalen Leben sich ausleben mufi durch ein Organ; 
und wenn das Organ nicht in entsprechender Weise 
geformt ist, kann sie sich nicht ausleben. Was Physio- 
logie, was Anatomie nicht nachweisen konnen, die feine 
plastische Gestaltung in den Organen, das ist gerade das 
Wesentliche; sie entgehen natiirlich der Anatomie und 
Physiologie; aber gerade sie sind es, die einer Umfor- 
mung zwischen Geburt und Tod nicht fahig sind. 

Ist nun der Mensch ganzlich ohnmachtig, dasjenige in 
seinen physischen Leib und Atherleib hineinzuarbeiten, 
was er an Erlebnissen und Erfahrungen in seinem astrali- 
schen Leib und seinem Ich aufnimmt? 

Wir wissen ja, wenn wir den Menschen betrachten, 
dafi bis zu einem gewissen Grade der Mensch auch an 
seinem physischen Leibe sogar formen kann. Man 
braucht nur einen Menschen zu betrachten, der zehn 
Jahre hindurch sein Leben mit einer tiefen inneren Ge- 
dankenarbeit zugebracht hat; da werden sich Gesten und 
Physiognomien geandert haben. Aber das alles ist gebun- 
den an engste Grenzen. Ist es nun immer an solche 
engste Grenzen gebunden? 

Dafi es nicht immer an engste Grenzen gebunden ist, 
das konnen wir nur verstehen, wenn wir an ein Gesetz 
appellieren, von dem hier auch schon ofter gesprochen 
wurde, worauf aber immer wieder hingewiesen werden 
mufi, weil es unserm zeitgenossischen Leben so fern liegt - 



ein Gesetz, das sich vergleichen lafit mit dem andern 
Gesetz, das im 17. Jahrhundert auf einem niedrigeren 
Gebiete fiir die Menschheit erobert worden ist. 

Bis ins 17. Jahrhundert hinein haben die Menschen 
geglaubt, es konnten niedere Tiere, Insekten und so 
weiter aus Flufischlamm herauswachsen. Sie glaubten, 
daft es blofie Materie sei, welche den Regenwurm und 
Insekten aus sich herauswachsen liefie. Das war nicht 
nur ein Glaube von Laien, sondern auch von Gelehrten. 
Wenn wir in friihere Zeiten zuriickgehen, konnen wir 
finden, wie alles so systematisiert wurde, dafi zum Bei- 
spiel angegeben wurde, was man zu tun habe, um rein 
aus der Umgebung heraus Leben entstehen zu lassen. Da 
wird zum Beispiel in einem Buche des 7. nachchristli- 
chen Jahrhunderts beschrieben, dafi man nur einen Pfer- 
deleichnam miirbe zu schlagen brauche, um Bienen zu 
erhalten; von Ochsen bekame man Hornissen, Wespen 
von Eseln. Da glaubte man, es wachst aus der Substanz 
der unmittelbaren Umgebung das Lebendige heraus. 
Und es war erst im 1 7. Jahrhundert der grofie Naturfor- 
scher Francesco Redi, der zuerst den Satz ausgesprochen 
hat: Lebendiges kann nur aus Lebendigem entstehen! 
Wegen dieser Wahrheit, die heute als eine selbstverstand- 
liche gilt, so dafi kein Mensch begreifen kann, dafi man 
jemals etwas anderes geglaubt hat, wegen dieses Satzes 
wurde Redi noch im 17. Jahrhundert als ein arger Ketzer 
betrachtet, der nur mit Miihe und Not dem Schicksal des 
Giordano Bruno entgangen ist. 

So ist es uberhaupt mit solchen Wahrheiten: Zuerst 
galten die, welche sie zu verkiinden hatten, als Ketzer, 
und sie verfielen der Inquisition. Damals kam man mit 
Verbrennung oder drohte damit. Heute ist man von 
dieser Art der Inquisition abgekommen. Man verbrennt 



nicht mehr. Aber diejenigen, welche heute auf dem 
kurulischen Stuhl der Wissenschaft sitzen, sie betrachten 
jene Menschen, welche auf einer hoheren Stufe eine neue 
Wahrheit mitteilen, als Narren und Traumer. Als Narren 
und Traumer werden heute diejenigen betrachtet, welche 
den Satz, den Francesco Redi im 17. Jahrhundert fur das 
Lebendige aufgestellt hat, in anderer Weise vertreten. 
Wie Redi darauf hinge wies en hat, dafi es eine ungenaue 
Betrachtungsweise ist, wenn man glaubt, dafi aus dem 
Unlebendigen unmittelbar das Lebendige herauswachsen 
konne, sondern dafi man zuriickgehen mufi auf ein 
gleichartiges Lebendiges, auf den Keim, der aus der 
Umgebung die Substanzen und Krafte heranzieht, um 
sich in seinem Sinne zu entfalten - so hat derjenige, der 
heute auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, zu 
zeigen, dafi das, was mit der Geburt ins Dasein tritt als 
ein Seelisch-Geistiges, von einem Seelisch-Geistigen glei- 
cher Art herriihrt, und dafi es sich nicht nur zusammen- 
setzt aus den vererbten Merkmalen. Wie der Regen- 
wurmkeim die Substanzen heranzieht, um sich zu ent- 
wickeln, so mufi der seelisch-geistige Keim ebenfalls die 
Substanzen seiner Umgebung heranziehen, um sich zu 
entfalten. Mit andern Worten, wenn wir das Seelisch- 
Geistige im Menschen zuriickverfolgen, kommen wir zu 
einem friiheren Seelisch-Geistigen, das vor der Geburt 
da ist, und das nichts zu tun hat mit Vererbung. Was in 
letzter Instanz aus dem Satze folgt: Geistig-Seelisches 
kann nur aus Geistig-Seelischem kommen - das fiihrt 
hin zu dem Satze von den wiederholten Erdenleben, von 
dem Sie sich iiberzeugen konnen, wenn Sie sich defer 
einlassen auf Geisteswissenschaft. Unser Leben zwischen 
Geburt und Tod fiihrt zuriick auf andere Leben, die wir 
friiher durchgemacht haben. Geistig-Seelisches kommt 



von Geistig-Seelischem, und in dem Geistig-Seelischen 
der Vorzeit liegen die Ursachen zu dem, was wir jetzt 
zwischen Geburt und Tod erleben. Und wenn wir durch 
die Pforte des Todes gehen, nehmen wir mit, was wir in 
diesem Leben aufgenommen und aus Ursachen zu Fa- 
higkeiten ausgebildet haben. Das, was wir mitnehmen, 
wenn wir durch die Pforte des Todes in eine geistig-seeli- 
sche Welt eintreten, das bringen wir wieder zuriick, 
wenn wir in kiinftiger Zeit durch eine neue Geburt ins 
Dasein treten. 

Da sind wir zwischen dem Tode und der neuen 
Geburt in einer andern Lage, als wenn wir jeden Abend 
durch den Schlafzustand in die geistige Welt hineinge- 
hen, aus der wir morgens wieder aufwachen. Wenn wir 
morgens aufwachen, finden wir unsern Atherleib und 
physischen Leib so wieder, wie sie am Abend waren. 
Wir konnen in sie nicht hineinarbeiten, was an uns 
voriibergegangen ist im Leben zwischen Geburt und 
Tod. Wir haben eine Grenze gefunden an dem fertigen 
Atherleib und physischen Leib. Wenn wir aber durch 
die Pforte des Todes gehen in eine geistige Welt, legen 
wir den physischen und Atherleib ab und nehmen vom 
Atherleib nur die Essenz mit. Jetzt sind wir in der 
geistigen Welt und sind jetzt nicht in die Notwendigkeit 
versetzt, Riicksicht zu nehmen auf einen bestehenden 
physischen Leib und Atherleib. In der ganzen Zeit vom 
Tode bis zur neuen Geburt kann der Mensch mit rein 
geistigen Kraften arbeiten; denn er hat es da mit rein 
geistigen Substanzen zu tun. Er nimmt aus der geistigen 
Welt dasjenige heraus, was er braucht, um ein Urbild 
eines neuen physischen Leibes und Atherleibes zu for- 
men, in welches jetzt die Dinge hineingearbeitet werden, 
die er in den friiheren physischen und Atherleib nicht 



hineinarbeiten konnte. So bildet der Mensch ein Urbild 
seines physischen Leibes und Atherleibes bis zur neuen 
Geburt heran, ein rein geistiges Urbild, in das hineinver- 
woben sind die Erlebnisse, in bezug auf welche die Seele 
resignieren muftte zwischen Geburt und Tod. Dann tritt 
der Moment ein, wo das Urbild bei seinem Abschluft 
angelangt ist, und wo der Mensch imstande sein wird, 
dasjenige, was er in sein Urbild aufgenommen hat, in 
den plastischen physischen und atherischen Leib hinein- 
zubilden; dann arbeitet das geistige Urbild mit an jenem 
Schlafzustand, den der Mensch jetzt durchmacht. 

Konnte der Mensch den physischen Leib und den 
atherischen Leib jeden Morgen beim Aufwachen mit- 
bringen, dann konnte er ihn aus der geistigen Welt 
heraus formen; dann miilke er ihn aber auch umbilden. 
Aber mit der Geburt wacht der Mensch aus einem 
Schlafzustand auf; denn Geburt bedeutet aufwachen aus 
einem Schlafzustand, der in der Tat den physischen Leib 
und den Atherleib im vorgeburtlichen Zustand mitum- 
fafit. Hier ist es, wo astralischer Leib und Ich hinunter- 
steigen in die physische Welt, in physischen Leib und 
Atherleib, die sie jetzt plastisch ausgestalten konnen, 
und wo sie hineinformen konnen alles, was sie im 
friiheren Leben nicht hineinformen konnten in den ferti- 
gen Leib. Jetzt konnen sie in einem neuen Leben am 
physischen Leib und Atherleib das zum Ausdruck brin- 
gen, was sie als eine hohere Entwickelungsstufe erklim- 
men konnen, was sie aber in dem friiheren Leben nicht 
erklimmen konnten, weil sie der fertige Atherleib und 
physische Leib daran gehindert haben. 

So sehen wir, wie der Mensch mit der Geburt in der 
Tat aus der geistigen Welt heraus aufwacht, aber so, dafi 
er sich jetzt andere Krafte mitbringt, als er sich sonst am 



Morgen aus dieser selben geistigen Welt heraus mit- 
bringt. Morgens bringen wir uns nur die Krafte mit, die 
unser Seelenleben entwickeln konnen zwischen Geburt 
und Tod. Da vermogen wir nicht auf unsere anderen 
Wesensglieder einzuwirken. Wenn wir aber mit der Ge- 
burt aus der geistigen Welt heraus ins Dasein treten, 
bringen wir uns die Krafte mit, die plastisch umgestal- 
tend wirken auf physischen Leib und Atherleib, das 
heilk, die fur eine Entwickelung sorgen, in welche physi- 
scher Leib und Atherleib einbezogen werden. 

Konnten wir den physischen Leib und Atherleib nicht 
zertriimmern, konnte der physische Leib nicht durch 
den Tod durchgehen, so konnten wir unsere Erlebnisse 
nicht in die Entwickelung einbeziehen. Hier ist der 
Punkt, wo wir sagen miissen, wenn wir auch noch so 
sehr mit Furcht und Schrecken dem Tode entgegen- 
schauen und Leid und Schmerz empfinden vor dem 
Tode, der uns selber treffen soil, so konnen wir nur 
sagen, wenn wir die Welt von einem iiberpersonlicheri 
Standpunkt aus betrachten: Wir miissen den Tod gerade- 
zu wollen! Denn er allein gibt uns die Moglichkeit, 
diesen Leib zu zertriimmern, um uns einen neuen im 
nachsten Leben aufzubauen, damit wir alle unsere Erden- 
friichte hineinbringen ins Leben. 

So wirken in dem normalen Gang der Menschheits- 
entwickelung zwei Strome zusammen: ein innerer und 
ein aufierer. Diese beiden Stromungen zeigen sich uns 
nebeneinanderstehend im physischen Leib und Atherleib 
auf der einen Seite und im astralischen Leib und Ich auf 
der andern Seite. - Was kann der Mensch nun tun 
zwischen Geburt und Tod in bezug auf physischen Leib 
und Atherleib? Nicht nur wird der astralische Leib 
abgenutzt durch das Seelenleben, sondern es werden 



auch die Organe des physischen Leibes und des Ather- 
leibes abgenutzt. Da zeigt sich nun folgendes: Wahrend 
der as tralis che Leib in der Nacht in einer geistigen Welt 
ist, arbeitet er auch zugleich am physischen Leib und am 
Atherleib, urn sie in jenen Zustand wieder zu bringen, in 
dem sie normalerweise sind. Nur im nachtschlafenden 
Zustand kann wieder hergestellt werden im physischen 
Leib und Atherleib, was wahrend des Tages zerstort 
worden ist. So sehen wir, wie allerdings auch an dem 
physischen Leib und an dem Atherleib aus der geistigen 
Welt heraus geschaffen wird. Aber es ist eine Grenze 
vorhanden: die Anlage und Konfiguration des physi- 
schen Leibes und des Atherleibes sind mit der Geburt 
gegeben und bleiben innerhalb enger Grenzen dieselben. 
Wir sehen da gleichsam in der Weltentwickelung zu- 
sammenarbeiten zwei Stromungen, welche wir nicht 
ohne weiteres in abstrakter Weise in Harmonie bringen 
konnen. Wer versuchen wollte, mit abstrakten Gedan- 
ken diese beiden Stromungen zusammenzudenken, wer 
leichten Herzens eine Philosophic entwickeln wollte und 
sagen wiirde: Nun ja, harmonisch mufi der Mensch sein; 
also miissen die zwei Stromungen beim Menschen in 
einer Harmonie sein - der wiirde sich gewaltig irren. 
Das Leben arbeitet nicht nach Abstraktionen; das Leben 
arbeitet so, dafi dasjenige, was wir in unsern Abstrak- 
tionen ertraumen, erst nach langen Entwickelungen er- 
reicht werden kann. Das Leben arbeitet so, daft es 
Gleichgewichtszustande, Harmonien erst dadurch her- 
vorbringt, daft durch Disharmonien hindurchgegangen 
wird. So ist das lebendige Spiel im Menschen, das durch 
Gedanken auch gar nicht so ohne weiteres in Einklang 
gebracht werden soil. Es bedeutet immer ein abstraktes, 
niichternes Denken, wenn wir Harmonie hineintraumen 



wollen, wo sich das Leben durch Disharmonien hin- 
durch zu Gleichgewichtslagen entwickelt. Das ist aber 
iiberhaupt das Schicksal der menschlichen Entwickelung, 
dafl uns die Harmonie vorschweben mufi als Ziel, das 
wir aber nicht erreichen, wenn wir es in irgendeinen 
Zustand der menschlichen Entwickelung blofi hinein- 
traumen. 

So wird uns vielleicht auch nicht unverstandlich sein, 
wenn die Geisteswissenschaft sagt, dafi das Leben aller- 
dings sich anders ausnimmt, je nachdem wir es betrach- 
ten vom Gesichtspunkt des inneren oder des aufieren 
Menschen aus. Das sind zwei verschiedene Gesichts- 
punkte. Wer mit irgendeiner Abstraktion diese zwei 
Gesichtspunkte vereinigen wollte, der wurde nicht be- 
riicksichtigen, dafi es nicht bloft ein Ideal, ein Urteil gibt, 
sondern so viele Urteile wie Gesichtspunkte, und daft 
gerade durch das Zusammenwirken der verschiedenen 
Urteile erst die Wahrheit gefunden werden kann. Daher 
dxirfen wir vermuten, da£ der Gesichtspunkt des Lebens 
in bezug auf den inneren Menschen vielleicht ein anderer 
ist als in bezug auf den aufieren Menschen. Man konnte 
ja vielleicht durch einen Vergleich klarmachen, daft die 
Wahrheiten ganz relative sind, je nach dem sie von da 
oder dort her betrachtet werden. - 

Es ziemt sich ganz gewifi fur einen Riesen, der eine 
Faust hat so grofi wie ein kleines Kind, zu sagen: Ich 
lache mir ins Faustchen! Ob aber der Zwerg, der gerade- 
so groft ist wie ein kleines Kind, vom Riesen sagen kann: 
Er lacht sich ins Faustchen - das ist eine andere Frage. 
Die Dinge nehmen sich notwendig wie sich erganzende 
Wahrheiten aus. Es gibt keine absolute Wahrheit in 
bezug auf aufiere Dinge. Die Dinge miissen von den 
verschiedensten Gesichtspunkten betrachtet werden, und 



die Wahrheit muft gefunden werden durch die einzelnen 
Wahrheiten, die sich gegenseitig beleuchten. 

Daher brauchen auch nicht in dem Leben, wie es uns 
vor Augen tritt, der auftere Mensch, physischer Leib und 
Atherleib, und der innere Mensch, Astralleib und Ich, in 
irgendeiner Entwickelungsepoche des Lebens in einem 
vollkommenen Einklang zu stehen. Wiirde der Einklang 
ein vollkommener sein, dann ware es so, daft der 
Mensch, wenn er sich des Abends in die geistige Welt 
hineinbegibt, die Erlebnisse des Tages mitnahme und sie 
umgestaltete in regelmaftiger Weise in die Essenzen des 
Konnens, der Weisheit und so weiter. Es wiirde dann so 
sein, daft er die Krafte, die er aus der geistigen Welt des 
Morgens, hineinbringt in die physische Welt, in bezug 
auf das Seelenleben anwendete; aber niemals wiirde die 
Grenze iiberschritten werden, die wir charakterisiert 
haben, und welche fur den physischen Leib gezogen ist. 
Dann gabe es aber auch keine menschliche Entwicke- 
lung. Der Mensch muft lernen, diese Grenzen selbst zu 
beachten; er muft sie in sein Urteil aufnehmen. Es muft 
fur ihn im breitesten Umfange die Moglichkeit geben, 
diese Grenzen zu uberschreiten. 

Und er iiberschreitet sie fortwahrend! Im wirklichen 
Leben finden fortwahrend Grenziiberschreitungen statt, 
so daft zum Beispiel der astralische Leib und das Ich, 
wenn sie auf den physischen Leib wirken, die Grenzen 
nicht einhalten. Dadurch aber iibertreten sie die dem 
physischen Leibe eingepflanzte Gesetzmaftigkeit. Wir 
schauen dann dasjenige, was an solchen Grenziiberschrei- 
tungen geschehen ist, in Unregelmaftigkeiten, in Desor- 
ganisationen des physischen Leibes, in dem Hervortre- 
ten dessen, was sich darstellt als die Krankheiten, die aus 
dem Geiste, aus Astralleib und Ich heraus, bewirkt 



worden sind. - Noch in anderer Weise kann eine Grenze 
iiberschritten werden, namlich dadurch, daft der Mensch 
als innerer Mensch die Zusammenstimmung mit der 
aufieren Welt nicht trifft, dafi er versagt in bezug auf den 
vollstandigen Einklang mit der aufieren Welt. Wir kon- 
nen uns das an einem drastischen Beispiel klarmachen. 

Als vor wenigen Jahren der beriihmte Ausbruch des 
Mont Pele in Zentralamerika stattgefunden hatte, fand 
man nachher in den Trummern ganz merkwiirdige, sehr 
lehrreiche Dokumente. Auf einem stand: Ihr braucht 
euch nicht mehr zu fiirchten, denn die Gefahren sind alle 
voriiber; es werden keine weiteren Ausbriiche mehr 
erfolgen! Das zeigen uns die Gesetze, die wir als Natur- 
gesetze erkannt haben. - Diese Dokumente, auf denen 
geschrieben war, dafi weitere vulkanische Ausbriiche 
unmoglich waren nach der Naturerkenntnis, waren ver- 
schiittet worden - und mit ihnen die Gelehrten, die diese 
Dokumente verfalk hatten aus der gewohnlichen Gelehr- 
tenerkenntnis. Wir sehen hier sich ein tragisches Ereignis 
vollziehen. Aber gerade daran konnen wir die Dishar- 
monie des Menschen mit der physischen Welt ganz klar 
sehen. Niemand kann zweifeln, dafi der Verstand derje- 
nigen Gelehrten, die diese Naturgesetze erforscht haben, 
ausgereicht hatte, die Wahrheit zu finden, wenn er nur 
gehorig ausgebildet worden ware. Denn an Verstand hat 
es ihnen nicht gemangelt. Merkwurdig ist es, dafi der 
Verstand dazu gehort, aber da£ er doch allein gar nichts 
machen kann. Denn die Tiere, die vor solchen Katastro- 
phen stehen, wandern aus! Das ist eine bekannte Tatsa- 
che. Nur die Haus tiere gehen mit dem Menschen zu- 
grunde. Es geniigt also der sogenannte tierische Instinkt, 
um weit mehr an Weisheit gegeniiber solchen kommen- 
den Ereignissen zu entwickeln, als die heutige mensch- 



liche Weisheit. Dasjenige, was «Verstand» ist, macht es 
nicht aus; unser heutiger Verstand ist auch bei denjeni- 
gen geniigend vorhanden, welche die grofken Torheiten 
begehen. Unser Verstand reichte also wohl aus; aber es 
reichen nicht aus die Erfahrungen aus den Erlebnissen, 
weil diese nicht gereift sind. In dem Augenblick, wo der 
Verstand mit engbegrenzten Erlebnissen etwas festsetzt, 
was ihm plausibel erscheint, da kann er in diese Dishar- 
monie kommen mit den wirklichen aufieren Erlebnissen, 
und dann brechen die aufteren Erlebnisse iiber ihm 
zusammen. Denn es besteht ein Verhaltnis zwischen 
dem physischen Leib und der Welt, das der Mensch 
nach und nach erkennen und iiberschauen wird mit den 
Kraften, die er heute schon hat; aber erst dann wird er es 
konnen, wenn er sich Erlebnis iiber Erlebnis aus der 
aufkren Welt gesammelt hat und diese Erlebnisse verar- 
beitet hat. Dann wird an dem, was er aus diesen Erleb- 
nissen entwickelt hat, um vollige Harmonie herzustellen, 
auch kein anderer Verstand mitgearbeitet haben als der 
heutige; denn der Verstand ist gerade heute auf einer 
gewissen Hohe angelangt. Was fehlt, ist die Ausreifung 
der Erfahrungen und Erlebnisse. Wenn diese Ausreifung 
der Erlebnisse nicht dem Aufieren entspricht, dann 
kommt der Mensch in Disharmonie mit der Aufienwelt 
und kann an den Ereignissen der Aufienwelt zerbrechen. 

Wir haben an einem drastischen Beispiel gesehen, wie 
die Disharmonie eingetreten ist zwischen dem physi- 
schen Leib der betreffenden Gelehrten und dem, was sie 
in ihrem Innern als ihre Seelenentwickelungs-Stufe er- 
reicht haben. Wir haben dieses Beispiel herangezogen, 
um unsere Betrachtungen zu verdeutlichen. Diese Dis- 
harmonie braucht nicht dadurch aufzutreten, da£ gewal- 
tige Ereignisse iiber uns hereinbrechen; sondern eine 



solche Disharmonie ist prinzipiell und wesentlich immer 
dann gegeben, wenn irgendwelche aufieren Schadigun- 
gen unsern physischen und Atherleib treffen; wenn aufie- 
re Schadigungen den aufteren Menschen so treffen, dafi 
er nicht imstande ist, durch seine Krafte von innen 
diesen aufieren Schadigungen entgegenzuarbeiten, sie aus 
seinem Leben zu verbannen. Dasselbe ist jedesmal der 
Fall, wenn irgendeine aufiere Schadigung an uns heran- 
tritt, sei sie nun aufierlich sichtbar, oder sei sie eine 
sogenannte innere Schadigung, die aber doch eigentlich 
eine aufierliche ist; denn wenn wir uns den Magen 
verderben, so ist das dem Wesen nach ganz dasselbe, als 
wenn uns ein Ziegelstein auf den Kopf fallt. Es ist der 
Fall, wenn der Konflikt entsteht, oder entstehen kann 
zwischen dem inneren Menschen und dem, was von 
aufien an ihn herantritt; wenn der innere Mensch diesem 
aufieren Menschen nicht gewachsen ist. 

Und im Grunde ist jede Krankheit eine solche Dis- 
harmonie, eine solche Grenziiberschreitung zwischen 
dem inneren und dem aufieren Menschen. Was in einer 
fernen Zukunft als eine Harmonie erst erreicht werden 
rauE, was ein abstrakter Gedanke bleiben wiirde, wenn 
wir es hineintraumen wollten in das Leben, das stellt 
sich dadurch her, dafi tatsachlich fortwahrend Grenz- 
iiberschreitungen stattfinden. Der Mensch lernt erst da- 
durch immer reifer in bezug auf sein inneres Leben zu 
werden, wenn er allmahlich sieht, wie er durch das, was 
er schon erlangt hat, dem aufieren Leben nicht gewach- 
sen ist. Das bezieht sich nicht nur auf die Dinge, welche 
das Ich durchdringt, sondern auch auf dasjenige, was der 
astralische Leib durchdringt. Was das Ich durchdringt, 
erlebt der Mensch bewulk vom Aufwachen bis zum 
Einschlafen; wie der astralische Leib wirkt, wie er seine 



Grenzen iiberschreiten kann und sich ohnmachtig erwei- 
sen kann, um eine richtige Harmonie herzustellen zwi- 
schen innerem und aufierem Menschen, das entzieht sich 
zwar dem gewdhnlichen Bewufitsein des Menschen, ist 
aber dennoch vorhanden. In alien diesen Dingen haben 
wir das tiefere innere Wesen der Krankheit gegeben. 

Welches sind nun die zwei moglichen Ausgange der 
Krankheit? - Entweder es tritt Heilung ein, oder die 
Krankheit endet mit dem Tode. Wie wir die Entwicke- 
lung des normalen Lebens betrachten, so konnen wir 
hineinstellen Tod auf der einen Seite, Heilung auf der 
andern Seite. 

Was bedeutet nun fur die gesamte Entwickelung des 
Menschen eine Heilung? - Da mussen wir uns klar sein, 
was fur die Gesamtentwickelung des Menschen zunachst 
die Krankheit ist. 

Die Krankheit stellt dar eine Disharmonie zwischen 
innerem und aufierem Menschen; der innere Mensch 
kann nicht in Harmonie kommen mit dem aufieren 
Menschen, wenn Krankheit gegeben ist. Es mull sich in 
gewisser Weise der innere Mensch zuriickziehen aus 
dem aufieren Menschen. Wir konnen das am einfachsten 
sehen, wenn wir uns in den Finger schneiden. - Wir 
konnen nur den physischen Leib zerschneiden, nicht den 
Astralleib. Aber der Astralleib mufi fortwahrend eingrei- 
fen in das gewohnliche Getriebe, und die Folge ist jetzt, 
dafi der astralische Leib in dem zerschnittenen Finger 
nicht dasjenige findet, was er finden miifite, wenn er bis 
in die kleinsten Teile den Finger durchdringen will. Er 
fuhlt sich zuriickgestofien aus dem physischen Finger- 
teil. Das ist das Wesentliche einer ganzen Summe von 
Krankheiten, dafi der innere Mensch sich vom aufieren 
zuriickgestofien fuhlt, dafi er nicht Anteil nehmen kann 



an dem aufieren Menschen, weil er zerstort ist, weil er 
ihm durch Schadigung entrissen ist. Nun konnen wir die 
Sache so weit bringen, daft wir entweder durch aufiere 
Einwirkungen den aufieren Menschen herstellen - oder 
den inneren Menschen so stark machen, dafi er selbst 
den aufieren Menschen herstellt; das heiftt, es kann 
Heilung eintreten. Dann wird in einer schwacheren oder 
starkeren Art die Verbindung von aufierem und innerem 
Menschen nach der Heilung wiederum da sein; das 
heilk, es kann jetzt der innere Mensch in gewisser Weise 
die Moglichkeit finden, in dem korrigierten aufieren 
Menschen doch weiter zu leben; er kann wieder ein- 
greifen. 

Das ist ein Vorgang, der sich vergleichen lafit mit dem 
Aufwachen. Es war ein kiinstliches Zuriickgezogensein 
des inneren Menschen. Jetzt ist ihm neuerdings die 
Moglichkeit gegeben, im aufieren Menschen das zu erle- 
ben, was der Mensch nur in der aufteren Welt erleben 
kann. Die Heilung gibt dem Menschen die Moglichkeit, 
zuriickzukehren und das hineinzutragen, was er nicht 
hineintragen konnte, wenn er nicht zuriickkehren konn- 
te. Daher wird das, was den Heilungsprozefi ausmacht, 
aufgenommen in den inneren Menschen und bildet jetzt 
einen inneren Bestandteil dieses inneren Menschen. Ge- 
nesung, Heilung ist das, worauf wir mit Befriedigung, 
mit Genugtuung zuriickblicken konnen, weil wir uns 
sagen konnen: Ebenso wie wir beim Einschlafen etwas 
mitnehmen fur den inneren Menschen, wodurch wir ihn 
hoher bringen, so nehmen wir durch die Heilung etwas 
mit, wodurch wir den inneren Menschen hoher bringen. 
Wenn es auch nicht gleich sichtbar ist, vorhanden ist es: 
wir werden in unserem inneren Menschen, in unserem 
seelischen Erleben unter alien Umstanden erhoht; wir 



erfahren eine Steigerung unseres inneren Menschen 
durch die Genesung. Wir nehmen in die geistige Welt, 
die wir wahrend des Schlafes durchleben, dasjenige mit, 
was wir durch die Genesung haben. Die Heilung ist also 
etwas, was mit hineingeht in den Schlafzustand, was uns 
starkt in bezug auf die Krafte, die wir heranbilden 
wahrend des Schlafzustandes. - Alles was die geheimnis- 
vollen Beziehungen von Heilung und Schlaf sind, wiirde 
sich erlautern lassen, wenn wir Zeit hatten, diese ange- 
deuteten Gedanken ganz auszubreiten. Daraus konnen 
Sie schon sehen, wie wir die Heilung gleichstellen kon- 
nen dem, was wir des Abends mit hineinnehmen in die 
geistige Welt, und was die Entwickelungsvorgange for- 
dert, insofern sie zwischen Geburt und Tod iiberhaupt 
gefordert werden konnen. Was wir aber aus den aufteren 
Erlebnissen im normalen Erleben nach innen hinein- 
ziehen, das mulS in unserem Seelenleben zwischen Ge- 
burt und Tod als hohere Entwickelung herauskommen. 
Doch nicht immer muE dasjenige, was wir als Heilung 
aufnehmen, herauskommen; wir konnen es sehr wohl 
mitnehmen durch die Pforte des Todes, und es kann uns 
erst in einem nachsten Leben zugute kommen. Was uns 
aber die Geisteswissenschaft zeigt, ist dies, dafi wir einer 
jeglichen Heilung dankbar sein miissen, denn eine jede 
Heilung bedeutet eine Erhohung des inneren Menschen, 
die wir nur mit den Kraften erreichen, die im Innern 
aufgenommen werden. 

Die andere Frage ist die: Was bedeutet fur den Men- 
schen eine Krankheit, die mit dem Tode endet? 

In gewisser Weise bedeutet sie das Umgekehrte, da£ 
wir nicht imstande sind, die zerstorte Harmonie zwi- 
schen innerem und aufterem Menschen wieder herzu- 
stellen; dafi wir die Grenze nicht iiberschreiten konnen 



in diesem Leben zwischen dem inneren und dem aufte- 
ren Menschen; daft dieses Uberschreiten der Grenze in 
richtiger Art uns in diesem Leben unmoglich ist. Wie 
wir stille stehen miissen vor dem gesunden Leib am 
Morgen, wenn wir aufwachen, so miissen wir, wenn eine 
Krankheit mit dem Tode endet, stille stehen vor dem 
geschadigten Leib, konnen nicht wieder eine Anderung 
an ihm hervorrufen. Wie der gesunde Leib bleibt, wie er 
ist, und uns am Morgen aufnimmt, so nimmt uns der 
geschadigte Leib nicht auf, das heiftt, wir miissen mit 
dem Tode endigen. Wir miissen diesen Leib verlassen, 
weil wir nicht imstande sind, die Harmonie wieder 
herzustellen. Dafiir aber nehmen wir diese Erlebnisse 
nunmehr mit in die geistige Welt, die wir betreten, ohne 
daft wir einen aufteren Leib zur Verfiigung haben. Was 
wir als Frucht in uns aufgenommen haben, daft uns ein 
geschadigter Korper nicht wieder aufnimmt, das wird 
eine Bereicherung desjenigen Lebens, das zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt verlauft. So miissen wir 
also auch einer Krankheit, die mit dem Tode endet, 
dankbar sein, weil sie uns die Moglichkeit bietet zu einer 
Steigerung unseres Lebens zwischen Tod und neuer 
Geburt, um die Krafte und Erfahrungen zu sammeln, die 
nur zwischen Tod und neuer Geburt ausreifen konnen. 

Da haben wir die seelische Konsequenz einer Krank- 
heit, die mit dem Tode endet, und die seelische Konse- 
quenz einer Krankheit, die mit Heilung endet. In das 
ganze innere Leben greifen die Heiiungsprozesse ein und 
bringen uns vorwarts; in alles, was die Entwickelung in 
einer aufteren Welt bedeutet, greifen die Krankheiten 
ein, die mit dem Tode enden. Das gibt uns zwei Gesichts- 
punkte: Wir konnen einer Krankheit, die mit einer 
Heilung endet, dankbar sein, weil wir durch sie in 



unserem Innern starker geworden sind; und wir konnen 
einer Krankheit, die mit dem Tode endet, dankbar sein, 
weil wir wissen: Wenn wir uns auf eine hohere Stufe 
erheben in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt, 
so wird der Tod fur uns von unendlicher Wichtigkeit 
sein, und wir haben dann gelernt, dafi unser Leib nicht 
so sein darf, wenn wir ihn wieder aufbauen. Und wir 
werden jene Schadigungen vermeiden, an denen wir 
gescheitert sind. 

So haben wir in der Tat die Notwendigkeit, uns auf 
zwei Gesichtspunkte zu stellen. Keinem Menschen sollte 
es einfallen, etwa aus der Geisteswissenschaft heraus zu 
sagen: Wenn der Tod, mit dem eine Krankheit endet, 
etwas ist, dem wir dankbar sein miissen, wenn der 
todliche Ausgang einer Krankheit etwas ist, was uns im 
nachsten Leben hoher bringt, dann miiftten wir die 
Krankheit mit dem Tode endigen lassen und sie nicht 
heilen! - Wer das sagte, sprache nicht im Sinne wahrer 
Geisteswissenschaft, denn eine solche hat es nicht mit 
Abstraktionen zu tun, sondern mit denjenigen Wahrhei- 
ten, die von den verschiedensten Gesichtspunkten ge- 
wonnen werden. Wir haben die Pflicht, mit alien Mit- 
teln, die uns zu Gebote stehen, fur die Heilung zu 
sorgen. Innerhalb des menschlichen Bewufitseins liegt 
die Aufgabe zu heilen, so viel man kann. Denn der 
Standpunkt, dafi wir auch dem Tode dankbar sein kon- 
nen, wenn er eingetreten ist, ist nicht ein solcher, der in 
das gewohnliche menschliche Bewufitsein hineinfallt, 
sondern der nur gewonnen werden kann, wenn man 
iiber das gewohnliche Menschheitsbewufitsein sich er- 
hebt. Von einem «G6tter-Standpunkt» aus ist es berech- 
tigt, diese oder jene Krankheit mit dem Tode endigen zu 
lassen; vom menschlichen Standpunkt aus ist es nur 



berechtigt, alles aufzuwenden, was die Heilung herbei- 
fiihren kann. Eine Krankheit, die mit dem Tode endet, 
muft von einem andern Gesichtspunkt aus beurteilt wer- 
den. Zwischen diesen zwei Gesichtspunkten gibt es zu- 
nachst keine Vereinigung; sie miissen nebeneinander her- 
gehen. Alles abstrakte Harmonisieren niitzt hier nichts. 
Die Geisteswissenschaft muft vordringen zu der Aner- 
kennung solcher Wahrheiten, die von einer gewissen 
Seite das Leben darstellen, und anderer Wahrheiten, die 
es von einer andern Seite darstellen. 

Richtig ist der Satz: Heilung ist gut! Heilung ist 
Pflicht! - Richtig ist aber auch der andere Satz: Der Tod 
ist gut, wenn er als das Ende einer Krankheit auftritt; 
der Tod ist wohltatig fur die gesamte menschliche Ent- 
wickelung! - Trotzdem sich beide Satze widersprechen, 
enthalten sie beide lebendige Wahrheiten fur das lebendi- 
ge Erkennen. Gerade wo in das Menschenleben zwei 
solche Stromungen hineinleuchten, die sich erst harmoni- 
sieren miissen, sehen wir, wie wir nicht schablonisieren 
und systematisieren diirfen, sondern daft wir das Leben 
im breitesten Umfange betrachten miissen. Klar miissen 
wir uns sein, daft sogenannte Widerspriiche, wenn sie 
nur auf Erfahrung, auf Erleben und auf tieferer Erkennt- 
nis der Sache beruhen, unsere Erkenntnis nicht beein- 
trachtigen, sondern daft sie uns gerade nach und nach in 
eine lebensvolle Erkenntnis hineinfuhren, weil das Leben 
selber sich zu Harmonie entwickelt. 

Das normal verlaufende Leben schlingt sich so fort, 
daft wir aus Erlebnissen uns Fahigkeiten bilden, und daft 
wir aus dem, was wir zwischen Geburt und Tod nicht 
innerlich verarbeiten konnen, dasjenige weben, was wir 
dann zwischen Tod und neuer Geburt verarbeiten kon- 
nen. In diesen normalen Gang des Menschenlebens 



schlingen sich Heiiung und todliche Krankheit so hinein, 
daft eine jede Heiiung ein Beitrag ist, um den Menschen 
hinaufzufuhren zu hoheren Stufen, und daft eine jede 
todliche Krankheit den Menschen wiederum hinauffuhrt 
auf eine hohere Stufe; einmal in bezug auf den inneren, 
das andere Mai in bezug auf den aufteren Menschen. So 
schreitet die Welt vorwarts, indem sie nicht in einer, 
sondern in zwei entgegengesetzten Stromungen fort- 
schreitet. Gerade an Krankheit und Heiiung zeigt sich 
uns die ganze Kompliziertheit des menschlichen Lebens. 
Ware nicht Krankheit und nicht Heiiung, so wiirde das 
normale Leben nur so verlaufen konnen, daft der 
Mensch am Gangelbande des Daseins sein Leben fort- 
spanne, immer an der Grenze stehen bliebe, und sozusa- 
gen aus der geistigen Welt heraus zwischen Tod und 
neuer Geburt sich die Krafte geben lassen miiftte, um 
seinen Organismus neu aufzubauen. Da wiirde der 
Mensch nie die Friichte seiner eigenen Arbeit an der 
Weltentwickelung entfalten konnen. Diese Friichte kann 
der Mensch in den engeren Grenzen des Lebens nur 
dadurch entfalten, daft er irren kann; denn nur dadurch, 
daft man weift, welches der Irrtum ist, kommt man zu 
einer Uberzeugung der Wahrheit. Die Wahrheit so auf- 
nehmen, daft sie die eigene Angelegenheit der Seele wird, 
daft sie hineingreift in die Entwickelung, das kann man 
nur, wenn man die Wahrheit aus dem Mutterboden des 
Irrtums herausholt. Gesundheit konnte der Mensch auch 
haben, wenn er nicht mit seinen eigenen Fehlern und 
Unvollkommenheiten durch Grenziiberschreitungen ein- 
griffe ins Leben. Eine Gesundheit, die so zustande 
kommt wie die innerlich erkannte Wahrheit, eine Ge- 
sundheit, die sich der Mensch von Inkarnation zu Inkar- 
nation durch sein eigenes Leben selbst erringt, eine 



solche Gesundheit kommt durch die realen Irrtumer, 
durch die Krankheken zustande, also dadurch, daft der 
Mensch auf der einen Seite lernt, seine realen Irrtumer 
und Fehler in der Heilung zu iiberwinden, und auf der 
andern Seite dadurch, daft er in dem Leben zwischen 
Tod und neuer Geburt auf diejenigen Fehler hingestoften 
wird, die er in einem Leben nicht gutmachen konnte, 
damit er lernt, sie in dem nachsten Leben gut zu ma- 
chen. 

Wir konnen jetzt wiederum ankniipfen an unser drasti- 
sches Beispiel und konnen sagen: Der Verstand jener 
Gelehrten, welche damals so falsch prophezeit haben, 
wird nicht bloft vorsichtig werden, um nicht so schnell 
zu urteilen, sondern er wird die Erlebnisse ausreifen 
lassen, um nach und nach Harmonie herzustellen mit 
dem Leben. 

So sehen wir, wie Heilung und Krankheit in das 
Menschenleben eingreifen und zu dem fuhren, ohne das 
der Mensch sein Ziel nie als sein eigenes erreichen 
konnte. Wenn wir so Krankheit und Heilung betrachten, 
konnen wir sehen, wie das scheinbar abnorme Eingreifen 
in unsere Entwickelung - und dazu gehort Krankheit 
und Heilung und der todliche Ausgang der Krankheit - 
zum menschlichen Dasein gehort, wie der Irrtum dazu 
gehort, wenn wir die Wahrheit erkennen wollen. Wir 
kdnnten in bezug auf Krankheit und Heilung dasselbe 
sagen, was ein grofter Dichter in einer wichtigen Epoche 
iiber den menschlichen Irrtum gesagt hat: «Es irrt der 
Mensch, so lang* er strebt!» Das konnte unter Umstan- 
den so erscheinen, als ob der Dichter hatte sagen wollen: 
Es irrt der Mensch immer! - Der Satz ist aber umkehr- 
bar, und wir konnen ihn so aussprechen: Es strebe der 
Mensch, so lange er irrt! - Der Irrtum gebiert ein neues 



Streben. Der Satz: «Es irrt der Mensch, so lang* er 
strebt!» braucht uns daher durchaus nicht mit Trostlo- 
sigkeit zu erfullen; denn jeder Irrtum erzeugt neues 
Streben, und der Mensch wird so lange streben, bis er 
uber den Irrtum hinaus ist. Das heifit, der Irrtum selber 
fiihrt iiber sich hinaus zur menschlichen Wahrheit! Und 
ebenso konnen wir sagen: Es mag der Mensch erkran- 
ken, so lange er sich entwickelt! Durch die Krankheit 
entwickelt er sich zugleich zur Gesundheit. So strebt die 
Krankheit in der Heilung, und sogar im Tode iiber sich 
selbst hinaus und erzeugt die Gesundheit nicht als ein 
dem Menschen Fremdes, sondern als eine aus dem Men- 
schenwesen selbst herausgewachsene, mit diesem Men- 
schenwesen ubereinstimmende Gesundheit. 

Alles, was in solch merkwiirdigen und bedeutungs- 
vollen Gebieten erscheint, ist wohl geeignet, uns zu 
zeigen, wie die ganze Welt in ihrer Weisheit so einge- 
richtet ist, dafi der Mensch in alien Entwickelungsmo- 
menten die Gelegenheit findet, iiber sich selbst hinaus- 
zuwachsen - ganz im Sinne jenes Satzes von Angelus 
Silesius, mit dem wir den Vortrag «Was ist Mystik?» 
beschHeEen konnten. Wir wandten ihn damals auf die 
intimere Entwickelung an; jetzt konnen wir ihn ausdeh- 
nen in bezug auf das weite Gebiet von Krankheit und 
Heilung und konnen sagen, selbst da zeigt sich uns 
wahrhaftig: 

Wann du dich iiber dich erhebst und Gott lafit waken: 
So wird in deinem Geist die Himmelfahrt gehalten! 



DER POSITIVE UND DER NEGATIVE MENSCH 



Berlin, 10. Marz 1910 



In bezug auf das menschliche Seelenleben erblicken wir, 
wenn wir priifend den Blick schweifen lassen von 
Mensch zu Mensch, die allergrdfite Verschiedenheit. Wir 
haben auf typische Verschiedenheiten der Menschen und 
ihre Griinde in bezug auf das Seelenleben im Laufe 
dieser Vortrage hingewiesen; wir haben hingedeutet auf 
die Verschiedenheit der Menschenseelen in bezug auf 
Charakter, Temperament, in bezug auf andere Inhalte 
des Seelenlebens, Fahigkeiten, Krafte und so weiter. Eine 
bedeutsame Verschiedenheit zeigen uns nun die Men- 
schenseelen - und damit alle menschlichen Individuali- 
taten — in bezug auf das, was in dem heutigen Vortrag 
betrachtet werden soli als der positive und der negative 
Mensch. Nun mochte ich mich gleich im Beginne des 
Vortrages dagegen verwahren, daft diese Darstellung, die 
ganz in dem Charakter der iibrigen Vortrage gehalten 
sein soil, irgend etwas zu tun habe mit den dilettanti- 
schen, aber heute so gangbaren Darstellungen, welche 
diese Ausdriicke vom «positiven» und «negativen» Men- 
schen gebrauchen. Was im heutigen Vortrage gesagt 
werden wird, werden wir ohne jegliche Beziehung zu 
solchen Bezeichnungen lediglich aus sich selbst heraus 
begreifen rmissen. 

Wir konnten uns nun zunachst umsehen nach einer 
Art Definition, nach einer Art Begriffserklarung dessen, 
was ein positiver und negativer Mensch ist. Wenn wir 
eine solche Begriffsbezeichnung aufstellen wollten, konn- 



171 



ten wir etwa sagen: Im Sinne einer wahrhaftigen und 
tiefer eindringenden Seelen- und Menschenlehre konnen 
wir als einen «positiven» Menschen denjenigen bezeich- 
nen, der gegeniiber den auf ihn eindringenden aufieren 
Eindriicken die Festigkeit und Sicherheit seines Inneren 
bis zu einem gewissen Grade zu bewahren in der Lage 
ist; so da£ er in diesem seinem Innern festumrissene 
Begriffe und Vorstellungen hat, eine gewisse Summe von 
Neigungen und Abneigungen, von Empfindungsim- 
pulsen, in denen er nicht beirrt werden kann durch die 
Eindriicke, die im Aufienleben in ihn einfliefien. Ebenso 
kann als ein positiver Mensch derjenige bezeichnet wer- 
den, der fur sein Handeln gewisse Triebe und Impulse 
hat, von denen er sich nicht durch jeden beliebigen 
Eindruck des Tages abbringen lafit. Und als einen «nega- 
tiven» Menschen konnten wir denjenigen bezeichnen, 
der leicht sich den wechseinden Eindriicken des Lebens 
hingibt, der stark ergriffen wird von diesen oder jenen 
Vorstellungen, die ihm bei diesem oder jenem Men- 
schen, in dieser oder jener Versammlung auftauchen, 
und durch die er leicht geneigt wird, das, was er nach 
einer gewissen Seite hin gedacht, gefuhlt und empfunden 
hat, einer Anderung zu unterwerfen und etwas anderes 
in seine Seele aufzunehmen. In bezug auf das Handeln 
konnten wir einen solchen Menschen als einen negativen 
bezeichnen, der sich von seinen Trieben und Impulsen 
des Handelns leicht durch alle moglichen Einfliiste- 
rungen dieses oder jenes Menschen abbringen lafk. 

Damit hatten wir so ungefahr etwas gewonnen in 
bezug auf den positiven und negativen Menschen, was 
uns eine Art Definition sein kann. Aber gerade solchen 
ins Leben doch tief einschneidenden Eigenartigkeiten 
der menschlichen Natur gegeniiber konnen wir uns 



leieht iiberzeugen, dafi wir mit Begriffserklarungen, mit 
Definitionen im Grunde genommen sehr wenig gewon- 
nen haben, und dafi das Streben nach solchen moglichst 
bequemen Begriffsvorstellungen ein ziemlich eitles ist. 
Denn wenn wir von einer solchen abstrakten Begriffsde- 
finition heruntersteigen ins wirkliche Leben, so konnen 
wir sagen: Ein Mensch mit starken Trieben, mit starken 
Leidenschaften, die seit der Kindheit ein gewisses Gepra- 
ge angenommen haben, die gewohnheitsmafiig im Leben 
dieselben bleiben, ein solcher Mensch wird sozusagen an 
sich alles mogliche von guten, von schlimmen Beispielen 
und Vorbildern haben voriibergehen lassen und wird bei 
dem bleiben, was seine gewohnten Triebe und Leiden- 
schaften sind. Er wird sich eigensinnig vielleicht diese 
oder jene Vorstellungen und Begriffe iiber dieses oder 
jenes gemacht haben, und man wird ihm Griin und Blau 
an Tatsachen und dergleichen vorbringen konnen: er 
wird bei seinen Vorstellungen bleiben, und es wird sich 
Hindernis iiber Hindernis auftiirmen, um nur dieses 
oder jenes als eine ihn anders iiberzeugende Tatsache 
beizubringen. Ein solcher Mensch ware ein sehr positi- 
ver Mensch, seine Positivitat wiirde ihn aber zu nichts 
fiihren, als stumpf und eindruckslos durch das Leben 
hindurchzugehen, nichts zu sehen und nichts zu horen, 
was seinen Lebensinhalt bereichern und umfassender 
machen konnte. Einen anderen, der geneigt ist, in jedem 
Augenblicke in der hingebungsvollsten Weise neue Ein- 
driicke aufzunehmen, der bereit ist, iiberall da, wo sich 
seinen gewohnten Vorstellungen gegeniiber Tatsachen 
ergeben, die ihn erschiittern, diese Vorstellungen zu 
korrigieren, einen solchen Menschen konnten wir - viel- 
leicht nach verhaltnismafiig kurzer Zeit - einen ganz 
anderen werden sehen. Wir konnten sehen, wie er Epo- 



che um Epoche seines Lebens durchmacht, von einem 
Inhalte seines Lebens zu einem andern eilt, und er 
konnte uns vielleicht nach einiger Zeit erscheinen als ein 
vollig Verwandelter gegeniiber einer friiheren Lebens- 
epoche. Und wenn wir ihn vergleichen mit einem sol- 
chen, der stumpf und eindruckslos durch das Leben 
geht, dann werden wir sagen konnen: Er hat sein Leben 
besser angewendet als der andere. Aber wir miiftten ihn 
aus den angedeuteten Charaktereigenschaften heraus be- 
zeichnen als einen negativen Menschen. 

Wir konnten finden, daft irgend jemand mit einer 
robusten Natur, die sich gewohnheitsmaftig durch das 
Leben fortschleppt, durch die Mode der Zeit sich verlei- 
ten liefte, eine Reise durch ein Land zu machen, in 
welchem man grofte Kunstschatze sieht; aber er ist so 
positiv in all den Empfindungen, die er einmal in seiner 
Seele abgeladen hat, daft er an Kunstwerk und Kunst- 
werk vorbeigeht, hochstens einmal nachsieht im Baede- 
ker, welches die bedeutendsten sind, und daft nach alle- 
dem - so «positiv» ist er -, wenn er nach Hause kommt, 
seine Seele gar nicht bereichert worden ist durch dieses 
Sich-Fortschleppen von Galerie zu Galerie, von schoner 
Landschaft zu schoner Landschaft. Es ware also ein sehr 
positiver Mensch. Und es konnte einen Menschen geben, 
der ungefahr dasselbe durchmacht, aber mit einem sol- 
chen Charakter, daft er jedem einzelnen Bilde tief hingege- 
ben ist, mit Enthusiasmus an jedes einzelne Bild sich ver- 
liert, so daft er unmittelbar, wenn er davor steht, sich sel- 
ber ganz vergiftt und ganz in dem lebt, was er sieht; und 
so bei dem nachsten Bilde, bei dem dritten und so weiter. 
So geht er mit einer Seele, die an jede Einzelheit hingege- 
ben ist, durch das Ganze hindurch; aber weil er so jeder 
Einzelheit hingegeben ist, verwischt jeder nachste Ein- 



druck den vorhergehenden, und wenn er zuriickkommt, 
hat er doch nur ein Chaos in seiner Seele. Das ware ein 
Mensch, entgegengesetzt in gewisser Beziehung dem er- 
sten, dem positiven; er ware ein sehr negativer Mensch. 

So konnten wir in der mannigfaltigsten Weise Beispie- 
le finden fur positive und negative Menschen. Wir konn- 
ten als einen negativen Menschen denjenigen bezeichnen, 
der so viel gelernt hat, daft sein Urteil unsicher gewor- 
den ist gegeniiber jeder Tatsache; daft er nicht weift, was 
wahr ist und was falsch und zu einem Zweifler dem 
Leben und dem Wissen gegeniiber wird. Er ware ein 
negativer Mensch. - Ein anderer konnte dieselben und 
ebensoviele Eindriicke haben; aber er geht so durch das 
Leben, daft er die Eindriicke verarbeitet und die Fiille 
der Eindriicke einzureihen weift in die Fiille seiner von 
ihm aufgesammelten Weisheit. Er ware ein positiver 
Mensch im besten Sinne des Wortes. 

Ein Kind kann bis zur Tyrannei gegeniiber den Er- 
wachsenen positiv sein, indem es iiberall auf die in ihm 
festsitzende Natur fuftt und alles, was dagegen spricht, 
abzuweisen sucht. So kann es, indem es sich durch 
nichts beeinflussen lafit, sehr positiv sein. Und ein 
Mensch, der viel im Leben erfahren hat, durch mancher- 
lei Irrtiimer und Enttauschungen durchgegangen ist, er 
kann, trotzdem er viel erfahren hat, jedem Eindruck voll 
hingegeben sein, kann leicht aufzurichten und leicht 
niederzuschmettern sein; dieser kann trotz grofter Le- 
benserfahrungen ein negativer Mensch im Verhaltnis zu 
einem Kinde sein. Kurz, erst wenn wir das Leben in 
seiner Mannigfaltigkeit, nicht nach Begriffen, auf uns 
wirken lassen, wenn die Begriffe uns nur eine Art Leiter 
sind, um die Tatsachen und Ereignisse des Lebens auf 
den Sprossen dieser Leiter anzuhangen, nur wenn wir 



die Begriffe so betrachten, dafi sie uns helfen, die Er- 
scheinungen und Tatsachen des Lebens zu ordnen und 
zu regeln, konnen wir iiber so einschneidende Dinge als 
positiver und negativer Mensch dem Leben gegeniiber 
zurechtkommen. Denn wir beriihren damit in der Tat, 
indem wir auf diese Eigentiimlichkeit der Menschenseele 
eingehen, etwas Allerwichtigstes. Die Sache ware im 
Grande genommen einfach, wenn man den Menschen 
nicht in der lebendigsten Weise zu denken hatte — wir 
haben das ja oftmals in diesen Vortragen in seinem 
vollen Umfange hervorgehoben - lebendig darinnen ste- 
hend in dem, was wir «Entwickelung» nennen. 

Wir sehen des Menschen Seele von Entwickelungs- 
stufe zu Entwickelungsstufe eilen. Und wenn wir im 
wahren Sinne der Geisteswissenschaft sprechen, er- 
scheint uns ja auch nicht dasjenige, was sich im Leben 
des einzelnen Menschen zwischen Geburt und Tod ab- 
spielt, als etwa gleichformig verlaufend; denn wir wis- 
sen, dafi dieses Leben zwischen Geburt und Tod nur die 
Wiederholung ist von vorhergehenden - und der Aus- 
gangspunkt fur nachfolgende Leben. Und wenn wir so 
das gesamte Menschenleben durch die verschiedenen 
Verkorperungen hindurch betrachten, kann es uns leicht 
einleuchtend sein, dafi wenn fur irgendeinen Menschen 
in einem Leben zwischen Geburt und Tod die Entwicke- 
lung einmal langsamer verlauft, so dafi er sein ganzes 
Leben hindurch auf denselben Charaktermerkmalen, auf 
demselben Vorstellungsinhalt beharrt, er dafiir in einem 
anderen Leben um so mehr die Entwickelung nachzu- 
holen hat, welche ihn zu anderen Stufen des menschli- 
chen Seelenlebens fuhrt. Die Betrachtung des einzelnen 
Lebens bleibt eben iiberall im hochsten Grade unzu- 
langlich. 



Wenn wir die Seek selber betrachten, wie sie sich uns 
in den vorhergehenden Vortragen dargestellt hat, so 
konnen wir fragen: Wie kommen wir dieser Seele und 
ihrem Leben gegeniiber zurecht mit den Andeutungen, 
die wir jetzt gewonnen haben iiber den positiven und 
negativen Menschen? 

Wir haben in den friiheren Vortragen gezeigt, wie das 
Seelenleben des Menschen durchaus nicht ein chaoti- 
sches Aufundabwogen von Vorstellungen, Empfin- 
dungen und Begriffen ist, wie es dem ersten fluchtigen 
Blick erscheint, sondern wie wir drei Giieder dieser 
seelischen Wesenheit zu unterscheiden haben: 

Zunachst das, was wir als das niederste Glied der 
menschlichen Seele bezeichnen miissen, und das wir 
genannt haben die «Empfindungsseele». Wir finden diese 
Empfindungsseele zunachst in ihrer, man mochte sagen, 
ureigensten Gestalt dann, wenn wir Menschen auf ver- 
haltnismafiig niedriger Entwickelungsstufe betrachten; 
Menschen, die noch ganz hingegeben sind an das, was in 
ihnen an Leidenschaften, Trieben, Begierden, Wunschen 
fur das Dasein liegt, und die daher jedem aufsteigenden 
Wunsch, jeder aufsteigenden Begierde einfach folgen. 
Was wir als das Ich, als den eigentlichen selbstbewufiten 
Kern der Menschenseele bezeichnet haben, ruht sozusa- 
gen fur solche Menschen, die vorzugsweise in der Emp- 
findungsseele leben, wie in einem wogenden Meere von 
Leidenschaften, Trieben, Begierden, von Sympathien 
und Antipathien, und wird jedem Sturm der menschli- 
chen Seele gegeniiber wie ein Sklave sich verhalten. Ein 
solcher Mensch wird seinen Neigungen folgen, nicht 
indem er sie beherrscht, sondern indem er sich von 
ihnen beherrschen lafit. Er wird seinem unbestimmten 
inneren Verlangen nachgeben. Das Ich wird sich wenig 



herausheben aus dem Gewoge von Trieben, Begierden 
und Neigungen. Wenn sich die Seele weiter entwickelt, 
dann wird mehr und mehr deutlich, wie das Ich in einem 
starken Mittelpunktsgefiihl sich herausarbeitet. 

Wir wissen, dafi ein hdheres Seelenglied, das ja bei 
jedem Menschen vorhanden ist, die Vorherrschaft gegen- 
iiber der Empfindungsseele antritt, wenn der Mensch 
eine Entwickelung durchmacht. Dieses zweite Seelen- 
glied haben wir «Verstandesseele» oder «Gemiitsseele» 
genannt. Wenn der Mensch beginnt, nicht jeder Neigung 
und jedem Triebe einfach zu folgen, dann arbeitet sich 
heraus, was immer in ihm ist, was aber die Vorherrschaft 
antreten kann, wenn der Mensch anfangt, vom Ich aus 
seine Neigungen und Begierden zu beherrschen, wenn 
sich in die wechselnden Eindriicke des Lebens dasjenige 
hineinmischt, was diese Eindriicke in ihm zu einem 
geschlossenen Innenleben machen kann. Daher zeigt uns 
dieses zweite Glied der menschlichen Seele, die Verstan- 
desseele, wenn sie vorherrscht, den Menschen in einem 
vertiefteren Zustande. 

Sodann wiesen wir auf das hochste Glied der mensch- 
lichen Seele hin, auf die «Bewufkseinsseele», wo das Ich 
mit seiner ganzen Starke hervortritt. Da kehrt sich das 
menschliche Innenleben wiederum nach aufien, und die 
Vorstellungen und Begriffe sind jetzt nicht nur dazu da, 
um iiber die Leidenschaften Herr zu werden, sondern 
auf dieser Stufe wird das ganze innere Seelenleben von 
dem Ich aus dirigiert, so dafi es ein wissender Spiegel der 
Aufienwelt wird. Wenn sich der Mensch zur Erkenntnis 
der Aufienwelt erhebt, dann tritt die Bewufitseinsseele 
die Oberherrschaft in seinem Seelenleben an. Diese drei 
Seelenglieder finden wir bei jedem Menschen; nur ist das 
eine oder das andere in jedem Falle vorherrschend. 



Nun haben uns die letzten Vortrage gezeigt, dafi die 
Seele in ihrer Entwickelung noch weiter gehen kann. 
Schon im gewohnlichen Leben mufi ja die Seele weiter 
gehen, wenn der Merisch im wahren Sinne des Wortes 
ein Mensch werden will. Ein Mensch, der zu Antrieben 
seines Handelns nur erhalten konnte, was die aufieren 
Forderungen des Lebens ihm stellen, der nur das zu 
Impulsen seines Handelns hatte, wozu er getrieben wird 
durch Sympathie und Antipathie, der wurde nicht das 
Bestreben haben, die reine Menschennatur in sich zur 
Darstellung zu bringen. Erst wer sich erhebt iiber die 
gewohnlichen Forderungen, die ihm Sympathie und An- 
tipathie einimpfen, zu sittlichen Idealen und Ideen, erst 
der sucht die reine Menschennatur darzustellen. Sittliche 
Ideen, ethische Vorstellungen miissen aufsteigen in der 
Menschennatur aus dem, was wir die geistige Welt nen- 
nen; denn durch unsere sittlichen Forderungen und ethi- 
schen Begriffe bereichern wir das Seelenleben mit neuen 
Elementen. Denn nur dadurch hat der Mensch eine 
«Geschichte», daft er in das Leben etwas hineintragen 
kann, was sein Inneres aus unbekannten dunklen Tiefen 
herauszieht und dem aufieren Leben einpragt. Ebenso 
wiirden wir niemals zu einem wirklichen Wis sen iiber 
die Weltengeheimnisse kommen, wenn wir nicht die 
aufieren Erlebnisse gleichsam auffadeln konnten an den 
Ideen, die wir nicht in der aufieren Welt sehen konnen, 
sondern die wir aus unserem Geiste der Aufienwelt 
entgegenbringen, und wodurch wir erst die aufiere Welt 
in der wahren Gestalt erklaren und begreifen konnen. 
Dadurch bringt der Mensch schon ein geistiges Element 
in sein Inneres hinein, bereichert die Seele mit jenen 
Elementen, die sie niemals aus dem blofien aufieren 
Leben gewinnen konnte. 



Wie wir in dem Vortrage «Was ist Mystik?» geschil- 
dert haben, kann der Mensch zu einem hdheren Seelen- 
leben dadurch aufsteigen, daft er sich fiir eine Weile 
willkiirlich den Eindriicken und Anregungen der Au- 
ftenwelt verschlieftt, seine Seele leer macht und dann sich 
dem hingibt, was in seiner Seele aufflammen kann, was - 
nach einem Ausdruck des Meisters Eckhart - nur iiber- 
leuchtet wird als ein kleines Fiinklein von den wech- 
selnden Tageserlebnissen, was aber aufflammen kann, 
wenn der Mensch sich ihm in innerer Versenkung hin- 
gibt. Ein solcher Mystiker steigt auf zu einem Leben 
uber das gewohnliche Seelenleben hinaus; er vertieft sich 
in die Weltengeheimnisse dadurch, daft er das an Ge- 
heimnissen in sich selber zur Offenbarung bringt, was in 
seine Seele hineingelegt ist von diesen Weltengeheim- 
nissen. Und in einem folgenden Vortrage haben wir 
gesehen: Wenn der Mensch in Ergebenheit das Zukiinf- 
tige erwartet, wenn er der Vergangenheit gegeniiber sich 
so verhalt, daft er ein Grofteres in sich wohnen fiihlt, als 
sich schon in ihm ausgebildet hat in seinem heutigen 
Dasein, dann wird er dazu gestimmt, das Groftere, das 
iiber ihn hinausragt, anzubeten. Wir haben gesehen, daft 
der Mensch im Gebet uber sich selbst hinauswachst in 
seinem Innern, daft er sich erhebt zu etwas, was er auften 
nicht sehen kann, was aber uber sein gewohnliches 
Leben hinausgeht. Und endlich haben wir gesehen, daft 
durch die eigentliche geistesforscherische Schulung, wel- 
che die drei Stufen der Imagination, der Inspiration und 
der Intuition erreicht, der Mensch hineinwachst in eine 
Welt, die dem gewohnlichen Menschen so unbekannt ist, 
wie die Welt des Lichtes und der Farben dem blinden 
Auge unbekannt ist. - So haben wir ein Seelenwachstum 
gesehen, das uber das normale hinausgeht, und wir 



blicken damit hinein in eine Entwickelung der menschli- 
chen Seek durch die mannigfaltigsten Stadien hindurch. 

Wenn wir den Menschen zwischen Geburt und Tod 
betrachten, werden wir sagen: Die Menschen um uns 
herum sind in bezug auf ihre Entwickelung auf den 
verschiedensten Stufen. Der eine Mensch zeigt uns, 
wenn er ins Dasein tritt, dafi er die Anlage hat zu dieser 
oder jener Stufe; und wir sehen, da£ ihm ein gewisses 
Mafi zugewiesen ist, innerhalb dessen er die Seele zu 
einem gewissen Grade fiihren kann, um das, was er sich 
errungen hat, dann mitzunehmen, wenn er durch die 
Pforte des Todes geht, und in einem neuen Leben 
weiterzufuhren. So konnen wir Menschen ihren Charak- 
teren nach auf den mannigfaltigsten Stufen finden. Wenn 
wir diese Menschen dann betrachten, wie sie von Stufe 
zu Stufe schreiten, werden uns die beiden Vorstellungen 
vom positiven und negativen Menschen nicht nur so 
begegnen, daft wir sagen: der eine ist positiv, der andere 
ist negativ; sondern sie begegnen uns dann so, dafi wir 
sie bei einem einzelnen Menschen in den aufeinanderfol- 
genden Entwickelungsstufen finden. Wir sehen einen 
Menschen, der im Beginne seiner Entwickelung stark 
hervortretende, eigensinnige Impulse in seiner Empfin- 
dungsseele hat, der sich uns zeigt mit bestimmten Trie- 
ben, Begierden und Leidenschaften bei einem verhalt- 
nismafiig noch dunklen, kaum gefuhlten Ich-Mittel- 
punkt. Ein solcher Mensch ist zunachst ganz positiv. Er 
geht als em positiver Mensch durch das Leben. Wenn er 
in dieser Form ein positiver Mensch bleiben mufite, 
wiirde er iiberhaupt nicht vorwarts kommen. Der 
Mensch mufi im Laufe seiner Entwickelung von einem 
positiven Menschen, der er in bezug auf gewisse Eigen- 
schaften auf einer untergeordneten Entwickelungsstufe 



ist, zu einem negativen werden; denn das, was der 
Mensch in seine Entwickelung aufnehmen soli, mulS an 
ihn herankommen konnen. Wer nicht sozusagen durch 
Unterdriickung gewisser positiver Eigenschaften, die in 
seiner Empfindungsseele gegeben sind, sich bereit ma- 
chen wollte, dafi neue Eindriicke, die er noch nicht in 
seiner Seele hat, in ihn einfliefien konnen und sich mit 
seiner Seele vereinigen, dafi sie ein Inhalt der Seele 
werden; ein Mensch, der also nicht imstande ware, iiber 
einen gewissen Grad von Positivitat, den ihm die Natur 
ohne sein Zutun verliehen hat, sich hinauszuheben zu 
einer gewissen Negativitat, um neue Eindriicke aufzu- 
nehmen, der konnte nicht weiterkommen. 

Da liegt die Notwendigkeit ausgesprochen, dafi in der 
Tat der Mensch im Verlaufe seiner Entwickelung positi- 
ve Eigenschaften iiberwinden muft, sich sozusagen selber 
negativ machen muE, damit er einen neuen Seeleninhalt 
aufnehmen kann. Damit aber benihren wir etwas, was 
gleichzeitig fur das Seelenleben notwendig ist, und was 
in gewisser Weise auch eine Gefahr bedeuten kann. Wir 
beriihren ein Kapitel unseres Seelenlebens, das uns so 
recht veranschaulicht, wie nur intime Seelenkunde uns 
sicher durch das Leben leiten kann. Denn es kann sich 
zeigen, wie der Mensch gar nicht vorwartskommen 
kann, wenn er gewisse Gefahren des Seelenlebens scheu- 
en wiirde. Und gewisse Gefahren sind beim negativen 
Seelenleben immer vorhanden; denn ein Mensch mit ei- 
nem negativen Seelenleben ist den au£eren Eindriicken 
hingegeben. Der negative Mensch ist eben ein solcher, in 
welchen die Eindriicke einflieften, der eins wird mit den 
aufieren Eindriicken, sich mit ihnen vereinigt. Damit ist es 
aber schon gegeben, daft der negative Mensch nicht nur 
gute aufiere Eindriicke aufnehmen kann, sondern auch 



schlimme und gefahrliche. Was sich uns darstellt bei der 
Betrachtung eines Menschen mit negativen Seeleneigen- 
tiimlichkeiten, ist namentlich das Folgende: 

Wer einen negativen Zug hat in seiner ganzen Seele, 
der wird, wenn er anderen Menschen gegeniibertritt, 
leicht durch ailerlei Dinge, die nichts zu tun haben zum 
Beispiel mit Vernunft und Urteil, hingerissen werden, 
dasjenige aufzunehmen, was von dem anderen Menschen 
ausgeht - nicht nur das, was sie ihm sagen, sondern auch 
das, was sie tun -, und nachzuahmen ihre Beispiele, ihre 
Handlungen; er wird leicht werden konnen wie die 
andern Menschen. Damit ist ein solcher negativer 
Mensch in die Mdglichkeit versetzt, zwar den guten 
Eindriicken sich leicht hinzugeben, aber auch der Ge- 
fahr, dafi jede mogliche schlechte Anregung von aufien 
sich in seiner Seele so ablagern kann, dafi er sich mit ihr 
identifiziert, und dafi sie ein Glied seines Seelenlebens 
wird. Wenn wir von dem normalen Verlauf des Lebens 
aufsteigen zu dem, was der Kenner des geistigen Lebens 
weifi, was an geistigen Tatsachen und geistigen Wesen- 
heiten in unserer Umgebung wirkt, dann mufi gesagt 
werden, dafi allerdings der Mensch mit negativen Seelen- 
eigenschaften gerade fiir die ungreifbaren, unbestimm- 
baren, sich im aufieren Leben wenig offen zeigenden 
Eindriicke eine Hingabe hat und durch sie leicht beein- 
flufibar ist. Ein Beispiel: Es ist durchaus den Tatsachen 
des Lebens entsprechend, dafi der Mensch ein ganz 
anderes Wesen wird, wenn er in grofterer Gesellschaft 
ist, als wenn er allein ist; er wird in bezug auf sein 
ganzes Seelenleben fiir den genaueren Betrachter ein 
anderer in einer Gemeinschaft - und namentlich in einer 
tatigen Gemeinschaft, als wenn er allein ist. Wenn der 
Mensch allein ist, folgt er seinen eigenen Impulsen; dann 



wird auch ein schwaches Ich die Griinde fiir sein Han- 
deln aus sich heraus suchen. In der Gemeinschaft gibt es 
aber immer eine Art «Massenseele»; da fliefien die Trie- 
be, die Begierden, die Urteile und so weiter zusammen. 
Ein positiver Mensch wird sich nun nicht leicht dem 
hingeben, was da zusammenfliefit; der negative Mensch 
wird aber jederzeit leicht beeinflufibar sein von dem, was 
jetzt als Massenseele bezeichnet worden ist. Daher kann 
man immer wieder erleben, dafi es zutrifft, was ein 
Dialektdichter mit ein paar Worten gesagt hat: Es ist 
zwar grob gesagt, aber dem Leben gegeniiber steckt 
doch ein Kornchen Wahrheit darinnen, wenn Rosegger 

Sa ^ t * Oaner ist a Mensch 

Zwoa san Leit' 
San's mehra, san's Viecher. 

Die Erfahrung kann man iiberall machen: Oft ist der 
Mensch wirklich kliiger allein, als wenn er in Gemein- 
schaft ist; da ist er der Durchschnittsstimmung fast ganz 
ausgeliefert. Daher sehen wir ja so leicht, daft jemand in 
eine Versammlung geht mit ganz unbestimmten Empfin- 
dungen und Trieben; dann tritt ein Redner auf, der mit 
Begeisterung fiir etwas eintritt, was zunachst dem betref- 
fenden Zuhorer vielleicht ganz fern gelegen hat; der 
Redner selbst iiberzeugt ihn vielleicht nicht so stark als 
der allgemeine Jubel der ubrigen Zuhorer. Er wird auch 
davon ergriffen und geht iiberzeugt hinaus. 

Dieses Suggestive in der Massenstimmung spielt eine 
ungeheure Rolle im Leben. Das kann uns aber auch 
verdeutlichen, wo die Gefahren liegen gegeniiber dem, 
was wir die negative Seelenstimmung nennen. Darauf 
beruht auch das Gefahrvolle aller Sektenbildung. Wozu 
man oft einen einzelnen Menschen nicht leicht bringen 



konnte, wenn man versuchte, ihn zu diesem oder jenem 
zu iiberzeugen, das ist verhaltnismafiig leicht, wenn man 
eine Art von Sekte zusammen hat. Da ist immer eine 
Mas sens timmung vorhanden; da wirkt Seele auf Seele. 
Und da sind es besonders die sogenannten negativen 
Naturen, die ausgeliefert sind dem, was Massenstim- 
mung, Sektens timmung ist. Da liegen ganz gewaltige 
Gefahren fur die negative Seele. 

Wir konnen noch weiter gehen. Wir haben in den 
vorherigen Vortragen geschildert, wie sich die Seele 
durch die Entwickelung hinaufleben kann in hohere 
Regionen des geistigen Lebens. Und Sie finden in meiner 
Schrift «Die Geheimwissenschaft im Umrifi» dargestellt, 
wie die Seele es machen mu£, um eine gewisse Stufe in 
ihrer Entwickelung zu iiberschreiten und in hohere Ge- 
biete hinaufzukommen. Da mufi die Seele immer etwas 
unterdriicken, mufi zunachst etwas Positives unter- 
driicken und mufi sich offen machen fur neue Eindriik- 
ke, mufi sich gleichsam kunstlich in eine negative Stim- 
mung versetzen. Ohne dieses kunstlich sich in eine neue 
Stimmung Versetzen geht es gar nicht. Wir haben ja oft 
hervorgehoben, was der Geistesforscher tun mufi, wenn 
er zu hoheren Stufen des Daseins hinaufkommen will. 
Was im gewohnlichen Leben des Menschen beim Ein- 
schlafen eintritt, dafi die Seele leer wird von aufieren 
Anregungen, dieses Versinken in den Schlaf mufi der 
Geistesforscher willkiirlich, bewufit herstellen. Er mufi 
sich bewufit in die Stimmung versetzen, wodurch alle 
aufieren Eindriicke des Tages aufhoren, so dafi die Seele 
ganz leer wird. Dann mufi sich die Seele hingeben 
konnen den Eindriicken, die zunachst, wenn der Betref- 
fende im Beginne seiner Ubungen steht, ganz neu sind; 
das heifit, er mufi sich so negativ wie moglich machen. 



Und alles, was wir im mystischen Leben, im Erkennen 
der hoheren Welten nennen «innere Beschaulichkeit», 
«innere Versenkung», das bringt im Grande genommen 
negative Seelenstimmungen hervor. Das ist gar nicht zu 
umgehen. Wenn der Mensch die Anregungen der Au- 
fienwelt unterdruckt und bewuflt einen Zustand her- 
stellt, durch den er ganz in sich versenkt ist und nichts 
hineinlalk von dem, was ihn bisher als positiver Mensch 
ausgefullt hat, dann ist er in einem negativen, selbstbe- 
schaulichen Zustand. 

Ja, auch dann schon tritt etwas Ahnliches ein, wenn 
der Mensch die etwas bequemeren aufteren Mittel an- 
wendet, die zwar ein hoheres Leben nicht herbeifiihren 
konnen, die aber dem, der in die hoheren Welten hinauf- 
steigen will, eine gewisse Unterstiitzung gewahren: 
wenn er von dem, was sonst die positiven Triebe im 
Menschen auch animalisch fordert, iibergeht zu einer 
besonderen Diat, zum Beispiel zur vegetarischen oder 
einer ahnlichen. Nicht dadurch, dafi man Vegetarier 
wird oder dieses oder jenes nicht ifit, kann man sich in 
die hoheren Welten hinaufbefordern; das ware allerdings 
zu bequem, wenn der Mensch sich in die hohere Welt 
«hinaufessen» konnte; denn was in die hoheren Welten 
hinauffiihrt, ist das Arbeken an der eigenen Seele. Diese 
Arbeit wird aber erleichtert, wenn wir die aufiere Leib- 
lichkeit entlasten von den schwachenden Einfliissen, die 
eine gewisse Ernahrung auf den Menschen haben kann. 
Wer ein hoheres, geistiges Leben fiihren will, der wird 
sich iiberzeugen, wie seine Krafte wachsen, wenn er eine 
bestimmte Diat befolgt. Aber wenn man gewisse Nah- 
rungsmittel fortlafk, die dem Menschen das Positive, das 
robust Festlegende geben, so kommt man durch dieses 
Weglassen auch in eine Negativitat hinein. Wer auf dem 



Boden wahrer, echter, nicht scharlatanhafter Geisteswis- 
senschaft steht, der wird niemals leugnen, was einfach 
den Tatsachen gemafi mit einem wirklichen geistigen 
Leben in Verbindung stehen mufi - auch schon durch 
au£ere Dinge, welche mit einem geistigen Leben verbun- 
den sind. Damit wird der Mensch in gewisser Weise in 
Gefahr kommen, auch den schlechten geistigen Einfliis- 
sen zuganglich zu werden. Wie wir, wenn wir uns 
geistesforscherisch bilden und uns leer machen von den 
Eindriicken des Tages, zuganglich werden den geistigen 
Tatsachen und Wesenheiten, die immer in unserer Um- 
gebung sind, und zwar den guten geistigen Machten und 
Kraften zuganglich werden, die wir erst wahrnehmen 
lernen, wenn das Organ dafur offen ist, so werden wir 
auch den schlimmen geistigen Machten und Kraften 
zuganglich; denn die sind damit verbunden. Genau so, 
wie wir auch mifiklingende Tone horen, wenn wir wohl- 
lautende Tone horen wollen. Wenn wir in die geistige 
Welt eindringen wollen, miissen wir uns auch klar sein, 
dafi wir nach der schlimmen Seite geistige Erfahrungen 
machen konnen. Wenn wir nur nach der negativen Seite 
hingegeben waren der geistigen Welt, konnte Gefahr 
iiber Gefahr unser geistiges Leben bedrohen. 

Wenn wir zunachst noch absehen von der geistigen 
Welt und einer geistigen Entwickelung selber und uns 
auf den Horizont des gewohnlichen Lebens stellen, so 
konnen wir schon fragen: Wie wirkt das auf den Men- 
schen, was ihn zunachst negativ macht, zum Beispiel 
eine vegetarische Diat? - Wenn der Mensch einfach aus 
einem agitatorischen Eigensinn heraus Vegetarier wird, 
ohne ein sachgemafies Urteil einzuholen, oder aus einem 
Prinzip heraus, ohne daft er in seiner seelischen Lebens- 
und Handlungsweise etwas andert, dann wird dieses 



Ubergehen zur vegetarischen Diat ihn unter Umstanden 
recht sehr schwach machen gegeniiber diesen oder jenen 
Lebenseinfliissen, und er wird vielleicht besonders in 
bezug auf gewisse leibliche Eigenschaften herunter- 
kommen konnen. Wenn aber jemand iiberzugehen hat 
zu einem Leben der Initiative, wenn er sich neue Aufga- 
ben des Lebens zu setzen hat, die sich ihm stellen nicht 
aus dem au£eren Leben, sondern aus einem reichen, in 
sich entwickelten Seelenleben heraus, wenn er neuen 
Inhalt in sein Leben hineinbringt, dann kann es ihm 
ungeheuer niitzen, wenn er auch in bezug auf die Diat in 
eine neue Lebensweise eintritt und sich die Hindernisse, 
die aus der alten Diat kommen konnen, aus dem Wege 
schafft. 

Die Dinge sind in ganz verschiedener Weise wirksam; 
das zeigt sich aber nur fur den, der das Leben intim 
betrachtet. Weil diese Dinge dem wahren Geistesfor- 
scher bekannt sind, darum betont er so stark, was hier 
schon oft betont worden ist: daft der wahre Geistesfor- 
scher niemand die Mittel geben wird, sich in die hoheren 
Welten hinaufzuerheben, ohne ihn zugleich darauf auf- 
merksam zu machen, dafi man nicht blofi die negativen 
Eigenschaften der Seele, die notwendig sind zum Emp- 
fangen neuer Eindriicke, nicht blofi Beschauhchkeit und 
Versenktsein in sein Inneres entwickelt, sondern zu glei- 
cher Zeit dem Leben, das eine neue Stufe erklimmen 
soil, einen machtigen, es haltenden und es ausfiillenden 
Inhalt gibt. Wem man die Mittel an die Hand gibt, Kraft 
zu entwickeln, um in die geistige Welt hineinzuschauen, 
den wiirde man durch die damit verbundene Negativitat 
auch in die Lage versetzen, alien moglichen schlimmen 
geistigen Kraften ausgesetzt zu sein. Wenn man aber bei 
jemand, der in die geistige Welt eindringen will, zugleich 



den guten Willen findet, sich aus den Mitteilungen der 
Geistesforscher heraus damit bekanntzumachen, was es 
in den hoheren Welten gibt, dann wird ein solcher in 
keinem Augenblicke blofi der Negativitat hinge geben 
sein; sondern er wird etwas haben, was die Seele auf 
einer hoheren Stufe mit einem positiven Inhalt ausfullen 
kann. Deshalb wird so oft betont, man solle nicht nur 
nach hoheren Stufen der Seele suchen, sondern parallel 
gehen lassen ein sorgfaltiges Studieren dessen, was aus 
der Geisteswissenschaft heraus als Mitteilung gegeben 
werden kann. Daher wird gerade in der Geistesfor- 
schung beriicksichtigt, dafi der Mensch, wenn er neue 
Welten erleben soil, notwendig in eine Negativitat hin- 
einkommt. 

Aber was wir so hervorrufen miissen, wenn wir die 
Seele bewufit entwickeln, das tritt uns an verschiedenen 
Menschen drauften im Dasein entgegen, weil ja nicht nur 
im gegenwartigen Leben die Seele eine Entwickelung 
durchmacht, sondern schon in friiheren Leben Entwicke- 
lungen durchgemacht hat und bereits auf einer bestimm- 
ten Stufe ins Dasein tritt. Wie wir im gegenwartigen 
Leben von Stufe zu Stufe eilen und, wenn wir zu einer 
positiven Stufe kommen wollen, dazwisdhen negative 
Seeleneigenschaften ausbilden miissen, so konnen wir 
auch einen solchen Abschlufi gehabt haben, als wir das 
letzte Mai durch die Pforte des Todes gingen und in ein 
nachstes Leben mit vorwiegend negativen oder auch 
positiven Eigenschaften eintraten. Was dazu angetan ist, 
uns in das Leben mit positiven Eigenschaften herein- 
treten zu lassen, das wird uns so lassen, wie wir sind und 
wird ein Hemmschuh hoherer Entwickelung sein; denn 
was uns an Anlagen zu positiven Eigenschaften gegeben 
ist, gibt einen scharf ausgepragten Seelencharakter. Die 



Anlage zu einer negativen Seelenstimmung gibt uns zwar 
die Moglichkeit, dafi wir zwischen Geburt und Tod viel 
in unser Seelenleben hineinfiihren; aber sie liefert uns 
auch all den Wechself alien des Lebens aus, vor allem 
aber den wechselnden Eindriicken, die wir von den 
anderen Menschen empfangen. Daher konnen wir be- 
sonders sehen, wenn ein Mensch mit negativer Seelen- 
stimmung anderen Menschen gegenubertritt, wie die 
Eigenschaften dieser anderen Menschen auf ihn abfar- 
ben. So kann ein negativer Mensch, wenn er einem 
Freunde oder jemandem, mit dem er sonst im Verhaltnis 
einer Neigung steht, nahe tritt, wirklich erfahren, wie er 
immer ahnlicher und ahnlicher dem anderen wird. Men- 
schen mit negativer Eigenschaft in Ehe oder Freund- 
schaft werden sogar die Schriftziige des anderen anneh- 
men. Wer das Leben so betrachtet, der wird sehen, wie 
die Schriftziige des einen Ehegatten mit negativer Seelen- 
anlage immer ahnlicher werden den Schriftzugen des 
anderen. 

So sind wir als negative Menschen den wechselnden 
Einfliissen anderer Menschen, namentlich derer, welchen 
wir nahe treten, hingegeben. Dadurch sind wir als nega- 
tive Seelen sogar in gewisser Weise der Gefahr der 
Entselbstung ausgesetzt, so dafi unser eigenes Seelenle- 
ben, unser eigenes Ich ausgeloscht werden kann. Das ist 
die Gefahr des negativen Menschen. 

Die Gefahr des positiven Menschen ist die, dafi er 
Eindriicke von den anderen Menschen nicht leicht auf- 
nimmt, dafi Eigenschaften des anderen nicht leicht in 
seine Seele hineingehen, daft er an alien anderen Men- 
schen voriibergeht, sich nicht anschliefien kann, nicht 
Freundschaften, nicht Neigungen im Leben finden kann. 
Es ist die Gefahr des positiven Menschen, dafi er verhar- 



tet und verodet bleiben kann in bezug auf seine Seele. 
Aber auch sonst dem Leben gegeniiber zeigt sich, wie 
die positiven Eigenschaften und negativen Eigenschaften 
in der Seele wirksam sind. Und es ist tatsachlich tief 
hineinfuhrend in das Leben, wenn wir die Menschen 
unter diesem Gesichtspunkte des positiven und des nega- 
tiven Menschen betrachten; auch da, wo der Mensch der 
Natur gegeniibersteht. Wer das Leben wirklich intim zu 
betrachten vermag, wird sogar an den Einfliissen der 
Natur auf den Menschen positive und negative Wirkun- 
gen unterscheiden konnen. Was wirkt denn vorzugs- 
weise von einem Menschen auf den anderen? Was wirkt 
denn vorzugsweise dann, wenn der Mensch aufiere Ein- 
driicke empfangt? 

Es gibt eines, was in gewisser Weise die Seele immer 
positiver macht. Das ist fur den gegenwartigen Men- 
schen in seiner heutigen normalen Entwickelung - 
gleichgiiltig, welche Stufe des Lebens er erreicht hat - 
das Urteil, die vernunftige Erwagung, das Sich-klar- 
Werden iiber irgendeine Situation, iiber irgendein Le- 
bensverhaltnis. Das macht immer in gewisser Weise 
positiv. Dagegen ist das Verlieren des gesunden, selbst- 
bewufken Urteils immer etwas, was die Seele negativ 
macht, was Eindriicke in die Seele hineinsendet, ohne 
da£ sie sich durch positive Eigenschaften dagegen weh- 
ren kann. Ja, selbst das konnen wir sehen, dafi mensch- 
liche Eigenschaften, wenn sie heruntertreten in die Spha- 
re des Unbewufiten, starker auf den anderen Menschen 
wirken, als wenn sie von der Sphare des gesunden 
Urteils ausgehen, von der Sphare der ordentlichen, 
selbstbewufiten Urteilskraft. Man mufi es ja leider im 
Leben vielfach erfahren - und gerade in einer geisteswis- 
senschaftlichen Bewegung: Wenn Mitteilungen aus der 



geistigen Welt gegeben werden, die durchaus gekleidet 
sind in eine festgeschiirzte Logik, Mitteilungen, welche 
gerade in dieselben Formen des Urteils sich kleiden, die 
man auch sonst im Leben anerkennt, dann gehen die 
Menschen solchen Mitteilungen sogar gern aus dem 
Wege; das lassen sich die Menschen leider durchaus 
nicht gefallen, da£ in vernunftgemafier Weise, schon die 
Tatsachen nach Ursache und Wirkung fortfiihrend, Mit- 
teilungen aus den geistigen Welten gegeben werden. 
Wenn diese Mitteilungen aber so gegeben werden, dafi 
man sich in gewisser Weise des Urteils entschlagen kann, 
da£ man das Urteil iibersehen kann, dann sind die 
Menschen leicht zu gewinnen fur Mitteilungen aus der 
geistigen Welt. Es gibt sogar Menschen, die im hochsten 
Grade argwohnisch sind denen gegeniiber, welche mit 
gesunder Vernunft Mitteilungen aus der geistigen Welt 
geben, dagegen sehr glaubig gegeniiber solchen, welche 
im medialen Zustande, wie inspiriert von einer unbewuft- 
ten Macht, derartige Mitteilungen in die Welt setzen. 
Diese Menschen, die nicht wissen, was sie sagen, die 
mehr sagen, als sie selbst wissen, sie finden sogar mehr 
Glaubige als die, welche genau wissen, was sie sagen. Es 
wird vielfach gesagt: Wie kann jemand iiber die geistige 
Welt etwas sagen, der nicht wenigstens in einem halb 
aufierbewufiten Zustande ist, so dafi man sieht, dafi er 
von einer fremden Macht besessen ist! - Das gilt vielfach 
als Grund gegen die Mitteilung von Tatsachen aus der 
geistigen Welt, die bewufit gegeben werden. Daher ist 
das Laufen zu Medien viel beliebter als dasjenige, was in 
den Formen und Begriindungen einer gesunden Vernunft 
aus der geistigen Welt den Menschen geboten wird. 

Wenn aber das, was aus der geistigen Welt kommt, 
heruntergetaucht wird in eine Region, wo die Bewufit- 



heit ausgeschlossen ist, ausgeschlossen wird, ist immer 
die Gefahr vorhanden, daft es auf die negativen Seelenei- 
genschaften wirkt; denn da treten immer die negativen 
Eigenschaften in Kraft, wo etwas aus dunklen, unterbe- 
wuftten Griinden an den Menschen herantritt. Wenn wir 
das Leben genauer betrachten, konnen wir immer wieder 
sehen, daft der Diimmere durch seine positiven Eigen- 
schaften eine starkere Wirkung selbst auf den Weiseren 
hat, daft dieser sehr leicht demjenigen verfallt, was aus 
einer nicht so gesunden Vernunft, wie er selbst sie hat, 
aus irgendwelchen dunklen Tiefen zutage gebracht wird. 
Daher konnen wir es begreifen, wie im Leben feinere 
Naturen mit einer fein ausgearbeiteten Vernunft ausgelie- 
fert sind Leuten mit einem robusten Vorstellungsver- 
mogen, die alles aus ihren Trieben und Neigungen her- 
aus behaupten. Man wiirde das Leben durchaus verste- 
hen, wenn man noch weiter ginge. Man wiirde dann 
auch sehen, wie sich die merkwiirdige Tatsache darstellt, 
daft einem Menschen jemand gegenubertreten kann, der 
nicht nur seine gesunde Vernunft zuweilen verleugnet, 
sondern der in bezug auf seine Vernunft angekrankelt ist 
und aus einem angekrankelten Bewufttsein heraus dieses 
oder jenes behauptet. Solange das Krankhafte nicht be- 
merkt wird, sind feinere Naturen solchen Menschen, 
welche aus einer krankhaften Seelenverfassung etwas 
behaupten, ungemein stark ausgeliefert. Alle diese Dinge 
gehoren zu einer wirklichen Lebensweisheit; und wir 
konnen sie nur richtig ins Auge fassen, wenn wir uns 
klar sind, daft der Mensch, der nach der einen Seite hin 
positive Seeleneigenschaften hat, auch namentlich fur die 
gesunde Vernunft gar nicht zuganglich zu sein braucht, 
daft dagegen ein Mensch mit negativen Eigenschaften 
dem zuganglich ist, wofiir er nichts kann, und worin die 



Vernunft gar nicht hineinleuchten kann. Diese Dinge 
miissen fur eine feinere Seelenkunde durchaus beriick- 
sichtigt werden. 

Aber auch wenn wir nicht Eindriicke von Menschen 
in Betracht ziehen, sondern jene Eindriicke, die von der 
sonstigen Umgebung des Menschen in die Seele kom- 
men, ins Auge fassen, konnen wir Wichtiges und Bedeu- 
tungsvolles gewinnen, wenn wir von dem Gesichtspunkt 
des positiven und des negativen Menschen ausgehen. 
Denken wir uns zum Beispiel, irgendein Forscher bear- 
beitet ein ganz bestimmtes Gebiet, und nehmen wir an, 
er ist ein sehr fruchtbarer Forscher, der viele einzelne 
Tatsachen der aufteren Welt verarbeitet, rein tatsachen- 
maftig. Dadurch wirkt er zum Heile der Menschheit. 
Nun aber verbindet er diese Tatsachen nach den Vorur- 
teilen seiner Seele, nach alle dem, was er aus Erziehung 
und aus seinem vorhergehenden Leben gewonnen hat, 
durch eine bestimmte Theorie und Weltanschauung, die 
vielleicht gar nichts anderes darstellt als eine ganz einsei- 
tige Auslegung der Tatsachen. Dieser Mensch wird mit 
den Begriffen und Ideen, die er aus den Tatsachen 
gewonnen hat - wenn er sie nur selbst durch sein eigenes 
Nachdenken gewonnen hat durchaus etwas haben, 
was in gesundender Weise auf seine Seele wirken kann; 
denn es ist dadurch, daft er es sich selbst als seine 
Weltanschauung erarbeitet hat, etwas, was seine Seele 
mit positiver Stimmung erfullt. Nehmen wir aber an, es 
kommen jetzt Bekenner und Anhanger, die nicht an den 
Tatsachen selbst sich die Ideen erarbeiten, sondern sie 
horen oder lesen; die nicht jene Gefuhle haben, welche 
sich der betreffende Forscher im Laboratorium und 
Kabinett erarbeitet hat: bei einem ganzen Heere von 
Anhangern kann das alles negativen Seeleneigenschaften 



entsprechen. Dasselbe Glaubensbekenntnis konnen wir 
bei einem Schulhaupt, das einer einseitigen Richtung sich 
hingibt, als die Seele positiv machend anschauen; und bei 
einem ganzen Heere von Anhangern, die nur nachbeten, 
womit der andere seine Seele erfiillt hat, kann dasselbe 
durchaus negativen Eigenschaften entsprechen und unge- 
sund wirken, kann sie immer schwacher und negativer 
machen. 

Das ist etwas, was uns durch die ganze Geschichte des 
menschlichen Geisteslebens auf fallen mufi. Wir konnen 
auch heute sehen, wie Menschen mit einer ganz materia- 
listisch-mechanistischen Weltanschauung, die sie sich 
selbst mit Fleifi aus ihren Tatsachen erarbeitet haben, 
durchaus frische, erfreuliche, positive Naturen sind, die 
uns als entziickende Charaktere entgegentreten. Bei ih- 
ren Anhangern aber, die im Grunde genommen in ihren 
Kopfen dieselben Vorstellungen tragen, die sie aber nicht 
selbst gewonnen haben, da zeigen sich diese Vorstel- 
lungen entsprechend einer ungesunden, negativen, 
schwachenden Seelenverfassung. Deshalb konnen wir die 
Tatsache verzeichnen, dafi es ein Unterschied ist, ob man 
sich eine Weltanschauung selber erwirbt oder sie blofi 
annimmt: das eine Mai entspricht sie positiven, das 
andere Mai negativen Seeleneigenschaften. Diese Dinge 
kreuzen sich durchaus uberall im Leben. 

So konnen wir sehen, wie uns unsere Stellung zur 
Welt sowohl positiv wie auch negativ machen kann. 
Negativ machen kann uns zum Beispiel eine rein theore- 
tische Naturbetrachtung; iiberhaupt das, was wir nicht 
sehen konnen. Aber um eine gewisse Stufe zu erreichen, 
miissen wir auch Negatives in uns hineinbringen. Es 
mufi auch theoretische Naturerkenntnis geben. Man darf 
sich aber deshalb nicht der Einsicht verschlielten, dafi 



theoretische Naturerkenntnis - das Systematisieren der 
Tiere, Pflanzen, Mineralien, und was daraus folgt als 
Naturgesetze in Begriffen und Ideen - auf unsere Seele 
so wirkt, daft wir mit unserem negativen Charakter dem 
hingegeben sind. Dagegen wirkt alles, was wir charakte- 
risieren konnen als Aufnehmen der Natur im ganzen 
und groften, mit lebendigem Gefiihl, so auf unsere Seele, 
daft es die positive Seelenstimmung wachruft; zum Bei- 
spiel das Entziicktsein iiber die Pflanzenbliite, die wir 
nicht zergliedern, sondern in ihrer Schdnheit auf uns 
wirken lassen, das Hingegebensein an die Morgenrote, 
die wir nicht astronomisch priifen, sondern in ihrer 
glanzvollen Herrlichkeit betrachten. Denn bei allem, was 
wir aus irgendeiner Weltanschauung aufnehmen, sind 
wir nicht mit der Seele dabei; wir lassen es uns diktieren 
von anderen. Aber wir sind mit unserer ganzen Seele 
dabei, wenn wir entziickt oder abgestoften sein konnen 
von den Naturerscheinungen. Was wahr ist an der Na- 
tur, das kiimmert sich nicht um unser Ich; aber was uns 
entziicken oder abstoften kann, das muft sich um unser 
Ich kummern; denn je nachdem unser Ich ist, gehen wir 
entziickt oder abgestoften an der Natur vorbei. 

So konnen wir sagen: Das lebendige Sich-Einfugen in 
die Natur kultiviert in uns die positive Stimmung; das 
Theoretisieren iiber die Natur kultiviert negative Seelen- 
stimmung. Das aber wieder verschrankt sich mit dem, 
was vorher gesagt worden ist: daft derjenige, der zuerst 
eine Reihe von Naturerscheinungen zergliedert, viel 
mehr positiv wirkt als der, der die Erkenntnisse des 
anderen aufnimmt und lernt. Das sollte man in aller 
wahren Padagogik beriicksichtigen. Und damit hangt 
zusammen, daft iiberall da, wo man ein Bewufttsein 
gehabt hat von den Dingen, die jetzt dargestellt worden 



sind, darauf gesehen wurde, dafi der Mensch niemals nur 
die negativen Eigenschaften kultiviert in der Seele. War- 
urn hat Plato vor die Pforte seines philosophischen 
Tempels die Worte geschrieben: Nur wer mit der Geo- 
metric bekannt ist, solle eintreten! - Das geschah aus 
dem Grunde, weil Geometrie, Mathematik zu denjeni- 
gen Betatigungen des menschlichen Seelenlebens geho- 
ren, die man gar nicht in Wahrheit auf Autoritat hin 
annehmen kann. Geometrie ist etwas, was man wirklich 
mit der inneren Seele durchdringen mufi, was man sich 
erarbeiten mufi und was man immer nur durch eine 
positive Seelentatigkeit erringen kann. Wurde man das 
heute beriicksichtigen, so wiirde es einen groften Teil der 
Wekanschauungssysteme, die die Welt heute durch- 
schwirren, gar nicht geben. Denn wer da weifi, wie man 
sich ein solches Begriffssystem wie das geometrische 
positiv erarbeitet, der hat Respekt vor der inneren Tatig- 
keit des Menschen. Wer zum Beispiel Haeckels «Weltrat- 
sel» liest und keinen Begriff hat, wie man sich so etwas 
erarbeitet, der wird leicht ein neues Weltanschauungs- 
system produzieren konnen. Er braucht dazu nur die 
Begriff e ein wenig zu andern; dabei arbeitet er aber aus 
lauter negativer Seelenstimmung heraus. 

So liegt fur einen Menschen etwas das Positive unbe- 
dingt Kultivierendes in der Geisteswissenschaft oder An- 
throposophie. Wenn der Mensch nach den heute belieb- 
ten Methoden, zum Beispiel in Lichtbildern oder ande- 
ren Demonstrationen, diese oder jene Errungenschaften 
der Gegenwart vorgefiihrt erhalt, diese oder jene Tiere 
oder Naturerscheinungen in Lichtbildern sehen kann, 
dann ist er ganz passiv dem hingegeben, und seine 
Seelenstimmung ist negativ; er braucht gar keine positi- 
ven Eigenschaften zu entwickeln, er braucht gar nicht 



nachzudenken. Man kann dabei dem Menschen zum 
Beispiel die verschiedenen Phasen eines uber das Gebirge 
herabgleitenden Gletschers vorfiihren und anderes. Das 
ist ein Beweis dafiir, wie man heute die negativen Eigen- 
schaften der Menschen liebt. So einfach hat es die An- 
throposophie nicht. Sie kann hochstens ihre Dinge sym- 
bolisch in Lichtbildern vorfiihren. Fur die Dinge, welche 
in die geistige Welt hinauffiihren, gibt es kein anderes 
Eingangstor als das menschliche Seelenleben. Wer wirk- 
lich fruchtbar in die Geisteswissenschaft eindringen will, 
mufi es daher schon hinnehmen, dafi ihm iiber die 
wichtigsten Sachen gar nichts demonstrativ vorgefiihrt 
wird. Er ist darauf angewiesen, dafi er in seiner Seele 
selber mitarbeitet, so dafi er die positivsten Stimmungen 
aus der Seele herauslosen mui Deshalb ist aber die 
Geisteswissenschaft im eminentesten Sinne dazu geeig- 
net, die positiven Eigenschaften der Menschenseele zu 
kultivieren. Darin liegt auch das Gesunde einer solchen 
Weltanschauung, die gar keinen anderen Anspruch 
macht, als das Wachrufen der in der menschlichen Seele 
liegenden Krafte. Indem Anthroposophie appelliert an 
ein in jeder Seele Selbsttatiges, ruft sie das heraus, was in 
der Seele selbst verborgen liegt, um zu durchdringen alle 
Safte und Krafte des Leibes, und was im vollsten Sinne 
gesundend wirkt auf den ganzen Menschen. Und da die 
Anthroposophie nicht an etwas anderes appelliert, als an 
die gesunde Vernunft, die nicht durch Massensuggestion 
hervorgerufen werden kann, sondern nur durch das 
Verstandnis des einzelnen, und da sie auf alles verzichtet, 
was durch Massensuggestion hervorgerufen werden 
kann, so rechnet sie gerade mit den positivsten Seelen- 
eigenschaften des Menschen. 

Damit haben wir ungeschminkt zusammengetragen, 



was uns zeigt, wie der Mensch unter den beiden Stro- 
mungen des Lebens, dem Positiven und Negativen, 
steht. Der Mensch kann sich zu hoheren Stufen nicht 
anders entwickeln, als dafi er eine untere positive Stufe 
verlafit, sich in eine negative Stimmung versetzt und in 
dieser Stimmung einen neuen Inhalt aufnimmt und sich 
so damit durchsetzt, dafi er wieder auf einer hoheren 
Stufe positiv wirksam werden kann. Wer die Natur 
richtig zu beachten versteht, der weifi, wie es die Weis- 
heit der Welt macht, um den Menschen von einem 
Positiven zu einem Negativen und von einem Negativen 
wieder zu einem neuen Positiven zu fuhren. 

Es ist schon, von diesem Gesichtspunkt aus eine Ein- 
zelheit zu betrachten, zum Beispiel die beriihmte Defini- 
tion des Aristoteles liber das Tragische. Eine Tragodie, 
sagt er, fiihrt uns vor eine abgeschlossene Handlung in 
der Weise, dafi bei dem Zuschauer ausgelost werden 
Furcht und Mitleid, aber so, dafi Furcht und Mitleid eine 
Katharsis, eine Lauterung durchmachen. Der Mensch, 
der mit allem gewohnlichen Egoismus ins Dasein tritt, 
ist in seinem Egoismus zunachst sehr positiv; er schliefit 
sich in sich ab, er verhartet sich. Man wird zunachst in 
gewissem Sinne sehr negativ, wenn man mit den anderen 
Menschen ihr Leiden mitfuhlt, ihre Freude empfindet 
wie die eigene. Man wird in gewissem Sinne dadurch 
negativ, dafi man aus seinem Ich herausgeht und Mitlei- 
den, Mitfiihlen entwickelt. Und man wird auch negativ 
dadurch, dafi man sich vertieft in das, was wie ein 
unbestimmtes Schicksal iiber einem Menschen waltet; 
da£ man sich vertieft in das, was aus den Handlungen 
eines Menschen, mit dem wir sympathisieren, morgen 
werden kann. Oder wer kennt nicht jenes Beben, das wir 
einem Menschen gegeniiber haben, der irgendeiner Ver- 



richtung zueilt, so dafi ihn vielleicht morgen ein Un- 
gliick treffen kann, das wir voraussehen, wahrend er aus 
seinen Impulsen heraus nicht anders kann, als diese 
Handlung vollziehen. Wir fiirchten uns vor dem, was 
eintreten mag. Dadurch werden wir aber in eine negative 
Seelenstimmung versetzt; denn Furcht ist eine negative 
Seelenstimmung. Aber wir wiirden teilnahmslos werden 
gegeniiber dem Leben, wenn wir nicht mehr fiirchten 
konnten mit dem, was einer unbestimmten Zukunft 
entgegengeht. So werden wir negativ durch Mitfiihlen 
und Furcht. Damit wir aber positiv werden konnen, 
fiihrt uns die Tragodie das Bild eines Helden vor, an 
dessen Handlungen wir Mitgefuhl empfinden sollen, und 
dessen Schicksal uns zunachst so entgegentritt, dafi unse- 
re Furcht erregt wird; aber zu gleicher Zeit wird uns 
durch die ganze Abgeschlossenheit der Handlung das 
Bild des Helden so vorgefuhrt, dafi Furcht und Mitleid 
sich lautern, dafi sie aus negativen Eigenschaften sich 
umwandeln in harmonische Befriedigung, die wir an 
dem Kunstwerk haben und wiederum in das Positive 
sich herauferheben. 

So stellt uns die Definition des alten griechischen 
Philosophen an dem Kunstwerk dar, wie die Kunst ein 
Element im Leben ist, das einer notwendigen negativen 
Seelenstimmung entgegenkommt, um sie umzuwandeln 
ins Positive. Der kunstlerische Schein fiihrt uns auf eine 
hohere Stufe hinauf in alien seinen Gebieten, wo wir 
zunachst negativ werden miissen, um aus einem unent- 
wickelten Seelenleben herauszukommen. In der Schon- 
heit miissen wir zunachst dasjenige anschauen, was sich 
uns entgegenstellen soli, weil wir sonst nicht iiber unsere 
gegenwartige Stufe hinauskommen wiirden. Dann aber 
iiberzieht sich auch das andere Leben durchaus mit dem 



Glanz einer hoheren Seelenstimmung, wenn wir zuerst 
durch die Kunst auf eine hdhere Seelenstufe heraufge- 
hoben worden sind. 

So sehen wir, wie nicht nur im Leben des einzelnen, 
sondern wie auch im Gesamtleben der Menschheit das 
Positive und Negative abwechselt, wie es immerzu bei- 
tragt zur Erhohung des einzelnen Menschen von Inkar- 
nation zu Inkarnation, aber auch des Lebens der ganzen 
Menschheit. Wir konnten leicht, wenn wir dazu Zeit 
hatten, zeigen, wie es positive Zeitalter und Epochen 
gegeben hat; wir konnten ganze Zeitalter als positive 
geschichtliche Menschheitszeitalter beschreiben, andere 
als negative und so weiter. In alle einzelnen Spharen des 
Seelenlebens, und damit des Menschenlebens iiberhaupt, 
leuchtet die Idee des Positiven und Negativen hinein. Sie 
tritt nicht so auf, dafi nun der eine Mensch ein positiver 
und der andere ein negativer ist; sondern es geht jeden 
Menschen an. Jeder muft auf den verschiedenen Stufen 
des Daseins durch positive und negative Zustande hin- 
durchgehen. Erst wenn wir die Sache so erblicken, wird 
sie uns eine Lebenswahrheit und dadurch die Grundlage 
zu einer Lebenspraxis. Daher kann sich uns auch bei 
dieser Betrachtung ein Wort bestatigen, das wir an die 
Spitze und an den Schlufi eines dieser Vortrage gestellt 
haben, das Wort des alten griechischen Philosophen 
Heraklit, den man, weil er so tief in das menschliche 
Leben hineinzuschauen vermochte, den «Dunklen» ge- 
nannt hat: «Der Seele Grenzen magst du nimmer finden, 
und wenn du auch alle Strafien durchliefest; so weit sind 
ihre Horizonte!» 

Nun konnte jemand kommen und sagen: Dann ist alle 
Seelenforschung vergeblich! Denn wenn die Seele so 
weit ist, daft ihre Grenzen nirgends zu finden sind, dann 



kann sie keine Forschung ermessen, und man konnte 
verzweifeln an ihrer Erkenntnis! Das wird aber nur ein 
negativer Mensch sagen. Ein positiver Mensch wiirde 
hinzufiigen: Gott sei Dank, dafi dieses Seelenleben so 
weit ist, dafi man es mit keiner Erkenntnis umspannen 
kann; denn dadurch ist es geeignet, daft wir alles, was 
wir heute in unserer Seele mit der Erkenntnis umspan- 
nen, morgen iiberschreiten konnen und so zu hoheren 
Stufen hinaufeilen konnen! Seien wir froh, dafi das See- 
lenleben in jedem Augenblicke unserer Erkenntnis spot- 
tet. Wir brauchen ein unbegrenztes Seelenleben; denn 
die Perspektive ins Unbegrenzte hinein gibt uns die 
Hoffnung, daft wir das Positive jeden Augenblick iiber- 
schreiten konnen, daft das Seelenleben von Stufe zu Stufe 
eilen kann. Gerade die Grenzenlosigkeit und Unerkenn- 
barkeit des Seelenlebens gibt uns deshalb die bedeut- 
samste Perspektive fur unsere Zukunftshoffnung und 
Zukunftszuversicht. Weil wir niemals die Grenzen der 
Seele selbst finden konnen, ist die Seele fahig, die Gren- 
zen zu iiberschreiten und immer hohere und hohere 
Stufen zu ersteigen. 



IRRTUM UND IRRESEIN 



Berlin, 28. April 1910 



Dieser Zyklus von Vortragen, den ich die Ehre hatte in 
diesem Winter hier vor Ihnen zu halten, hatte die Aufga- 
be, vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus, wie er 
in dem ersten Vortrage hier charakterisiert worden ist, 
die verschiedensten Erscheinungen des menschlichen See- 
lenlebens und auch des Lebens im weiteren Umkreise zu 
beleuchten. Heute soil nun betrachtet werden ein Gebiet 
des menschlichen Lebens, das uns tief hineinfuhren kann 
in menschliches Elend, menschliches Leid, vielleicht 
auch menschliche Hoffnungslosigkeit. Dafur soil in dem 
nachsten Vortrage ein Gebiet beriihrt werden unter dem 
Titel «Das menschliche Gewissen», das uns wieder in die 
Hohen hinauffiihren wird, wo am meisten zutage treten 
kann Menschenwiirde und Menschenwert, die Kraft des 
menschlichen Selbstbewufitseins. Und dann soil der Ab- 
schlufi des diesjahrigen Zyklus gegeben werden mit einer 
Betrachtung der Mission der Kunst, in welcher die 
durchaus gesunde Seite dessen gezeigt werden soil, was 
uns vielleicht heute in seiner furchtbarsten Schattenseite 
des Lebens erscheinen wird. 

Wenn von Irrtum und Irresein gesprochen wird, dann 
tauchen gewifi in eines jeden Seele Bilder des tiefsten 
menschlichen Leides auf, auch wohl Bilder des tiefsten 
menschlichen Mitgefuhls. Und alles, was so in der Seele 
auftaucht, kann doch wieder die Aufforderung dazu 
sein, auch in diesen Abgrund des menschlichen Seelenle- 
bens ein wenig mit dem Lichte hineinzuleuchten, das wir 



gewonnen zu haben glauben in diesen Vortragen. Gera- 
de derjenige, der sich immer mehr gewohnt im Sinne der 
Denkweise zu verfahren, die uns hier vor die Seele 
getreten ist, mufi sich ja der Hoffnung hingeben, dafi 
durch diese geisteswissenschaftliche Anschauungsweise 
dieses traurige Kapitel menschlichen Lebens in gewisser 
Beziehung eine Aufhellung erfahren kann. Denn wer die 
Literatur kennt, und ich meine jetzt nicht die so sehr 
sich breit machende Laienliteratur, sondern die mehr 
wissenschaftliche, der wird sich sagen konnen, wenn er 
von seinem geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus die 
Sache betrachtet, daft die Literatur in gewisser Bezie- 
hung aufterordentlich weit ist und eine Fiille von Mate- 
rial bietet zur Beurteilung der einschlagigen Tatsachen; 
da£ es aber auch andrerseits in keiner Literatur so sehr 
zutage tritt, wie wenig die verschiedenen Theorien, die 
Anschauungsweisen und Denkgewohnheiten unserer 
Zeit geeignet sind, dasjenige auch zusammenzufassen, 
was an Erfahrungen, an Erlebnissen, an wissenschaftli- 
chen Beobachtungen zutage gefordert wird. Gerade auf 
diesem Gebiete hat man so recht Gelegenheit zu sehen, 
wie die Geisteswissenschaft in vollem Einklange sich 
fuhlt mit wahrer, echter Wissenschaft, mit allem, was als 
wissenschaftliche Tatsachen, Ergebnisse und Erfahrun- 
gen uns entgegentritt; wie sie aber auch sozusagen auf 
Schritt und Tritt einen Widerspruch finden mufi zwi- 
schen diesen Erfahrungen und Erlebnissen, und der Art, 
wie man vom Standpunkte heutiger wissenschaftlicher 
Weltauffassung diese Erfahrungen und Erlebnisse zu be- 
greifen versucht. Wir werden allerdings auch auf diesem 
Gebiete nur einzelne skizzenhafte Linien hinzeichnen 
konnen, aber vielleicht werden sie doch eine Anregung 
geben konnen, um uns auf diesem Gebiete ein Verstandnis 



zu verschaffen, das auch geeignet ist, in unsere Lebens- 
praxis einzuflieften, damit wir immer mehr und mehr im- 
stande sein werden, uns zurechtzufinden gegeniiber die- 
sen traurigen Verhaltnissen, die wir hiermit beriihren. 

Wenn wir nur die Worte «Irrtum» und «Irresein» 
aussprechen, dann sollte uns eines auf fallen: daft wir - 
ob wir uns nun dessen bewuftt oder unbewuftt sind - 
mit dem Worte «Irrtum» etwas aussprechen, was grund- 
verschieden ist von dem, was wir als «Irresein» bezeich- 
nen. Auf der andern Seite wieder wird der genaue 
Beobachter eines Seelenlebens, das wirklich als im Zu- 
stande des Irreseins bezeichnet werden darf, Ausdriicke, 
Offenbarungen finden konnen, die sich doch nicht viel 
anders ausnehmen denn als Steigerungen dessen, was 
man auch im gewohnlichen Leben bei einem normalen, 
immer noch als gesund anzusehenden Seelenleben als 
Irrtum in der einen oder andern Beziehung zu begreifen 
vermag. Man wird auch wieder mit einer solchen Beob- 
achtung Unfug treiben konnen insofern, als gewisse 
Bestrebungen des geistigen Lebens die Tendenz haben, 
die einzelnen Grenzen zu verwischen, und immer wieder 
betonen, daft eine feste Grenze zwischen dem gesunden, 
normalen Seelenleben und einem solchen, das man mit 
dem Worte «Irresein» bezeichnen kann, eigentlich gar 
nicht bestehe. 

Dieser Satz hat etwas Gefahrliches; das muft gerade 
bei einer solchen Gelegenheit betont werden. Und zwar 
hat er etwas Gefahrliches nicht etwa, weil er unrichtig 
ist, sondern weil er richtig ist. Das klingt paradox; aber 
dennoch ist es so, daft unrichtige Satze zuweilen weniger 
gefahrlich sind als richtige, die in einer einseitigen Weise 
ausgelegt und angewendet werden konnen, weil man 
sozusagen die Gefahr des Richtigen nicht merkt. Man 



glaubt schon etwas gesagt zu haben, wenn man in 
gewisser Hinsicht den Beweis fuhren kann, dafi irgend 
etwas richtig ist; aber man miifite sich klar sein, dafi eine 
jede richtige Sache auch ihre Kehrseite hat, und dafi jede 
Wahrheit, die wir finden, sozusagen nur in bezug auf 
gewisse Tatsachen und Erlebnisse eine Wahrheit ist; dafi 
sie jedoch in dem Augenblicke anfangt gefahrlich zu 
werden, wenn wir sie ausdehnen auf andere Gebiete, 
wenn wir sie iibertreiben und glauben, dafi sie eine 
dogmatische Geltung habe. Daher ist in der Regel nichts 
damit getan, wenn man von einer Wahrheit weifi, da£ sie 
besteht; sondern wichtig ist, dafi wir bei einer richtigen 
Erkenntnis die Grenze beobachten, innerhalb welcher 
die Erkenntnis gilt. 

Wir konnen allerdings im gewohnlichen gesunden See- 
lenleben Erscheinungen erblicken, die, wenn sie iiber ein 
gewisses Maft hinausgehen, sich auch als Symptome 
eines krankhaften Seelenlebens darstellen. Das voile Ge- 
wicht dieses Ausspruches merkt nur derjenige, der wirk- 
lich gewohnt ist, intimer das menschliche Leben zu 
betrachten. Wer wollte denn nicht zugeben zum Bei- 
spiel, dafi es zu einem krankhaften Seelenleben gehort, 
was man unter den Begriff «Irresein» fassen kann, wenn 
ein Mensch nicht in der Lage ist, an einen Begriff, den er 
fassen kann, im rechten Augenblick einen zweiten an- 
zukniipfen, sondern bei diesem einen Begriff stehenblei- 
ben mufi, und so stehenbleiben mufi, dafi er ihn auch 
dann festhalt, wenn er schon in einer ganz anderen 
Situation ist, und ihn da anwendet, wo er nicht mehr 
hineinpalk, mit andern Worten, wenn er unter einem 
Begriff handelt, der fur ein Friiheres richtig war, fur das 
Spatere aber nicht mehr richtig ist. Wer wollte sagen, 
dafi das nicht scharf an ein krankhaftes Seelenleben 



grenzen kann? Ja, wenn es in einem gewissen Mafie 
vorkommt, ist es geradezu ein Symptom fur seelische 
Erkrankung. Wer wollte aber wieder leugnen, dafi es 
Menschen gibt, welche nicht weiter kommen konnen in 
ihrer Arbeit wegen ihrer Weitschweifigkeit, wegen ihrer 
Umstandlichkeit? Da ist, wenn man nicht loskommen 
kann von einer Vorstellung, der Anfang gegeben im 
normalen Seelenleben, wo wir aufhoren miissen von 
Irrtum zu reden, und wo wir bereits anfangen miissen, 
von krankhaftem Irresein zu sprechen. 

Nehmen wir zum Beispiel an, jemand unterliegt dem 
Seelenfehler, und das kommt durchaus vor, dafi er, wenn 
er in seiner Nahe husten hort, aus diesem Husten nicht 
das gewohnliche Husten heraushort, sondern die Illusi- 
on empfangt, dafi die Leute schlimme Dinge iiber ihn 
sprechen, sozusagen iiber ihn schimpfen. Wer nun sein 
ganzes Leben so einrichtet, dafi es als eine Folge von 
Handlungen erscheint, die unter dem Einflufi einer sol- 
chen Illusion stehen, der wird fur einen Menschen gehal- 
ten werden, dessen Seelenleben ein krankhaftes ist. Wie 
nahe liegen aber dennoch gewisse Erscheinungen des 
gewohnlichen Lebens, wo wir einfach davon sprechen, 
dafi irgend jemand da oder dort etwas erlauscht und sich 
auch die Worte zurecht legt, und etwas ganz anderes 
gehort zu haben glaubt, als wirklich ausgesprochen wor- 
den ist. Oder haben Sie noch nicht gehort, wie unendlich 
oft es vorkommt, dafi jemand sagt: Der oder jener hat 
dies oder das iiber mich gesagt! - wovon auch nicht eine 
Spur zu finden ist, dafi es der andere wirklich gesagt hat? 
Es ist auch zuweilen recht schwierig, sozusagen festzu- 
stellen, wo das ganz normale Seelenleben selbst in sei- 
nem gesunden Ablauf hineinfliefien kann in das krank- 
hafte Seelenleben. 



Paradox mag es erscheinen, aber es konnte doch zu 
manchem Gedanken auf diesem Gebiete anregen, wenn 
wir uns denken, dafi jemand bei der Betrachtung einer 
Allee die ganz normale Wahrnehmung hat, dafi er die 
nahen Baume in ihren natiirlichen Entfernungen sieht, 
wahrend die entfernteren immer naher und naher riik- 
ken, und dafi er nun den BeschluE fafite, die Baume, wie 
sie einander gegeniiberstehen, mit Stricken zu verbinden, 
die Stricke aber dabei immer kiirzer und kurzer machen 
wollte, je weiter die Baume von ihm fortstehen. Da 
wiirden wir das Beispiel haben, daft er aus einer ganz 
gesunden Wahrnehmung einen Fehlschlufi macht. Aber 
die gesunde Wahrnehmung ist eben nicht anders vorhan- 
den, als wenn jemand eine Illusion hat. Die Illusion ist 
auch eine Wahrnehmung. Dann erst entsteht das Unge- 
sunde und Schadigende einer Illusion, wenn der Betref- 
fende sie fur eine eben solche Wirklichkeit halt als etwa 
den Tisch, der vor ihm steht. Erst wenn er die Wahr- 
nehmung nicht in der richtigen Weise zu deuten vermag, 
entsteht das, was man als krankhaft bezeichnen kann. 
Nun kann man diesen letzten Fall, dafi jemand eine 
Halluzination hat und sie als eine Wirklichkeit im ge- 
wohnlichen physischen Sinne ansieht, mit dem verglei- 
chen, was vorhin als ein Paradoxon angefuhrt wurde, 
dafi jemand die Stricke immer kurzer und kurzer ma- 
chen wollte, mit denen er die Baume einer Allee verbin- 
det. Da wiirden wir innerlich, logisch, einen Unterschied 
zwischen diesen zwei Dingen nicht finden konnen. Den- 
noch aber: wie nahe liegt es, bei einer Illusion ein 
falsches Urteil zu bilden, und wie ferne liegt es, bei der 
Wahrnehmung einer Allee uns ein gleiches falsches Ur- 
teil zu bilden! Das alles erscheint vielleicht manchem 
toricht. Trotzdem aber mufi man sich an solche intimen 



Dinge halten, denn sonst kommt man nicht weiter und 
wiirde nicht sehen, wie oft normales Seelenleben hinein- 
fliefien kann in ein ungesundes. 

Nun konnen wir als weitere Beispiele noch eklatantere 
Falle anfiihren von Menschen, deren Seelenleben als im 
hochsten Grade gesund und scharfsichtig gilt. Ich moch- 
te etwas anfiihren von einem deutschen Philosophen, der 
von denen, die auf diesem Gebiete sich betatigt haben, 
zu den ersten Mannern seines Faches in der Gegenwart 
gerechnet wird. Dieser Philosoph erzahlt von sich fol- 
gendes Erlebnis: 

Er kam einmal in ein Gesprach mit einem Manne, und 
dieses Gesprach fiihrte die beiden dazu, iiber einen ihnen 
beiden bekannten Gelehrten zu sprechen. In dem Au- 
genblick, wo das Gesprach auf jenen Gelehrten kommt, 
verfallt der Philosoph auf die Vorstellung eines illu- 
strierten Werkes iiber Paris - und im nachsten Augen- 
blicke gleich hinterher auf die Vorstellung eines Photo- 
graphiealbums von Rom. Dabei wird das Gesprach iiber 
jenen Gelehrten immer weiter gefuhrt. Wahrenddessen 
versuchte der betreffende, der eben Philosoph war, sich 
zu priifen, wie es moglich war, daft wahrend des Gespra- 
ches einmal das Bild eines illustrierten Werkes iiber Paris 
und dann das Bild eines Photographiealbums von Rom 
auftauchen konnte. Und er legte sich das auch ganz 
richtig zurecht. Der Gelehrte, iiber den sie sprachen, 
hatte namlich einen merkwiirdigen Spitzbart. Dieser 
Spitzbart rief sogleich in dem Unterbewufitsein des Phi- 
losophen die Vorstellung hervor von Napoleon III., der 
auch einen Spitzbart hatte; und diese Vorstellung von 
Napoleon III., die sich in sein Bewufitsein hineinge- 
drangt hatte, fiihrte auf dem Umwege iiber Frankreich 
zu dem illustrierten Werk iiber Paris. Und nun tauchte 



vor ihm das Bild eines anderen Marines auf, der auch 
einen Knebelbart gehabt hat, das Bild Victor Emanuels 
von Italien; und dieses Bild fiihrte auf dem Umwege 
iiber Italien zu dem Photographiealbum von Rom. Da 
haben Sie eine merkwiirdige Aneinanderreihung, man 
konnte sagen eine ursachenlose, eine regellose Aneinan- 
derreihung von Vorstellungen, die ablaufen, wahrend 
etwas ganz anderes im vollbewufiten Seelenleben ver- 
folgt wird. Nehmen Sie nun einen Menschen, der bis zu 
dem Augenblicke gekommen ware, wo das illustrierte 
Werk iiber Paris vor ihm auftauchte, und nun den Faden 
des Gespraches nicht mehr festhalten konnte, und gleich 
hinterher die nachfolgende Vorstellung hatte des Photo- 
graphiealbums von Rom: er ware einem regellosen Vor- 
stellungsleben hingegeben; er wiirde sich nicht ruhig mit 
einem Menschen unterhalten konnen, sondern mitten 
drinnen sein in einem krankhaften Seelenleben, welches 
ihn ohne Zusammenhang von Ideen-Flucht zu Ideen- 
Flucht fiihrte. 

Aber unser Philosoph geht weiter und stellt daneben 
einen andern Fall, woran er erkennen will, wie sich die 
Dinge zueinander verhalten. - Einst ging er zum Steuer- 
amt, um seine Steuern zu bezahlen. Er hatte 75 Mark 
zu zahlen. Und da er trotz der Philosophic ein ordnungs- 
liebender Mann ist, hatte er auch diese 75 Mark in sein 
Ausgabenbuch eingetragen und war dann an seine an- 
dere Beschaftigung gegangen. Nachtraglich einmal wollte 
er sich erinnern, wieviel er Steuern bezahlt habe. Es 
wollte ihm nicht einf alien. Er dachte nach; und da er 
Philosoph ist, ging er dabei systematisch zu Werke. Er 
suchte von umliegenden Vorstellungen an die Vorstel- 
lung der Steuersumme heranzukommen. Er versuchte 
sich zu konzentrieren auf seinen Gang nach dem Steuer- 



amt. Und da fiel ihm ein das Bild von vier goldenen 
Zwanzig-Mark-Stiicken, welche er in seiner Geldtasche 
hatte, und weiter das Bild, daft er fiinf Mark zuriickbe- 
kommen hat. Diese zwei Bilder standen vor ihm, und er 
konnte nun durch eine einfache Subtraktion herausfin- 
den, daft er 75 Mark Steuern bezahlt hatte. 

Hier haben Sie zwei ganz voneinander verschiedene 
Falle. In dem ersten arbeitet sozusagen das Seelenleben, 
wie es will, ganz ohne irgendeine Korrektur zu erfahren 
von dem, was wir den bewuftten Ablauf der Vorstel- 
lungen nennen konnen; es erzeugt das Bild des illu- 
strierten Werkes iiber Paris und das Bild eines Photogra- 
phiealbums von Rom. Im zweiten Falle sehen wir, wie 
die Seele durchaus systematisch vorgeht, jeden Schritt 
mit voller Willkur tut. Es ist das tatsachlich ein betracht- 
licher Unterschied zwischen dem Ablauf zweier Seelen- 
vorgange. Nun macht aber jener Philosoph nicht auf 
etwas aufmerksam, was dem Geistesforscher sogleich 
auffallen wird. Denn es ist das Wesentliche im ersten 
Falle, daft er sich mit einem andern unterredet, daft er 
seine Aufmerksamkeit auf den andern wendet, daft sein 
ganzes bewufttes Seelenleben sich hinlenken muftte auf 
die Fiihrung des Gespraches mit dem andern, und daft 
die regellos aufeinanderfolgenden Bilder, die wie in einer 
andern Schicht des Bewufttseins auftauchten, sich selbst 
iiberlassen waren. In dem zweiten Falle wendet der 
Philosoph seine Aufmerksamkeit nur darauf, was fur 
Bilder aufeinanderfolgen sollen. Daraus wiirde sich wie- 
der nur erklaren, daft die Bilder im ersten Falle regellos 
ablaufen, wahrend sie im zweiten Falle unter der Korrek- 
tur des bewuftten Seelenlebens stehen. 

Warum sind denn iiberhaupt Bilder da? Dariiber gibt 
unser Philosoph keine Antwort. Wer das Leben beobach- 



ten kann, wer ahnliche Falle auch sonst kennt, und wer 
in der Lage ist, ein wenig aus der Natur des betreffenden 
Phiiosophen zu urteilen - mir ist in diesem Falie nicht 
nur die Tatsache, sondern auch der Mann bekannt - der 
wird, wenn wir das Wort gebrauchen wollen, die folgen- 
de Hypothese aufstellen konnen. Der betreffende Philo- 
soph hat in seiner Unterredung einen Menschen vor sich 
gehabt, der ihn nicht sehr stark interessierte. Es war ein 
gewisser Zwang notwendig, um die Aufmerksamkeit auf 
das Gesprach zu konzentrieren; daher hatte er ein gewis- 
ses iiberschiissiges Seelenleben, das sich nicht auslebte in 
der Unterredung, sondern das sozusagen nach innen 
schlug. Aber er hatte wiederum nicht die Kraft, den 
Ablauf der Bilder zu kontrollieren; daher lief en sie 
regellos ab. Weil er sein Interesse auf eine Sache lenken 
mufite, die ihn nicht besonders interessierte, traten nun 
Bilder in dem iiberschiissigen Seelenleben auf; und weil 
die Aufmerksamkeit gerade dem interesselosen Gesprach 
zugewendet werden mufite, verliefen die Bilder des iiber- 
schiissigen Seelenlebens in regelloser Weise. - Da hatten 
wir auch einen Hinweis, wie tatsachlich solche Bilder, 
wie im Hintergrunde des bewufiten Seelenlebens, gerade 
noch wie in einem Abglanz des bewulken Seelenlebens 
ablaufen konnten. Solche Beispiele konnten wir in gro- 
wer Anzahl vorfuhren. Das von mir gewahlte Beispiel 
wurde deshalb angefiihrt, weil es sehr charakteristisch 
ist, und weil wir daran viel lernen konnen. 

Nun aber handelt es sich darum, daft wir uns fragen: 
Weist uns denn nicht gerade ein solcher Vorgang darauf 
hin, etwas tiefer in das menschliche Seelenleben hinein- 
zublicken? Oder wir konnten uns fragen: Wie kann 
iiberhaupt eine solche Spaltung des Seelenlebens auftre- 
ten, wie sich das in dem angefiihrten Falle gezeigt hat? 



Und da kommen wir zu dem, wo die Erfahrungen und 
Erlebnisse jenes Ungliicksgebietes, das wir heute zu 
beriihren haben, sich in ganz normaler Weise eingliedern 
lassen in das, was-uns im Verlaufe dieses Winters so oft 
entgegengetreten ist. Gerade jener angefuhrte Philosoph 
stent, wenn er solche Erscheinungen des eigenen Seelen- 
lebens erzahlt, mehr oder weniger vor Ratseln. Er ver- 
mag nicht weiterzureden, wenn er solche Tatsachen 
registriert hat, weil unsere auftere Wissenschaft, selbst 
wenn sie noch so viel erzahlt, halt macht vor der 
Erkenntnis des Wesens der Dinge und auch des Wesens 
des Menschen. 

Wir haben bei der Erkenntnis des Wesens des Men- 
schen gezeigt, daft wir nicht bloft den Menschen in der 
Weise zu betrachten haben, wie ihn die auftere Wissen- 
schaft ansieht, sondern daft wir tatsachlich zu unter- 
scheiden haben einen aufteren Menschen und einen inne- 
ren Menschen. Und daft dieser auftere Mensch nicht 
realer ist als der innere Mensch. Wir haben auf den 
verschiedensten Gebieten gezeigt, daft wir den Schlafzu- 
stand zum Beispiel anders aufzufassen haben, als ihn die 
gewohnliche Wissenschaft aufzufassen geneigt ist. Wir 
haben gezeigt, wie dasjenige, was vom schlafenden Men- 
schen im Bette liegen bleibt, nur der auftere Mensch ist, 
und daft das gewohnliche Bewufitsein nicht den unsicht- 
baren, hoheren, eigentlichen inneren Menschen verfol- 
gen kann, der sich im Schlafe aus dem aufteren Men- 
schen herausbegibt. Das gewohnliche Bewufksein sieht 
eben nicht, dafi sich hier etwas Wirkliches hinausbegibt, 
was ebenso real ist wie das, was im Bette liegen bleibt, 
daft der innere Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwa- 
chen hingegeben ist seiner eigentlichen Heimat, der gei- 
stigen Welt. Und daft er aus ihr dasjenige saugt, was er 



vom Aufwachen bis zum weiteren Einschlafen braucht, 
um das gewohnliche Seelenleben zu unterhalten. Daher 
miissen wir scharf gegeniiberstellen und abgesondert 
voneinander betrachten den aufieren Menschen, der auch 
im Schlafzustand mit seinen Gesetzen und Regeln vor- 
handen ist, und den inneren Menschen, der nur im 
Wachzustand im aufieren Menschen darinnen ist, sich 
aber im Schlafzustand von ihm abgetrennt hat. So lange 
wir diesen Unterschied nicht machen, werden wir die 
wichtigsten Erscheinungen des Menschenlebens nicht 
verstehen konnen. Diejenigen, welche aus Bequemlich- 
keit iiberall die Einheit sehen und uberall leichten Her- 
zens einen Monismus begriinden wollen, werden uns 
anklagen, dafi wir Dualisten seien, weil wir die mensch- 
liche Wesenheit in zwei Glieder, in ein aufieres und ein 
inneres Glied spalten. Solche Menschen sollten aber nur 
gleich zugeben, dafi es ein scheufilicher Dualismus ist, 
daft die Chemiker das Wasser in Wasserstoff und Sauer- 
stoff spalten. Man kann gar nicht im hoheren Sinne 
Monist sein, wenn man nicht anerkennt, daft das Monon 
etwas viel tiefer Liegendes ist. Wer aber in dem Aller- 
nachsten gleich das Eine sehen will, der wird sich den 
Blick verschlieften fur die Mannigfaltigkeit des Lebens, 
fur das, was allein das Leben erklaren kann. 

Nun haben wir aber auch gezeigt, dafi wir in dem 
aufieren und dem inneren Menschen auch wieder unter- 
scheiden miissen einzelne Glieder. Wir unterscheiden an 
dem aufieren Menschen zunachst dasjenige Glied, das 
wir mit physischen Augen sehen, mit Handen greifen 
konnen: den physischen Leib. Dann aber kennen wir ein 
anderes Glied, das wir den Atherleib genannt haben, 
eine Art von Kraftgestalt, die der eigentliche Aufbauer 
und Bildner des physischen Leibes ist. Physischer Leib 



und Atherleib sind dasjenige, was im Schlafe im Bette 
liegen bleibt. Was aber beim schlafenden Menschen aus 
dem physischen Leib und Atherleib sich zuriickzieht 
und in der geistigen Welt ist, das haben wir in diesen 
Vortragen bezeichnet als den astralischen Menschenleib, 
der in sich wiederum den eigentlichen Trager des Ich 
schliefit. Dann haben wir aber noch feinere Unterschiede 
gemacht. Wir haben wieder in diesem astralischen Leib 
drei Glieder des Menschen unterschieden, drei Glieder 
des Seelenlebens. Und eine grofie Summe von Lebenser- 
scheinungen hat sich uns erklart, indem wir diese drei 
Glieder sorgfaltig auseinander gehalten haben. 

Wir haben das unterste Glied des Seelenlebens die 
Empfindungsseele genannt; wir haben ein zweites Glied 
unterschieden als die Verstandes- oder Gemiitsseele; und 
ein drittes Seelenglied als die Bewufitseinsseele. Wenn 
wir also von dem menschlichen Innern, von diesen drei 
Seelengliedern sprechen, werden wir auch da nicht ein 
chaotisches, unterschiedsloses Durcheinanderwirken von 
allerlei Willensimpulsen, Gefuhlserlebnissen, Begriffen 
und Vorstellungen anerkennen, sondern wir werden das 
Seelenleben sorgfaltig gliedern in diese drei Glieder. Nun 
besteht im normalen Menschenleben ein gewisses Wech- 
selverhaltnis zwischen dem aufieren und dem inneren 
Menschen. Dieses Wechselverhaltnis konnen wir so cha- 
rakterisieren, daft wir sagen: Die Empfindungsseele, un- 
ser unterstes Seelenglied, das unsere Triebe und Leiden- 
schaften enthalt, denen wir, wenn die hoheren Seelen- 
glieder wenig entwickelt sind, sklavisch hingegeben sind, 
dieses Seelenglied ist in einer gewissen Weise in Wech- 
selwirkung mit dem, was wir in einer andern Hinsicht 
noch rechnen konnen zum aufieren Menschen, was die- 
ser Empfindungsseele ahnlich, was aber im Menschen 



mehr aufierlich ist; und dieses mehr Aufierliche bezeich- 
nen wir als den Empfindungsleib. Deshalb sagen wir: 
Wir haben den aufieren Menschen und den inneren 
Menschen. Im inneren Menschen haben wir als unterstes 
Glied die Empfindungsseele, im aufieren Menschen ent- 
sprechend den Empfindungsleib. Den astralischen Leib 
muE man hier als etwas anderes bezeichnen als den 
blofien Empfindungsleib. Im einzelnen sind ja die drei 
Seelenglieder nur Modifikationen des astralischen Lei- 
bes, und zwar nicht nur aus ihm herausgebildet, sondern 
auch herausgesondert. Die Empfindungsseele steht im 
Wachzustande in dauernder Wechselwirkung mit dem 
Empfindungsleib; ebenso steht in ahnlicher Weise die 
Verstandes- oder Gemiitsseele mit dem Atherleib in 
Wechselwirkung; und was wir die Bewufitseinsseele nen- 
nen, steht in gewisser Weise in inniger Wechselwirkung 
mit dem physischen Leib. Daher sind wir in bezug auf 
alles, was Inhalt der Bewulkseinsseele werden soil, auf 
die Mitteilungen des Bewulkseins im Wachzustande an- 
gewiesen. Was uns der physische Leib, was die Sinne uns 
iiberliefern, was der Mensch mit dem Gehirn denkt, das 
wird zunachst Inhalt der Bewufttseinsseele. 

So haben wir zwei dreigliederige Wesenheiten der 
Menschennatur, die einander entsprechen: die Empfin- 
dungsseele dem Empfindungsleib, die Verstandesseele 
oder Gemiitsseele dem Atherleib, die Bewufttseinsseele 
dem physischen Leib. Diese Zusammengehorigkeit kann 
uns erst Aufschlufi geben iiber jene Faden, die vom 
inneren Menschen zum aufieren Menschen gehen, die 
uns zeigen konnen, wie das normale Seelenleben des 
Menschen gestort wird, wenn sie nicht in der richtigen 
Weise vom inneren zum aufteren Menschen laufen. Wes- 
halb ist das der Fall? 



In einem gewissen Sinne ist das, was wir Empfin- 
dungsseele nennen, durchaus abhangig von den Wirkun- 
gen des Empfindungsleibes; und wenn die Empfindungs- 
seele und der Empfindungsleib nicht in der richtigen 
Wechselwirkung stehen, wenn sie nicht einander in der 
rechten Weise Entsprechungen sind, dann ist das gesun- 
de Seelenleben in bezug auf die Empfindungsseele unter- 
brochen. Ebenso ist es aber auch, wenn die Verstandes- 
seele nicht in der richtigen Weise regulierend eingreifen 
kann in den Atherleib, wenn sie nicht in der Lage ist, 
den Atherleib so zu gebrauchen, dafi er ein richtiges 
Instrument sein kann fur die Verstandesseele. Und wie- 
der wird die Bewufkseinsseele sich uns im Seelenleben 
als abnorm zeigen miissen, wenn der physische Leib ein 
Hemmnis und Hindernis ist fur das normale Ausleben 
der Bewufitseinsseele. Wenn wir so den Menschen in 
sachgemafier Weise zergliedern, konnen wir ein regelma- 
fiiges Zusammenwirken erkennen, das erforderlich ist 
fur ein gesundes Seelenleben; und wir konnen auch 
begreifen, dafi alle moglichen Durchbrechungen eintre- 
ten konnen in der Wechselwirkung zwischen der Emp- 
findungsseele und dem Empfindungsleib, der Verstandes- 
seele und dem Atherleib und der Bewufkseinsseele und 
dem physischen Leib. Und erst wer durchschauen kann, 
wie in diesem komplizierten Organismus die Faden her- 
iiber- und hiniiberlaufen, und was fur Unregelmafiig- 
keiten darinnen entstehen konnen, erst der wird auch 
durchschauen konnen, wie ein ungesunder Fall eines 
Seelenlebens liegt. Ein ungesunder Fall wird nur eintre- 
ten konnen, wenn eine Disharmonie zwischen dem inne- 
ren und aufieren Leben besteht. Sehen wir denn das 
nicht in dem Fall, den wir angefiihrt haben? Nehmen 
wir noch einmal jenen Philosophen. 



In dem Seelenleben, das ablauft unter volliger Kontrol- 
le des Bewufkseins, sehen wir das, was in ihm gegen- 
wartig ist, in der Bewufitseinsseele auf der einen Seite 
und auf der andern Seite in der Verstandesseele. In der 
Empfindungsseele sehen wir aber dasjenige, was da 
kaum bemerkbar Bild an Bild reiht: das illustrierte Werk 
liber Paris, das Photographiealbum von Rom. Das lauft 
deshalb in dieser Weise ab, weil er durch das Abziehen 
der Aufmerksamkeit, wobei er dennoch hingegeben ist 
an den Menschen, der vor ihm steht, eine Trennung 
herbeifuhrt zwischen Empfindungsseele und Empfin- 
dungsleib. Im Empfindungsleib haben wir zu suchen die 
aufeinanderfolgenden Bilder, das illustrierte Werk iiber 
Paris und das Photographiealbum von Rom. Da, in dem 
Empfindungsleib haben wir dasjenige, was als jener regel- 
lose Vorgang beschrieben worden ist. In der Bewufk- 
seinsseele, im inneren Menschen, vollzieht sich das, was 
eben der Inhalt des Gespraches zwischen den beiden 
Personen war; und die Notwendigkeit, zwangsweise die 
Aufmerksamkeit dem Gesprach zu erhalten, spaltete in 
diesem Falle das Leben des Empfindungsleibes und der 
Empfindungsseele. 

Das sind in der Tat Ubergangszustande. Denn die 
schwachsten Storungen unseres Seelenlebens treten dann 
ein, wenn sich als selbstandig erweist der blo£e Empfin- 
dungsleib. Da werden wir immer noch die Besonnenheit 
bewahren und den Faden im inneren Menschen aufrecht- 
erhalten und uns das Bewufitsein erhalten konnen, das 
uns immer noch sagt: Wir sind nebenbei auch noch da, 
neben den zwangsweisen Bildern, die durch den selb- 
standig gewordenen Empfindungsleib auftreten. 

Wenn eine solche Spaltung aber eintritt in bezug auf 
Verstandesseele und Atherleib, dann sind wir in einer 



viel schwierigeren Lage. Da gehen wir schon tief hinein 
in jene Zustande, die krankhaft zu werden beginnen. 
Und dennoch ist es schon da sehr viel schwieriger zu 
unterscheiden, wo das Gesunde aufhort, und wo das 
Krankhafte anfangt. Wir konnen uns an einem kniffligen 
Beispiel klarmachen, wie schwierig es ist, die Erlebnisse 
der Verstandesseele ganz selbstandig zu erhalten, wenn 
der Atherleib streikt, wenn er nicht ein blofies Werkzeug 
dessen sein will, was wir denken. Wenn der Atherleib 
sich verselbstandigt und sich der Verstandesseele entge- 
genstemmt, dann lafit er dasjenige, was Gedanke sein 
soli, nicht vollstandig zum Austrag kommen, so dafi 
dann der Gedanke auf halbem Wege stehenbleibt und 
sich nicht zu Ende fuhren kann. Das tritt wirklich bei 
den sogenannten gescheitesten Menschen ein. Nehmen 
wir dafiir ein groteskes Beispiel. 

Es wird jeder das logisch Absurde belacheln und leicht 
einsehen, wenn man ihm sagt: Es ist doch ein ganz 
richtiger SchlufS: Was du nicht verloren hast, das hast du 
noch. Lange Ohren hast du nicht verloren; also hast du 
noch lange Ohren! - Das Absurde tritt dadurch ein, dafi 
man mit seinem Denken nicht in Ubereinstimmung ist 
mit den Tatsachen. Aber nach genau demselben Muster, 
dafi man sozusagen einen Vordersatz wahlt - «was du 
nicht verloren hast, ...» -, der dann eigentlich unver- 
merkt etwas in sich aufnimmt, was er sachgemaft nicht 
auf nehmen sollte, dadurch kommt man in Fallen, wo die 
Sache nicht so offenkundig liegt, zu den unglaublichsten 
Irrtumern in den wichtigsten Fragen des Lebens. - So 
gibt es einen Philosophen, der immer eine Lehre wieder- 
holt, die er einmal aufgestellt hat iiber das menschliche 
Ich. Wir haben hier gerade ofter iiber das menschliche 
Ich gesprochen, wie es sich schon in seiner Wortbezeich- 



nung von alien andern Erfahrungen und Erlebnissen, die 
wir haben konnen, unterscheidet. Wir haben gesagt, den 
Tisch kann jeder «Tisch», das Glas jeder «Glas», die Uhr 
jeder «Uhr» nennen; aber das einzige Wortchen «Ich» 
kann nicht von aufien an unser Ohr tonen, wenn es uns 
selbst bezeichnen soli. Damit wird auf einen Grundun- 
terschied hingedeutet zwischen dem Ich-Erlebnis und 
alien andern Erlebnissen. Solche Dinge kann man mer- 
ken. Man kann sie aber auch nur halb merken; und man 
merkt sie halb, wenn man so schliefit wie jener Philo- 
soph: Also kann das Ich niemals Objekt werden! Also 
kann das Ich nie beobachtet werden! - Und es ist eine 
scheinbar recht geistreiche Anschauung, wenn er weiter 
sagt: Wer das Ich erfassen wollte, der miifite das Ich 
iiberall hinbringen und doch wieder mit dem Ich dabei 
sein; das ware dasselbe, als wenn jemand um einen Baum 
herumliefe und sich sagte, wenn er nur rasch genug lauft, 
dann kann er sich von hinten wieder abfangen! - Diesen 
Vergleich macht der betreffende Philosoph. Und wie 
konnte jemand von der Glaublichkeit nicht iiberzeugt 
werden, wenn er das Dogma vom Ich, das nie selber 
erfafit werden kann, durch einen solchen Vergleich noch 
verstarkt hort! Und dennoch: das Ganze beruht nur 
darauf, daft man einen solchen Vergleich nicht machen 
darf. Denn man mufke die Vorstellung schon voraus- 
setzen, daft man dieses Ich nicht beobachten kann. Woll- 
te man den Vergleich mit dem Baum gebrauchen, so 
konnte man nur sagen: Das Ich ist nicht zu vergleichen 
mit einem Menschen, der um den Baum herumlauft, 
sondern hochstens mit einem Menschen, der sich herum- 
ringelte um den Baum wie eine Schlange; dann konnte 
man vielleicht mit den Handen seine Fu£e ergreifen. 
Denn das Ich ist eine ganz andere Gegenstandlichkeit als 



alles andere, was wir erfahren konnen. Es ist eine solche 
Gegenstandlichkeit, die wir erfassen konnen als Subjekt 
und Objekt zusammenfallend. Das haben auch die 
Mystiker aller Zeiten, die in symbolischer Sprache ge- 
sprochen haben, immer angedeutet in dem Bild der 
sich selbst erfassenden, sich in ihren eigenen Schwanz 
beifienden Schlange. Diejenigen, die dieses Symbol 
gebrauchten, waren sich klar, daft sie in dem Gegen- 
stand, den sie vor sich hatten, gleichwohl sich selber 
anschauten. 

An diesem Beispiel konnen wir sehen, wie wir von der 
bloEen Empfindung und Wahrnehmung von dem, was 
uns unmittelbar vor Augen steht, und was nur in Dis- 
harmonie kommen kann mit dem Empfindungsleib, vor- 
riicken zu dem, was nicht nur in der blofien Empfin- 
dung, in der bloEen Wahrnehmung arbeitet, sondern in 
der Verstandes- oder Gemiitsseele. Wo wir innerlich die 
Gedanken verarbeiten miissen, was schon viel mehr der 
Willkur entzogen ist, da bieten nicht nur die blofien 
Bilder ein Hindernis, sondern etwas, was ganz andere 
Widerstande bietet, und was von einem nicht bis in seine 
letzten Konsequenzen sich fuhrenden Denken nicht er- 
kannt werden kann. Da haben wir ein Beispiel, wie sich 
der Mensch einspinnen kann in eine Logik, von der er 
nicht bemerkt, daft sie nur seine Logik und nicht die 
Logik der Tatsachen ist. Eine Logik der Tatsachen kann 
nur vorhanden sein, wenn wir die Herrschaft behalten 
iiber das Zusammenarbeiten der Verstandes seele mit 
dem Atherleib, also den Atherleib beherrschen. So dafi 
in der Tat diejenigen krankhaften Aufierungen unseres 
Seelenlebens, die sich vorzugsweise als Storungen in der 
Verbindung von Vorstellungen zeigen, sich als dadurch 
bewirkt herausstellen, dafi unser Atherleib uns nicht als 



ein gesundes Werkzeug fiir die Aufierungen unserer 
Verstandesseele dienen kann. 

Nun aber diirfen wir fragen: Wenn wir schon in 
unserer Anlage jenen Atherleib mitgebracht haben, der 
fiir die Entfaltung der Verstandesseele ein Hemmnis 
bietet, was konnen wir denn da eigentlich anderes sagen, 
als daft die Ursachen zu einem solchen Seelenleben, das 
aus dem bloften Irrtum in das Irresein iibergeht, in etwas 
liegen, iiber das wir keine Gewalt haben? In gewissem 
Sinne tritt uns gerade an einem solchen Beispiel, wenn 
wir es wirklich durchschauen, etwas entgegen, was hier 
auch immer wieder betont worden ist, und was von 
vielen unserer Zeitgenossen - auch von den aufgeklar- 
testen - als eine Phantasterei angesehen wird. Wir sehen, 
daft uns in einer ganz gewissen Weise unser Atherleib 
Streiche spielt, daft er, statt die Verstandesseele ruhig 
gewahren und arbeiten zu lassen, damit die Urteile zu 
Ende kommen, uns Hemmnisse entgegenwirft; so daft 
wir, anstatt zu sagen: Wir sind hier ohnmachtig und 
konnen nicht weiter! - nun ein chaotisches, ein ver- 
zerrtes Urteil fallen. Wir sehen, daft unser Urteil, das 
aus der Verstandesseele fliefk, sich durcheinandermischt 
mit dem, was unser Atherleib uns hineinmischt. Son- 
derbar: wir glauben eine aufiere Korperlichkeit an uns 
zu haben, und nun mischt sich die Tatigkeit dieses 
Atherleibes hinein - wie etwas Gleichartiges - in 
die Tatigkeit unserer Verstandesseele. Wodurch erklart 
sich das? 

Wenn man nur mit Worten umgeht, kann man dabei 
hinweisen auf vererbte Anlagen und so weiter. Das tun 
diejenigen, die aus einer gewissen Denkgewohnheit her- 
aus iiber das Seelische iiberhaupt nicht logisch nachden- 
ken konnen. Aber die Philosophen, die nachdenken 



konnen iiber das Seelenleben, die sagen: Was in diesem 
Falle als Verkehrtheit, als chaotische Verworrenheit des 
Seelenlebens eintritt, kann nicht aus blo£er physischer 
Vererbung stammen. - Und nun sehen wir einen vielge- 
nannten modernen Philosophen der Gegenwart, der aus 
seiner Denkgewohnheit heraus iiber dasjenige, was in 
uns verlauft und doch nicht blofi physisch ist, ein merk- 
wiirdiges Wort gebraucht. Man konnte sagen, es ist ein 
niedliches Wort, wenn es sich nicht um ernste Wissen- 
schaft handelte, wenn Wundt sagt: Da werden wir eben 
in die dunkle Unendlichkeit der Entwicklung hineinge- 
fiihrt! - Wer gewohnt ist, wissenschaftlich zu denken, 
den beriihrt es sonderbar, wenn ihm eine solche Redens- 
art bei einem Philosophen entgegentritt, der heute in der 
ganzen Welt als beruhmt gilt. Man vergleiche damit 
dasjenige, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, indem 
sie in unserer Gegenwart mit einer Wahrheit auftritt, die 
wir ofter verglichen haben mit einer andern Wahrheit, 
die erst im 17. Jahrhundert der grofie Naturforscher 
Francesco Redi auf einem andern Gebiete ausgesprochen 
hat als den Satz: Lebendiges kann nur aus Lebendigem 
entstehen! Die Geisteswissenschaft zeigt, indem sie die- 
sen Satz auf eine hohere Sphare erhebt, die Wahrheit des 
Satzes: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seeli- 
schem entstehen! Sie fuhrt uns nicht in die blofie physi- 
sche Vererbung zuriick, sondern sie zeigt uns, dafi in 
jedem Physischen ein Geistiges wirkt. Und wenn die 
Gegenwirkungen des Atherleibes auf die Verstandesseele 
zu grofte sind, so miissen wir es glaublich finden, dafi 
unsern Atherleib prapariert und gebildet haben mull 
etwas, was gleichartig ist mit unserer Verstandesseele; 
nur dafi es ihn schlecht prapariert haben mufi. Finden 
wir also heute in unserer Verstandesseele den Irrtum, so 



konnen wir freilich, wenn wir die Besonnenheit behal- 
ten, den Irrtum so korrigieren, daft er sich nicht bis auf 
die Leiblichkeit iibertragt. Und wir brauchen durchaus 
nicht leichtfertig zu glauben, daft nun ein jeder Affekt 
gleich eine Erkrankung bewirken mufi. Niemand kann 
strenger auf diesem Boden stehen als gerade die Geistes- 
wissenschaft, daft es ein Unsinn ist, ohne weiteres irgend- 
einem aufteren Einfluft zuzuschreiben, wenn dieser oder 
jener verriickt oder wahnsinnig geworden ist. Aber auf 
der andern Seite miissen wir uns klar sein, wenn wir 
auch nichts vermogen iiber unsern Atherleib, daft er 
dennoch in der Art, wie er sich uns entgegenstellt, sich 
durchtrankt und impragniert zeigt mit denselben Geset- 
zen der Irrtumlichkeit, die uns heute als blofter Irrtum 
entgegentreten, und daft wir die Krankheit dann haben, 
wenn wir den Irrtum verkorperlicht sehen im Atherleib. 
Ein solcher Irrtum kann sich im gewohnlichen Fall in 
unserem heutigen Leben zwischen Geburt und Tod 
nicht sogleich organisieren. Er kann es nur, wenn er 
wiederholt wird und zur Gewohnheit wird; denn etwas 
anderes ist es, wenn wir immer wieder und wieder in 
einer gewissen Richtung Irrtum auf Irrtum haufen zwi- 
schen Geburt und Tod, wenn wir uns immer wieder 
gewissen Schwachen des Denkens, des Fiihlens und des 
Wollens hingeben und damit leben zwischen Geburt und 
Tod. - Wir haben betont, daft in den Leben zwischen 
Geburt und Tod eine Grenze besteht fur die Ubertra- 
gung dessen, was in der aufteren Korperlichkeit ge- 
schieht. Wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, 
wird der physische Leib mit alien guten und mit alien 
schlechten Anlagen zerstort, und wir nehmen mit hin- 
iiber alles, was wir zubereitet haben an Gutem und 
Schlechtem im Denken, Fiihlen und Wollen. Und indem 



wir uns in unserem nachsten Dasein unsere aufiere Leib- 
lichkeit aufbauen, bringen wir in dieselbe dasjenige hin- 
ein, was irrig, was chaotisch ist, was Schwache ist in 
unserem Denken, Fiihlen und Wollen in unserer gegen- 
wartigen Verkorperung. 

Wenn wir daher mit einem Atherleib zu rechnen 
haben, der fur uns ein Hemmnis ist, so diirfen wir sagen: 
Wenn wir in der Gegenwart den Irrtum in unserem 
Seelenleben haben, so konnen wir in unseren Atherleib 
nicht unmittelbar hineinpragen, was die Seele ergriffen 
hat; aber indem wir durchgehen durch den Tod, wirkt 
dasjenige, was jetzt bloft in unserem Seelenleben ein 
Irrtum ist, organisierend auf das nachste Dasein. Was als 
Ursache und als eine gewisse Anlage in unserem Ather- 
leib erscheint, das konnen wir nicht in dieser Verkor- 
perung finden, wohl aber konnen wir es dann finden, 
wenn wir in ein friiheres Dasein zuriickgreifen. 

Damit sehen wir, dafi wir ein weites Gebiet gewisser 
Seelenerkrankungen nur verstehen konnen, wenn wir 
nicht blofi hineingreifen in das geheimnis voile «Dunkel 
der Unendlichkeit der Entwickelung», wobei man sich 
nichts denken kann, sondern daft wir zu einem friiheren 
Leben des Menschen gehen miissen. Nur darf man auch 
diese Wahrheit nicht wieder auf die Spitze treiben; denn 
man mufi sich klar sein, dafi der Mensch neben den 
friiher erworbenen Eigenschaften auch solche in sich 
tragt, welche in der Vererbung liegen, und dafi gewisse 
Eigenschaften unseres aufteren Menschen als vererbte zu 
betrachten sind. Da entsteht die Notwendigkeit, dafi 
man sorgfaltig unterscheidet zwischen dem, wie sich der 
Mensch hindurchlebt von Dasein zu Dasein, und wie er 
sich zeigt als Nachkomme seiner Vorfahren. 

Nun kann ebenso eine Disharmonie eintreten zwi- 



schen der Bewufitseinsseele, die unser Selbstbewufitsein 
begriindet, und unserem physischen Leib. Da treten 
dann in unserem physischen Leib nicht nur die Merkma- 
le auf, die wir uns selber zubereitet haben in einer 
friiheren Verkorperung, sondern auch solche, die in der 
Vererbungslinie zu finden sind. Aber auch da ist das 
Prinzip dasselbe: Was in der Bewufitseinsseele wirkt, 
kann ein Hemmnis finden an dem, was die wirksamen 
Gesetze des physischen Leibes sind. Und wenn die 
Bewufitseinsseele diese Hemmnisse findet, dann entste- 
hen alle die Dinge, die in gewissen Symptomen von 
Seelenkrankheiten so grausam zutage treten. Hier ist 
auch namentlich das Gebiet zu suchen, wo alle die 
Schattenseiten eines besonderen Organs hervortreten, 
wenn in unserem physischen Leib die Tatsache auftritt, 
dafi sich ein Organ besonders vor den iibrigen hervortut. 
Wenn die Organe im physischen Leibe regular zusam- 
menwirken und keines sich hervordrangt, dann wird 
unser physischer Leib ein regulares Instrument der Be- 
wufitseinsseele sein; wir werden in ihm kein Hemmnis 
finden und werden gar nicht bemerken, dafi wir das 
physische Instrument der Bewufitseinsseele haben, eben- 
sowenig wie ein gesundes Auge Hemmnis ist fur ein 
normales Sehen. - Wir konnten dabei aufmerksam ma- 
chen auf jenen Fall, den ein bedeutsamer Naturforscher 
der Gegenwart erzahlt. Ein Mann hatte in seinem einen 
Auge eine Triibung. Diese Triibung bewirkte, dafi er auf 
jenem Auge nicht normal sah, dafi er besonders in der 
Dammerstunde so etwas wie gespensterartige Bildungen 
sah. Weil jener Einflufi seines Auges sich auf das Sehen 
geltend machte, hatte er haufig die Empfindung, als ob 
sich ihm jemand in den Weg stellte. Wo sich ein solcher 
Einflufi des Auges als Hemmnis einstellt, da ist kein 



normales Sehen moglich. Diese partiellen Storungen 
konnen in der mannigfaltigsten Weise zutage treten. 

Wenn die Bewulkseinsseele ein Hemmnis findet in 
dem physischen Leib, so miissen wir das immer zuriick- 
fiihren auf das besondere Hervortun dieses oder jenes 
Organes. Denn wenn alle Organe des physischen Leibes 
in normaler Weise zusammenwirken, stemmt er sich 
nicht der Bewufkseinsseele entgegen. Erst wenn sich ein 
Organ besonders hervortut, merken wir ein Hemmnis, 
weil wir jetzt einen Widerstand finden. Findet unsere 
Bewufitseinsseele keinen Widerstand, dann bringen wir 
unser Ich-Bewufitsein in der regelmaftigen Weise zum 
Ausdruck. Finden wir aber ein Hemmnis dieses freien 
Verkehrs mit der Aufienwelt, und merken wir nicht im 
Bewufksein, dafi ein Hemmnis da ist, dann treten Gro- 
fienwahn-, Verfolgungswahnideen ein als Symptome fiir 
die eigentliche, tiefer liegende Erkrankung. 

So sehen wir, wenn wir den Menschen in seiner 
Vielgliedrigkeit durchschauen, dafi wir Harmonie und 
Disharmonie im Menschenleben begreifen konnen. Nur 
skizzenhaft konnte angedeutet werden, wie das Zusam- 
menwirken dieser verschiedenen Glieder geschieht, und 
wie von der Geisteswissenschaft aus in die wunderbaren 
Ergebnisse, die heute in der Literatur vorliegen, Ord- 
nung und Begreifen gebracht werden kann. 

Wenn wir dieses verstehen, werden wir auch noch 
einen anderen Aufschlufi gewinnen konnen. Vor allem 
denjenigen, da$ wir die Realitat des inneren Menschen 
ersehen, und wie der aufiere und der innere Mensch von 
Verkorperung zu Verkorperung zusammenwirken; wie 
uns in gewissen Fehlern des aufieren Menschen, zum 
Beispiel in den Fehlern seines Atherleibes, nur dasjenige 
zutage tritt, was Wirkung ist von Schwachen und Feh- 



lern des Seelenlebens in friiheren Daseinsstufen. Das 
aber zeigt uns, daft wir nicht immer in der Lage sein 
werden, wenn die Hemmnisse zu grofte sind, sie durch 
inneres, geregeltes, starkes Seelenleben zu iiberwinden. 
Wir werden es aber doch in vieler Beziehung tun kon- 
nen. Denn wenn wir in dem nicht normalen Seelenleben 
nur etwas haben wie einen Widerstand des aufteren 
gegen den inneren Menschen, dann werden wir auch 
begreifen, daft es darauf ankommt, die Kraft des inneren 
Menschen so stark als moglich zu machen. Ein schwa- 
cher Mensch, der nicht scharf die Konsequenzen seiner 
Gedanken ziehen will, nicht scharf ausmeifieln will seine 
Vorstellungen, der nicht darauf ausgeht seine Gefuhle so 
zu bilden, daft sie im Einklange sind mit dem, was er 
erlebt, ein solcher Mensch wird dem Widerstande des 
aufteren Menschen auch nur ein schwaches Gegenge- 
wicht entgegenstellen konnen; und er wird, wenn er 
Krankheitsanlagen in sich hat, im entsprechenden Zeit- 
punkt dem verfallen mussen, was man Seelenkrankheiten 
nennt. Anders wird die Sache stehen, wenn wir einem 
kranken Aufteren ein starkes Inneres entgegenstellen 
konnen; denn das Starkere wird siegen! Und daraus 
ersehen wir, daft wir zwar nicht immer den Sieg davon- 
tragen konnen iiber das Auftere, daft wir aber alles 
mogliche tun konnen, um durch die Entwickelung eines 
starken, geregelten Seelenlebens moglichst die Uberhand 
zu haben iiber ein krankes Aufteres. Und wir sehen den 
Nutzen dessen, wenn wir versuchen, unsere Gefuhle 
und Empfindungen, unseren Willen so zu gestalten, daft 
wir uns nicht bei jeder kleinen Veranlassung affiziert 
fiihlen; wenn wir versuchen, unser Denken iiber die 
groften Zusammenhange auszudehnen; wenn wir nicht 
bloft die allernachst liegenden Gedankenfaden suchen, 



sondern mit unseren Gedanken bis in die feinsten Ver- 
zweigungen des Denkens gehen, und wenn wir darauf 
bedacht sind, unser Begehren so zu gestalten, dafi wir 
nicht das Unmogliche wollen, sondern nach Mafigabe 
der Tatsachen. Wenn wir ein starkes Seelenleben entwik- 
keln, werden wir vielieicht dennoch an eine Grenze 
kommen konnen; wir werden aber das Moglkhste getan 
haben, um von Innen heraus das Ubergewicht iiber alle 
aufieren Widerstande zu erlangen. 

So sehen wir also, was es bedeutet, wenn der Mensch 
sein Seelenleben in entsprechender Weise ausbildet. In 
der Gegenwart versteht man wenig, was es heifit: Aus- 
bildung des Seelenlebens. Bei ahnlichen Gelegenheiten 
wurde schon erwahnt, dafi man heute einen grofien Wert 
zum Beispiel auf Turnen, Spazierengehen, auf grofies 
Trainieren des physischen Leibes legt. Nichts soil gesagt 
werden iiber das Prinzip, das hier angedeutet ist. Die 
Dinge konnen gesund sein. Aber sie sind ganz bestimmt 
nicht zu einem guten Ziele fuhrend, wenn man dabei nur 
auf den aufieren Menschen blickt, als ob er eine Maschi- 
ne ware, wenn man Ubungen macht, welche auf die 
blofie physiologische Kraftigung zielen. Man sollte beim 
Turnen uberhaupt nicht solche Ubungen machen, die 
unter dem Gesichtspunkte gepragt sind, dafi dieser oder 
jener Muskel besonders gekraftigt wird; sondern es soll- 
te dafiir gesorgt werden, dafi wir bei jeder Ubung eine 
innere Freude haben, aus einem inneren Wohlbehagen 
den Impuls zu einer jeden Ubung holen. Aus der Seele 
sollen die Impulse zu den Ubungen hervorgehen. Der 
Turnlehrer zum Beispiel sollte sich mit seinem Fuhlen 
hineinversetzen konnen, wie die Seele dieses oder jenes 
Wohlbehagen hat, wenn sie die eine oder die andere 
Ubung ausfuhrt. Dann machen wir die Seele stark; sonst 



machen wir nur den Korper stark, und die Seele kann 
dabei so schwach wie moglich bleiben. Wer das Leben 
beobachtet, der wird finden, dafi Ubungen, die von 
einem solchen Gesichtspunkt aus unternommen werden, 
gesundend wirken und etwas ganz anderes beitragen 
zum Wohlbefinden des Menschen als jene Ubungen, die 
unternommen werden, wie wenn der Mensch nur ein 
anatomischer Apparat ware. 

Der Zusammenhang zwischen dem seelischen Leben 
und dem physischen Leben enthiillt sich erst durch ein 
genaues Eingehen auf die Geisteswissenschaft. Wer da 
glaubt, dafi man in dem Korperlichen einen Ausgleich 
sehen karin gegen geistige Anstrengungen, der weifi ein 
Wesentliches nicht. Wer Geistesforscher ist, der weifi, 
dafi er zum Beispiel in der ungeheuerlichsten Weise 
ermudet werden kann, wenn er genotigt ist, irgendeine 
Wahrheit einem anderen beizubringen und dann zuho- 
ren mufi, wie der andere spricht, der noch nicht in einer 
ordentlichen Weise dariiber sprechen, noch keine richti- 
gen Gedankenbilder formen kann. In einem solchen 
Falle tritt fur einen Geistesforscher starke Ermudung 
ein; wahrend zum Beispiel gar keine Ermudung eintritt, 
wenn er in den geistigen Welten noch so viel forscht; das 
konnte bis ins Unendliche fortgehen. Das ist aus dem 
Grunde so, weil man es in dem Falle des Zuhorens mit 
korperlichen Vermittlungen zu tun hat, wobei das physi- 
sche Gehirn tatig ist; wahrend geistiges Forschen zwar, 
wenn es auf den unteren Stufen verlauft, auch die Mit- 
wirkung der physischen Organe notig hat; aber je hoher 
es sich erstreckt, immer weniger ihrer bedarf und um so 
weniger ermudend wirkt. Wenn der aufiere Mensch 
nicht mehr mitzuarbeiten hat, dann tritt nicht mehr 
dasjenige auf, was man Erschopfung oder Ermudung 



nennen konnte. Da sehen wir zugleich, dafi man in 
geistiger Tatigkeit Unterschiede machen mufi; dafi es 
etwas anderes ist, wenn geistige Tatigkeit den Impuls in 
der Seele selber hat oder wenn sie von aufien angeregt 
wird. Das ist ja etwas, was immer zu beachten ist: dafi in 
den Entwickelungsstadien des Menschen stets dasjenige 
eintritt, was den inneren Impulsen entspricht. 

Nehmen wir eines, was immer betont worden ist, und 
was Sie nachlesen konnen in der kleinen Schrift «Die Er- 
ziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswis- 
senschaft». Da ist gesagt worden, dafi das Kind bis zum 
siebenten Jahre bei allem, was es tut, vorzugsweise den 
Impuls fuhlt, es unter Nachahmung zu verrichten; dafi 
es dann in der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Ge- 
schlechtsreife in der Entwickelung unter dem Zeichen 
dessen steht, was man nennen konnte: Sich-Richten nach 
einer Autoritat oder Richten nach dem, was durch das 
Darleben eines andern Menschen Eindruck auf uns 
macht. Nehmen wir an, es wird dem keine Beachtung 
geschenkt; es wird dagegen gesiindigt, dafi der Impuls 
der Seele bis zum siebenten Jahre auf Nachahmung 
eingestellt ist und in der Zeit vom siebenten Jahre bis zur 
Geschlechtsreife auf Autoritatsunterwerfung. Wird dem 
keine Rechnung getragen, so wird die aufiere Korper- 
lichkeit, anstatt sich zu einem normalen Instrument fur 
die Seele zu entwickeln, sich in Unregelmafiigkeit ent- 
wickeln, und es wird dann die Seele in den folgenden 
Epochen der menschlichen Entwickelung nicht mehr die 
Moglichkeit haben, auf ein unregelmafiiges Aufieres in 
der richtigen Weise zu wirken und damit in Wechselwir- 
kung zu treten. Dann sehen wir, wenn der Mensch in 
Wendepunkten des menschlichen Lebens in ein neues 
Stadium tritt, dafi in einem gewissen Grade ein Glied des 



Menschen zuriickgeblieben sein kann, wenn diese Regel 
nicht beobachtet wird. Und man wiirde leicht finden, 
dafi nichts anderes demjenigen zugrunde liegt, was ge- 
wohnlich als Jugendblodsinn, Dementia praecox, auf- 
tritt, als das Unteriassen der Beobachtung dieser Geset- 
ze. Durch das Aufierachtlassen der richtigen Vorschrif- 
ten in friiheren Epochen tritt dann in dem Zusammen- 
wirken zwischen aufierem und innerem Menschen als 
Disharmonie dasjenige auf, was als Jugendblodsinn, De- 
mentia praecox, bekannt ist, als Symptom fur eine ver- 
spatete Nachahmung. Dann zeigt sich eben, dafi das 
Nicht-Zusammenstimmen dessen, was die Geisteswissen- 
schaft reinlich voneinander scheidet, in vieler Beziehung 
die Ursache eines abnormen Seelenlebens ist. Ebenso 
haben wir in dem, was gegen Ende des Lebens als die 
Altersparalyse auftritt, wiederum ein Nicht-Zusammen- 
stimmen zu sehen zwischen innerem und aufterem Men- 
schen, verursacht dadurch, daft der Mensch in der Zeit 
der Geschlechtsreife bis dahin, wo der Astralleib seine 
vollige Entwickelung erreicht, nicht so gelebt hat, daft 
eine Harmonie eintreten kann zwischen aufterem und 
innerem Menschen. 

Auch daraus sehen wir also, daft uns die richtige 
Anschauung iiber das Wesen des Menschen Licht brin- 
gen kann iiber das, was wir das Wesen von Irrtum und 
Irresein nennen konnen. Und wenn wir auch nur einen 
oberflachlichen Zusammenhang gefunden haben, wenn 
wir auch nicht sagen konnen, daft der Irrtum, insofern er 
dem normalen Seelenleben angehort, sich bis in das 
aufiere Leben, bis in die Lebensaufierungen pragen kann, 
so miissen wir dennoch sagen, dafi demgegeniiber das 
Trostreichere ein wichtiges Gesetz ist, namlich daft wir 
durch die Entwickelung einer starken Logik, eines gere- 



gelten, gefiihlsharmonischen und willensharmonischen 
Seelenlebens uns stark machen gegen die Hemmungen, 
die vom aufieren Menschen kommen konnen. So gibt 
uns die Geisteswissenschaft, vielleicht nicht immer, doch 
meist die Moglichkeit, die Ubermacht, die Vorherrschaft 
des aufieren Menschen auszuschliefien. Etwas Wichtiges 
ist es, dafi wir, wenn wir den inneren Menschen pflegen 
und stark machen, ihn auch wieder dadurch stark ma- 
chen gegen die Ubermacht des aufieren Menschen. Ein 
Heilmittel gibt uns darin die Geisteswissenschaft. Sie ist 
es daher, die immer wieder und wieder hinweist auf die 
Wichtigkeit, geordnete Gedankengange und ein sachge- 
mafies Vorstellungsleben zu entwickeln, nicht mit seinen 
Gedanken auf halbem Wege stehenzubleiben, sondern 
konsequent die Gedanken zu Ende zu denken. Das ist 
immer wieder von den verschiedensten Seiten her betont 
worden. Daher ist die Geisteswissenschaft mit ihrer 
strengen Forderung, unser Seelenleben so zu gestalten, 
daft es innerlich diszipliniert und harmonisiert erscheint, 
selbst ein Heilmittel gegen das Uberhandnehmen einer 
krankhaften Korperlichkeit. Und Sieger kann der 
Mensch sein iiber krankhafte Anlagen, wenn er iiber 
Korperschwache, iiber Korpermifibildung auszubreiten 
vermag das Licht eines gesunden Wollens, eines gesun- 
den Fiihlens und eines in sich selbst disziplinierten Den- 
kens. Das hort man heute oft nicht gern. Dennoch ist es 
wichtig fiir uns, um die Gegenwart zu begreifen. Und so 
konnen wir sagen: Geisteswissenschaft weist uns sogar 
einen Trost: den, dafi wir im Geiste, wenn wir ihn nur 
wahrhaft starken, immer noch das beste Heilmittel ha- 
ben fiir alles, was uns im Leben treffen kann. Wir lernen 
durch Geisteswissenschaft nicht iiber den Geist theoreti- 
sieren, sondern wir lernen ihn zu einer wirksamen Kraft 



in uns zu machen, wenn wir versuchen, bei dem nicht 
stehenzubleiben, wobei das Philistertum so gerne ste- 
henbleiben will, bei halben Gedanken. Denn nur Halb- 
heit der Gedanken ist es, wenn gesagt wird: Beweist es 
uns, was ihr da sagt iiber wiederholte Erdenleben und so 
weiter! Dem ist es nicht zu beweisen, der mit seinen 
Gedanken nicht zu Ende denken will; ganze Wahrheiten 
lassen sich mit halben Gedanken nicht beweisen! Nur 
fur ganze Gedanken lassen sie sich beweisen, und ganze 
Gedanken mufi der Mensch in sich selbst entwickeln. 

Wenn Sie das, was jetzt als Anweisung gegeben ist, 
weiter ausbauen, dann werden Sie sehen, daft damit ein 
Ubel in unserer Zeit getroffen ist: das Ubel des Unglau- 
bens an den Geist; daft aber zugleich aufmerksam ge- 
macht worden ist, wo die Mittel liegen, um den Unglau- 
ben in den Glauben an die wahre, starke Geistigkeit zu 
entwickeln. Der Glaube an die Vernunft ist im weiten 
Ausmafte heute gar nicht in der Menschheit vorhanden. 
Daher ist nicht immer diejenige verniinftige Unbefan- 
genheit da, die notwendig ist, um die Wahrheiten der 
Geisteswissenschaft auch aufzufassen. Es soli nicht mit 
Spott und Ironie gesagt sein, sondern mit einer gewissen 
Wehmut, daft man auch auf unsere heutige Zeit anwen- 
den konnte, was ein Ausspruch im «Faust» von gewissen 
Leuten sagt: 

Wenn sie den Stein der Weisen hatten, 
Der Weise mangelte dem Stein! 

Vernunft kann Geisteswissenschaft begreifen, und ver- 
niinftiges Begreifen der Geisteswissenschaft ist Gesun- 
dung bis in die aufterste Korperlichkeit hinein. Das 
behaupten iibrigens nicht nur die heutigen Geistesfor- 
scher. Das behaupteten auch immer diejenigen, welche 



auf andern Wegen als die heutige Geisteswissenschaft 
sich dem Geiste zu nahern versuchten. Aber auch solche 
Menschen werden heute wenig verstanden. Wer wiirde 
heute nicht iiber einen Hegel spotten, gerade weil er 
tiberall das Dasein, die Wirksamkeit und Notwendigkeit 
der Vernunft betont hat? Er hat sie so betont, dafi er sich 
die Wirksamkeit der Vernunft im gegenwartigen Men- 
schen in dieser Art vorstellte: Dieses Menschenleben 
mag ich mir vorstellen als ein Kreuz. Und fur Hegel 
waren die Rosen im Kreuz, was die Vernunft im Men- 
schen ist. Deshalb setzt er an die Spitze eines seiner 
Werke den Satz: « Vernunft ist die Rose im Kreuz der 
Gegenwart!» Und Glaube an die Vernunft wird das 
Kreuz siegen lassen. Glaube an die Vernunft und Glaube 
an ein diszipliniertes Denken, an ein harmonisiertes 
Empfindungs- und Willensleben wird an das Kreuz die 
Rosen hangen. Deshalb konnen wir sagen: Es ist doch 
etwas Wahres daran, dafi wir in uns die Kraft haben, 
dem entgegenzuwirken, was wir Seelenkrankheiten nen- 
nen, wenigstens bis zu einer gewissen Grenze; wenn wir 
den Glauben haben an ein harmonisiertes Empfindungs- 
leben, das wir ausbilden konnen, an ein harmonisiertes 
Willensleben, das wir ausbilden konnen, und an ein in 
sich diszipliniertes Vernunftleben, das wir ausbilden kon- 
nen und das wir ausbilden sollen. Bilden wir diese drei aus, 
so werden wir uns unter alien Umstanden kraftiger 
und siegreicher im Leben machen. Und weil Hegel ein 
harmonisches Empfindungs- und Willensleben, ein diszi- 
pliniertes Gedankenleben, eine vernunftige Intellektualitat 
zusammenfafit in der Vernunft, deshalb tut er den Aus- 
spruch, der ein Leitspruch fur uns sein kann bei der Aus- 
bildung unseres Seelenlebens, dafi die Vernunft sein soil 
fur den Menschen die Rose im Kreuz der Gegenwart! 



DAS MENSCHLICHE GEWISSEN 



Berlin, 5. Mai 1910 

Gestatten Sie, dafi ich den heutigen Vortrag mit einer 
personlichen Erinnerung beginne. Sie bezieht sich auf 
ein kleines Erlebnis, das ich als ganz junger Mensch 
hatte, und das zu den Dingen gehort, die, wenn auch 
scheinbar ganz klein und unbedeutend, doch fiir das Le- 
ben immer wieder schone Erinnerungen bilden konnen. 

Als ganz junger Mensch horte ich einmal die Vortrage 
eines Dozenten iiber Literaturgeschichte. Der betref- 
fende Vortragende begann damals seinen Kursus mit 
einer Betrachtung des Geisteslebens zur Zeit Lessings 
und wollte einleiten eine Reihe von Betrachtungen, die 
durch die literarische Entwickelung der zweiten Halfte 
des 18. und eines Teiles des 19. Jahrhunderts fuhren 
sollten. Und er begann mit Worten, welche einen tiefen 
Eindruck machen konnten. Er wollte den Hauptcharak- 
terzug, der in das literarische Geistesleben zur Zeit 
Lessings hineinkam, dadurch charakterisieren, da£ er 
sagte: Das kiinstlerische Bewufitsein bekam ein astheti- 
sches Gewissen. - Wenn man sich dann aus dem, was er 
weiter ausfuhrte, zurechtiegte, was er mit diesem Aus- 
spruch eigentlich sagen wollte - diskutieren wollen wir 
iiber die Berechtigung dieser Behauptung nicht -, so war 
es etwa folgendes : In die ganzen kunstlerischen Betrach- 
tungen und in alle Absichten der kunstlerischen Leistun- 
gen, die sich an das Bestreben Lessings und anderer 
Zeitgenossen anschlossen, kam hinein der tiefste Ernst, 
durch den sie die Kunst nicht bloft zu etwas machen 



wollten, was wie ein Anhangsel des Lebens dasteht, was 
nur da ist, urn auch nur etwas hinzuzufugen zu den 
verschiedenen anderen Vergniigungen des Lebens; son- 
dern sie wollten die Kunst vielmehr zu etwas machen, 
was sich als ein notwendiger Faktor jedes menschenwiir- 
digen Daseins in die Entwickelung einfiigen mufi. Die 
Kunst zu erheben zu einer ernsten und wiirdigen 
Menschheitsangelegenheit, die mitzusprechen hat in dem 
Chor, in welchem gesprochen wird iiber die grofien 
fruchtbringenden Angelegenheiten der Menschheit, das 
sei das Ziel gewesen der Geister, die jene Epoche began- 
nen. - Das wollte jener Literarhistoriker sagen, indem er 
betonte: Es kam in das kunstlerisch-dichterische Leben 
hinein asthetisches Gewissen. 

Warum konnte denn ein soldier Ausspruch eine Be- 
deutung haben fur eine Seele, die hinhorchen wollte auf 
die Ratsel des Daseins, wie sie sich in diesem oder jenem 
Menschenkopf spiegeln? Aus dem Grunde konnte ein 
solcher Ausdruck eine Bedeutung gewinnen, weil die 
Kunstauffassung geadelt werden sollte, indem sie mit 
einem Ausdruck belegt wurde, iiber dessen Bedeutung 
fur alles Menschendasein, fur alle Menschenwiirde und 
Menschenbestimmung kein Zweifel bestehen kann. Mit 
einem Ausdruck sollte der Ernst des kiinstlerischen Wir- 
kens belegt werden, iiber dessen Bedeutung sozusagen 
eine Diskussion ausgeschlossen ist. Und es ist etwas 
daran, wenn wir davon sprechen, dafi in irgendeiner 
Angelegenheit jene Seelenerlebnisse eine Bedeutung ha- 
ben, die wir mit dem Ausdruck « Gewissen » bezeichnen, 
weil wir dadurch gleichsam die betreffenden Angelegen- 
heiten hinaufheben wollen zu einer Sphare, in der sie 
geadelt werden. Das heifit mit anderen Worten: Die 
menschliche Seele verspiirt, wenn der Ausdruck «Gewis- 



sen» ausgesprochen wird, dafi etwas beriihrt wird von 
dem Wertvollsten im menschlichen Seelenleben, etwas 
von dem, was einen Mangel bedeuten wiirde fiir dieses 
Seelenleben, wenn es nicht in ihm vorhanden ware. Und 
wie oft ist gesagt worden, um das Grofie und Bedeu- 
tungsvolle dessen zu charakterisieren, was mit dem Wort 
«Gewissen» bezeichnet wird - ganz gleichgiiltig, ob das 
der andere bildlich oder wirklich versteht: Was sich als 
Gewissen ankiindigt in der menschlichen Seele, ist die 
Stimme Gottes in dieser Seele. Und man wird auch 
kaum finden, dafi es irgendeinen Menschen geben kann, 
wenn er auch noch so wenig iiber hohere geistige Ange- 
legenheiten nachzudenken bereit ist, der nicht irgend- 
einen Begriff sich von dem gemacht hatte, was man 
gemeinhin das «Gewissen» nennt. Ein jeder hat ja so 
ungefahr das Gefiihl: Was es auch sein mag, es ist eine 
Stimme, die mit einer unwiderleglichen Gewalt in der 
einzelnen Menschenbrust Entscheidungen trifft iiber das, 
was gut und was schlecht oder bose ist; iiber das, was 
getan werden soli, damit der Mensch mit sich selber 
einverstanden sein kann, und was unterlassen werden 
muE, damit der Mensch nicht an den Punkt kommt, wo 
er sich selber in gewissem Sinne mit Verachtung behan- 
deln muE. Daher konnen wir sagen: Das Gewissen er- 
scheint jeder einzelnen Menschenseele als etwas Heiliges 
in der Menschenbrust, als etwas, woriiber es verhaltnis- 
maftig sogar leicht ist, irgendeine Ansicht zu gewinnen. 

Anders allerdings stellt sich die Sache, wenn wir ein 
wenig die menschliche Geschichte und das menschliche 
Geistesleben betrachten. Wer wiirde denn nicht, wenn er 
eine solche geistige Angelegenheit ins Auge fafit, und 
wenn er tiefer zu sehen sich bemiiht, ein wenig Umschau 
halten bei denen, wo er ein Wissen dariiber voraussetzen 



kann: bei den Philosophen? Allerdings wiirde es ihm da 
gegeniiber einer solchen Angelegenheit so ergehen wie 
gegeniiber so vielen anderen Menschheitsangelegenhei- 
ten: Die Erklarungen, die man bei den verschiedenen 
Philosophen iiber das Gewissen findet, unterscheiden 
sich, wenigstens scheinbar, betrachtlich voneinander, 
wenn sie auch immer einen mehr oder wemger dunklen 
Kern enthalten, der iiberall gleich ist. Aber das ware 
nicht das Schlimmste. Wer sich recht viel Miihe geben 
wollte, die verschiedenen Philosophen alter und neuerer 
Zeit zu fragen, was sie unter dem Gewissen verstanden 
haben, der wiirde finden, dafi er mancherlei recht schone 
Satze bekame - auch mancherlei recht schwer verstand- 
liche Satze -, dafi er aber nichts Rechtes trafe, von dem 
er sich sagen konnte, dafi es vollstandig und zweifellos 
dasjenige zum Ausdruck brachte, wovon er fiihlt: das ist 
das Gewissen! - Es wiirde allerdings heute viel zu weit 
fiihren, wiirde ich Ihnen eine Bliitenlese geben von dem, 
was als die verschiedenen Erklarungen iiber das Gewis- 
sen Jahrhunderte hindurch von seiten gerade der philo- 
sophischen Fiihrer der Menschheit gesagt worden ist. Da 
konnte hingewiesen werden darauf, daE etwa von dem 
ersten Drittel des Mittelalters an und dann durch die 
ganze mittelalterliche Philosophic hindurch, wenn vom 
Gewissen die Rede war, immer gesagt worden ist, das 
Gewissen sei eine Kraft der menschlichen Seele, welche 
fahig ist, unmittelbar Aussagen zu machen iiber das, was 
der Mensch tun und lassen soil. Aber - so sagen zum 
Beispiel die Philosophen des Mittelalters - es liegt die- 
sem Kraftmoment in der menschlichen Seele noch etwas 
anderes zugrunde, noch etwas Feineres als das Gewissen 
selber. Eine Personlichkeit, deren Name hier auch schon 
ofter genannt worden ist, Meister Eckhart spricht davon, 



dafi dem Gewissen zugrunde lage ein ganz kleiner Fun- 
ke, der gleichsam als ein Ewiges in die Menschenseele 
gelegt worden ist, und der mit einer unwiderstehlichen 
Gewalt, wenn er vernommen wird, anzeigt die Gesetze 
des Guten und des Bosen. 

Wenn wir dann in die neue Zeit heraufkommen, fin- 
den wir wieder die verschiedensten Erklarungen iiber 
das Gewissen; darunter auch solche, welche einen eigen- 
tiimlichen Eindruck hervorrufen miissen, weil sie deut- 
lich an der Stirn geschrieben tragen, dafi sie den ganzen 
Ernst jener inneren Gottesstimme, die wir das Gewissen 
nennen, eigentlich nicht zum Ausdruck bringen. Es gibt 
Philosophen, welche davon sprechen, dafi das Gewissen 
eigentlich etwas sei, was der Mensch sich dadurch er- 
ringt, daft er immer mehr und mehr Lebenserfahrungen 
in seine Seele aufnimmt, immer mehr und mehr erlebt, 
was fur ihn niitzlich, schadlich, vervollkommnend und 
so weiter ist oder nicht. Und aus dieser Summe von 
Erfahrungen bilde sich sozusagen der Niederschlag eines 
Urteils, das dann sprache: Tue das, tue das nicht! - Es 
gibt andere Philosophen, welche dem Gewissen wieder- 
um die hochste Lobrede gehalten haben, die man ihm 
nur halten kann. Zu diesen letzten gehort der grofie 
deutsche Philosoph Jobann Gottlieb Fkbte, der, wenn er 
auf das Grundprinzip alles menschlichen Denkens und 
Seins hinweisen wollte, vor alien Dingen auf das mensch- 
liche Ich hindeutete, aber nicht auf das vergangliche, 
personliche Ich, sondern auf den ewigen Grundkern im 
Menschen. Er wies zugleich darauf hin, daft das Hoch- 
ste, was der Mensch erleben kann in seinem Ich, das 
Gewissen sei. Und er sprach es geradezu aus, dafi der 
Mensch nichts Hoheres erleben konne als das Urteil in 
sich: Das mufit du tun, weil es deinem Gewissen wider- 



sprache, es nicht zu tun. Dariiber konne man, was 
Majestat, was Adel des Urteils betrifft, iiberhaupt nicht 
hinausgehen. Und wenn Fichte gerade der Philosoph ist, 
der am allerstarksten von alien Philosophen auf die Kraft 
und Bedeutung des menschlichen Ich hingewiesen hat, 
so ist es charakteristisch, daft er als den bedeutendsten 
Impuls im menschlichen Ich wiederum das Gewissen 
hinstellt. 

Je mehr wir aller dings dann in die neuere Zeit hinauf- 
kommen, und je mehr sich das Denken einem materiali- 
stischen Grundcharakter nahert, desto mehr finden wir, 
da£ das Gewissen - nicht fur die menschliche Brust und 
nicht fur das menschliche Herz, wohl aber fur das 
Denken der mehr oder weniger materialistisch ange- 
hauchten Philosophen - in seiner Majestat sehr stark 
herabgedriickt wird. Nur durch ein Beispiel soil das 
beleuchtet werden. 

In der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts gibt es 
einen Philosophen, der ganz gewift in bezug auf Vor- 
nehmheit der Seele, in bezug auf menschliches, harmoni- 
siertes Fuhlen, in bezug auf Weitherzigkeit der Gesin- 
nung zu den schonsten und herrlichsten Personlichkei- 
ten gehort. Er ist heute schon wenig mehr genannt: ich 
meine Bartbolomdus Carneri. Wenn Sie seine Schriften 
durchgehen, finden Sie trotz der Vornehmheit seiner 
Denkweise, trotz der Weitherzigkeit seiner Gesinnung, 
weil er ganz angehaucht war von der materialistischen 
Denkweise seines Jahrhunderts, da£ er das Gewissen so 
charakterisiert: Was konnen wir uns unter dem Gewis- 
sen vorstellen? Es ist doch im Grunde genommen nichts 
anderes als eine Summe von Gewohnheiten und anerzo- 
genen Urteilen, die wir in der ersten Jugend aufgenom- 
men haben, die uns eingepragt sind durch Erziehung 



und Leben, deren wir uns nicht mehr genau bewufk 
sind. Aus unseren anerzogenen Gewohnheiten heraus 
spricht es: «Das sollst du tun - das sollst du nicht tun!» 

Also auf die aufieren Lebenserfahrungen und Lebens- 
gewohnheiten, und zwar auf die engumschranktesten, 
wird hier der ganze Umfang des Gewissens zuriickge- 
fiihrt. Ja andere, noch mehr materialistisch angehauchte 
Philosophen des 19. Jahrhunderts sind noch weiter ge- 
gangen. Und interessant ist in dieser Beziehung die 
Schrift eines Philosophen, der in seiner mittleren Zeit auf 
Friedrich Nietzsche einen gro£en Einflufi gehabt hat: 
Paul Ree. Von ihm gibt es eine Schrift iiber die Entste- 
hung des Gewissens. Sie ist interessant, nicht weil man 
auch nur in einem einzigen Satze beistimmen konnte, 
sondern als ein Symptom fur die Anschauungen unserer 
ganzen Zeit. Darin wird ungefahr ausgefiihrt - seien wir 
uns bewufk, wenn man etwas kurz sagen und mit ein 
paar scharfen Linien darstellen mufi, wird es dadurch in 
manchen Einzelheiten etwas verzerrt werden mussen -: 
Die Menschheit hat sich in bezug auf alle Eigenschaften 
entwickelt, also auch in bezug auf das Gewissen. Ur- 
spriinglich hatten die Menschen das iiberhaupt nicht, 
was wir das Gewissen nennen. Das ist nur ein Vorurteil, 
und zwar eines der gewaltigsten, wenn man das Gewis- 
sen fur etwas Ewiges halt. Ursprunglich ist so etwas wie 
eine Stimme, die uns sagt: «Das sollst du tun - das sollst 
du nicht tun!», eine Stimme, die wir als das Gewissen 
bezeichnen - so meint Paul Ree iiberhaupt nicht 
vorhanden gewesen. Aber es entwickelte sich das, was 
wir den Rachetrieb nennen konnten. Das war das Ur- 
spriinglichste. Wenn einem irgend etwas angetan war, 
entwickelte sich der Rachetrieb, dasjenige wieder zu- 
riickzugeben, was einem angetan worden war. Und 



durch die Komplikation der Lebensverhaltnisse kam es 
dahin, dafi in sozialen Verbanden die Rache den Mach- 
ten iibergeben wurde, denen man die Ausfiihrung iiber- 
trug. So gewdhnte sich der Mensch daran, zu glauben, 
dafi auf jede Tat, durch die ein anderer geschadigt wird, 
etwas folgen miisse, was man friiher «Rache» genannt 
hat. So bildete sich das Urteil heraus, dafi gewisse Taten, 
die schlimme Folgen haben, ausgeglichen werden miis- 
sen durch andere Taten. Und aus der Weiterbildung 
dieses Urteils entstand dann ein Zusammenhang zwi- 
schen gewissen Gefuhlen, die der Mensch haben kann, 
wenn eine Tat getan ist, oder selbst, wenn er in die 
Versuchung kommt, etwas zu tun. Das hat der Mensch 
vergessen, daft ursprunglich der Rachetrieb lebendig 
war; das aber hat sich festgesetzt im Gefiihl, dafi eine 
Handlung folgen miisse als Ausgleich auf eine schadi- 
gende Tat. So glaubt der Mensch jetzt, dafi eine «innere 
Stimme» sprache, wahrend es in Wahrheit nur die nach 
innen verschlagene Stimme des Rachetriebes ist. - Da 
haben wir einen extremen Fall, dadurch extrem, weil 
durch eine solche Auseinandersetzung das Gewissen als 
eine vollstandige Illusion hingestellt wird. 

Aber auf der anderen Seite miissen wir doch wieder 
zugestehen, dafi auch jene Menschen viel zu weit gehen, 
welche behaupten, das Gewissen sei etwas, was als eine 
Tatsache immer vorhanden gewesen sei, solange es iiber- 
haupt Menschen auf der Erde gabe, daft es sozusagen 
etwas Ewiges sei. Indem sowohl dort, wo mehr geistig 
gedacht wird, wie auch dort, wo man das Gewissen als 
reine Illusion erklart, Fehler gemacht werden, ist eine 
Verstandigung auf diesem Gebiete sehr schwierig, trotz- 
dem es sich um eine alltagliche, aber alltaglich-heilige 
Sache unseres menschlichen Innern handelt. Schon durch 



eine Umschau bei den Philosopher! konnte man entneh- 
men, daft iiber das Gewissen selbst bei den besten 
unserer menschlichen Personlichkeiten friiher anders ge- 
dacht worden ist, als wir es heute miissen. Es ist mit 
Recht hingewiesen worden von Leuten, die doch etwas 
tiefer sehen in solchen Sachen, daft wir zum Beispiel bei 
einer so hehren Personlichkeit wie Sokrates im Grunde 
genommen gar nicht so etwas finden wie das, was wir 
heute als «Gewissen» bezeichnen. Denn wenn wir sagen: 
das Gewissen ist eine Stimme, welche selbst in der Brust 
des naivsten Menschen spricht und die wie mit gottlich- 
heiligem Impuls sagt: «Dies sollst du tun! das sollst du 
lassen!» so nimmt sich demgegeniiber die von Sokrates 
gemachte und dann auf Plato iibergegangene Behaup- 
tung doch etwas anders aus. Beide behaupten, daft Tu- 
gend etwas sei, was lehrbar sei, was man lernen konne. 
Sokrates will also sagen: Wenn der Mensch sich klare 
Begriffe bildet iiber das, was er tun oder nicht tun soli, 
so kann er durch Lernen, durch ein Wissen von der Tu- 
gend dazu kommen, allmahlich tugendhaft zu handeln. 

Wer nun auf dem heutigen Begriff des Gewissens 
feststeht, konnte dagegen einwenden: Das ware eigent- 
lich recht schlimm, wenn man erst abwarten miiftte, bis 
man gelernt hat, was gut oder schlecht ist, um zu einem 
tugendhaften Handeln zu kommen. Das Gewissen ist 
etwas, was mit viel elementarerer Gewalt in der mensch- 
lichen Seele spricht - und langst im einzelnen Falle 
vernehmbar spricht: «Das sollst du tun und das lassen!» 
bevor wir uns die hoheren Ideen gebildet haben iiber 
das, was gut und bose ist, bevor wir also eine Morallehre 
aufgenommen haben. Und Gewissen ist etwas, was eine 
gewisse Ruhe in die menschhche Seele einziehen laftt, 
wenn der Mensch sich sagen kann: Du hast etwas getan, 



womit du einverstanden sein kannst. Schlimm ware es - 
so kann mancher sagen -, wenn wir erst viel lernen 
miifiten iiber Wesen und Charakter der Tugend, urn zu 
einer Zustimmung iiber unser Handeln kommen zu 
wollen. - Deshalb konnen wir sagen: Jener Philosoph, 
zu dem wir wie zu einem Martyrer der Philosophic 
aufsehen, der durch seinen Tod geadelt und gekront hat 
sein philosophisches Werk, Sokrates, er stellt uns einen 
Tugendbegriff hin, der sich schwer mit dem heutigen 
Begriff vom Gewissen vereinigen lafit. Und selbst bei 
den spateren griechischen Denkern wird immer noch 
gesagt, dafi man sich durch Lernen in der Tugend ver- 
vollkommnen konne; was im Grunde der urspriingli- 
chen elementaren Macht des Gewissens widersprechen 
wiirde. 

Woher kann es nun kommen, dafi eine so hehre und 
gewaltig erscheinende Personlichkeit wie Sokrates eigent- 
lich den Begriff, den wir uns heute vom Gewissen 
machen, noch nicht kennt, trotzdem wir fiihlen, wenn 
wir an Sokrates herantreten, so wie ihn uns Plato als 
Unterredner darstellt, dafi aus seinen Worten der reinste 
Moralsinn, die hochste Tugendkraft spricht? Das kommt 
von nichts anderem her als davon, dafi selbst diejenigen 
Begriffe, Vorstellungen und inneren Seelenerlebnisse, die 
heute der Mensch so fuhlt, als waren sie ihm gleichsam 
eingeboren, auch im Laufe der Zeit von <fer Menschen- 
seele erst errungen worden sind. Wer zuriickgeht in das 
Geistesleben der Menschheit, der wird allerdings finden, 
dafi der Begriff des Gewissens und das Gefuhl vom 
Gewissen in den alten Zeiten - auch beim griechischen 
Volke - nicht in derselben Art vorhanden waren, wie sie 
heute gedacht und gefiihlt werden. Entstanden ist der 
Begriff des Gewissens. Aber nicht auf so leichte Weise 



durch au£ere Erfahrung und aufiere Wissenschaft kann 
der Mensch etwas lernen iiber die Entstehung des Gewis- 
sens, wie es etwa durch Paul Ree versucht worden ist; 
sondern da raufi schon tiefer hineingeleuchtet werden in 
die menschliche Seele. 

Nun haben wir es in diesem Winter gerade als Aufga- 
be dieser Vortrage betrachtet, in das Gefuge der mensch- 
lichen Seele tiefer hineinzuleuchten, und zwar mit jenem 
Lichte, das entnommen ist einer Entwickelung der 
menschlichen Seele zu hdheren Erkenntisfahigkeiten hin- 
auf. Es wurde ja alles Seelenleben so dargestellt, wie es 
sich zeigt dem geoffneten Auge des Sehers, jenem Auge, 
das nicht nur die aufSere Sinneswelt sieht und sich nicht 
nur ein Wissen erringt von der Sinneswelt, sondern das 
hinter den Schleier der Sinneswelt in die Region schaut, 
wo die eigentlichen Urspriinge der Sinneswelt liegen: in 
die geistigen Untergriinde dieser Sinneswelt. Und auf 
der anderen Seite wurde wiederholt darauf hingewiesen 
- zum Beispiel in dem Vortrage «Was ist Mystik?» -, 
wie iiber dasjenige hinaus, was uns im Alltagsleben als 
unser Seelenleben erscheint, das seherische Bewufksein 
in tiefere Regionen der Seele hineinfiihrt. Wir glauben 
im gewohnlichen Leben der Seele schon tiefere Unter- 
griinde zu erkennen, wenn wir in uns selber blicken und 
die Gedanken-, Gefuhls- und Willenserlebnisse finden. 
Es ist aber darauf hingewiesen worden, wie das, was sich 
unserer Seele im tagwachenden Zustand zeigt, im Grun- 
de nur die Aufienseite fiir das eigentlich Geistige ist. 
Geradeso wie wir hinter den Schleier des Daseins schau- 
en miissen, wenn wir dessen Untergriinde finden wollen, 
hinter das, was uns unsere Augen zeigen, was uns unsere 
Ohren horen lassen, was uns unser Verstand durch das 
Gehirn erkennen lafk, so miissen wir hinter unser Den- 



ken, Fiihlen und Wollen schauen, auch hinter die Griin- 
de dessen, was wir in unserem Innern als das gewohn- 
liche Seelenleben haben, wenn wir die eigentlichen Ursa- 
chen, die geistigen Untergriinde unseres eigenen Lebens 
kennenlernen wollen. 

Von solchen Gesichtspunkten sind wir ausgegangen, 
um das menschliche Seelenleben in seinen mancherlei 
Verzweigungen zu beleuchten. Das hat sich uns heraus- 
gestellt, dafi dieses menschliche Seelenleben in drei von- 
einander zu unterscheidenden Gebieten zu betrachten ist 
— wohl gemerkt, ich sage nicht «zu trennenden Gebie- 
ten»! Als das unterste Glied des Seelenlebens hat sich 
uns die Empfindungsseele dargestellt. Bei einem Men- 
schen, der noch ganz hingegeben ist seinen Trieben, 
Begierden und Leidenschaften, der es noch nicht dahin 
gebracht hat, seine Affekte und Leidenschaften zu lau- 
tern und zu reinigen und von seinem Ich aus Herr iiber 
sie zu werden, sprechen wir davon, dafi die Empfin- 
dungsseele das Ubergewicht hat. Wenn der Mensch dann 
immer mehr und mehr Herr wird iiber Triebe, Begier- 
den und Leidenschaften, dann zeigt sich uns ein hoheres 
Seelenglied: die Verstandes- oder Gemiitsseele. Darin 
macht sich geltend, was im Menschen lebt als Wahrheits- 
sinn, als Mitgefiihl mit anderen Menschen und derglei- 
chen. Die Verstandesseele entwickelt sich aus der Emp- 
findungsseele heraus. Und das hochste Seelenglied, zu 
dem sich der Mensch zunachst aufschwingen kann - er 
wird in der Zukunft noch hohere Glieder entwickeln -, 
haben wir die Bewufitseinsseele genannt. Wahrend der 
Mensch in der Empfindungsseele das, was als aufiere 
Eindriicke von au£en auf ihn wirkt, mit seinen Trieben 
und Leidenschaften beantwortet, steigt er in seine Ge- 
miitsseele hinauf, um, ohne lediglich auf Triebe und 



Leidenschaften zu horen, die Eindriicke der Welt zu 
beantworten. Wenn er seine Triebe, Begierden und Lei- 
denschaften lautert, entwickelt sich die Verstandesseele. 
Wenn er dann mit dem, was er sich in seinem Innern 
erobert hat, wiederum herantritt an die aufiere Welt, 
wenn er sich innerlich Vorstellungen erworben hat, um 
die Welt zu begreifen, und sich sagt: Meine Vorstel- 
lungen und Begriffe sind dazu da, um mir die Welt 
verstandlich zu machen, - wenn er gleichsam wieder aus 
sich herausgeht, um sich ein Bewufitsein zu erwerben 
von dem, was drauften in der Welt vorhanden ist, dann 
steigt er hinauf zur Bewufkseinsseele. 

Was ist es, was sich in der menschlichen Seele durch 
diese drei Seelenglieder hinauf arbeitet? - Das ist das 
menschliche Ich, jener Einheitspunkt des menschlichen 
Innern, durch den alles zusammengehalten wird, was 
gleichsam wie auf drei Saiten des Seelenlebens spielt, 
indem es sie in der verschiedensten Weise zusammen- 
klingen lalk, konsonierend oder dissonierend. Diese Ge- 
walt im Innern, die sich dadurch geltend macht, dafi sie 
die Begriffe wieder verbindet mit den Dingen der Welt, 
nennen wir das menschliche Ich, das anwesend ist in 
alien drei Seelengliedern wie ein innerer Kiinstler, der 
auf dem menschlichen Seelenwesen spielt wie auf drei 
Saiten. Aber was wir so sehen wie eine Art inneren 
Spiels des Ich innerhalb unserer Seelenglieder, das hat 
sich doch erst nach und nach entwickelt. Ja, die ganze 
Art des jetzigen Bewulkseins hat sich erst nach und nach 
entwickelt. Und wir verstehen am besten, wie dieses 
menschliche Bewufitsein und das heutige menschliche 
Seelenleben sich aus der Urzeit hereinentwickelt haben, 
wenn wir ein wenig hinweisen auf das, was aus dem 
Menschen in der Zukunft werden kann, und was schon 



heute aus ihm werden kann, wenn er aus der Bewulk- 
seinsseele heraus seine Seele entwickelt eben zu dem, 
was wir ein hoheres, seherisches Bewufitsein nennen 
konnen. 

Die gewohnliche Bewufkseinsseele lafit uns nur jene 
Aufienwelt begreifen, welche dem Sinnesleben gegen- 
iibersteht. Wenn der Mensch hinter den Schleier der 
Sinnenwelt dringen will, muE er sein Seelenleben holier 
hinaufentwickeln, mufi er die Entwickelung in sich sel- 
ber fortsetzen. Dann macht er die grofie Erfahrung, dafi 
es so etwas gibt wie eine Erweckung der Seele, etwas, 
was sich vergleichen lafit im niederen Seelenleben mit 
der Operation eines Blindgeborenen, der vorher nichts 
gewulk hat von Licht und Farben und nachher herein- 
brechen sieht die lichtvolle, farbige Welt. So ist es mit 
dem, der durch die entsprechenden Methoden seine 
Seele zu hoherer Entwickelung bringt und der dann den 
Augenblick erlebt, wo das, was sonst nicht genannt wird 
in unserer Umgebung, was uns aber immer umschwirrt, 
hereintritt als eine Fiille von Wesenheiten und Tatsachen 
in unserem Seelenleben, weil wir uns ein neues Organ 
erworben haben. 

Wenn sich der Mensch bewufit durch Schulung zu 
solchem Sehertum entwickelt, nimmt er sein voiles Ich 
in dieses Sehertum mit hinauf; das hei£t, er bewegt sich 
innerhalb der geistigen Wesenheiten und Tatsachen, die 
unserer sinnlichen Welt zugrunde liegen, so wie er sich 
zwischen Tischen und Stiihlen in der Sinnenwelt bewegt. 
Was ihn als sein fruheres Ich geleitet hat durch Empfin- 
dungsseele, Verstandesseele und Bewufitseinsseele, das 
nimmt er in eine hohere Region des menschlichen Seelen- 
lebens mit hinauf. 

Wenden wir jetzt von dem hellseherischen BewuEt- 



sein, das durchleuchtet und durchgliiht ist vom Ich des 
Menschen, den Blick wieder zuriick auf das gewohnliche 
Seelenleben. In der verschiedensten Weise lebt das Ich 
des Menschen in drei Seelengliedern. Haben wir einen 
Menschen, der ganz und gar in den Trieben, Begierden 
und Leidenschaften lebt, die in seiner Empfindungsseele 
aufsteigen, ohne dafi er im Grunde etwas dazu tut, so 
sagen wir: er ist hingegeben an seine Empfindungsseele, 
und das Ich ist noch sehr schwach in ihm tatig. Da hat 
das Ich keine besondere Gewalt; es folgt sozusagen den 
Trieben, Begierden und Leidenschaften der Empfin- 
dungsseele. Wir konnen sagen: Innerhalb jener Gewal- 
ten, die wie die Meereswogen der Seele auftauchen aus 
der Empfindungsseele, steht als eine schwache Leuchte 
das Ich da und vermag noch wenig gegeniiber dem 
Wogen der Triebe und Willensimpulse. - Freier und 
selbstandiger arbeitet das Ich schon in der Verstandes- 
seele oder Gemiitsseele. Da kommt der Mensch schon 
mehr zu sich, weil die Verstandesseele sich nur dadurch 
entwickeln kann, dafi der Mensch das, was er in seiner 
Empfindungsseele innerlich erlebt, im ruhigen, inneren 
Seelenleben verarbeitet. Der Mensch kommt in der Ver- 
standesseele zu seinem Ich, das heifit zu sich selber. Das 
Ich wird immer leuchtender und leuchtender und 
kommt dann zur vollstandigen Klarheit, so dafi der 
Mensch sich sagen kann: Ich habe mich erfafit! Ich bin 
zum eigentlichen Selbstbewufitsein gekommen! Zu die- 
ser Klarheit kann das Ich erst in der Bewufitseinsseele 
kommen. Da zeigt sich die vordringende Starke des Ich, 
wenn wir hinaufdringen von der Empfindungsseele 
durch die Verstandesseele zur Bewufkseinsseele. 

Wenn sich aber der Mensch in seinem Ich liber die 
Bewufkseinsseele hinausentwickeln kann zum hellsich- 



tigen Bewulksein, gleichsam zu hoheren Seelengliedern, 
so werden wir es auch begreiflich finden, wenn der 
Seher, zuriickblickend in die Menschheitsentwickelung, 
uns sagt: Geradeso wie das Ich hinaufsteigt zu hoheren 
Seelengliedern, so ist es auch in die Empfindungsseele 
hineingekommen von einem untergeordneten Gliede der 
Menschennatur. - Wir haben schon darauf hingewiesen, 
wie die Gesamtheit des menschlichen Innern - Empfin- 
dungsseele, Verstandes- oder Gemiksseele und Bewufit- 
seinsseele - sich entwickelt in der Gesamtheit der 
menschlichen Hiillen, die wir bezeichnen als physischen 
Leib, Atherleib und astralischen Leib oder Empfindungs- 
leib. Mufi es da nicht begreiflich erscheinen, wenn nun 
die Geisteswissenschaft uns zeigt, dafi das Ich, bevor es 
sich hinaufentwickelt hat durch die Empfindungsseele 
bis zur Bewufitseinsseele, eigentlich in untergeordneten, 
noch wenig seelischen Gliedern des Menschen, in den 
aufieren menschlichen Hiillen tatig war? Bevor das Ich 
in der Empfindungsseele war, war es im Empfindungs- 
leib tatig; noch friiher im Atherleib und im physischen 
Leib. Da war es noch mehr ein solches Ich, das den 
Menschen von aufien lenkte und leitete. Wenn wir uns 
von dieser Wirksamkeit eine Vorstellung machen wollen, 
konnen wir etwa sagen: Wenn wir den Menschen vor 
uns haben in seinen drei Hiillen, sehen wir das Ich 
wirksam, indem es den Menschen leitet und lenkt. Aber 
da ist der Mensch noch nicht fahig, zu sich Ich zu sagen, 
noch nicht fahig, in sich selber seinen Wesensmittel- 
punkt zu finden. Da kommen wir zu einem Ich, das 
noch in dem Dunkel des Leibeslebens waltet. Aber legen 
wir uns jetzt die Frage vor: Ist dieses Ich, das in dieser 
urfernen Vergangenheit im Menschen gewaltet hat und 
die aufiere Leiblichkeit aufgebaut hat, eigentlich unvoll- 



kommener zu denken als dasjenige Ich, das wir heute 
selbst in unserer Seele tragen? 

Wir blicken heute auf unser Ich als auf den eigentli- 
chen inneren Sammelpunkt unseres Wesens, das uns als 
Menschen uns ere Innerlichkeit gibt, und das sich in 
Zukunft durch Schulung in unendlicher Weise vervoll- 
kommnen kann. Wir sehen in ihm den Inbegriff unserer 
menschlichen Wesenheit und zugleich dasjenige, was uns 
Gewahr gibt fur unsere Menschenwiirde. Als wir nun 
dieses Ich noch nicht spiirten, als es noch an uns arbeite- 
te aus den dunklen geistigen Gewalten der Welt heraus, 
war es da unvollkommener, als es jetzt in uns ist? - Das 
konnte nur derjenige sagen, der blofi abstrakt denken 
wollte. 

Wir blicken zum Beispiel auf unseren physischen Leib 
als auf etwas, was in urferner Vergangenheit aus der 
geistigen Welt heraus gebildet worden ist, das aber doch 
da sein mulke, damit die Seele darinnen wohnen kann. 
Nur materialistischer Sinn konnte glauben, daft dieser 
physische Leib nicht aus dem Geiste heraus ist. Aber wir 
blicken damit zugleich auf etwas, was als geistige Schop- 
fung demjenigen vorangehen mufite, was wir jetzt unser 
Innenleben nennen. Denn unser Innenleben mufi wah- 
rend des Erdendaseins in einem Leibe wohnen, und der 
muike vorher zubereitet sein. Wenn wir den Leib auch 
nur auEerlich betrachten, werden wir uns sagen mussen: 
Was ist dieser menschliche Leib doch fur ein Wunder- 
werk an Vollkommenheit! Wer auch nur als Anatom 
oder Physiologe zum Beispiel das menschliche Herz 
anschaut in seinem Wunderbau, der wird sagen; Was ist 
aller menschlicher Verstand, was ist alle technische Ge- 
schicklichkeit, verglichen mit dem, was sich uns als 
Weisheit im Bau des menschlichen Herzens darstellt! 



Was ist alle unsere Ingenieurtechnik, die Briickengeriiste 
und dergleichen aufbaut, gegen das Geriist des menschli- 
chen Oberschenkelknochens, das sich uns darstellt als 
ein wunderbares Geriist von hin- und hergehenden Bal- 
kenlagen, wenn wir es durch das Mikroskop betrachten! 
Es ist ein schier unermefilicher Hochmut, wenn der 
Mensch glauben wollte, dafi er auch nur im allerge- 
ringsten Grade das erreicht hatte, was als Weisheit hin- 
eingelegt ist in den Bau des au£eren physischen Leibes. 
Und wenn wir unser Seelenleben betrachten - gehen wir 
nur bis zu den Trieben, Begierden und Leidenschaften - 
und fragen wir: Wie wirken diese? Was tun wir nicht 
alles, um von unserem Innern heraus den weisheitsvoll 
organisierten Bau unseres Leibes zu untergraben? - dann 
wird der, der unbefangen das Weisheitswerk des mensch- 
lichen Hiillenbaues betrachtet, sagen miissen: Unendlich 
viel weiser ist der Bau unseres Leibes als das, was wir in 
unserem Innern tragen, von dem wir die Hoffnung 
hegen, dafi es sich immer vollkommener gestalten wird, 
was aber heute im Grunde noch recht unvollkom- 
men ist. - Aber nimmermehr konnen wir etwas an- 
deres glauben, auch wenn wir nicht hellseherisch sind, 
wenn wir nur unbefangen das betrachten, was sich vor 
das aufiere Auge hinstellt. 

Mufi nicht jene weisheitsvolle Tatigkeit, welche das 
leibliche Gehause des Menschen aufgebaut hat, damit 
dieses von einem Ich bewohnt werde, von derselben 
Natur und Wesenheit etwas haben, was das Ich selbst 
seiner Natur und Wesenheit nach ist? Miissen wir nicht 
das, was an unsern Hiillen gearbeitet hat, uns mit einem 
Ich- Char akter, nur mit einem unendlich vollkomme- 
neren Ich-Charakter denken? Wir miissen sagen: Etwas, 
das mit unserem Ich verwandt ist, hat durch urferne 



Zeiten hindurch gebaut an einem solchen Gehause, das 
von einem Ich bewohnt werden kann. - Wer das nicht 
glauben will, mag sich etwas anderes einbilden; aber er 
mag sich auch einbilden, dafi ein menschliches Haus, das 
gebaut ist, damit ein Mensch darinnen wohnen kann, 
nicht von einem Menschengeiste aufgefiihrt worden ist, 
sondern sich durch bloEe Naturkrafte zusammengefiigt 
habe. Das eine ist so richtig wie das andere, wenn man es 
nur unbefangen betrachtet. Daher blicken wir auf eine 
urferne Vergangenheit, wo Geistiges mit einer unendlich 
vollkommenen Ich-Natur an unsern Hiillen gearbeitet 
hat, und da heraus arbeitete sich das Ich erst zum 
heutigen Bewulksein herauf. Wie im Unterbewufken 
war es verborgen in Urzeiten in diesem Gehause. 

Wenn wir diese Entwickelung betrachten seit jener 
urfernen Vergangenheit, wo das Ich wie im dunklen 
Mutterschofi der aufieren Hiillen drinnen war, so finden 
wir, da£ es zwar von sich nichts wulke, dafiir aber naher 
stand jenen geistigen Wesenheiten, die an unsern Hiillen 
gebaut haben, die mit dem Ich verwandt, aber nur 
unendlich vollkommener sind als das Ich selbst. Daher 
wird es begreiflich erscheinen, dafi das Seher-Bewulksein 
zuriickweist auf eine Zeit, wo der Mensch zwar noch 
; nicht das Ich-Bewufitsein hatte, aber dafiir im Schofk 
des geistigen Lebens selber war, und wo auch das heuti- 
ge Seelenleben ganz anders war, noch naher den Seelen- 
kraften, aus denen das Ich hervorgegangen ist. Wenn wir 
zuriickgehen in die Vergangenheit der Menschheitsent- 
wickelung, finden wir auf dem Grunde aller menschli- 
chen Entwickelung ein urspriingliches hellsichtiges Be- 
wufitsein, das nur nicht von einem Ich durchleuchtet 
war, sondern dumpf und traumhaft wirkte; und diesem 
Bewufitsein erst entsprielk das Ich des Menschen. Was 



sich der Mensch mit seinem Ich erst in der Zukunft 
wieder erringen wird, das finden wir in jener urfernen 
Vergangenheit ohm das Ich. - Hellsichtiges Bewufitsein 
ist aber damit verbunden, da£ der Mensch geistige Tatsa- 
chen und geistige Wesenheiten in seiner Umgebung 
sieht. Das ist es, was uns die Geisteswissenschaft zeigt: 
da£ der Mensch, bevor er zum heutigen Bewufitsein 
gekommen ist, in seinem Seelenzustande in einem traum- 
haften Hellsehen war, wo er der geistigen Welt naher 
war, sie schaute, wenn auch nur in einer ahnlichen Weise 
wie im Traum. Das ist der Urzustand der Menschheit. 
Da war der Mensch, weil er eben noch nicht von einem 
Ich durchgliiht war, noch nicht angewiesen, in seinem 
Innern zu bleiben, wenn er etwas Geistiges erblicken 
wollte, sondern da erblickte er das Geistige um sich 
herum und erblickte sich als Glied der geistigen Welt; 
und was er tat, hatte in seinem Anschauen noch einen 
geistigen Charakter. Wenn er etwas dachte, war es nicht 
so wie heute, wo der Mensch sagt: Jetzt denke ich! - 
sondern er hatte den Gedanken durch Hellsichtigkeit 
vor sich. Wenn er ein Gefiihl zu entwickeln hatte, hatte 
er nicht nur in sein Inneres zu schauen, sondern das 
Gefiihl war etwas, was ausstrahlte von ihm, wodurch er 
sich eingliederte in seine ganze geistige Umgebung. 

So lebte der Mensch der Vorzeit in bezug auf seine 
Seele. Und aus diesem traumhaft-hellseherischen Be- 
wufitsein mufite sich der Mensch entwickeln, um zu sich 
selber zu kommen, um jenen Mittelpunkt zu finden, der 
heute noch unvollkommen ist, der aber in der Zukunft 
immer vollkommener werden wird, wo der Mensch mit 
dem Ich in die geistige Welt hineinsteigen wird. 

Wenn wir nun in jene Urzeiten der Menschheit zu- 
riickleuchten mit den Methoden, die wir hier charakteri- 



siert haben, und welche dem hellseherischen Bewufitsein 
zur Verfiigung stehen, was sagt uns dann der Seher iiber 
das urspriingliche menschliche Bewulksein, zum Beispiel 
wenn der Mensch eine schlimme Tat begangen hatte? Da 
stellte sich die schlimrne Tat nicht dar als etwas, was der 
Mensch mit seinem Innern taxieren konnte, sondern er 
sah sie in ihrer ganzen Schadlichkeit und Schandlichkeit 
wie ein Gespenst vor seiner Seele stehen. Und wenn das 
Gefiihl fiir die schlechte Tat in der Seele auftauchte, so 
war die Folge die, dafi die betreffende Tat in ihrer 
Schandlichkeit als geistige Wirklichkeit an den Menschen 
herantrat. Da war der Mensch gleichsam umgeben von 
der Anschaimng des Schlimmen seiner Tat. 

Dann kam der Mensch immer mehr und mehr in die 
Zeit hinein, wo das alte traumhafte Hellsehen schwand 
und wo sich das Ich immer mehr und mehr geltend 
machte. Indem der Mensch seinen Mittelpunkt in seinem 
Innern fand, erlosch das alte HeilseherbewuEtsein, dafiir 
aber tauchte immer deutlicher das Selbstbewufitsein auf. 
Was er friiher vor sich hatte als Anschauung seiner 
bosen Tat - und auch seiner guten Tat das wurde in 
sein Inneres verlegt. Es spiegelte sich gleichsam das, was 
er friiher hellseherisch geschaut hatte, in seinem Innern. 

Was waren das nun fiir Gestalten, die der Mensch im 
traumhaften Hellsehen erblickte als geistige Gegenbilder 
seiner schlechten Tat? Es war das, was ihm die geistigen 
Machte seiner Umgebung zeigten als etwas, wodurch er 
die Weltordnung gestort, zerriittet hatte. Das war im 
Grunde keine schlimme Wirkung im rechten Sinne des 
Wortes; es war eine heilsame Wirkung. Es war gleichsam 
die Gegenwirkung der Gotter, die den Menschen empor- 
heben wollten, indem sie ihm die Wirkung seiner Tat 
zeigten, um ihm zu ermoglichen, die schadliche Folge 



seiner Tat zu beseitigen. So war es zwar etwas Furcht- 
bares, wenn die Wirkung der schlimmen Tat vor dem 
Menschen stand, aber im Grunde war es eine heilsame 
Wirkung des Weltengrundes, aus dem der Mensch selbst 
herauskam. Als dann die Zeit kam, wo der Mensch in 
sich seinen Ich-Mittelpunkt fand, da wurde diese An- 
schauung in das Innere verlegt und trat als Wirkung 
seiner Tat im Spiegelbilde im Innern auf. Wenn unser 
Ich zuerst zum Vorschein kommt, ist es zunachst 
schwach innerhalb der Empfindungsseele vorhanden, 
und der Mensch mufi sich langsam erst hinaufarbeiten, 
um das Ich nach und nach zur Vollkommenheit zu 
bringen. Fragen wir uns einmal: Was ware geschehen in 
dem Augenblick der Entwickelung, als die hellseherische 
Anschauung der Taten des Menschen von au£en ver- 
schwand, wenn nicht innerlich etwas aufgetreten ware in 
dem noch schwachen Ich, was zugleich wie ein Gegen- 
bild jener wohltatigen Wirkung erschien, die dem Men- 
schen friiher vor Augen trat, wenn er die Wirkung seiner 
Tat hellseherisch schaute? 

Der Mensch hatte sein schwaches Ich gehabt; er ware 
aber hin und her gerissen worden in der Empfindungs- 
seele durch seine eigenen Leidenschaften wie in einem 
uferlosen, aufgepeitschten Meere. Was trat beim Men- 
schen in diesem grofien weltgeschichtlichen Augenblick 
aus dem Aufieren in das Innere? Wenn es der grofie 
Weltengeist war, der als heilsame Gegenwirkung die 
schadliche Wirkung einer Tat vor das hellseherische 
Bewulksein stellte, der dem Menschen zeigte, was er 
auszubessern hatte, dann war es nachher auch dieser 
Weltengeist, der sich als ein Machtiges im Innern des 
Menschen kundgab, als das Ich selber noch schwach 
war. So zog sich der friiher in dem hellseherischen 



Anschauen sprechende Weltengeist in das menschliche 
Innere in bezug auf dasjenige zuriick, was er zur Korrek- 
tur der gestorten Weltordnung zu sagen hatte. Das Ich 
ist noch schwach. Uber diesem Ich wacht aber der 
Weltengeist; und er lafit sich vernehmen als etwas, was 
jederzeit wachend iiber dem Ich steht und uber das 
urteilt, woriiber das Ich noch nicht urteilen konnte. 
Hinter diesem schwachen Ich steht etwas wie ein Ab- 
glanz des machtigen Weltengeistes, der friiher im hell- 
sichtigen Bewulksein dem Menschen die Wirkung seiner 
Taten gezeigt hatte. 

So nahm der Mensch, als dann das alte Hellsehen 
hinschwand, von dem, was der Weltengeist selber wirk- 
te, nur noch einen Abglanz in seinem Innern wahr. 
Dieser Abglanz des korrigierenden Weltengeistes, der 
neben dem Ich wachend steht, erschien dem Menschen 
als das ihn iiberwachende Gewissen! So sehen wir, daft 
es wahr ist, wenn ein naives Bewufitsein davon spricht, 
dafi das Gewissen die Stimme des Gottes im Menschen 
sei. Aber wir sehen zugleich, daft uns die Geisteswissen- 
schaft in der Entwickelung des Menschen den Moment 
zeigt, wo das Auftere in das Innere getreten ist, und wo 
das Gewissen entstanden ist. 

Was ich jetzt gesagt habe, kann rein geschopft werden 
aus den Anschauungen der geistigen Welt. Man braucht 
keine auftere Geschichte dazu; das mufi ganz innerlich 
geschaut werden. Wer es schauen kann, der empfindet es 
als eine Wahrheit von unwiderleglicher Gewiftheit. Fra- 
gen wir aber jetzt einmal aus einem Zeitbedurfnis her- 
aus: Konnte uns vielleicht auch eine aufiere Geschichte 
etwas zeigen, was sich wie eine Bestatigung dessen dar- 
stellt, was jetzt aus dem Tatbestand des inneren Schau- 
ens hervorgeholt ist? 



Was aus Seherbewufitsein herriihrt, kann man an den 
aufieren Tatsachen immer priifen. Wer so etwas behaup- 
tet, braucht nicht besorgt zu sein, daft es den aufieren 
Tatsachen widerspricht. Nur ungenaues Priifen konnte 
das vielleicht erleben. Aber es soil nur auf eines hin- 
gewiesen werden, was zeigen kann, wie die aufieren Tat- 
sachen durchaus das bestatigen, was jetzt als ein Tat- 
bestand aus dem hellsichtigen Bewufksein hergeleitet 
worden ist. 

Es ist gar nicht so lange her, wo wir den Augenblick 
der Entstehung des Gewissens wahrnehmen konnen. 
Wenn wir zuriickgehen bis ins 5. und 6. Jahrhundert der 
vorchristlichen Zeitrechnung, treffen wir in Griechen- 
land einen gewaltigen Dichter der griechischen Drama- 
tik: Aschylos. Er stellt uns etwas sehr Merkwiirdiges dar, 
merkwiirdig aus dem Grunde, weil dasselbe spater von 
einem anderen griechischen Dichter anders dargestellt 
worden ist. Aschylos stellt dar den aus Troja heimkeh- 
renden Agamemnon, der beim Eintreffen in seiner Hei- 
mat von seiner Gattin Klytamnestra ermordet wird. 
Agamemnon wird geracht von seinem Sohn Orest, der, 
nachdem ihm die Gotter dazu den Rat gegeben haben, 
die Mutter totet, die den Vater ermordet hat. Was ist 
nun die Folge dieser Tat fur Orest? Durch die Wirkung 
des Muttermordes prefit sich aus seinem Innern etwas 
heraus - das wird uns bei Aschylos dargestellt -, was ihn 
fahig macht, das zu schauen, was wahrend dieser Jahr- 
hunderte normalerweise nicht mehr geschaut werden 
konnte; abnormalerweise lafit die Gewalt solcher Tat 
wie ein altes Erbstuck noch einmal das alte Hellsehen 
erstehen. Orest konnte sagen: Apollo, der Gott selber ist 
es, der mir Recht gibt, dafi ich meinen Vater an meiner 
Mutter geracht habe. Alles, was ich getan habe, spricht 



fur mich. Aber das Blut der Mutter wirkt nach! Und im 
zweiten Teil der «Orestie» wird uns gewaltig dargestellt, 
wie das Erbstiick des alten Hellsehens erwacht, wie sie 
herankommen, die Rachegottinnen, die Erinnyen, die 
spateren Furien der Romer. Die aufiere Gestalt der 
Wirkung des Muttermordes sieht Orest im traumhaften 
Hellsehen vor sich. Apoll selbst gibt ihm Recht; aber es 
gibt noch etwas Hoheres. Das heifk: Aschylos wollte 
darauf hinweisen, da£ es eine noch hohere Weltordnung 
gibt, und er konnte es nur zeigen, indem er Orest in 
diesem Augenblick hellsichtig werden lafit. Noch nicht 
ist Aschylos so weit, um das zu zeigen, was wir heute 
eine innere Stimme nennen. Aber, namentlich wenn man 
den Agamemnon studiert, sagt man: Aschylos ist bis zu 
dem Punkt gekommen, wo aus dem ganzen menschli- 
chen Seelenleben so etwas herausquellen mufke wie das 
Gewissen; ganz so weit ist er nur noch nicht. Er stellt 
vor Orest hin, was noch nicht zum Gewissen geworden 
ist: die Bilder des traumhaften Hellsehens. Aber wir 
merken schon, wie er hart am Rande ist, zum Gewissen 
vorzudringen. Aus jedem Wort, das er zum Beispiel der 
Klytamnestra in den Mund legt, kann man formlich 
herausfiihlen: Jetzt sollte hingewiesen werden auf die 
Vorstellung, die wir mit dem Gewissen bezeichnen! 
Aber es kommt nicht dazu. In diesem Jahrhundert kann 
der gro£e Dichter nur zeigen, wie fruher schlechte Taten 
sich vor die menschliche Seele hingestellt haben. 

Und nun gehen wir ein Menschenalter weiter; wir 
gehen von Aschylos uber Sophokles zu Euripides, der 
nur kurze Zeit spater denselben Tatbestand behandelt. 
Mit Recht ist von Forschern darauf hingewiesen worden 
- aber nur von der Geisteswissenschaft kann es ins 
rechte Licht gesetzt werden -, da£ er den Tatbestand so 



hinstellt, daft fiir die Auffassung des Orest, wenn von 
Traumbildern gesprochen wird, diese nur - ahnlich wie 
bei Shakespeare - etwas sind wie Schattenbuder des 
inneren Gewissens. 

Da konnen wir gleichsam mit Handen greifen, wie das 
Gewissen fiir die Dichtkunst erobert wird. Wir sehen, 
wie Aschylos, der grofie Dichter, noch nicht vom Gewis- 
sen spricht, wahrend Euripides, sein Nachfolger, schon 
davon spricht. Wenn wir dies vor Augen haben, konnen 
wir verstehen, warum menschliches Denken, menschli- 
ches irdisches Wissen auch nur ganz langsam sich hinauf- 
arbeiten konnte zu einem Begriff vom Gewissen. Die 
Kraft, die im Gewissen wirkt, hat auch gewirkt in alten 
Zeiten, wo sich die Bilder, welche die Wirkungen der 
Taten des Menschen darstellten, dem hellseherischen 
Schauen zeigten. Es ist die Kraft nur von aufien nach 
innen gezogen. Aber was gehorte dazu, um sie auch zu 
empfinden? Das Moralische hatte man auch haben kon- 
nen gieichsam als Niederschlag dessen, was das mensch- 
liche Bewufksein schon friiher hatte. Um aber diese 
Kraft als eine innere zu empfinden, mufke man die ganze 
menschliche Entwickelung mitmachen, die sich den Ge- 
wissensbegriff erst nach und nach erobert hat. In dieser 
Zeit sehen wir zum Beispiel den groiKen, hehren Denker 
Sokrates stehen. Warum sollte Sokrates nicht in der Lage 
sein, vor allem zu sprechen, wie sich der Mensch Tugen- 
den aneignen kann? Warum sollten nicht seine Reden 
den tiefsten Eindruck machen konnen in bezug auf das, 
was sie uns als Moral vergegenwartigen konnen? Und 
warum sollte nicht trotzdem fiir die Philosophic seiner 
Zeit der Gewissensbegriff noch nicht erobert worden 
sein, da wir doch sehen, wie in dieser Zeit die Menschen- 
seele erst dazu drangt, den Gewissensbegriff als den 



Gott, der im eigenen Innern spricht, zu entdecken? Wir 
werden es gerade begreiflich finden, dafi Sokrates noch 
nicht vom Gewissen spricht, weil diese menschliche 
Seelenkraft damals erst von aufien in das Innere hinein- 
gezogen ist. 

Da sehen wir im Gewissen etwas, was sich mit dem 
Menschen heranentwickelt, was der Mensch sich erringt. 
Wie aber mull sich dieses Gewissen zeigen? Wo mull es 
sich am allerintensivsten darstellen als das, was es ist? 
Dort, wo der Mensch mit seinem Ich noch schwach in 
die Ich-Entwickelung hineingetreten ist! Das ist etwas, 
was wir nachweisen konnen in der menschlichen Ent- 
wickelung. In Griechenland selbst waren schon die Men- 
schen etwas weiter, so dafi dort die Ich-Entwickelung 
schon hinaufgelangt war bis zur Verstandesseele. Wenn 
wir aber von der griechischen Zeit zuriickgehen - davon 
weifi die aufiere Geschichte nichts, Plato und Aristoteles 
wufiten es aus der hellseherischen Anschauung heraus -, 
wenn wir zu dem Agyptertum und Chaldaertum kom- 
men, so finden wir, dafi selbst die hochste Kultur etwas 
ist, was nicht mit einem innerlich selbstandigen Ich 
errungen wird. Was wir aus Agyptens und Chaldaas 
Heiligtumern hervorgehen sehen, das unterscheidet sich 
gerade dadurch von der heutigen Wissenschaft, dafi wir 
heute die Wissenschaft in der Bewufitseinsseele erfassen; 
in der vorgriechischen Zeit aber verdankte man alles den 
Eingebungen der Empfindungsseele. In Griechenland 
selber schreitet man dazu vor - und darauf beruht der 
Fortschritt -, dafi sich das Ich hinaufentwickelt von der 
Empfindungsseele zur Verstandes- oder Gemiitsseele. 
Wir leben heute in der Epoche der Entwickelung der 
Bewufkseinsseele. Innerhalb dieser Entwickelung tritt 
also das eigentliche Ich-Bewufitsein erst so recht auf. 



Wer wahrhaftig die Menschheitsentwickelung betrachtet, 
kann geradezu verfolgen, wenn er von der orientalischen 
Kultur hiniibergeht zur westlichen Kultur, dafi das Fort- 
schreiten der Menschheit so ist, dafi ein immer grofieres 
Freiheitsgefiihl und eine immer grofiere Selbstandigkeit 
auftritt. Wahrend sich der Mensch friiher ganz abhangig 
fuhlte von dem, was ihm die Gotter eingaben, tritt im 
Westen zuerst die Verinnerlichung der Kultur auf. 

Das zeigt sich zum Beispiel daran, wie gerade Aschy- 
los danach ringt, das Bewufitsein vom Ich heraufzuholen 
in die menschliche Seele. An der Grenze von Orient und 
Okzident sehen wir Aschylos stehen, das eine Auge 
nach dem Orient gerichtet, mit dem andern nach dem 
Okzident blickend, herausholend aus der menschlichen 
Seele, was sich spater namentlich in der Vorstellung, 
dem Begriff des Gewissens zusammenfafit. Wir sehen, 
wie Aschylos darnach ringt, aber noch nicht in der Lage 
ist, die neue Form des Gewissens dramatisch zu verkor- 
pern. Wenn man nur immer vergleichen will, wirft man 
auch alles leicht durcheinander. Man mufi nicht nur 
vergleichen, man mufi auch unterscheiden. Das ist das 
Wesentliche, dafi im Westen alles darauf angelegt war, 
das Ich heraufzuholen aus der Empfindungsseele in die 
Bewufitseinsseele. Dumpf beschlossen bleibt das Ich im 
Osten als ein Unfreies. Im Westen dagegen wachsen die 
Menschen heran, bei denen das Ich immer mehr sich 
hinaufringt in die Bewufkseinsseele. Wenn auch die Ent- 
wickelung zunachst so verlauft, dafi das alte traumhafte 
Hellseherbewulksein zum Schweigen gebracht wird, so 
ist doch alles dazu angelegt, das Ich aufzuwecken, und 
als Wachter des Ich, als die Gottesstimme im Innern, das 
Gewissen entstehen zu las sen. Und Aschylos ist der 
Eckstein zwischen der ostlichen und der westlichen 



Welt; er blickt mit einem Auge nach dem Osten, mit 
dem andern nach dem Westen. Daher verlief der Gang 
der Menschheitsentwickelung in der Weise, wie wir es 
eben sehen konnten. 

In der ostlichen Welt hatten sich die Menschen ein 
lebendiges Bewufitsein ihres Herkommens von dem gott- 
lichen Weltengeiste bewahrt. Aus diesem Bewufksein 
heraus konnten die Verstandnisse gewonnen werden fiir 
das, was einige Jahrhunderte danach geschah, nachdem 
die Menschheit in vielen, wie in Aschylos, danach gerun- 
gen hatte, etwas zu finden, was im Innern als Gottes- 
stimme spricht. Denn da hatte sich zugetragen, daft jener 
Impuls in die Menschheit trat, den wir bei aller Geistes- 
betrachtung in der Erd- und Menschheitsentwickelung 
ansehen miissen als den groftten, der jemals gekommen 
ist, und den wir als den Christus-Impuls bezeichnen. 

Durch den Christus-Impuls wurde die Menschheit 
erst in die Moglichkeit versetzt, zu begreifen, daft der 
Gott, der der Schopfer der Dinge, der der Schopfer auch 
der aufteren Hiillen des Menschen ist, in unserm Innern 
verstanden und begriffen werden kann. Nur dadurch, 
daft die Menschheit die Gott-Menschheit des Christus 
Jesus begriff, wurde sie fahig zu begreifen, daft der Gott 
etwas sein kann, was zu uns in unserm eigenen Innern 
sprechen kann. Damit der Mensch in seinem Innern 
finden konnte Gott-Natur, dazu war notwendig, daft als 
aufteres historisches Ereignis der Christus in die 
Menschheitsentwickelung hineintrat. Ware nicht der 
Gott, der Christus, in dem Menschenleib des Jesus von 
Nazareth anwesend gewesen, hatte er nicht ein fiir alle- 
mal gezeigt, daft der Gott im Innern des Menschen 
erfaftt werden kann, weil er einmal in der Menschheit 
anwesend war, ware er nicht als der Sieger uber den Tod 



angesehen worden in dem Mysterium von Golgatha, so 
hatte niemals der Mensch begreifen konnen die Inne- 
wohnung der Gottheit in seinem Innern. Wer behaupten 
wollte, dafi der Mensch die innere Durchgottung begrei- 
fen konnte ohne einen aufieren historischen Christus 
Jesus, der mag auch behaupten, daft wir Augen hatten, 
wenn es keine Sonne gabe in der Welt. Das wird ewig 
wahr bleiben, dafi es eine Einseitigkeit ist, wenn Philoso- 
phen sagen: Ohne Augen konnten wir kein Licht sehen, 
also miissen wir das Licht von den Augen ableiten. - 
Einer solchen Vorstellung mufi immer der Satz Goethes 
entgegengehalten werden: Das Auge sei am Lichte fur 
das Licht gebildet! - Wenn keine Sonne den Raum 
durchleuchtete, wiirden sich nicht aus der menschlichen 
Organisation die Augen herausorganisiert haben. Die 
Augen sind Geschopfe des Lichtes, und ohne die Sonne 
konnte nie ein Auge die Sonne wahrnehmen. Kein Auge 
ist fahig, die Sonne wahrzunehmen, ohne die Kraft zum 
Wahrnehmen erst von der Sonne erhalten zu haben. 
Ebensowenig gibt es ein inneres Begreifen und Erkennen 
der Christus-Natur ohne einen aufieren historischen 
Christus-Impuls. Was die Sonne ist im Weltenall fur das 
Sehen, das ist der historische Christus Jesus fur das, was 
wir die Durchdringung mit der Gott-Natur in uns selber 
nennen. 

Um dies zu begreifen und zu verstehen, waren die 
Elemente gegeben in all dem, was vom Orient heriiber 
kam; es mufite nur auf eine hohere Stufe gehoben wer- 
den. Die Elemente zum Begreifen des Gottes, der sich 
verbindet mit der Menschennatur, konnten sich allmah- 
lich entwickeln aus der orientalischen Stromung heraus. 
Begreifen, entgegennehmen, was dieser Impuls gebracht 
hat, dazu waren die Seelen im Westen reif, in jenem 



Westen, wo sich am intensivsten das entwickelt hat, was 
aus der Aufienwelt in die menschliche Innenwelt hinein- 
gestiegen ist, und was als Gewissen wacht iiber ein 
gewohnliches schwaches Ich. So hat sich die Seelenkraft 
so vorbereitet, dafi das Gewissen entstand, das nun sagt: 
In uns iebt der Gott, der denjenigen erschien, welche 
druben im Osten die Welt hellseherisch durchschauen 
konnten; in uns Iebt das Gottliche! 

Aber was sich so vorbereitete, hatte nicht zum Be- 
wufttsein kommen konnen, wenn nicht in diesem Her- 
vorgehen des Gewissens selber schon der innerliche Gott 
wie in der Morgenrote vorausgesprochen hatte. So sehen 
wir, wie das aufiere Verstandnis fur die Gottesidee des 
Christus Jesus im Orient geboren wird, wie ihm aber 
entgegenkommt im Westen, was das menschliche Be- 
wufitsein als das Gewissen ausbildete. Wir sehen zum 
Beispiel, wie im Rdmertum gerade in der Zeit, als die 
christliche Zeitrechnung beginnt, immer mehr und mehr 
vom Gewissen gesprochen wird, und je weiter wir nach 
Westen kommen, desto deutlicher ist es im Keime, im 
Bewufitsein vorhanden. 

So arbeiten Osten und Westen sich gegenseitig in die 
Hande. Wir sehen die Sonne der Christus-Natur im 
Osten aufgehen; und wir sehen, wie sich das Christus- 
Auge im menschlichen Gewissen vorbereitet im Westen, 
um den Christus zu verstehen. Daher sehen wir den 
Siegeszug des Christentums nicht nach Osten, sondern 
nach Westen hin sich entwickeln. Im Osten breitet sich 
dafiir ein Religions bekenntnis aus, das die letzte Konse- 
quenz - wenn auch eine hochste - des Ostens ist: der 
Buddhismus ergreift die ostliche Welt. Das Christentum 
ergreift die westliche Welt, weil sich das Christentum 
erst sein Organ im Westen geschaffen hat. Da sehen wir 



das Christentum an das gekniipft, was dem Westen der 
allertiefste Kulturfaktor geworden ist: den Gewissensbe- 
griff gegliedert an das Christentum. 

Nicht durch eine aufierliche Geschichtsbetrachtung, 
sondern indem wir innerlich die Tatsachen betrachten, 
kommen wir allein zu einem Erkennen der Entwicke- 
lung. Was heute ausgesprochen ist, wird noch viele 
unglaubige Gemiiter finden. Aber die Zeit drangt dazu, 
den Geist in der aufieren Erscheinung zu erkennen. Das 
vermag aber nur derjenige, der zunachst wenigstens 
diesen Geist dort zu erblicken vermag, wo er sich durch 
einen klar sprechenden Boten ankiindigt. Das Volksbe- 
wufksein sagt: Wenn das Gewissen spricht, spricht der 
Gott in der Seele. Das hochste geistige Bewufksein zeigt 
uns: Wenn das Gewissen spricht, spricht wirklich der 
Weitengeist. Und die Geisteswissenschaft zeigt den Zu- 
sammenhang des Gewissens mit der grofken Erschei- 
nung in der Menschheitsentwickelung, mit dem Chri- 
stus-Ereignis. Kein Wunder daher, wenn fur das moder- 
ne Bewufksein dasjenige, was mit dem Gewissensnamen 
belegt wird, dadurch geadelt wird, dadurch in eine hohe- 
re Sphare hinaufgehoben wird. Wenn gesagt wird, es 
wird etwas aus «Gewissen» getan, so fiihlt man, dafi das 
als zum Wichtigsten der Menschheit gehorig betrachtet 
wird. 

So zeigt sich uns auf ungezwungene Art, dafi das 
menschliche Gemiit recht hat, wenn es vom Gewissen 
spricht als von dem «Gotte im Menschen». Und wenn 
Goethe sagt, dafi es fur den Menschen das Hochste sei, 
wenn sich «Gott-Natur ihm offenbare», so miissen wir 
uns klar sein, dafi sich der Gott dem Menschen nur im 
Geiste offenbaren kann, wenn die Natur uns auf ihrer 
geistigen Grundlage erscheint. Dafi sie uns so erscheinen 



kann, dafiir ist gesorgt in der Menschheitsentwickelung 
auf der einen Seite durch das Christus-Licht, das Licht 
von aufien, und auf der andern Seite durch das gottliche 
Licht in uns selber, durch das Gewissen. Daher darf ein 
Charakter-Philosoph wie Fichte wirklich vom Gewissen 
sagen, dafi es die hochste Stimme ist in unserm Innern. 
Daher haben wir auch das Bewulksein, dafi an dies em 
Gewissen unsere individuelle Wiirde hangt. Wir sind 
Menschen dadurch, dafi wir ein Ich-Bewufitsein haben; 
und was sich im Gewissen uns zur Seite stellt, das stellt 
sich unserm Ich zur Seite. Das Gewissen ist daher auch 
etwas, was wir als ein heiligstes, individuelles Gut anse- 
hen, in das uns keine auftere Welt hineinzureden hat, 
und wodurch wir Richtung und Ziel uns selber vorset- 
zen konnen. Daher ist das Gewissen fur den Menschen 
etwas, was er als ein Allerheiligstes ansehen mufi, von 
dem er weifi, es weist auf ein Hochstes, aber auch auf ein 
Unantastbares im menschlichen Innern hin. Da soli ihm 
niemand hineinsprechen, wo ihm sein Gewissen spricht! 

So ist Gewissen auf der einen Seite eine Gewahr fur 
den Zusammenhang mit den gottlichen Urkraften der 
Welt, und auf der andern Seite die Gewahr dafiir, dafi 
wir in unserm eigensten Individuellsten etwas haben, 
was wie ein Tropfen aus der Gottheit ausfliefit. Und der 
Mensch kann wissen: Spricht das Gewissen in ihm, so 
spricht ein Gott! 



DIE MISSION DER KUNST 
Homer, Aschylos, Dante, Shakespeare, Goethe 

Berlin, 12. Mai 1910 

Die Betrachtungen dieses Winterzyklus iiber das mensch- 
liche Seelenleben solien abgeschlossen werden und aus- 
klingen mit einigem, was gerade im Zusammenhang mit 
den vorangegangenen Darstellungen gesagt werden kann 
iiber jenes Gebiet menschlichen Seelenlebens, in das sich 
hineinergiefien so reiche, so gewaltige Schatze des mensch- 
lichen Innern. Es sollen unsere Betrachtungen ausklin- 
gen in einige Anschauungen iiber das Wesen und die 
Bedeutung der Kunst in der menschlichen Entwicke- 
lung. Und zwar, da das Gebiet der Kunst so umfassend 
ist, soli unsere Betrachtung angelehnt werden nur an die 
Entwickelung der Dichtkunst im Laufe der Menschheits- 
entwickelung, und auch da ist es wohl selbstverstandlich, 
dafi wir mit unseren Betrachtungen nur haltmachen kon- 
nen bei den hochsten Gipfeln des geistigen Lebens auf 
diesem Gebiete. 

Man konnte nun sehr leicht die Frage aufwerfen: Was 
haben denn alle jene Seelenbetrachtungen, die wir im 
Verlaufe dieses Winters angestellt haben, und die vor 
alien Dingen darauf hinzielten, Wahrheit und Erkenntnis 
zu suchen iiber die geistige Welt, was haben alle diese 
Betrachtungen zu tun mit dem Gebiet menschlichen 
Schaffens, das sich vor alien Dingen ausleben will im 
Elemente der Schonheit? Und in unserer Zeit konnte 
sehr leicht der Standpunkt vertreten werden, dafi alles, 
was sich durch Wissen und Erkennen auslebt, weit, weit 



abstehen miisse von dem, was sich auslebt durch die 
Kunst. In fest umschriebenen Gesetzen der Erfahrung 
und der Logik - so glaubt man wohl - miisse alles 
Wissen und alle Wissenschaft wandeln; in mehr willkiir- 
lichen Gesetzen des Innern, des Herzens, der Phantasie 
bewege sich das kiinstlerische Element. Wahrheit und 
Schonheit werden gerade im Urteil unserer Zeitgenossen 
vielleicht weit, weit auseinandergeriickt werden. Und 
dennoch: gerade die grofien fiihrenden Personlichkeiten 
auf dem Gebiete des kiinstlerischen Schaffens haben 
immer gefiihlt, dafi sie mit wahrer Kunst etwas zum 
Ausdruck bringen wollen, was herausfliefit aus densel- 
ben Quellen des Menschendaseins, ja aus den tiefsten 
Untergriinden des Menschendaseins, wie auch Wissen 
und Erkenntnis. 

Um nur einiges anzufuhren, sei hingewiesen auf Goe- 
the, der ja nicht nur ein Sucher nach dem Schonen war, 
sondern auch ein Sucher nach dem Wahren; der in seiner 
Jugend auf alien moglichen Wegen versuchte, sich Wis- 
sen von der Welt, Antwort auf die grofien Ratselfragen 
des Daseins zu erwerben. Bevor Goethe seine italieni- 
sche Reise angetreten hatte, die ihn zu einem Lande von 
ersehnten Idealen fuhren sollte, hatte er in Weimar mit 
seinen Freunden viel studiert, um seinem Ziel nach 
Erforschung der Wahrheit naher zu kommen, so zum 
Beispiel auch den Philosophen Spinoza. Und gewaltige 
Eindriicke hatten auf seine Seele die Ausfuhrungen Spi- 
nozas iiber die Gottes-Idee gemacht; jene Ausfuhrungen 
dieses neuzeitlichen Philosophen, der in alien Erschei- 
nungen des Lebens die einheitliche Substanz sucht. Und 
Goethe glaubte mit Merck und anderen Freunden, aus 
Spinoza etwas zu vernehmen wie solche Tone, die aus 
alien uns umgebenden Erscheinungen ankiindigen die 



Quellen des Daseins, die ihm geben konnten etwas wie 
Befriedigung eines faustischen Strebens. Aber Goethes 
Geist war zu reich, zu inhaltvoll, um in den begrifflichen 
Auseinandersetzungen der Werke Spinozas ein ihm ge- 
niigendes Bild von Wahrheit und Erkenntnis zu gewin- 
nen. Was er da gefuhlt hat, und was er eigentlich wollte 
nach den Sehnsiichten seines Herzens, das wird uns am 
klarsten, wenn wir ihn verfolgen wahrend der italieni- 
schen Reise, wie er die grofien Kunstwerke anschaut, die 
ihm einen Nachklang der Kunst des Altertums geben, 
und aus ihnen das herausfuhlt, was er vergeblich zu 
fiihlen gehofft hatte aus den Begriffen Spinozas. Deshalb 
schreibt er nach der Betrachtung dieser Kunstwerke an 
seine weimarischen Freunde: «So viel ist gewifi, die alten 
Kiinstler haben ebenso grofte Kenntnis der Natur und 
einen ebenso sichern Begriff von dem, was sich vorstel- 
len lafit, und wie es vorgestellt werden mufi, gehabt, als 
Homer. Leider ist die Anzahl der Kunstwerke der ersten 
Klasse gar zu klein. Wenn man aber auch diese sieht, so 
hat man nichts zu wiinschen, als sie recht zu erkennen 
und dann in Frieden hinzufahren. Diese hohen Kunst- 
werke sind zugleich als die hochsten Naturwerke von 
Menschen nach wahren und naturlichen Gesetzen her- 
vorgebracht worden. Alles Willkiirliche, Eingebildete 
fallt da zusammen; da ist die Notwendigkeit, da ist 
Gott.» Er glaubte, wie er sagte, zu erkennen, dafi die 
grofien Kiinstler, die solches geschaffen haben, aus ihren 
Seelen heraus nach denselben Gesetzen verfuhren, nach 
denen die Natur selber verfahrt. Was will das anders 
sagen, als dafi Goethe glaubte zu erkennen, dafi die 
Gesetze der Natur sich hinaufleben in die menschliche 
Seele und hier Kraft gewinnen, damit das, was sich auf 
andern Stufen als Gesetze der Natur im mineralischen, 



pflanzlichen und tierischen Reich auslebt, wenn es sei- 
nen Durchgang genommen hat durch die Menschenseele, 
sich auslebt in den schaffenden Kraften dieser mensch- 
lichen Seele. Deshalb fuhlte Goethe die wirkende Natur- 
gesetzmafiigkeit wieder in diesen Kunstwerken und 
schrieb deshalb an seine weimarischen Freunde: «Alles 
Willkiirliche, Eingebildete fallt da zusammen; da ist 
Notwendigkeit, da ist Gott!» Da sehen wir denn auch in 
einem solchen Augenblick Goethes Herz bewegt von 
der Anschauung, dafi sich in der Kunst nur dann deren 
Hochstes offenbart, wenn sie herausquillt aus denselben 
Grundlagen, aus denen auch alles Wissen und alle Er- 
kenntnis herausquillt. Und wir fuhlen dann, wie tief es 
aus Goethes Seele gesprochen ist, wenn er spater einmal 
den Ausspruch tut: «Das Schone ist eine Manifestation 
geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erschei- 
nung ewig waren verborgen geblieben!» So sieht Goethe 
in der Kunst eine Offenbarung von Naturgesetzen, eine 
Sprache, durch die ausgesprochen wird, was auf andere 
Weise durch die Erkenntnis erlangt wird in andern 
Forschungsgebieten. 

Und wenn wir von Goethe zu einer neueren Person- 
lichkeit gehen, die ebenso suchte, eine Mission in die 
Kunst hineinzulegen und mit der Kunst der Menschheit 
etwas zu geben, was mit den Quellen des Daseins zu- 
sammenhangt - wenn wir zu Richard Wagner kommen, 
finden wir in seinen Schriften, in denen er sich selber 
klar zu werden versuchte iiber Wesen und Bedeutung 
des kunstlerischen Schaffens, manche ahnlichen Andeu- 
tungen iiber die innere Verwandtschaft von Wahrheit 
und Schonheit, von Erkenntnis und Kunst. So sagt er 
mit Anlehnung an Beethovens Neunte Symphonie, dafi 
etwas aus diesen Klangen tont, was wie Offenbarung ist 



aus einer andern Welt, und was doch so verschieden ist 
von all dem, was von uns in den blofi vernunftgemafien 
oder logischen Formen aufgefafit wiirde. Aber fur diese 
Offenbarungen durch die Kunst gelte das eine zum 
mindesten: dafi sie auf unsere Seele mit einer iiberzeu- 
genden Kraft wirken und unsere Gefiihle durchdringen 
mit einer Empfindung von Wahrheit, gegen welche ei- 
gentlich alles logisierende und bloft verniinftige Erkennt- 
nisvermogen nicht aufkommen kann. Und ein andermal 
sagt Richard Wagner mit Bezug auf die symphonische 
Musik, dafi aus den Instrumenten dieser Musik etwas 
herausklange, wie wenn sie Organ waren der Schop- 
fungsgeheimnisse; denn sie offenbarten etwas wie die 
Urgefiihle der Schopfung, nach denen sich das Chaos 
ordnete, und die bei der Harmonisierung des Welten- 
chaos wirkten, lange bevor wohl ein menschliches Herz 
vorhanden gewesen sei, um diese Gefiihle der Schopfung 
zu vernehmen. - Also Wahrheit, eine geheirnnis voile 
Erkenntnis, eine Offenbarung, die sich dem an die Seite 
stellen kann, was man sonst Erkenntnis und Wissen 
nennt, sieht auch Richard Wagner in den Offenbarungen 
der Kunst. 

Eines darf auch noch erwahnt werden: Wer im Sinne 
der Geisteswissenschaft vor die grofien Kunstwerke der 
Menschheit tritt, der hat das Gefiihl, da£ aus ihnen 
etwas spricht, was eine andere Offenbarung ist des 
Wahrheit ssuchens der Menschheit. Und der Geisteswis- 
senschafter fuhlt sich verwandt dem, was aus der Kunst 
spricht. Ja, es ist keine Ubertreibung: Er fuhlt sich den 
Offenbarungen des Kiinstlergeistes verwandter als so 
manchem, was sonst heute als sogenannte geistige Offen- 
barung leichten Herzens hingenommen wird. 

Woher kommt es, dafi wahrhaft kunstlerische Person- 



Hchkeiten der Kunst eine solche Mission zuschreiben, 
daft sich das Herz des Geisteswissenschafters so hingezo- 
gen fiihlt gerade zu den geheimnisvollen Offenbarungen 
der grofien Kunst? 

Wir werden eindringen in das, was Antwort auf diese 
Fragen geben kann, wenn wir mancherlei von dem zu- 
sammenfassen und anwenden, was in den Vortragen 
dieses Winterzyklus vor unsere Seele getreten ist. 

Wenn wir die Bedeutung und Aufgabe der Kunst 
erkennen wollen in dem Sinne, mit dem wir es den 
ganzen Winter hindurch in diesen Vortragen gehalten 
haben, daft wir uns Antwort geben - nicht nach mensch- 
lichen Meinungen und nach der Willkiir unseres kliigeln- 
den Verstandes, sondern so, wie uns die Tatsachen der 
Welt- und der Menschheitsentwickelung selber antwor- 
ten -, dann miissen wir die Frage, die wir haben, richten 
an die Entwickelung und Entfaltung der Kunst selber in 
der Menschheitsentwickelung. Daher wollen wir uns 
von dem, was die Kunst gewesen ist, was die Kunst 
geworden ist, einmal sagen lassen ihre Bedeutung fur die 
Menschheit. - Allerdings, wenn wir die Anfange der 
Kunst betrachten wollen, wie sie zunachst als Dicht- 
kunst dem Menschen nahetritt, so miissen wir nach 
gewohnlichen Begriffen weit zuriickgehen. Aber wir 
wollen zunachst in bezug auf die Dichtkunst nur so weit 
zuriickgehen, als menschliche physische Dokumente uns 
fiihren konnen. Wir wollen zuriickgehen bis zu derjeni- 
gen, heute fur viele legendenhaften Gestalt, mit der sich 
die Kunst des Abendlandes als Dichtkunst einleitet: zu 
Homer, von dem die griechische Dichtkunst ihren Aus- 
gangspunkt nimmt, und dessen Schaffen uns erhalten ist 
in den beiden groften Gesangen, in den beiden groften 
erzahlenden Dichtungen der «Ilias» und der «Odyssee». 



Merkwiirdig ist es gleich, wenn wir die beiden Dich- 
tungen beginnen auf uns wirken zu lassen, dafi derjenige 
oder - da wir heme nicht iiber die Frage nach der 
Personlichkeit uns ergehen wollen - diejenigen, von 
denen diese Dichtungen stammen, uns gleich im Anfang 
ein unpersonliches Element ankundigen: 

Singe, o Muse, vom Zorn mir des Peleiden 

Achilleus. . ., 

so beginnt die «Ilias», die erste Homerische Dichtung; 
und wieder: «Singe mir, Muse, den Mann, den vielgerei- 
sten ...» beginnt die zweite Dichtung, die «Odyssee». 
Derjenige, von dem diese Verse geflossen sind, will also 
darauf hinweisen, dafi er das, was aus seinem Munde 
spricht, eigentlich einer hoheren Kraft verdankt, dafi es 
ihm irgendwoher kommt, und dafi er am besten den 
Tatbestand seiner Seele bezeichnet, wenn er sich nicht 
darauf beruft, was diese Seele selber zu sagen hat, son- 
dern was ihr eingegeben wird von einer Macht, welche 
fur sie - das spiiren wir, wenn wir Homer nur ein 
bilkhen verstehen - nicht nur ein Symbol war, sondern 
etwas ganz Gegenstandliches und Wesenhaftes. Wenn 
heute der Mensch wenig dabei fuhlt, wenn Homer sagt: 
«Singe, o Muse. . .», dann ist das nicht die Schuld des 
Umstandes, dafi Homer nur ein Sinnbild geben will, 
nur umschreiben will, was in seiner Seele vorgeht, son- 
dern es ist vielmehr die Schuld des modernen Menschen, 
der in seiner Seele die Erfahrungen nicht mehr hat, 
aus denen herausgeflossen ist eine so unpersonliche 
Dichtung wie die des Homer. Verstehen allerdings 
konnen wir diese Unpersonlichkeit im Beginne der 
abendlandischen Dichtkunst nur, wenn wir uns fra- 
gen: Was mag denn diesem Beginne der abendlandischen 



Dichtkunst vorangegangen sein? Woraus mag sie 
selber geflossen sein? 

Da kommen wir, wenn wir im geisteswissenschaftli- 
chen Sinne die Entwickelung der Menschheit betrachten, 
zu den alten Fragen nach den Formen des menschlichen 
Bewufttseins uberhaupt. Wir haben bei unsern Betrach- 
tungen der Menschheitsentwickelung ofter betont, daft 
sich die Krafte der menschlichen Seek im Laufe der 
Jahrtausende geandert haben, und daft alle unsere Seelen- 
krafte einmal einen Anfang genommen haben. Wenn wir 
in die Vergangenheit zuriickgehen, kommen wir zu Men- 
schen, deren Seelen mit ganz anderen Kraften ausge- 
stattet sind, als die Seelen der heutigen Menschen. Wir 
haben betont, daft in urferner Vergangenheit, in die uns 
allerdings keine auftere Geschichte, sondern allein die 
geisteswissenschaftliche Forschung zuriickfuhrt, das gan- 
ze menschliche Bewufttsein anders gewirkt hat, und daft 
als eine natiirliche Kraft der menschlichen Seele ein 
uraltes, traumhaftes Hellsehen alien Menschen eigen 
war. Bevor die Menschenseelen in das materielle Leben 
so weit hinunter gestiegen sind, daft sie die Welt in der 
heutigen Weise anschauten, war ihnen die geistige Welt 
etwas durchaus Wirkliches und Wesenhaftes, das sie um 
sich herum wahrnahmen. Aber wir haben davon gespro- 
chen, daft sie die geistige Welt nicht wahrnahmen in der 
Art des geschulten hellseherischen Bewufitseins, das ver- 
knupft ist mit einem klar ausgesprochenen Mittelpunkt 
des menschlichen Seelenlebens, durch den sich der 
Mensch als ein Ich, als ein Selbst erfafk. Wenn wir 
zuriickgehen in urferne Vergangenheit, dann ist das 
Ich-Gefuhl, das geworden ist, das sich entwickelt hat 
durch die Jahrtausende und aber Jahrtausende, noch 
nicht vorhanden. Dafur aber, daft der Mensch diesen 



Mittelpunkt in seinem Innern nicht hatte, waren seine 
geistigen Sinne nach aufien aufgeschlossen, und er sah 
eine geistige Welt wie in einer Art realem Traum, der 
geistige Wirklichkeiten wiedergab. Aber es war eben 
doch eine Art traumhaftes, Ich-loses hellseherisches 
Bewufttsein. 

Hineingesehen hat der Mensch in die geistige Welt, 
aus der sein eigentlicher innerer Mensch gekommen ist 
in urferner Vergangenheit. Und in gewaltigen Bildern - 
wie in Traumbildern - standen vor seiner Seele die 
Krafte, welche hinter unserem physischen Dasein stehen. 
In dieser geistigen Welt sah der Urmensch seine Gotter, 
sah er sich abspielen die Tatsachen und Geschehnisse 
zwischen seinen Gotterwesen. Und es ist tatsachlich ein 
Irrtum, wenn die heutige Forschung glaubt, daft die 
Gottersagen der verschiedenen Volker nur ein Spiel der 
«Volksphantasie» seien. Wenn man sich vorstellen will, 
dafi in urferner Vergangenheit die menschliche Seele in 
ahnlicher Weise wie heute gewirkt hat, nur dafi sie sich 
damals mehr in Phantasie erging als in dem in feste 
Gesetze eingeschniirten Verstand, und dafi sich die Ge- 
stalten, die in den Gottersagen erhalten sind, aus der 
Phantasie heraus geschaffen haben, dann ist das eigent- 
lich eine Phantasie; dann phantasieren diejenigen, die 
einen solchen Glauben haben. Fiir den Menschen der 
Urzeit waren die Vorgange, welche sich in den Mytholo- 
gien darstellen, Wirklichkeiten, Realitaten. Mythen, Sa- 
gen, selbst Marchen und Legenden sind herausgeboren 
aus einer urspriinglichen Fahigkeit der menschlichen 
Seele. Das hangt eben damit zusammen, daft das mensch- 
liche Ich in urferner Vergangenheit noch nicht so wirkte 
wie heute, daft der Mensch noch nicht seinen festen 
Mittelpunkt hatte, durch den er bei sich und in sich ist. 



Und weil er diesen Mittelpunkt noch nicht hatte, schlofi 
er sich auch nicht in seinem Ich, in seiner eng umgrenz- 
ten Seele ab, trennte sich noch nicht so wie spater von 
der Umgebung. Er lebte in seiner Umgebung darinnen 
als ein Glied, das dazugehorte, wahrend der heutige 
Mensch sich als Wesen abgetrennt fiihlt von der Aufien- 
welt. Und wie der Mensch heute fuhlen kann, dafi in 
seinen physischen Organismus hineinstromt und heraus- 
stromt zur Unterhaltung seines Lebens die physische 
Kraft, so fiihlte der Mensch der Urzeit mit seinem 
hellseherischen Bewufitsein, daft geistige Krafte in ihm 
aus- und einziehen. Er fiihlte eine innige Wechselwir- 
kung mit den Kraften der grolten Welt. Ja, er konnte 
sagen: Wenn in meiner Seele etwas vorgeht, wenn ich 
etwas denke, fuhle oder will, dann bin ich im Grunde 
nicht ein eingeschlossenes Wesen, sondern ein Wesen, in 
das hineinwirken die Krafte der Wesen, die ich schaue. 
Und diese Wesen, die ich schaue, die draufien sind, die 
schicken in mich hinein innere Krafte, um mich anzure- 
gen, Gedanken zu haben, Empfindungen zu haben, Wil- 
lensimpulse zum Ausdruck zu bringen. - So fiihlte der 
Mensch im Schofie der geistigen Welt, daft in ihm gott- 
lich-geistige Machte dachten; er fiihlte, wenn seine Ge- 
fuhle auf und ab wogten, dafi darinnen geistige Machte 
wirkten; und wenn sein Wille etwas vollbrachte, fiihlte 
er, dafi sich hinein ergossen in ihn gottlich-geistige Mach- 
te mit ihrem Wollen, mit ihren Zielen. Der Mensch 
fiihlte sich in den Urzeiten als ein Gefaft, durch das sich 
geistige Machte zum Ausdruck brachten. 

Damit weisen wir auf eine feme Urzeit hin, die sich 
aber durch allerlei Zwischenstufen ausdehnte bis zu den 
Zeiten Homers. Leicht ist herauszufinden, wie sich Ho- 
mer nur als eine Art Fortsetzer des Urbewufitseins der 



Menschheit ausnimmt. Dafiir brauchen wir nur einige 
Ziige aus der «Ilias» anzufiihren. - Homer stellt darin 
jenen gewaltigen Kampf der Griechen gegen die Troja- 
ner dar. Aber wie tut er das? Was lag denn nach dem 
Bewufitsein der Griechen diesem Kampf zugrunde? 

Wenn auch Homer nicht davon ausgeht, so lag diesem 
Kampf doch nicht bloft etwas zugrunde, was in alien 
jenen Leidenschaften und Begierden, Begriffen und Vor- 
stellungen, die vom menschlichen Ich ausgehen, sich als 
Gegnerschaft abspielte. Waren es blofi die Leidenschaf- 
ten der Trojaner als Personlichkeiten und als Volk gewe- 
sen, waren es bloft die Leidenschaften der Griechen als 
Personlichkeiten oder Volk gewesen, welche da mitein- 
ander kampften? Waren blofi die Krafte, die vom 
menschlichen Ich ausgingen, dort auf dem Kampfplatze? 
Nein! Die Sage, die uns die Verbindung anzeigt zwi- 
schen Urbewufitsein und homerischem Bewufitsein, er- 
zahlt uns, dafi bei einem Fest der drei Gottinnen Hera, 
Pallas Athene und Aphrodite sich um den Preis der 
Schonheit stritten, und dafi ein menschlicher Kenner der 
Schdnheit, Paris, der Sohn des trojanischen Konigs, zu 
entscheiden hatte, welche die Schonste sei. Und Paris 
hatte der Aphrodite den Apfel zugeworfen, den Preis 
der Schonheit, und sie hatte ihm dafiir das schonste 
Weib auf Erden versprochen: Helena, die Gattin des 
Konigs Menelaos von Sparta. Paris konnte Helena nur 
durch einen Raub erringen. Und weil die Griechen den 
Raub rachen wollten, riisteten sie zum Kampfe gegen 
das jenseits des Agaischen Meeres wohnende Volk der 
Trojaner. Dort spielte sich der Kampf ab. 

Weswegen entbrennen die menschlichen Leiden- 
schaften und alles, was Homer von der «Muse» schildern 
lafit? Sind es nur Dinge, die sich hier in der physischen 



Welt unter den Menschen abgespielt haben? Nein! Das 
griechische Bewulksein zeigt uns, dafi hinter dem, was 
sich unter Menschen zutragt, der Streit der Gottinnen 
stent. - Es sucht also der Grieche noch mit seinem 
damaligen Bewufitsein die Ursachen dessen, was sich in 
der physischen Welt abspielt, und sagt: Ich kann hier die 
Krafte nicht finden, welche die Menschenkrafte aufein- 
anderplatzen lassen. Ich mufi hinaufgehen, dahin, wo 
Gotterkrafte und Gottermachte einander gegeniiber- 
stehen. - Die gottlichen Machte, wie sie damals in 
Bildern geschaut wurden, wie wir es eben beschrieben 
haben, spielten hinein in den Kampf der Menschen. Da 
sehen wir also herauswachsen aus dem Urbewufksein 
der Menschheit, was uns als erstes grofies Produkt der 
Dichtkunst entgegentritt: die «Ilias» des Homers. Daher 
konnen wir sagen: In Verse gebracht, in menschlicher 
Weise dargestellt vom Standpunkte eines spateren 
menschlichen Bewufkseins aus, finden wir bei Homer 
noch einen Nachklang dessen, was das Urbewufksein 
der Menschheit gesehen hat. Und nichts anderes ist da 
geschehen, als dafi wir in der Periode vor Homer zu 
suchen haben jenen Punkt in der Entwickelung der 
Menschheit, wo sich fiir das Volk, das sich dann in der 
griechischen Welt zum Ausdruck brachte, zugeschlossen 
hat das hellsichtige Bewulksein, so daft gleichsam nur ein 
Nachklang davon zuriickgeblieben ist. 

Ein Mensch der Urzeit hatte gesagt: Ich sehe meine 
Gotter kampfen in der geistigen Welt, die meinem hell- 
sichtigen Bewulksein offenliegt! So hat der Mensch der 
homerischen Zeit nicht mehr hineinschauen konnen; 
aber eine Erinnerung daran war noch lebendig. Und wie 
sich der Mensch inspiriert fiihlte von den Gotterwelten, 
in denen er drinnen war, so fiihlte der Dichter der 



Homerischen Epen noch in seiner Seele fortwalten die- 
selben gottlichen Krafte, die friiher der Mensch in sich 
hineinspielen fiihlte. Daher spricht er: Die die Seele 
inspirierende Muse in mir sagt das! So schliefit sich 
direkt die Homerische Dichtung an den richtig verstan- 
denen Mythos der Urzeit an. Wenn wir so Homer 
verstehen, sehen wir in ihm etwas auftreten, was wie ein 
Ersatz fur die alten hellseherischen Krafte in der mensch- 
lichen Seele wirkte. Die alte Hellseherkraft hatte fur das 
gewohnliche Menschenbewufitsein durch ihr Zuriick- 
gehen das Tor zu den geistigen Welten zugeschlossen. 
Aber in der Entwickelung der Menschheit ist etwas 
zuriickgeblieben wie ein Ersatz fur das alte Hellsehen. 
Und das ist die dichterische Phantasie bei Homer. So 
haben die lenkenden Weltenmachte das unmittelbar hell- 
seherische Anschauen dem Menschen entzogen und ihm 
dafur einen Ersatz gegeben, etwas, was ahnlich wie das 
alte Hellsehen in der Seele leben und in der Seele eine 
gestaltende Kraft hervorrufen kann. 

Die dichterische Phantasie ist eine Abschlagszahlung 
der die Menschheit lenkenden Machte fur das Hellsehen 
in urferner Vergangenheit. 

Nun wollen wir uns noch an etwas anderes erinnern. - 
In dem Vortrage iiber «Das menschliche Gewissen» war 
gezeigt worden, wie an den verschiedenen Orten der 
Erdentwickelung in ganz verschiedener "Weise das Zu- 
riickgehen der alten hellseherischen Krafte der Menschen 
stattgefunden hat. Im Orient finden wir noch verhalt- 
nismafiig spat ein altes Hellsehen in den Seelen der 
Menschen vorhanden. Und wir haben auch betont, dafi 
mehr gegen den Westen hiniiber die hellseherischen 
Fahigkeiten bei den Volkern Europas weniger vorhan- 
den sind. Das ist aber auch deshalb der Fall, weil bei 



diesen Volkern bei verhaltnismaftig noch untergeordne- 
ten anderen Seelenkraften und Seelenfahigkeiten ein star- 
kes Ich-Gefiihl im Seelenmittelpunkte sich geltend mach- 
te. Dieses Hervortreten des Ich-Gefiihls in den verschie- 
denen Gegenden Europas entwickelte sich aber in der 
verschiedensten Weise, anders im Norden als im Westen, 
anders aber namentlich in Siideuropa. Besonders in Sizi- 
lien und Italien entwickelte sich in den vorchristlichen 
Zeiten das Ich-Gefiihl am allerintensivsten. Als sich im 
Orient noch lange die Seelenkrafte in einem Aufier-sich- 
Sein des Menschen, ohne ein Ich-Gefiihl, fortgesetzt 
hatten, waren in den genannten Gegenden Europas Men- 
schen, die ein starkes Ich-Gefiihl entwickeiten, weil sie 
nicht mehr teilhaftig waren des alten Hellsehens. In 
demselben Mafie, als sich dem Menschen aufien die 
geistige Welt entzieht, lebt das Innere, das Ich-Gefiihl, 
auf. Und namentlich in den heutigen italienischen und 
sizilianischen Gegenden entwickelte sich stark das Ich- 
Gefiihl des Menschen. - Wie verschieden mufiten daher 
in gewissen alten Zeiten die Seelen der asiatischen Volker 
und die Seelen jener Volker, die auf den gekennzeich- 
neten Gebieten gewohnt haben, gewesen sein. Driiben in 
Asien sehen wir noch, wie in gewaltigen Traumbildern 
die Weltengeheimnisse sich vor der Seele entrollen, wie 
der Mensch sein geistiges Auge nach au£en richtet und 
sich vor ihm abrollen die Taten der Gotter. Und in dem, 
was dieser Mensch erzahlen kann, haben wir etwas 
zu sehen, was wir nennen konnen: die Urerzahlung 
der der Welt zugrunde liegenden geistigen Tatsachen. 
Als das alte Hellsehen abgelost wurde durch den 
spateren Ersatz, durch die Phantasie, da entwickelte 
sich dort besonders das anschauliche Gleichnis, das Bild. - 
Bei den westlichen Volkern dagegen, in Italien und 



Sizilien, entwickelte sich etwas, was aus einern in sich 
gefestigten Ich heraussprofi, was eine Uberkraft entwik- 
kein kann. Bei diesen Volkern ist es die Begeisterung, 
was sich der Seele entringt, ohne dafi sie eine unmittel- 
bare geistige Anschauung hat; die Ahnungen der mensch- 
lichen Seele sind es, die hinaufgehen zu dem, was die 
Seele ja nicht sehen kann. Da haben wir denn nicht die 
Nacherzahlungen dessen, was man als Taten der Gotter 
gesehen hat. Aber in dem inbriinstigen Hinlenken der 
Seele in dem menschlichen Wort oder in dem Gesange 
zu dem, was man nur ahnen kann, quillt aus der Begei- 
sterung das Urgebet, das Preislied fur jene gottlichen 
Gewalten, die man nicht sehen kann, weil das hells eheri- 
sche Bewufitsein hier weniger ausgebildet ist. Und in 
Griechenland, in dem Lande dazwischen, stromen die 
beiden Welten zusammen. Da finden sich Menschen, 
welche Anregungen von beiden Seiten her empfangen: 
Da kommt von Osten her die bildhafte Anschauung, 
und von Westen kommt heriiber die Begeisterung, die 
im Hymnus sich hingibt an die geahnten gottlich-gei- 
stigen Machte der Welt. Da wurde innerhalb der griechi- 
schen Kultur moglich durch das ZusammenflieEen der 
beiden Stromungen der Fortgang der homerischen Dich- 
tung, deren Zeit wir zu suchen haben im 8. bis 9. 
Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung, zu dem, 
was wir dann bei Aschylos finden, drei bis vier Jahrhun- 
derte spater in der griechischen Kultur. 

Aschylos stellt sich uns so recht dar als eine Person- 
lichkeit, auf die allerdings nicht mehr gewirkt hat die 
voile Kraft der bildhaften Anschauung des Ostens, die 
iiberzeugende Kraft, die zum Beispiel bei Homer noch 
als ein Nachklang gegeben war des alten Anschauens der 
Gottertaten und ihres Hereinwirkens in die Menschheit. 



Der Nachklang war schon sehr schwach; so schwach, 
dafi in Aschylos* Seele zunachst gefiihlsmafiig etwas 
auftrat wie eine Art Unglaube an das, was friiher in 
ihrem urspriinglichen hellseherischen Zustande die Men- 
schen in Bildern iiber die Gotterwelt gesehen haben. Bei 
Homer finden wir es noch, daft er durchaus weifi, wie 
das menschliche Bewufttsein einst hinaufgekommen ist 
zu den Gewalten, die als gottlich-geistige Gewalten hin- 
ter dem stehen, was menschliche Leidenschaften und 
Gefuhle ausmachen in der physischen Welt. Daher schil- 
dert Homer nicht nur einen Kampf, der sich abspielt, 
sondern wir sehen sogar, wie die Gotter eingreifen. 
Zeus, Apollo greifen ein, wo die menschlichen Leiden- 
schaften wirken, und bringen etwas zum Ausdruck. Die 
Gotter sind eine Realitat, die der Dichter hineinwirken 
la£t in die Dichtung. 

Wie ist das anders geworden bei Aschylos! Auf ihn 
hat schon mit einer besonderen Gewalt gewirkt das 
andere, was vom Westen heriiberkam: das menschliche 
Ich, die innere Geschlossenheit der menschlichen Seele. 
Deshalb ist Aschylos zuerst imstande, den Menschen 
hinzustellen, der aus seinem Ich heraus handelt und sich 
loszulosen beginnt mit seinem Bewufksein von den in 
ihn einstromenden Go tterge waken. An die Stelle der 
Gotter, die wir bei Homer noch finden, tritt bei Aschy- 
los der handelnde Mensch - wenn auch erst in seinem 
Anfang. Daher wird Aschylos der Dramatiker, der den 
handelnden Menschen in den Mittelpunkt der Handlung 
stellt. Wahrend unter dem Einflufi der bildhaften Phanta- 
sie des Ostens das Epos entstehen mufite, entwickelte 
sich unter dem Einflufi des sich im Westen geltend 
machenden personiichen Ich das Drama, das den han- 
delnden Menschen in den Mittelpunkt stellt. - Nehmen 



wir das Beispiel des Orest, der den Muttermord auf sich 
geladen hat und nun die Furien erblickt. Ja, Homer 
spielt noch hinein; so schnell vergehen die Dinge nicht. 
Aschylos ist sich noch bewufit, dafi einmal die Gotter 
von den Menschen in den Bildern geschaut worden sind, 
aber er ist nahe daran, das aufzugeben. Ganz charakteri- 
stisch ist es, dafi Apollo es ist, der noch in Homers 
Dichtung mit voller Macht wirkt, der den Orest anstiftet 
zum Muttermord. Nachher aber behalt der Gott nicht 
mehr recht; nachher regt sich das menschliche Ich, und 
es erweist sich, dafi in Orest sich das menschliche Ich, 
der innere Mensch geltend macht. Apollo wird sogar 
geradezu unrecht gegeben; er wird abgewiesen. An dem, 
was er hereinstromen lassen will, wird gerade gezeigt, 
dafi er nicht mehr die vollstandige Gewalt iiber Orest 
haben kann. Daher war auch Aschylos der berufene 
Dichter fur eine solche Gestalt wie den «Prometheus», 
der gerade jener gottliche Held ist, der darstellt die 
Befreiung des Menschentums von den gottlichen Mach- 
ten und sich titanisch gegen sie auflehnt. 

So sehen wir mit dem erwachenden Ich-Gefuhl, das 
heriibergetragen wird durch die Geheimnisse der 
Menschheitsentwickelung aus dem Westen, und das sich 
begegnet in der Seele des Aschylos mit den Erinnerun- 
gen der bildhaften Phantasie des Orients, das Drama 
seinen Anfang nehmen. Und ganz interessant ist es, dafi 
uns die Uberlieferung wunderbar bestatigt, was wir jetzt 
rein aus der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis heraus 
zu gewinnen versuchten. 

Da gibt es eine wunderbare Uberlieferung, die halb 
rechtfertigt den Aschylos, dafi er keine Mysterienge- 
heimnisse verraten haben konne - dessen war er ange- 
klagt -, da er gar nicht in den Eleusinischen Mysterien 



eingeweiht war. Er ist gar nicht darauf ausgegangen, 
etwas darzustellen, was er hatte aus den Tempelgeheim- 
nissen gewinnen konnen, und aus dem heraus Homers 
Dichtungen geflossen sind. Er steht den Mysterien in 
gewisser Beziehung fern. Dagegen wird erzahlt, daft er 
auf Sizilien, in Syrakus, aufgenommen habe jene Ge- 
heimnisse, die sich beziehen auf das Hervorgehen des 
menschlichen Ich. Dieses Hervorgehen des Ich pragt 
sich in anderer Weise dort aus, wo wir die Orphiker 
entfalten sehen die alte Form der Ode, des Hymnus, den 
die menschliche Seele hinaufschickt zu den nicht mehr 
gesehenen, zu den nur geahnten gottlich-geistigen Wel- 
ten. Da hat die Kunst einen Schritt vorwarts gemacht. 
Da sehen wir, daft sie ganz naturgemaft herausgewachsen 
ist aus der alten Wahrheit, daft sie aber den Weg gemacht 
hat zum menschlichen Ich, und daft sie so geworden ist, 
wie sie ist, weil sie erfassen sollte das denkende, streben- 
de und wollende menschliche Ich. Indem der Mensch 
von einem Leben in der Aufienwelt hineinging in sein 
eigenes Inneres, wurden aus den Gestalten der Homeri- 
schen Dichtung die dramatischen Personlichkeiten des 
Aschylos, entstand neben dem Epos das Drama. 

So sehen wir fortleben die uralten Wahrheiten in 
anderer Form in der Kunst, sehen durch die Phantasie 
wiedergegeben, was das alte Hellsehen hat gewinnen 
konnen. Und was sich die Kunst aus den alten Zeiten 
bewahrt hat, das sehen wir angewendet auf das zu sich 
selbst gekommene menschliche Ich, auf die menschliche 
Personlichkeit. 

Und jetzt machen wir einen gewaltigen Schritt vor- 
warts. Gehen wir um Jahrhunderte weiter, bis ins 13., 
14. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit zu jener gewal- 
tigen Gestalt, die in der Mitte des Mittelalters uns in so 



ergreifender Art hinauffuhrt in die Region, die das 
menschliche Ich erlangen kann, wenn es sich aus sich 
heraus hinaufarbeitet zu der Anschauung der gottlich- 
geistigen Welt: gehen wir zu Dante. Dieser hat uns in 
seiner «Commedia» ein Werk geschaffen, iiber das Goe- 
the, nachdem er es wiederholt auf sich hat wirken las sen, 
da es ihm im Alter wieder in der Ubersetzung eines 
Bekannten vor Augen trat, die Worte niederschrieb, in 
denen er dem Ubersetzer seinen Dank fur die Zusen- 
dung der Ubersetzung ausdriickte: 

Welch hoher Dank ist Dem zu sagen, 
Der frisch uns an das Buch gebracht, 
Das allem Forschen, alien Klagen 
Ein grandioses Ende macht! 

Welche Schritte ist nun die Kunst gegangen von 
Aschylos bis zu Dante? Wie stellt uns Dante wieder eine 
gottlich-geistige Welt dar? Wie fuhrt er uns durch die 
drei Stufen der geistigen Welt, durch Holle, Fegefeuer 
und Himmel, durch die Welten, die hinter dem sinnli- 
chen Dasein des Menschen liegen? 

Da sehen wir, wie allerdings in derselben Richtung, 
man mochte sagen, der Grundgeist der Menschheitsent- 
wickelung weitergearbeitet hat. Bei Aschylos sehen wir 
noch klar, da£ er iiberall die geistigen Machte noch hat: 
es treten dem Prometheus die Gotter entgegen, Zeus, 
Hermes und so weiter; dem Agamemnon treten die 
Gotter entgegen. Da ist noch der Nachklang der alten 
Schauungen, dessen, was das alte, hellsehende Bewufit- 
sein in uralten Zeiten aus der Welt heraussaugen konnte. 
Ganz anders Dante. Dante zeigt uns, wie er rein durch 
Versenkung in die eigene Seele, durch die Entwickelung 
der in der Seele schlummernden Krafte und durch die 



Besiegung alles dessen, was die Entfaltung dieser Krafte 
hindert, imstande geworden ist «in des Lebens Mitte», 
wie er charakteristisch sagt, das heifit im funfunddreifiig- 
sten Jahre, seinen Blick hinzuwenden in die geistige 
Welt. Wahrend also die Menschen mit dem alten Hellse- 
herbewufitsein den Blick hinausrichteten in die geistige 
Umgebung, wahrend es bei Aschylos noch so war, dafi 
er wenigstens rechnete mit den alten Gottergestalten, 
sehen wir in Dante einen Dichter, der hinuntersteigt in 
die eigene Seele, der ganz in der Personlichkeit und ihren 
inneren Geheimnissen verbleibt, und der durch den Weg 
dieser personlichen Entwickelung hineinkommt in die 
geistige Welt, die er in so gewaltigen Bildern in der 
«Commedia» entwickelt. Da ist die Seele der einzelnen 
Dante-Personlichkeit ganz allein. Da nimmt sie nicht 
Riicksicht darauf, was von aufien offenbart ist. Niemand 
kann sich vorstellen, dafi Dante in einer ahnlichen Weise 
schildern konnte wie Homer oder Aschylos; dafi er aus 
Uberlieferungen iibernommen hatte die Gestalten des 
alten Hellsehens; sondern Dante steht auf dem Boden 
dessen, was im Mittelalter entwickelt werden kann ganz 
innerhalb der Kraft der menschlichen Personlichkeit. 
Und wir haben vor uns, was wir schon ofter betont 
haben, dafi der Mensch dasjenige, was seinen hellseheri- 
schen Blick triibt, iiberwinden mufi. 

Das stellt uns Dante dar in anschaulichen Bildern der 
Seele. Wo der Grieche noch Realitaten gesehen hat in 
der geistigen Welt, da sehen wir bei Dante nur noch 
Bilder, Bilder derjenigen Seelenkrafte, die iiberwunden 
werden mussen. Diejenigen Krafte, die aus der Empfin- 
dungsseele - wie wir dieses Seelenglied zu nennen pfle- 
gen - kommen, und die niedere Krafte sein und das Ich 
von der Entwickelung zu hoheren Stufen abhalten kon- 



nen, miissen iiberwunden werden. Darauf weist Dante 
hin; und ebenso miissen iiberwunden werden diejenigen 
Krafte der Verstandesseele und Bewulkseinsseele, welche 
die hohere Entwickelung des Ich hindern konnen. Auf 
die gegenteiligen Krafte aber, insofern sie gute sind, 
weist schon Plato hin: Weisheit, die Kraft der Bewufit- 
seinsseele; Starkmut in sich selber, die Kraft, welche der 
Verstandes- oder Gemiitsseele entstammt, und Maftig- 
keit, dasjenige, was die Empfindungsseele in ihrer hoch- 
sten Entfaltung erreicht. Wenn das Ich durchgeht durch 
eine Entwickelung, die getragen ist von der Mafiigkeit 
der Empfindungsseele, von der Starkheit oder inneren 
Geschlossenheit der Verstandes- oder Gemiitsseele, von 
der Weisheit der Bewulkseinsseele, dann kommt es all- 
mahlich zu hoheren Seelenerlebnissen, die in die geistige 
Welt hinauffuhren. Aber jene Krafte miissen erst iiber- 
wunden werden, welche der Maftigkeit, der inneren 
Geschlossenheit und der Weisheit entgegenarbeiten. Der 
Mafiigkeit wirkt entgegen die Unmafiigkeit, die Gefra- 
fiigkeit, sie mufi iiberwunden werden. Dafi sie bekampft 
werden mufi, und wie man ihr begegnet, wenn der 
Mensch durch seine eigenen Seelenkrafte in die geistige 
Welt eintreten will, das stellt Dante dar. Eine Wolfin ist 
fur Dante das Bild fur die Unmafiigkeit, fur die Schatten- 
seiten der Empfindungsseele. Dann begegnen uns die 
Schattenseiten der Verstandesseele als der Entwickelung 
widerstrebende Krafte: Was nicht in sich geschlossener 
Starkmut ist, was sinnlos aggressive Krafte der Verstan- 
desseele sind, das tritt uns in Dantes Phantasie als ein 
zu Bekampfendes in dem Lowen entgegen. Und die 
Weisheit, die nicht nach den Hohen der Welt hinauf- 
strebt, die sich nur als Klugheit und Schlauheit auf die 
Welt richtet, tritt uns in dem dritten Bilde, in dem 



Luchs, entgegen. Die «Luchs-Augen» sollen darstellen 
Augen, die nicht Weisheitsaugen sind, die in die gei- 
stige Welt hineinsehen, sondern Augen, die nur auf die 
Sinnenwelt gerichtet sind. Und nachdem Dante zeigt, 
wie er sich gegen solche der Entwickelung widerstre- 
benden Krafte wehrt, schildert er uns, wie er hinauf- 
kommt in die Welten, die hinter dem sinnlichen Da- 
sein liegen. 

Einen Menschen haben wir in Dante vor uns: auf sich 
selbst gestellt, in sich selber suchend, aus sich selber 
herausgestaltend die Krafte, welche in die geistige Welt 
hineinfuhren. So ist das, was in dieser Richtung schafft, 
aus der Aufienwelt ganz in das menschliche Innere hin- 
eingezogen. 

So schildert in Dante ein Dichter, was in dem Inner- 
sten der menschlichen Seele erlebt werden kann. Da hat 
die Dichtung auf ihrem Weiterschreiten das menschliche 
Innere um ein weiteres Snick ergriffen, ist intimer ge~ 
worden mit dem Ich, hat sich wiederum mehr hineinge- 
zogen in das menschliche Ich. - So standen die Gestal- 
ten, die uns Homer geschaffen hat, eingesponnen in das 
Netz der gottlich-geistigen Gewalten; so fiihlte sich 
Homer selbst noch darinnen eingesponnen, indem er 
sagt: Die Muse singe das, was ich zu sagen habe! Dante 
steht vor uns - ein Mensch, allein mit seiner Seele, die 
jetzt weifi, dafi sie aus sich selber die Krafte entfalten 
muft, die in die geistige Welt hineinfuhren sollen. Wir 
sehen es namentlich immer unmoglicher werden, daft die 
Phantasie sich anlehnt an das, was von auften herein- 
spricht. Und wie hier nicht mehr blofi Meinungen wir- 
ken, sondern Krafte, die im Seelenleben des Menschen 
tief begriindet sind, das mag aus einer kleinen Tatsache 
hervorgehen. 



Ein Epiker wollte in der neueren Zek der Dichter 
werden einer heiligen Erzahlung: Klopstock, ein Mensch 
tief religioser Natur, mit so gar tieferen Untergriinden 
wie Homer, und der daher bewufit fiir die neuere Zeit 
das sein will, was Homer fiir das Altertum gewesen ist. 
Er versuchte, Homers Sinnesart zu erneuern. Aber nun 
will er wahr gegen sich sein. Da kann er nicht sagen: 
«Sing mir, o Muse. . .», sondern er mull seinen «Messias» 
beginnen: «Singe, unsterbliche Seele, der siindigen Men- 
schen Erlosurig. . .». So sehen wir in der Tat, wie in 
denjenigen, auf die es ankommt, der Fortschritt im 
kunstlerischen Schaffen in der Menschheit wohl vorhan- 
den ist. 

Gehen wir bei unseren Riesenschritten wiederum ein 
paar Jahrhunderte weiter. Schauen wir hinauf von Dante 
zu einem grofien Dichter des 16, bis 17. Jahrhunderts, zu 
Shakespeare. Da sehen wir wieder an Shakespeare einen 
merkwurdigen Fortschritt - Fortschritt jetzt hier im 
Sinne des «Fortschreitens» gemeint. Wie man Shake- 
speares Schaffen sonst werten will, das ist Sache des 
Gefiihls, das ist Kritik. Hier handelt es sich nicht um 
Kritik, sondern um Tatsachen; nicht auf das Hoher- 
stellen des einen oder des andern kommt es an, sondern 
auf das notwendige gesetzmafiige Fortschreiten. 

Wir sehen die Menschheitsentwickelung auf unserem 
Gebiete, indem sie fortschreitet von Dante zu Shake- 
speare, merkwiirdige Richtungen nehmen. Was ist uns 
bei Dante besonders auf gef alien? Ein Mensch steht mit 
sich, mit seinen Offenbarungen der geistigen Welt auf 
seine Art allein; er schildert das, was er als ein grofies 
Erlebnis - aber in seiner Seele - erlebt hat. Konnen Sie 
sich vorstellen, daft dieser eine Mensch, Dante, mit 
derselben Wahrheit wirken wiirde, wenn er uns funf- bis 



sechsmal nacheinander seine Visionen schildern wiirde, 
einmal so, das andere Mai so? Oder haben Sie nicht das 
Gefiihl: Wenn ein Dichter wie Dante so etwas schildert, 
dann ist die Welt, in die sich der Dichter dabei hineinver- 
setzt, eine solche, die man eigentlich nur einmal schil- 
dern kann? Das hat Dante daher auch getan. Es ist die 
Welt eines Menschen, eines Augenblickes aber auch, in 
dem der Mensch eins wird mit dem, was fur ihn die 
geistige Welt ist. Man mufite daher sagen: Dante lebt 
sich ein in das Menschlich-Personliche. Und er tut es so, 
dafi dieses Menschlich-Personliche sein eigenes ist. Dar- 
auf ist er noch angewiesen, dieses eigene Menschlich-Per- 
sonliche nach alien Seiten hin zu durchqueren. 

Jetzt gehen wir zu Shakespeare. - Shakespeare schafft 
eine Fiille von Gestalten; er pragt alle moglichen Gestal- 
ten: einen Othello, einen Lear, Hamlet, eine Cordelia, 
Desdemona. Aber diese Shakespeare- Gestalten sind so 
gepragt, dafi wir hinter ihnen nichts Gottliches unmit- 
telbar sehen, wenn das geistige Auge sie in der physi- 
schen Welt sieht mit rein menschlichen Eigenschaften, 
mit rein menschlichen Impulsen. Dasjenige wird in ihrer 
Seele gesucht, was unmittelbar entspringt aus der Seele 
in bezug auf Denken, Fiihlen und Wollen. Einzelne 
menschliche Individualitaten sind es, die Shakespeare 
schildert. Aber schildert er sie so, dafi er in jeder Indivi- 
dualist Shakespeare ist, wie Dante der Mensch allein ist, 
der sich in seine Personlichkeit hinein vertieft? Nein, 
Shakespeare ist wieder einen Schritt weitergegangen; er 
hat den Schritt gemacht, der noch weiter in das Person- 
liche hineingeht, nicht nur zu der einen Personlichkeit, 
sondern zu den verschiedenen Personlichkeiten. Shake- 
speare verleugnet sich jedesmal selbst, wenn er Lear, 
Hamlet und so weiter schildert, und er ist nie versucht, 



zu sagen, was er fur Vorstellungen hat, sondern er ist als 
Shakespeare vollstandig ausgeldscht und lebt ganz auf in 
den verschiedenen Gestalten mit seiner Schaffenskraft, in 
den Personlichkeiten. Stellt uns Dante in seinen Darstel- 
lungen die Erlebnisse einer Personlichkeit dar, die Erleb- 
nisse dieser einen Personlichkeit bleiben mussen, so stellt 
Shakespeare die aus dem inneren menschlichen Ich her- 
vorgehenden Impulse in den verschiedensten Gestal- 
tungen dar. Dante ist von der menschlichen Person- 
lichkeit ausgegangen; aber dabei bleibt er und durch- 
dringt die geistige Welt. Shakespeare ist in der Art um 
ein Stuck weitergegangen, dafi er aus der eigenen Person- 
lichkeit wieder herausgeht und hineinkriecht in die ein- 
zelnen dargestellten Personlichkeiten; er taucht ganz in 
sie unter. Er schafft nicht das, was in seiner Seele lebt, 
sondern was in den beobachteten Personlichkeiten lebt. 
So schafft er uns viele Individualitaten, viele einzelne 
Personlichkeiten der Aufienwelt, aber so, dafi er sie alle 
aus ihrem eigenen Mittelpunkt heraus schafft. 

Also auch das sehen wir, wie die Kunstentwickelung 
weiterschreitet. Nachdem sie ihren Ursprung in urferner 
Vergangenheit genommen hat von jenem Bewufitsein, in 
dem ein Ich-Gefuhl noch gar nicht vorhanden war, ist 
sie in Dante dazu gekommen, den einzelnen Menschen 
zu erfassen, so dafi das Ich sich selber zu einer Welt 
wird. Jetzt ist bei Shakespeare die Kunst so weit, dafi die 
andern Iche die Welt des Dichters sind. Dafi dieser 
Schritt gemacht werden konnte, dazu war notwendig, 
dafi die Kunst auch sozusagen herunterstieg aus den 
geistigen Hohen, aus denen sie eigentlich entsprungen 
ist, in die physisch-sinnlichen Realitaten des Daseins. 
Und diesen Schritt gerade macht die Kunst von Dante 
auf Shakespeare. Versuchen wir, von dieser Seite her die 



beiden Gestalten, Dante und Shakespeare, nebeneinan- 
der zu stellen: 

Mogen leichtherzige Asthetiker es tadeln und Dante 
einen «Lehr-Dichter» schelten: wer Dante versteht und 
ihn mit seinem ganzen Reichtum auf sich wirken lassen 
kann, der fiihlt es gerade als die Grofie Dantes, dafi alle 
mittelalterliche Weisheit und Philosophic aus Dantes 
Seele spricht. Zur Entwickelung einer solchen Seele, 
welche die Dichtung des Dante schaffen sollte, war 
notwendig der Unterbau der ganzen mittelalterlichen 
Weisheit. Diese wirkte zunachst auf die Dante-Seele, 
und sie ersteht wieder bei jener Erweiterung der Dante- 
Personlichkeit zu einer Welt. Daher aber kann die Dich- 
tung Dantes, zunachst voll verstandlich, von ganzer 
Wirkung nur fur diejenigen sein, die in den Hohen 
dieses mittelalterlichen Geisteslebens drinnen stehen. Da 
erst sind die Tiefen und Subtilitaten der Dante-Dichtung 
zu erreichen. 

Einen Schritt herunter hat Dante allerdings gemacht. 
Er versuchte, das Geistige herunterzufuhren in die niede- 
ren Schichten. Das hat er dadurch erreicht, dafi er seine 
Dichtung nicht wie andere seiner Vorganger in der 
lateinischen Sprache abgefafit hat, sondern in der Volks- 
sprache. Er steigt hinauf bis in die hochsten Hohen des 
geistigen Lebens, aber er steigt hinunter in die physische 
Welt bis zu einer einzelnen Volkssprache. - Shakespeare 
mufi noch weiter hinunter steigen. Uber die Art, wie 
Shakespeares grofie dichterische Gestalten entstanden 
sind, geben sich die heutigen Menschen mannigfaltigsten 
Phantasien hin. Wenn man dieses Heruntersteigen der 
Dichtung in die alltagliche Welt, die auf den Hohen des 
Daseins heme noch ziemlich verachtet ist, verstehen will, 
mufi man sich folgendes vor die Seele halten: Man mufi 



sich vorstellen ein kleines Theater in einer Londoner 
Vorstadt, wo Schauspieler spielten, die man heute wahr- 
haftig nicht zu besonderen Grofien rechnen wiirde, au- 
ikr Shakespeare selber. Wer ging in dieses Theater hin- 
ein? Diejenigen, die verachtet wurden von den hoheren 
Gesellschaftsklassen Londons! Es war nobler, in London 
in der Zeit, als Shakespeare seine Dramen auffiihrte, zu 
Hahnenkampfen und ahnlichen Veranstaltungen zu ge- 
hen als in dieses Theater, wo man afi und trank und die 
Schalen der Eier, die man gegessen hatte, auf die Biihne 
warf, wenn einem das Aufgefiihrte nicht gefiel; wo man 
nicht nur im Zuschauerraum safi, sondern auch auf der 
Biihne selber, und wo die Schauspieler mitten hindurch 
spielten durch das Publikum. Dort, vor einem PubH- 
kum, das zu der untersten Klasse der Londoner Bevolke- 
rung gehorte, wurden zuerst aufgefuhrt die Stiicke, von 
denen sich heute die Menschen so leicht vorstellen, da£ 
sie gleich in den Hohen des geistigen Lebens gewaltet 
hatten. Hochstens die unverheirateten Sonne, die sich 
gestatten durften, an gewisse obskure One zu gehen, 
wenn sie Zivilkleidung trugen, die gingen manchmal da 
hinaus in dieses Theater, wo Shakespeare-Stiicke ge- 
geben wurden. Anstandig ware es nicht gewesen fur 
einen anstandigen Menschen, in ein solches Lokal zu ge- 
hen. So war zu dem Empfinden, das sozusagen aus den 
naivsten Impulsen heraus kam, die Dichtung herunter- 
gestiegen. 

Kein Menschliches war fremd dem Genius, der hinter 
den Shakespeareschen Stiicken steht, der nun seine Ge- 
stalten schuf in dieser Periode der menschlich-kiinstleri- 
schen Entwickelung. So ist die Kunst heruntergestiegen 
selbst in bezug auf solche Aufierlichkeiten aus dem, was 
sich in dem schmalen Strom der menschlichen Fuhrer- 



schaft fiihlt, zu dem, was allgemein Menschliches ist, 
was ganz unten im alltaglichen menschlichen Leben breit 
dahinstromt. Und wer tiefer sieht, der weift, daft so 
etwas notwendig war wie ein Heruntertragen eines Gei- 
stesstromes aus den Hohen, um so etwas Lebensfahiges 
zu schaffen, wie es uns entgegentritt in den ganz indivi- 
duellen Gestalten Shakespearescher Figuren. 

Und jetzt gehen wir in die Zeiten, die der unsrigen 
schon naher liegen: zu Goethe. Versuchen wir, bei ihm 
anzukniipfen an diejenige Gestalt seines dichterischen 
Schaffens, in welche er hineingelegt hat alle seine Ideale, 
seine Bestrebungen und Entbehrungen durch sechzig 
Jahre hindurch, - denn so lange hat er an seinem «Faust» 
gearbeitet. Alles, was sein reiches Leben erfahren hat im 
Innersten der Seele und im Verkehr mit der Auftenwelt, 
und um was es gestiegen ist von Erkenntnisstufe zu 
Erkenntnisstufe zu einer immer hoheren Losung der 
Weltenratsel, das ist alles in die Gestalt des Faust hinein- 
gesenkt, uns von dort wieder entgegenkommend. Was 
ist dichterisch der Faust fur eine Gestalt? 

Bei Dante konnten wir sagen: Was er uns schildert, 
schildert er als einzelner Mensch aus einer eigenen Visi- 
on heraus. Das ist aber bei Goethe in bezug auf den 
Faust nicht der Fall. Goethe schildert nicht aus einer 
Vision heraus; er macht gar keinen Anspruch darauf, 
daft ihm das offenbart worden war in einer besonders 
festlichen Zeit, wie es fur Dante in bezug auf die «Com- 
media» der Fall ist. Goethe zeigt an jeder Stelle seines 
Faust, daft die Dinge, die darin dargestellt sind, innerlich 
erarbeitet sind. Und wahrend Dante genau die Erlebnis- 
se so haben muftte, daft sie in dieser einseitigen Weise 
dargestellt werden konnten, konnen wir sagen, daft die 
Erlebnisse, die Goethe darstellt, zwar individueller Na- 



tur sind, aber dafi er das, was er innerlich erlebte, wieder 
umsetzte in die objektive Faust-Natur. Was Dante dar- 
stellt, ist sein personlichstes inneres Erlebnis. Bei Goethe 
sind es zwar auch personliche Erlebnisse; aber was die 
dichterische Figur des Faust tut und leidet in der Dich- 
tung, das ist doch nicht Goethes Leben. Das war in 
keiner Zeit mit Goethes Leben zusammenfallend. Das ist 
die freie dichterische Umschopfung dessen, was Goethe 
in seiner Seele erlebt hat. Wahrend man Dante identifi- 
zieren kann mit seiner «Commedia», miifite man fast 
einen Literarhistoriker-Verstand haben, wenn man sagen 
wollte, der Faust ist Goethe! Was Goethe erlebt hat, hat 
er mit grower Genialitat hineingeheimnifk in diese dichte- 
rische Figur. Solche Behauptungen: Goethe ist Faust! - 
Faust ist Goethe! - sind nur ein Spiel mit Worten. Faust 
ist zwar eine einzelne Gestalt, aber wir konnten uns 
nicht denken, daft eine Gestalt wie der Faust in so vielen 
Exemplaren ges chaff en wiirde, wie Shakespeare seine 
Gestalten geschaffen hat. Das Ich, das Goethe in seinem 
Faust darstellt, kann nur einmal hingestellt werden. Ne- 
ben dem Hamlet konnte Shakespeare noch andere Ge- 
stalten schaffen: Lear, Othello und so weiter. Man kann 
zwar neben dem «Faust» einen «Tasso» oder eine «Iphi- 
genie» dichten; aber man ist sich doch des Unterschiedes 
bewufit, der zwischen diesen Dichtungen besteht. - 
Faust ist nicht Goethe. Faust ist im Grunde jeder 
Mensch. Was in seinen tiefsten Sehnsuchten lebte, das 
hat Goethe auch in den Faust hineingearbeitet. Aber er 
hat wirklich eine Gestalt geschaffen, die sich ganz loslost 
als dichterische Personlichkeit von seiner eigenen Person- 
lichkeit. Er hat sie so individualisiert, dafi wir nicht - 
wie bei Dante - eine individuelle Vision vor uns haben, 
sondern eine Gestalt, die in jedem von uns in gewisser 



Weise lebt. Das ist der weitere Fortschritt der Dicht- 
kunst zu Goethe. - Shakespeare konnte Gestalten schaf- 
fen bis zu einer solchen Individualisierung, dafi er selber 
untertauchte in die Gestalten und aus ihren Mittel- 
punkten heraus schuf . - Goethe konnte nicht eine zweite 
ahnliche Gestalt neben die Faustgestalt hinstellen. Er 
schafft zwar eine Gestalt, die individualisiert ist; aber es 
ist nicht ein individualisierter einzelner Mensch. Diese 
Gestalt ist individualisiert in bezug auf jeden einzelnen 
Menschen. Shakespeare ist hinuntergestiegen in den seeli- 
schen Mittelpunkt des Lear, des Othello, des Hamlet, 
der Cordelia und so weiter. Goethe ist hinuntergestiegen 
in das, was in jedem einzelnen Menschen ein hochstes 
Menschliches ist. Daher aber schafft er eine Gestalt, die 
fur jeden einzelnen Menschen gilt. Und diese Gestalt 
lost sich wieder los von der dichterischen Personlichkeit 
selbst, welche sie schuf, so daft sie als reale, objektive 
Auftengestalt vor uns steht im Faust. 

Das ist wieder ein Fortschritt der Kunst auf dem 
Wege, den wir charakterisieren konnten. Von dem geisti- 
gen Anschauen einer hoheren Welt geht die Kunst aus 
und ergreift immer mehr und mehr das menschliche 
Innere. Sie wirkt am intimsten nur im menschlichen 
Innern, wo es ein Mensch fur sich, mit sich zu tun hat: 
in Dante. Bei Shakespeare steigt das Ich wieder heraus 
aus diesem Innern in die andern Seelen hinein. Bei 
Goethe geht das Ich heraus, taucht in das Seelische jeder 
Menschenseele unter, aber nun - so ist der Faust eben - 
als das, was sich in jeder einzelnen individuellen Seele als 
typisch gleich findet. Ein Herausgehen des Ich haben 
wir im Faust. Und weil das Ich nur aus sich herausgehen 
kann und anderes Seelisches verstehen kann, wenn es die 
Seelenkrafte in sich entfaltet und untertaucht in das 



andere Geistige, so ist es natiirlich, daft beim Fortschritt 
des kunstlerischen Schaffens Goethe dazu gefiihrt wur- 
de, nicht nur die aufieren physischen Taten und Erlebnis- 
se der Menschen zu schildern, sondern das, was jeder 
Mensch erleben kann als Geistiges, was jeder Mensch 
findet in der geistigen Welt, wenn er sein eigenes Ich 
aufschliefit dieser geistigen Welt. 

Aus der geistigen Welt ist die Dichtung in das mensch- 
liche Ich hineingegangen, hat in Dante das menschliche 
Ich im tiefsten Innern erfafit. Bei Goethe sehen wir das 
Ich wieder aus sich herausgehen und in die geistige Welt 
sich hineinleben. Wir sehen die geistigen Erlebnisse der 
alten Menschheit hineintauchen in die Ilias und Odyssee, 
und wir sehen in Goethes Faust die geistige Welt wieder 
heraussteigen und vor den Menschen hingestellt werden. 
So lassen wir auf uns wirken das gewaltige geistige 
Schluikableau des Faust, wo der Mensch wieder die 
geistige Welt erreicht, nachdem er untergetaucht ist und 
sich von innen nach auften entfaltete und durch die 
Entfaltung der geistigen Krafte eine geistige Welt vor 
sich hat. Es ist etwas wie eine ganz erneuerte, aber eben 
fortgeschrittene Wiederholung eines Chores der Urtone: 
Aus dem Unverganglichen der geistigen Welt tont her- 
aus das, was die Menschheit als Ersatz fur das geistige 
Schauen erlangt hat, was sie in der Phantasie in der 
menschlichen Vergangenheit empfangen und in vergang- 
licher Gestalt hinstellen konnte. Aus dem Unvergang- 
lichen heraus sind die verganglichen Gestalten von Ho- 
mers und Aschylos' Poesie geboren worden. Wieder aus 
dem Verganglichen in das Unvergangliche steigt die 
Dichtung hinauf, indem der mystische Chor am Schlusse 
des Faust ausklingt in das: «Alles Vergangliche ist nur 
ein Gleichnis!» Da steigt, wie Goethe gezeigt hat, die 



menschliche Geisteskraft aus der physischen wieder in 
die geistige Welt hinauf. 

Gewaltige Schritte haben wir das kiinstlerische Be- 
wufitsein durch die Welt und ihre Personlichkeiten in 
der Dichtung gehen sehen. Vom Geistigen, wo sie ihre 
urspriingliche Erkenntnisquelle hatte, geht die Kunst 
aus. Das geistige Anschauen zieht sich immer mehr und 
mehr zuriick, wie sich die auftere Sinnenwelt immer 
mehr vor dem Menschen ausbreitet, und wie sich damit 
immer mehr und mehr das menschliche Ich entwickelt. 
Der Mensch mufi bei diesen Schritten der Weltentwicke- 
lung diesem Gange von der geistigen Welt zur Sinnen- 
welt, zur Ich- Welt folgen. Wiirde er diese Schritte nur 
aufierlich wissenschaftlich gehen konnen, so hatte er nur 
ein verstandesmafiiges Begreifen in der aufieren Wissen- 
schaft. Es wird ihm aber zunachst ein Ersatz gegeben. 
Was das hellseherische Bewulksein nicht mehr sehen 
kann, das schafft - wie in einem schattenhaften Ab- 
glanz - die menschliche Phantasie. Die Phantasie mufi 
nun den Weg der Menschheit mitgehen, bis in das mensch- 
liche Selbstgefiihl, bis zu Dante. Niemals aber kann der 
Faden abreifien, der den Menschen an die geistige Welt 
kniipft, auch nicht wenn die Kunst heruntertaucht bis 
in die Vereinzelung des menschlichen Ich, Die Phanta- 
sie nimmt der Mensch auf seinem Weg mit und schafft 
in der Zeit, als der Faust entsteht, aus ihr heraus wieder 
die geistige Welt. 

Damit steht der Goethesche Faust am Ausgangspunkt 
einer Zeit, wo es sich uns deutlich zeigt, wie die Mensch- 
heit wieder einmiindet in die Welt, aus der urspninglich 
auch die Kunst entsprossen ist. So ist es die Kunst, 
welche die Mission hat fur die Menschen, die in der 
Zwischenzeit nicht durch hohere Schulung in die geistige 



Welt hineinkommen konnen, die Faden weiter zu spin- 
nen von der Urgeistigkeit zu der Zukunfts-Geistigkeit. 
Und schon ist die Kunst so weit fortgeschritten, dafi sich 
der Ausblick in die geistige Welt in der Phantasie wieder 
ergibt; aus jener Phantasie, aus der es der zweite Teil des 
Goetheschen «Faust» tut. Da heraus mag die Ahnung 
ergehen, dafi die Menschheit vor dem Punkt der Entwik- 
kelung steht, wo sie wieder Erkenntnis aus der geistigen 
Welt haben mufi, wo sie mit ihren Kraften untertauchen 
muE, erkennend, in die geistige Welt. So hat die Kunst 
den Faden fortgesponnen, hat den Menschen erahnend 
mit Hilfe der Phantasie hinaufgefuhrt in die geistige 
Welt und vorgearbeitet dem, was wir Geisteswissen- 
schaft nennen, wo mit vollem Ich-Bewufksein und heller 
Klarheit der Mensch wieder hineinschauen wird in die 
geistige Welt, aus der auch die Kunst herausgeflossen ist, 
und in welche die Kunst hineinfliefk, die als eine Zu- 
kunfts-Perspektive vor uns steht. Hinzufuhren, soweit 
das heute schon moglich ist, zu dieser Welt, zu der - wie 
wir das an Beispielen der Kunst gesehen haben - sich alle 
menschliche Sehnsucht hinentwickelt, das ist die Aufga- 
be der Geisteswissenschaft, und das ist auch die Aufgabe 
der Ausfiihrungen gewesen, die dieser Winterzyklus ge- 
bracht hat. 

So sehen wir, wie in einer gewissen Beziehung diejeni- 
gen richtig fiihlen, die auch als Kiinstler fiihlen, da£ das, 
was sie der Menschheit zu geben haben, Offenbarungen 
sind der geistigen Welt. Und die Kunst hat die Mission, 
in derjenigen Zeit Offenbarungen der geistigen Welt zu 
geben, in der die unmittelbaren Offenbarungen nicht 
mehr moglich waren. So durfte Goethe sagen gegemiber 
den Werken der alten Kiinstler: Da ist Notwendigkeit, 
da ist Gott! Sie bieten Offenbarungen geheimer Naturge- 



setze, die ohne die Kunst nicht gefunden werden kon- 
nen. Und so durfte Richard Wagner sagen: aus den 
Klangen der Neunten Symphonie hore er die Offenba- 
rungen einer andern Welt, gegen welche niemals das 
bloft verniinftige Bewufttsein aufkommen kann. - Die 
grofien Kiinstler fiihlten, dafi sie den Geist, aus dem alles 
Menschliche hervorgegangen ist, von der Vergangenheit 
tragen durch die Gegenwart in die Zukunft. Und so 
diirfen wir auch solchen Worten aus tiefstem Verstande 
zustimmen, die ein sich Kiinstler fiihlender Dichter ge- 
sprochen hat: «Der Menschheit Wiirde ist in eure Hand 
gegeben!» 

Damit versuchten wir, das Wesen und die Mission der 
Kunst im Verlaufe der Menschheitsentwickelung zu 
schildern und zu zeigen, da£ die Kunst nicht so abgeson- 
dert stehe dem Wahrheitssinn der Menschen, wie man 
das heute so leicht glauben konnte, sondern dafi viel- 
mehr Goethe recht hatte, wenn er sagte, er lehne es ab, 
von der Idee der Schonheit und der Wahrheit als von 
gesonderten Ideen zu sprechen; es gibt eine Idee: die des 
wirksamen, gesetzmafiigen Gottlich-Geistigen in der 
Welt, und Wahrheit und Schonheit sind ihm zwei Offen- 
barungen der einen Idee. - Uberall finden wir bei Dich- 
tern und auch bei sonstigen Kunstlern anklingen dieses 
Bewufksein, daft in der Kunst ein geistiger Urgrund des 
Menschendaseins spricht. Dagegen sagen uns aus ihren 
Gefuhlen heraus immer wieder tiefere Kunstlernaturen, 
dafi ihnen durch die Kunst die Moglichkeit gegeben 
worden ist, zu fiihlen, dafi das, was sie aussprechen, 
zugleich eine Botschaft aus dem geistigen Leben an die 
Menschheit selber ist. Und dadurch fiihlen die Kiinstler, 
auch wenn sie PersonHchstes zum Ausdruck bringen, 
ihre Kunst hinaufgehoben zu dem allgemeinen Men- 



schentum, und dafi sie wahre Menschheits-Kiinstler 
sind, wenn sie in den Gestalten und Offenbarungen ihrer 
Kunst verwirklichen das Wort, das Goethe im Chorus 
mysticus erklingen lafit: 

Alles Vergangliche 
1st nur ein Gleichnis! 

Und wir konnen auf Grund der geisteswissenschaftli- 
chen Betrachtungen hinzufiigen: Die Kunst ist berufen, 
das Gleichnis des Verganglichen zu durchtranken mit 
der Botschaft von dem Ewigen, von dem Unvergangli- 
chen. Das ist ihre Mission! 



BIBLIOGRAPHISCHER NACHWEIS 



friiherer Veroffentlichungen und Zusammenstellungen der Vortrage von 
«Metamorphosen des Seelenlebens» «Pfade der Seelenerlebnisse» 



Chronologische Reihenfolge (ab Ausgabe 1984) 
ERSTER TEIL 



I. Die Mission der Geisteswis- 
senschaft einst und jetzt 
II. Die Mission des Zornes 



III. Die Mission der Wahrheit 

IV. Die Mission der Andacht 
V. Der menschliche Charakter 



VI. Die Askese und die Krankheit 
VII. Das Wesen des Egoismus 
VIII. Buddha und Christus 
IX. Einiges iiber den Mond 



14. 10. 1909 

5. 12. 1909 
Miinchen 
(statt21. 10.1909 
Berlin) 
22. 10. 1909 
28. 10. 1909 
14. 3. 1910 
Miinchen 
(statt29. 10. 1909 
Berlin) 
11. 11. 1909 
25. 11. 1909 

2. 12. 1909 

9. 12. 1909 



Friihere Ausgabe 
Pfade 

Metamorphosen 



Metamorphosen 
Metamorphosen 
Metamorphosen 



Pfade 

Metamorphosen 

Pfade 

Pfade 



ZWEITER TEIL 



X. Die Geisteswissenschaft 


20. 


1. 


1910 


(siehe unten*) 


und die Sprache 










XI. Lachen und Weinen 


3. 


2. 


1910 


Pfade 


XII. Was istMystik? 


10. 


2. 


1910 


Pfade 


XIII. Das Wesen des Gebetes 


17. 


2. 


1910 


Pfade 


XIV. Krankheit und Heilung 


3. 


3. 


1910 


(siehe unten :i "" : ") 


XV. Der positive und der 


10. 


3. 


1910 


Pfade 


negative Mensch 










XVI. Irrtum und Irresein 


28. 


4. 


1910 


(siehe unten**) 


XVII. Das menschliche Gewissen 


5. 


5. 


1910 


Metamorphosen 


XVIII. Die Mission der Kunst 


12. 


5. 


1910 


Metamorphosen 



* Vortrag X: «Die Geisteswissenschaft und die Sprache», Dornach 1938 

* Vortrage XIV und XVI: « Krankheit und Entwicklungsgeschehen», 
Schriftenreihe der Medizinischen Sektion am Goetheanum, 4. Heft, 
Dornach 1947 



NACHWEIS FRUHERER AUFLAGEN 
UND HERAUSGEBER 



Vortrage II, III, IV, V, VII, XVII und XVIII 
in «Pfade der Seelenerlebnisse»: 



1. Auflage 

2. Auflage 

3. Auflage 

4. Auflage 

Taschenbuch 

1. Auflage 

2. Auflage 



Dornach 1929 
Dresden 1939 
Dornach o.J. (1940) 
Dornach 1957 
Gesaratausgabe 

Dornach 1976 
Dornach 1984 



Marie Steiner 
Marie Steiner 
Marie Steiner 
Ruth Moering 



Vortrage I, VI, VIII, IX, XI, XII, XIII und XV 





in «Metamorphosen des Seelenlebens»: 


1. Auflage 


Dornach 1928 


Marie Steiner 


2. Auflage 


Dresden 1939 


Marie Steiner 


3. Auflage 


Dornach 1939 


Marie Steiner 


4. Auflage 


Wien o. J. (1950) 


Marie Steiner f 


5. Auflage 


Dornach 1958 


Ruth Moering 




Gesamtausgabe 




6. Auflage 


Dornach 1971 


Hella Wiesberger 




Gesamtausgabe 




Taschenbuch 






1. Auflage 


Dornach 1972 




2. Auflage 


Dornach 1978 




3. Auflage 


Dornach 1983 





Nachweis weiterer Veroffentlichungen 

In der Reihe «Durch den Geist zur Wirklichkeits-Erkenntnis der Men- 
sehenratsel*: Vortrage I und III in Band III, Dornach 1965; Vortrag VIII in 
Band IV, Dornach 1966; Vortrag XVII in Band V, Dornach 1966 

Vortrag X und XI in «Die Ausdrucksfahigkeit des Menschen in Sprache, 
Lachen und Weinen», Dornach 1970, 1979 

Vortrage I, III, IV, V, VII, XVII, XVIII in «Wie erlangt man Erkenntnisse 
der hoheren Welten? Metamorphosen des Seelenlebens», Zurich 1974 



HINWEISE 



Textunterlagen: Die Reihe der dffentlichen Vortrage des Winterhalbjahres 
1909/10 im Berliner Architektenhaus umfafite 18 Vortrage. Sie wurden fur 
die Neuauflage von 1984 wie bisher in zwei Bande gegliedert, jedoch erst- 
mals in ihrer vollstandigen und chronologischen Reihenfolge. Bei der ersten 
Herausgabe von 1928/29, auf der alle bisherigen Neuauflagen beruhten, 
hatte Marie Steiner eine mehr inhaltliche Aufteilung vorgenommen und drei 
der Vortrage - vom 20. Januar, 3. Marz und 28. April 1910 — waren nicht in 
die beiden Bande aufgenommen und an anderer Stelle veroffentlicht worden 
(siehe die vorangehende Ubersicht). 

Der Text beruht auf der stenographischen Mitschrift von Walther Vege- 
lahn, beziehungsweise auf dessen Klartextiibertragung. Seine Originalsteno- 
gramme sind nicht mehr vorhanden. 

Die Titel der einzelnen Vortrage wurden von Rudolf Steiner selbst be- 
stimmt; die Titel der beiden Bande gehen auf Marie Steiner zuriick. 

Da Rudolf Steiner zur Zeit dieser Vortrage noch innerhalb der Theoso- 
phischen Gesellschaft stand, gebrauchte er die Bezeichnungen «Theoso- 
phie» und «theosophisch», verstand sie jedoch von Anfang an immer im 
Sinne seiner anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft (Anthropo- 
sophie). Auf grand einer spateren Angabe Rudolf Steiners wurden sie schon 
durch Marie Steiner an den sachlich in Betracht kommenden Stellen durch 
«Geisteswissenschaft» oder «Anthroposophie» ersetzt. 

Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den 
Hinweisen mit der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Uber- 
sicht am Schlufi des Bandes. 

zu Seite 

9 Die Geisteswissenschaft und die Sprache: Vgl. dazu den Vortrag iiber 
«Sprachwissenschaft», Dornach, 7. April 1921, in «Die befruchtende 
Wirkung der Anthroposophie auf die Fachwissenschaften», GA 
Bibl.-Nr. 76. 

12 Max M tiller, bedeutender Religionsforscher, Orientalist und 
Sprachforscher, in Oxford lehrend. «Die Wissenschaft der Sprache», 
Leipzig 1892. 



19 so wie wir heute in der Tierwelt von Gruppenseelen noch sprechen: 
Vgl. den Vortrag «Die Seele der Tiere im Lichte der Geisteswissen- 
schaft*, Berlin, 23. Januar 1908, in «Die Erkenntnis der Seele und 
des Geistes», GA Bibl.-Nr. 56. 

24 Das Auge ist am Lichte fur das Licht gebildet: Goethe, «Entwurf 
einer Farbenlehre», des ersten Bandes erster, didaktischer Teil. Ein- 
leitung: «Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus 
gleichgiiltigen, tierischen Hilfsorganen ruft sich das Licht ein Organ 
hervor, das seinesgleichen werde, und so bildet sich das Auge am 
Lichte furs Licht, damit das innere Licht dem aufieren entgegen- 
trete.» «Goethes Naturwissenschaftliche Schriften», herausgegeben 
und kommentiert von Rudolf Steiner in Kiirschners «Deutsche Na- 
tional-Litteratur», 1883-97, 5 Bande, Nachdruck Doraach 1975, 
GA Bibl.-Nr. la-e, Band III, S. 88. 

im Schopenhauerischen Sinne: Siehe Arthur Schopenhauer, «Uber 
das Sehen und die Farben», Kap. I: Vom Sehen. In «Schriften zur 
Erkenntnislehre » . 

33 Fritz Mauthner: Eine Neuauflage des erwahnten Werkes «Die Kritik 
derSprache» erschien gerade 1910. 

38 in unserer heutigen Zeit, wo man in bezug auf das lebendige Fiihlen 
der Sprache nicht besonders weit ist: Schon 1898 heifit es in dem 
Aufsatz von R. Steiner «Noch ein Wort iiber die Vortragskunst» : 
«Man halt kiinstlerisches Sprechen heute vielfach fur verfehlten 
Idealismus*. In «Gesammelte Aufsatze zur Dramaturgic 1889- 
1900», GA Bibl.-Nr. 29. 

Versuchen Sie einmal, wirkliche Darstellungen der geisteswissen- 
schaftlichen Materie zu priifen: Vgl. dazu auch Kap. XXXIII in 
«Mein Lebensgang» (1923-25), GA Bibl.-Nr. 28. 

40/41 dafi auch unsere Sprache wieder ein Mitteilungsmittel dessen wer- 
den kann, was die Seele im Ubersinnlichen erschaut: Rudolf Steiner 
hat in spateren Darstellungen immer wieder darauf hingewiesen, wie 
z.B. das 7. Bild seines ersten Mysteriendramas «Die Pforte der Ein- 
weihung* (Vier Mysteriendramen [1910-13], GA Bibl.-Nr. 14) im 
reinsten Sinne dieses Umgiefien des geistigen Erlebnisses in das 
Lautbild zeige. 

41 Unermejilich tief ist der Gedanke . . .: Schiller, «Die Huldigung der 
Kunste». Die Poesie: Mein unermefilich Reich ist der Gedanke, / 
Und mein gefliigelt Werkzeug ist das Wort. 

43 «Die Trdne quillt . . Goethe, «Faust» I, Vers 784. 



57 wird dem deutschen Dichter recht geben: Gemeint sein konnte der 
deutschsprachige Dichter Gottfried Keller (1819-1890). Siehe in der 
Novellensammlung «Sinngedicht» unter dem Kapitel «Die Geister- 
seher»: «Zum Lachen braucht es immer ein wenig Geist; das Tier 
lacht nicht!» - sowie seine Unterscheidung von «Lacheln» und 
«Traurigsein» bei Menschen gegenuber «Grinsen» und «Heulen» bei 
tierischen Wesen in der Verserzahlung «Der Apotheker von Cha- 
mounix». 

61 Jehova einstromen lajit den lebendigen Odem: 1. Mose 2, 7. 

71 Zum Vortrag « Was ist Mystik ?»: Vergleiche hierzu und zu den ange- 
fiihrten Mystikern Rudolf Steiner, «Die Mystik im Aufgange des 
neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhaltnis zur modernen Welt- 
anschauung* (1901), GA Bibl.-Nr. 7. 

82 Gottfried Wilhelm von Leibniz. Siehe z.B. seine «Monadologie», 
eine kurze Abhandlung, die er 1714 (ohne Titel) als Zusammenfas- 
sung seiner Lehre von den Einheiten schrieb. 

Johann Friedrich Herbart, Philosoph und Padagoge. 

100 «Wann du dich iiber dich erhebst . . .»: Angelus Silesius, «Cherubi- 
nischer Wandersmann», 4. Buch, Spruch 56. 

107 Heraklit am Epbesus, vorsokratischer Philosoph. 

Der Seele Grenzen . . .; «Die Fragmente der Vorsokratiker», hrsg. 
von Hermann Diels und Walther Kranz, Herakleitos B 45. 

116 «Werd' ich zum Augenblicke sagen . . ,»: Goethe, «Faust» I, Vers 
1699-1702. 

121 was im Alien Testament . . . erzdhlt wird: 1. Mose 32, 25. 

124 «Das Vaterunser»: Nach einem Vortrag vom 28. Januar 1907, in 
«Ursprangsimpulse der Geisteswissenschaft», GA Bibl.-Nr. 96 
(auch als Einzelausgabe). 

126/127 im Sinne der Rose, die sich scbmuckt . . .: Siehe Friedrich Riickert, 
das Gedicht: Welt und Ich, «Wenn die Rose selbst sich schmuckt, / 
schmiickt sie auch den Garten. » 

127 Miguel de Molinos, spanischer Mystiker; «Guida Spirituale» (1675), 
deutsch von Gottfried Arnold: Geistlicher Fiihrer (1699); Molinos 
wurde wegen dieser Schrift 1686 vom Papst zu lebenslanglicher Haft 
in Rom verurteilt. 



128 Ein mittelalterlicher Denker: Bisher nicht nachgewiesen. 



134 «Ich selbst bin Ewigkeit . . .»: Angelus Silesius, «Cherubinischer 
Wandersmann», 1. Buch, Spruch 8. 

135 « Wie begreift man Krankheit und Tod», Berlin, 13. Dezember 1906, 
in «Die Erkenntnis des Ubersinnlichen in unserer Zeit und deren 
Bedeutung fur das heutige Leben», GA Bibl.-Nr. 55. 

«Der Krankheitswahn im Lichte der Geisteswissenschaft», Berlin, 
13. Februar 1908; «Das Gesundbeitsfieber im Licbte der Geisteswis- 
senschaft», Berlin, 27. Februar 1908; gedruckt sind Miinchener Par- 
allelvortrage (3. und 5. Dezember 1907) erschienen in «Die Erkennt- 
nis der Seele und des Geistes», GA Bibl.-Nr. 56. 

148 Homer . . indent er das Bild der Penelope hinstellte: Siehe «Odys- 
see», 19. Gesang, Vers 137 ff. 

151 in einem Buch des 7. nachcbristliehen Jahrhunderts: Es handelt sich 
urn das Werk des letzten abendlandischen Kirchenvaters Isidor von 
Sevilla, um 560-636, «De natura rerum». Vgl. auch Rudolf Steiners 
Vortrag vom 18. Januar 1912, in «Menschengeschichte im Lichte der 
Geistesforschung», GA Bibl.-Nr. 61. 

Francesco Redi, italienischer Arzt, Naturforscher und Dichter. Siehe 
sein Werk: «Osservazione intorno agli animali viventi che si trovano 
negli animali viventi», 1684. 

159 Mont Pele, Vulkan auf der westindischen Insel Martinique; grofiter 
Ausbruch am 8. Mai 1902. 

169 «Es im der Menscb, so lang' er strebth: Goethe, «Faust» I, Prolog 
im Himmel, Vers 317. 

170 Wann du dich iiber dich erhebst: Angelus Silesius, «Cherubinischer 
Wandersmann», Buch IV, Spruch 56. 

1 84 Peter Rosegger, steirischer Erzahler. 

197 Nur wer mit der Geometric bekannt ist, . . .: Diese Worte iiber dem 
Eingang der platonischen Akademie sind weder von Plato selbst 
noch von seinen griechischen und rdmischen Zeitgenossen iiberlie- 
fert. Sie finden sich erst bei Kommentatoren des Aristoteles im 6. 
Jahrhundert n. Chr., so bei: Elias, Aristotelis Categorias commenta- 
ria, ed. A. Busse (Comm. in Arist, Graeca XVIII, pars 1), (Berlin 
1900) 1 1 8.1 8. Und: Philoponus Joannes, Aristotelis de Anima Libris 
commentaria, ed. M. Hayduck (Comm. in Arist. Graeca XV), (Ber- 
lin 1897) 117.29. 



197 Haeckels «Weltratsel»: «Die Weltratsel. Gemeinverstandliche Stu- 
dien iiber monistische Philosophie» (Bonn 1899). 

199 Definition des Aristoteles iiber das Tragische: Siehe Aristoteles, 
«Uber die Dichtkunst», Kapitel 6. 

201 «DerSeele Grenzen . . .»: Siehe Hinweis zu S. 107. 

209 Dieser Philosoph erzdhlt von sick folgendes Erlebnis: Konnte nicht 
nachgewiesen warden. 

219 So gibt es einen Philosophen, der immer eine Lehre wiederholt hat 
. . . iiber das menschliche Icb: Es wird Johann Gottlieb Fichte ge- 
meint sein, dessen Ich-Philosophie von dem Prinzip ausgeht, dafi 
das wahre Ich als Subjekt und Objekt setzender Grund nie selber 
Objekt werden kann. 

223 Wilbelm Wundt, Philosoph. 

231 Rudolf Steiner, «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der 
Geisteswissenschaft», Einzelausgabe, innerhalb der GA in Bibl.-Nr. 
34 «Luzifer-Gnosis. Gesammelte Aufsatze 1903-1908». 

234 Wenn sie den Stein der Weisen batten . . .: Goethe, «Faust» II, 
1. Akt, Kaiserliche Pfalz, Vers 5063/64. 

235 «Vemunft ist die Rose im Kreuz der Gegenwart!»: G.W.F. Hegel, 
«Grundlinien der Philosophic des Rechts oder Naturrecht und 
Staatswissenschaft im Grundrifi», Vorrede. Don heifit es: 

«Die Vernunft als die Rose im Kreuze der Gegenwart zu erkennen 
und damit dieser sich zu erfreuen, diese vernunftige Einsicht ist die 
Versohnung mit der Wirklichkeit, welche die Philosophic denen ge- 
wahrt, an die einmal die innere Anforderung ergangen ist, zu begrei- 
fen, und in dem, was substantiell ist, ebenso die subjektive Freiheit 
zu erhalten, so wie mit der subjektiven Freiheit nicht in einem Be- 
sondern und Zufalligen, sondern in dem, was an und fur sich ist, zu 
stehen.» 

236 Als ganz junger Menscb horte ich . . . die Vortrdge eines Dozenten 
iiber Liter aturgeschichte: Seines Lehrers und Freundes Karl Julius 
Schroer. Vergl. dazu auch die Bemerkung Rudolf Steiners im Vor- 
trag vom 29. Oktober 1914, Berlin, in «Aus schicksaltragender 
Zeit», GA Bibl.-Nr. 64. 

240 daft das Hochste, was der Mensch erleben kann in seinem Ich, das 
Gewissen sei: Vergleiche hierzu J. G. Fichte: «Die Bestimmung des 
Menschen», 1800, 3. Buch: Glaube. 



241 Bartholomdus Carneri. Vergl. seine Charakterisierung des Gewis- 
sens in der Einleitung zu «Der moderne Mensch. Versuch einer Le- 
bensfuhrung*, Stuttgart 1904. 

242 Paul Ree, «Die Entstehung des Gewissens*, Berlin 1885. 

246 in dem Vortrage «Was ist Mystik?»: Siehe Vortrag XII in diesem 
Band. 

259 Aschylos . . . stellt uns etwas sehr Merkwiirdiges dor: In seiner Trilo- 
gie «Orestie». 

260 Euripides denselben Tatbestand behandelt: In «Elektra» und im 
«Orestes». 

265 der Satz Goethes: Siehe den Hinweis zu Seite 24. 

270 Baruch Spinoza (d'Espinosa): Uber Goethes Verhaltnis zu Spinoza 
vergl. Goethes Ausfiihrungen in «Dichtung und Wahrheh>, III. 
Teil, 14. Buch. 

Johann Heinrich Merck, Schriftsteller. 

271 «So viel ist gewijl . . .»: Siehe «Italienische Reise», Rom, 6. Septem- 
ber 1787. 

272 «Das Schone ist . . .»: Goethe, «Spruche in Prosa». Siehe Hinweis zu 
S. 24, «Goethes Naturwissenschaftliche Schriften», Band V, S. 495. 

Richard Wagner . . . sagt mit Anlebnung an Beethovens Neunte 
Symphonic: Vergl. «Beethoven», 1870 im XI. Bande der samtlichen 
Schriften und Dichtungen Wagners. 

287 Dante . . . in seiner Commedia: «Divina Commedia (Gottliche Ko- 
modie)», 1472. 

« Welch hoher Dank . . .»: Zahme Xenien VIII, datiert vom 23. Juli 
1824. 

291 Friedrich Gottlieb Klopstock: Sein Epos «Messias» wurde 1773 abge- 
schlossen. 

302 «Der Menschheit Wurde . . .»: Friedrich Schiller in dem Gedicht 
«Die Kiinstler*. 

303 «Alles Vergangliche . . .»: Schlufiverse von «Faust» II. 



PERSONENREGISTER 



(Die kursiv gesetzte Zahl gibt jeweils die Seite an, zu der ein Hinweis 

besteht.) 



Angelus Silesius (1624-1677) 72, 

74, 103-105, 133, 170 
Aristoteles (384-322 v. Chr.) 

199, 262 

Aschylos (525-456 v. Chr.) 259, 
260, 261, 263, 264, 269, 283 bis 
288, 299 

Beethoven, Ludwig van (1770 bis 

1827) 272 
Bohme, Jakob (1575-1624) 104 
Bruno, Giordano (1548-1600) 

151 

Carneri, Bartholomaus (1821 bis 

1909) 241 
Christus (siehe auch unter Jesus) 

76, 79, 264-266, 268 

Dante, Alighieri (1265-1321) 
269, 287, 288-294, 296, 297, 
299, 300 

Eckhart, Meister (1260- 1327) 72, 
74, 78, 103, 104, 180,239 

Euripides (urn 480-406 v. Chr.) 
260, 261 

Fichte, Johann Gottlieb (1762 bis 
1814) 240, 241,268 

Goethe, Johann Wolfgang (1749 
bis 1832) 24, 43, 70, 71, 116, 
265, 269, 270, 271, 272, 287, 
296-302, 303 



Haeckel, Ernst (1834-1919) 197 
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 

(1770-1831)235 
Heraklit (535-475 v. Chr.) 107, 

201 

Herbart, Johann Friedrich (1776 

bis 1841) 82, 83 
Homer 148, 269, 271, 274, 275, 

278-281, 283-286, 288, 290, 

291, 299 

Jakob (altes Testament) 121 
Jesus (siehe auch unter Christus) 
264-266 

Klopstock, Friedrich Gottlieb 
(1724-1803) 291 

Leibniz, Gottfried Wilhelm 

(1646-1716) £2, 83 
Lessing, Gotthold Ephraim 

(1729-1781)236 

Mauthner, Fritz (1849-1923) 33 
Meister Eckhart siehe Eckhart, 
Meister 

Merck, Johannes Heinrich (1741 

bis 1791) 270 
Molinos, Michael de (1640-1697) 

127 

MiiUer, Max (1823-1900) 12, 13 

Napoleon III. (Charles Louis Na- 
poleon Bonaparte; 1809-1873) 
209 



Nietzsche, Friedrich (1844-1900) 
242 

Plato (427-347 v.Chr.) 197, 244, 
245, 262, 289 

Redi, Francesco (1626-1698) 1H, 

152, 223 
Ree, Paul (1849-1901) 242, 246 
Rosegger, Peter (1843-1918) 184 

Schopenhauer, Arthur (1788 bis 
1860) 24 

Shakespeare, William (1564 bis 
1616) 261,269, 291-298 

Sokrates (470-399 v.Chr.) 244, 
245, 261, 262 

Sophokles (um 496 bis um 406 
v.Chr.) 260 



Spinoza, Baruch (d'Espinosa; 

1632-1677)270, 271 
Suso, Heinrich (um 1300-1366) 

74 

Tauler, Johannes (um 1300-1361) 
74, 104 

Victor Emanuel IL von Italien 
(1820-1878)210 

Wagner, Richard (1813-1883) 

272, 273, 302 
Weigel, Valentin (1533- 1588) 104 
Wundt, Wilhelm (1832-1920) 

223 

Zarathustra 43, 70 



AUSFUHRLICHE INHALTSANGABEN 



X. Die Geisteswissenschaft und die Sprache 

Berlin, 20. Januar 1910 9 

Vielfaltige Verhaltnisse des Menschen zur Sprache. Wissen- 
schaftliche Theorien zur Sprachentstehung («Bim-bam»- 
und «Wau-wau»-Theorie). Das sich entwickelnde Wesen des 
Menschen in seiner Vier-, Sieben- und Neungliedrigkeit. Die 
Sprache als letztes Ergebnis geistig-seelischer Tatigkeit am 
Menschen, bevor das Ich zu wirken begann. Die Organisa- 
tion der Sprachwerkzeuge: eine Schopfung des Geistes der 
Luft. Das dreifache Wirken des Geistes der Luft im Astral- 
leib, Atherleib, physischem Leib. Das Ergreifen der vorbe- 
reiteten Sprachorganisation durch das Ich. Charakter der 
chinesischen, semitischen, indogermanischen Sprachen. Der 
Sprachgeist als vormenschlicher Kiinstler. Geisteswissen- 
schaft und kunstlerisch wirkender Sprachsinn. 



XL Lachen und Weinen 

Berlin, 3. Februar 1910 42 

Der siebengliedrige Mensch. Die Tatigkeit des Ich: sich in 
Einklang mit der Aufienwelt zu setzen. Die Offenbarung des 
Ich in Erbleichen und Erroten. Ausdehnung des Astralleibes 
beim Lachen; sich befreiendes Erheben des Ich. Zusammen- 
pressen des Astralleibes beim Weinen; inneres Sich-Starken 
des Ich. Unfahigkeit des Kindes in den ersten Lebenstagen 
zu Lachen und Weinen. Unmoglichkeit von Lachen und 
Weinen im Tierreich. Modifikation des Atemprozesses 
durch Lachen und Weinen. Lachen und Weinen als Erzie- 
hungsmittel des Ich. Trauerspiel und Lustspiel. 



XII. Was ist Mystik? 

Berlin, 10. Februar 1910 71 

Mystik als Suchen der Seele nach den Griinden des Daseins 
durch Vertiefung ins eigene Innere. Ausldschen der Aufien- 
welt; inneres Nacherleben des Christusereignisses. Mystik 
als Weg zu einem geistigen Monismus. Geistige Durchdrin- 
gung der Aufienwelt als entgegengesetzter Weg, der zur Mo- 
nadologie fiihrt (Leibniz, Herbart). Die Geisteswissenschaft 
als Weg der Vereinigung von Mystik und Monadologie. Die 
drei Erkenntnisstufen Imagination, Inspiration, Intuition. 
Gefahren der Mystik und ihre Vermeidung. 



XIII. Das Wesen des Gebetes 

Berlin, 17. Februar 1910 103 

Das wahre Gebet als Vorstufe mystischer Versenkung, diese 
als Vorstufe der Geistesforschung. Das Hereinragen von 
Vergangenheit und Zukunft ins Seelenleben. Die zwei ihnen 
entsprechenden Gebetsstimmungen; ihre erwarmende und 
erleuchtende Kraft. Die Kraft des Gebetes und die Ich-Ent- 
wicklung. Das Vaterunser. Die Gefahren des Egoismus im 
Gebet, bei der mystischen Versenkung, bei Meditation und 
Konzentration. Das Gebet und die Kunst. Das Gebet als 
Vorbereitung zur Ewigkeitsstimmung. 



XIV. Krankheit und Heilung 

Berlin, 3. Marz 1910 135 

Wechselwirkungen zwischen dem «aufieren Menschen» 
(physischer und Atherleib) und dem «inneren Menschen» 
(Astralleib und Ich). Der Schlaf und die Entwicklung des 
«inneren Menschen»; Umwandlung von Erlebnissen in Fa- 
higkeiten. Die Ausgestaltung des Urbildes des «aufieren 
Menschen» zwischen Tod und neuer Geburt. Entstehung 
von Krankheiten durch «Grenziiberschreitungen» zwischen 
innerem und aufierem Menschen. Der positive Sinn beider 
Krankheitsausgange: Heilung oder Tod. Dankbarkeit gegen- 



iiber Heilung und Tod. Pflicht, fur Heilung zu sorgen. Not- 
wendigkeit von Krankheit in der Entwicklung zur Gesund- 
heit: der Harmonie zwischen innerem und aufierem Men- 
schen. 



XV. Der positive und der negative Mensch 

Berlin, 10. Marz 1910 171 

Der «positive Mensch» als Charakter, der seine festumris- 
sene Eigenwelt und Eigenziele gegeniiber alien Eindnicken 
von aufien bewahrt. Der «negative Mensch» als ein Charak- 
ter, der sich von alien Aufieneinfliissen stark beeindrucken 
und andern lafit. Die Entwicklung der menschlichen Seelen- 
glieder im Verhaltnis zu «Positivitat» und «Negativitat». Ge- 
fahren beider Seelenstimmungen. Sinn und Unsinn bestimm- 
ter Diat in bezug auf die Entwicklung der Seele. Die Schu- 
lung der selbstbewufiten Urteilskraft als Grundlage der «Po- 
sitivitat». Negativitat und Positivitat in bezug auf Menschen- 
begegnungen; in bezug auf naturwissenschaftliche Denk- 
und Anschauungsweisen; als Grundprinzip menschlicher 
Entwicklung (Aristoteles' Bestimmung der Tragodie). 



XVI. Irrtum und Irresein 

Berlin, 28. April 1910 203 

Das Problem der Grenze von krankhaftem und normalem 
Seelenleben. Der aufiere und der innere Mensch. Die dop- 
pelte Dreiheit von Leibesgliedern und Seelengliedern und 
ihre richtigen Wechselwirkungen als Notwendigkeit fur ein 
gesundes Seelenleben. Storungen des Zusammenwirkens von 
Empfindungsleib und Empfindungsseele (zwanghafte Bil- 
der), von Atherleib und Verstandesseele (Irrtum; Unfahig- 
keit, die Logik der Tatsachen zu erfassen), von physischem 
Leib und Bewufitseinsseele (Irresein, GroEen- und Verfol- 
gungswahn). Ausbildung und Starkung des Seelenlebens im 
Denken, Fiihlen und Wollen als Schutz und Heilmittel gegen 
die Hemmnisse von seiten des aufieren Menschen. 



XVII. Das menschliche Gewissen 



Berlin, 5. Mai 1910 236 

Vorstellungen iiber das Gewissen im Lauf der Geschichte 
(Eckhart, Fichte, Carneri, Ree; Sokrates, Plato). Die allmah- 
liche Entstehung des Gewissensbegriffs. Die sich entfaltende 
Tatigkeit des Ich in den Seelengliedern; die vorangegangene 
Bildung der Leibesglieder von aufien. Entstehung des Gewis- 
sens mit dem Einzug des Ich ins Seeleninnere. Das Gewissen 
als Abglanz des korrigierenden Weltengeistes fur das noch 
schwache Ich. Das Orestdrama bei Aschylos und bei Euripi- 
des. Der Zusammenhang des Christusimpulses mit dem Ge- 
wissen. 



XVIII. Die Mission der Kunst (Homer, Aschylos, Dante, 
Shakespeare, Goethe) 

Berlin, 12. Mai 1910 269 

Goethe und Wagner iiber die Mission der Kunst. Anfange 
der abendlandischen Dichtkunst bei Homer: Hereinwirken 
gottlich-geistiger Machte; Nachklang hellseherischen Urbe- 
wufitseins. Entstehung der kiinstlerischen Phantasie. Entste- 
hung von Gleichnis und Bildhaftigkeit im Osten; von Hym- 
nisch-Gesanglichem im Westen. Zusammenstromen beider 
Elemente im griechischen Drama (Aschylos). Dante: das Er- 
greifen des Ich, das sich selber zur Welt wird. Shakespeare: 
die Welt der Dichtung erweitert in die Vielheit menschlicher 
Iche. Goethe (Faust): die Erweiterung des Allgemein- 
Menschlichen des Ich in die geistige Welt. Die Mission der 
Kunst: die Faden von der Urgeistigkeit zur Zukunftsgeistig- 
keit zu spinnen. 



INHALT 
ERSTER TEIL 



I. Die Mission der Geisteswissenschaft einst und jetzt 
Berlin, 14. Oktober 1909 

II. Die Mission des Zornes («Der gefesselte Prometheus») 
Miinchen, 5. Dez. 1909 (statt Berlin, 21. Okt. 1909) 

III. Die Mission der Wahrheit (Goethes «Pandora» 
in geisteswissenschaftlicher Beleuchtung) 
Berlin, 22. Oktober 1909 

IV. Die Mission der Andacht 
Berlin, 28. Oktober 1909 

V. Der menschliche Charakter 

Miinchen, 14.Marz 1910 (statt Berlin, 29. Oktober 1909) 

VI. Die Askese und die Krankheit 
Berlin, 11. November 1909 

VII. Das Wesen des Egoismus (Goethes «Wilhelm Meister») 
Berlin, 25. November 1909 

VIII. Buddha und Christus 
Berlin, 2. Dezember 1909 

IX. Einiges iiber den Mond 

in geisteswissenschaftlicher Beleuchtung 
Berlin, 9. Dezember 1909